

Gut möglich, dass Johann Wolfgang von Goethe Schuld an allem hat. Schließlich war Goethe nicht nur der erste überhaupt, der einen geschmückten Baum in der deutschsprachigen Literatur auftauchen ließ, sondern er schob ihn in „Die Leiden des jungen Werther“ auch beherzt in die bürgerliche Stube und damit unter Kitsch-Verdacht. Die Wissenschaft jedenfalls ließ lange die Finger vom Christbaumschmuck und beschäftigt sich damit kaum.
Großer Fehler! Denn das, was früher am „aufgeputzten Baum“ hing, um Goethes Worte zu verwenden, kann so manchen globalen Wirtschaftskrieg besser erklären als die dicke Abhandlung im Regal. Ganz zu schweigen von ausgefeilten Handwerkstraditionen, die darin aufscheinen, oder raffinierten Strategien des wirtschaftlichen Überlebens, wenn der Markt mit Billigprodukten überschwemmt wird. Kommt einem bekannt vor? Eben. Und hübsch ist der Christbaumschmuck natürlich auch.
Baumschmuck aus Gablonz
Zum Beispiel der Baumschmuck aus Gablonz, dem das Museum für angewandte Kunst Wien gerade die hinreißende Ausstellung „Fahrrad & Hummer“ widmet. Das Städtchen, das heute Jablonec heißt und sich in Tschechien befindet, lag früher in Böhmen und gehörte damit zur K.-u.-k.-Monarchie. Seit Jahrhunderten existierte hier eine Glasmachertradition, die böhmischen Werkstätten waren Meister darin, kleinste Glasperlen in den unterschiedlichsten Farben, Formen und Mustern herzustellen.
Berchtesgadener Christbaumschmuck
Was den Böhmen ihre jahrhundertealte Glasmachertradition war, das war den Berchtesgadenern seit dem 16. Jahrhundert ihre Holzschnitzkunst. Gerade in den Wintermonaten besserten sich die Bauernfamilien ihr Einkommen mit Holzarbeiten auf, vor allem Kinderspielsachen und Alltagsgegenstände wie Kochlöffel entstanden dabei. Aber auch Musikinstrumente wie das Berchtesgadener „Fleitl“, eine Holzflöte, stellte man her. „Perchtsgadner Waar“, heute „Berchtesgadener War“ entwickelte sich zum Gütesiegel und spülte Geld in die Kassen, wohl nicht übermäßig viel bei den schnitzenden Bauern, dafür deutlich mehr bei den Kaufleuten, die mit der Ware handelten. Die prächtigen Fassaden der stolzen Bürgerhäuser in Markt Berchtesgaden zeugen bis heute davon. Doch die aufkommende Industrialisierung mit ihrer günstigen Massenware machte der aufwendig hergestellten Handarbeit Konkurrenz. Auch hier half ein findiger Kurswechsel. Den schlug der Maler Anton Reinbold ein, und zwar indem er 1913 den ersten Christbaum mit „Berchtesgadener War“ schmückte. Schon zuvor hatte er in seinen Gemälden für die heimische Holzschnitzkunst getrommelt, indem er sie zum Motiv erkor. Jetzt wanderten Miniaturen der Holzarbeiten an die heimische Tanne.
Glaskugeln aus Lauscha
Ähnliche Geschichte, anderer Baumschmuck. Auch die Glasbläser im Thüringer Wald mussten sich ein neues Geschäftsfeld suchen, als im 19. Jahrhundert der Handel für ihre Produkte aus Glas einbrach. Wer genau die Idee mit der gläsernen Christbaumkugel als Erster hatte, ist nicht bekannt. Dafür ist im Auftragsbuch eines Glasbläsers ein Auftrag aus dem Jahr 1848 vermerkt, über „6 Dutzend Weihnachtskugeln in 3 Größen“. Verglichen mit heute war der zerbrechliche Baumschmuck damals klein, mit zweieinhalb bis sechs Zentimetern waren die Größen angegeben.
Dresdner Pappe
„Papierenes Zeitalter“ wird das 19. Jahrhundert auch genannt, denn mit der Erfindung der Papiermaschine um 1900, wurde aus dem Handwerk eine industrielle Fertigung, Papier und Karton damit zum billigen Massenprodukt. Als auch in Deutschland die Anzahl der Papierfabriken stieg, spezialisierte man sich: in Dresden auf Partyzubehör und Knallbonbons. Etwa ab 1870 gehörte zum Segment der Festausstattung auch die sogenannte Dresdner Pappe. Ein leichter Christbaumschmuck aus sehr dünnem Karton, kaschiert, also mit Folie präpariert, wodurch er silbern oder golden glänzt. Dieser wurde fein geprägt, ausgestanzt und dann per Hand montiert. Alte Reklamen zeigen, wie breit das Angebot an den dreidimensionalen Figuren war. Vom Zeppelin bis zu Nashorn und Elefant – die deutsche Kolonie lässt grüßen.
Als „Hochfeine Christbaum-Behänge“ wurde die „Dresdner Pappe“ bis in die USA und nach Russland vermarktet. Doch der Erste Weltkrieg führte zu einem abrupten Ende, und danach passte der papierene Christbaumschmuck offenbar nicht mehr in die Zeit.
Zinnschmuck aus Franken
Sehr leicht, perfekt formbar bis in die feinste Engelsflügelspitze und vor allem erschwinglich: Zinn, das „Silber des kleinen Mannes“, eignete sich hervorragend als Material für den Baumschmuck. Vor allem natürlich auch, weil Zinn im Kerzenschein so schön silbern glänzt und noch dazu unzerbrechlich ist. Rund um Nürnberg spezialisierten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts viele Handwerksbetriebe auf die Kleinzinngießerei. Bis heute werden die filigranen Anhänger in Handarbeit hergestellt, etwa in Dießen am Ammersee von der Wilhelm-Schweizer-Zinnmanufaktur. Neben religiösen Motiven sind besonders auch Szenen aus der Märchenwelt beliebt. Wer bei Zinn nur an Zinnsoldaten denkt, liegt also falsch.