
Fein verflochten
Der Teppich
Klar, ein Wandteppich ist dekorativ. Doch nichts ist schöner, als barfuß über einen festen, samtigen Bodenteppich zu gehen. Historisch gesehen sind gewebte Teppiche – im Unterschied zur Knüpf-Technik der wertvollen Orientteppiche – eine europäische Erfindung, die durch die schrittweise Entwicklung mechanischer Webstühle ab dem späten 18. Jahrhundert beschleunigt wurde. Bis zu 200 Jahre alte Webstühle nutzt die Firma LPJ Studios bei der Teppichherstellung im Chiemgau und Allgäu. Hinter der Marke steht Hedwig Bouley, die lange bei deutschen Modeunternehmen arbeitete und anstelle der Verschwendung hochwertiger Stoffe auf Upcycling setzt. Für ihre Webteppiche werden Samtreste, Schur- oder Schafwolle und Dirndlstoffe wiederverwertet.Die Ursprünge
Weben zählt zu den ältesten Kunsthandwerken der Menschheit. Bis zur Industriellen Revolution waren es fast ausschließlich Frauen, die spannen, webten, Textilien entwarfen. Warum war das so? Die Linguistin und Archäologin Elizabeth Wayland Barber gibt in ihrem Grundlagenwerk „Women’s Work – The First 20 000 Years“ eine scheinbar simple Antwort: Weil diese Tätigkeit „repetitiv, jederzeit leicht wiederaufnehmbar, einigermaßen kindersicher und problemlos zu Hause auszuführen“ sei.Doch die Geschichte der Frauen an den Webrahmen ist vielfältig und blieb bis Wayland Barber weitestgehend unbekannt. Die Autorin, selbst Weberin, erkannte während ihres Archäologiestudiums eine gewisse Parallele: Viele Muster auf antiken Töpfen und Fresken ähnelten auffallend jenen von Webstoffen – als wären sie direkt übertragen worden. Doch ihre Fachkollegen zweifelten daran, dass Menschen in so früher Zeit so komplizierte Muster hätten weben können. Archäologische Belege waren rar, denn anders als Tempel oder Gräber haben Textilien die Jahrtausende selten überdauert.
Um diese Lücke zu schließen, begab sich Wayland Barber selbst auf Spurensuche. Sie durchforstete antike Texte, Mythen, archäologische Funde – und griff dabei auf eine ungewöhnliche Methode zurück: An eigenen Webrahmen rekonstruierte sie historische Stoffe, um die technischen Bedingungen ihrer Herstellung nachzuvollziehen. In „Women’s Work“ (leider nur auf Englisch erhältlich) zeichnet sie so ein lebendiges Bild vom Alltag der Frauen im antiken Ägypten, der mykenischen Welt und in Troja – und zeigt, wie eng das Weben mit der Geschichte der Zivilisation verflochten ist.
Das Bauhaus
In seinem Bauhaus-Gründungsmanifest sprach Walter Gropius von der „absoluten Gleichberechtigung“, tatsächlich starteten 1919 mehr Frauen als Männer im ersten Jahrgang der Kunstschule. Doch Gropius fürchtete um deren Ruf – Frauen wurden bald in die Weberei-Kurse gedrängt, eine angeblich „weibliche“ Tätigkeit, während Architektur oder Malerei Männern vorbehalten blieb. Der Bauhaus-Lehrer Johannes Itten, Begründer der Farbtypenlehre, soll behauptet haben, Frauen seien nicht in der Lage, dreidimensional zu denken.Um das Bauhaus finanziell unabhängiger zu machen, wurde 1922 ein sogenannter Produktivbetrieb eingerichtet. Die Werkstätten mussten auch wirtschaftlich arbeiten, und die Weberei erwies sich als besonders erfolgreich. Doch die Balance zwischen Ausbildung, Kunst und Kommerz blieb schwierig. Der spätere Bauhaus-Direktor Hannes Meyer kritisierte den künstlerischen Ansatz der Weberinnen: Auf den Fußböden lägen „als Teppiche die Komplexe junger Mädchen. Überall erdrosselte die Kunst das Leben.“
Unter seiner Leitung produzierte die Weberei verstärkt Stoffe für die Industrie. Auch Anni Albers, die zuvor mit kunstvoll abstrakten Arbeiten aufgefallen war, wandte sich funktionalen Stoffen zu. Für eine Gewerkschaftsschule webte sie einen Spannstoff, der lichtreflektierend und schallschluckend war. Ihre künstlerische Freiheit fand Albers schließlich im Exil in den USA, sie wurde eine der bekanntesten Bauhäuslerinnen. Das Werk von Otti Berger hingegen blieb lange unbekannt, die Nationalsozialisten ermordeten sie 1944 in Auschwitz. Ein kürzlich veröffentlichtes Buch der Künstlerin Judith Raum würdigt Otti Berger als eine der innovativsten Textildesignerinnen des 20. Jahrhunderts.
Die Künstlerin
Weben und Kunst passen offenbar gut zusammen: Der Maler Ernst Ludwig Kirchner und die Schweizerin Lise Gujer lernten sich 1922 in Davos kennen. Er war nicht nur an Ölgemälden interessiert, sondern träumte von Schweizer Bergwelten in Textil, sie setzte diese Visionen am Webstuhl um. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Expressionisten, sie blieb lange nur als seine handwerkliche Gehilfin in Erinnerung. Bis zum 16. März rückt das Brücke-Museum in Berlin jetzt Gujers Schaffen als Textilkünstlerin in den Vordergrund. Sie brachte sich das Weben autodidaktisch bei – das zeigt sich in den frühen Arbeiten, deren Farben noch fahl erscheinen, die Figuren ungelenk. Doch mit der Zeit entstanden prächtige Wandteppiche mit Hirten, Ziegen und tanzenden Figuren. Diese Entwicklung zeichnet die Ausstellung nach und würdigt ihren eigenen künstlerischen Beitrag: Während Kirchners flüchtige Vorzeichnungen wahrscheinlich Minuten brauchten, arbeitete Gujer Monate oder Jahre an ihren Teppichen.
Die Workshops
Der selbstgemachte „Sophie Scarf“ ist gerade überall, eine schnell gestrickte Handarbeit, dabei entspannend – aber Weben ist mindestens so gut geeignet, um zur Ruhe zu kommen. Die meisten haben vermutlich zuletzt in der Schule Papierstreifen oder Garn verflochten. Wer den Faden wieder aufnehmen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Kursen, ob in Werkstätten oder an der Volkshochschule. Was am Ende dabei herauskommt, hängt vom Können und der Experimentierfreude ab, Tischläufer, Schals, Teppiche oder kleine Wandbilder. In Hamburg etwa wirbt das Atelier Juula mit "After Work Weben", in Berlin geht es bei den Workshops von Studio Jumi auch um die Geschichte der alten Kulturtechnik. Eine Auszeit am Webstuhl ist aber nicht nur etwas für Großstädter, auch historische Museen in Ostfriesland oder im sächsischen Oederan haben mehrtägige Kurse im Programm.



Der Teppich
Klar, ein Wandteppich ist dekorativ. Doch nichts ist schöner, als barfuß über einen festen, samtigen Bodenteppich zu gehen. Historisch gesehen sind gewebte Teppiche – im Unterschied zur Knüpf-Technik der wertvollen Orientteppiche – eine europäische Erfindung, die durch die schrittweise Entwicklung mechanischer Webstühle ab dem späten 18. Jahrhundert beschleunigt wurde. Bis zu 200 Jahre alte Webstühle nutzt die Firma LPJ Studios bei der Teppichherstellung im Chiemgau und Allgäu. Hinter der Marke steht Hedwig Bouley, die lange bei deutschen Modeunternehmen arbeitete und anstelle der Verschwendung hochwertiger Stoffe auf Upcycling setzt. Für ihre Webteppiche werden Samtreste, Schur- oder Schafwolle und Dirndlstoffe wiederverwertet.
Die Ursprünge
Weben zählt zu den ältesten Kunsthandwerken der Menschheit. Bis zur Industriellen Revolution waren es fast ausschließlich Frauen, die spannen, webten, Textilien entwarfen. Warum war das so? Die Linguistin und Archäologin Elizabeth Wayland Barber gibt in ihrem Grundlagenwerk „Women’s Work – The First 20 000 Years“ eine scheinbar simple Antwort: Weil diese Tätigkeit „repetitiv, jederzeit leicht wiederaufnehmbar, einigermaßen kindersicher und problemlos zu Hause auszuführen“ sei.Doch die Geschichte der Frauen an den Webrahmen ist vielfältig und blieb bis Wayland Barber weitestgehend unbekannt. Die Autorin, selbst Weberin, erkannte während ihres Archäologiestudiums eine gewisse Parallele: Viele Muster auf antiken Töpfen und Fresken ähnelten auffallend jenen von Webstoffen – als wären sie direkt übertragen worden. Doch ihre Fachkollegen zweifelten daran, dass Menschen in so früher Zeit so komplizierte Muster hätten weben können. Archäologische Belege waren rar, denn anders als Tempel oder Gräber haben Textilien die Jahrtausende selten überdauert.
Um diese Lücke zu schließen, begab sich Wayland Barber selbst auf Spurensuche. Sie durchforstete antike Texte, Mythen, archäologische Funde – und griff dabei auf eine ungewöhnliche Methode zurück: An eigenen Webrahmen rekonstruierte sie historische Stoffe, um die technischen Bedingungen ihrer Herstellung nachzuvollziehen. In „Women’s Work“ (leider nur auf Englisch erhältlich) zeichnet sie so ein lebendiges Bild vom Alltag der Frauen im antiken Ägypten, der mykenischen Welt und in Troja – und zeigt, wie eng das Weben mit der Geschichte der Zivilisation verflochten ist.

Das Bauhaus
In seinem Bauhaus-Gründungsmanifest sprach Walter Gropius von der „absoluten Gleichberechtigung“, tatsächlich starteten 1919 mehr Frauen als Männer im ersten Jahrgang der Kunstschule. Doch Gropius fürchtete um deren Ruf – Frauen wurden bald in die Weberei-Kurse gedrängt, eine angeblich „weibliche“ Tätigkeit, während Architektur oder Malerei Männern vorbehalten blieb. Der Bauhaus-Lehrer Johannes Itten, Begründer der Farbtypenlehre, soll behauptet haben, Frauen seien nicht in der Lage, dreidimensional zu denken.Um das Bauhaus finanziell unabhängiger zu machen, wurde 1922 ein sogenannter Produktivbetrieb eingerichtet. Die Werkstätten mussten auch wirtschaftlich arbeiten, und die Weberei erwies sich als besonders erfolgreich. Doch die Balance zwischen Ausbildung, Kunst und Kommerz blieb schwierig. Der spätere Bauhaus-Direktor Hannes Meyer kritisierte den künstlerischen Ansatz der Weberinnen: Auf den Fußböden lägen „als Teppiche die Komplexe junger Mädchen. Überall erdrosselte die Kunst das Leben.“
Unter seiner Leitung produzierte die Weberei verstärkt Stoffe für die Industrie. Auch Anni Albers, die zuvor mit kunstvoll abstrakten Arbeiten aufgefallen war, wandte sich funktionalen Stoffen zu. Für eine Gewerkschaftsschule webte sie einen Spannstoff, der lichtreflektierend und schallschluckend war. Ihre künstlerische Freiheit fand Albers schließlich im Exil in den USA, sie wurde eine der bekanntesten Bauhäuslerinnen. Das Werk von Otti Berger hingegen blieb lange unbekannt, die Nationalsozialisten ermordeten sie 1944 in Auschwitz. Ein kürzlich veröffentlichtes Buch der Künstlerin Judith Raum würdigt Otti Berger als eine der innovativsten Textildesignerinnen des 20. Jahrhunderts.

Die Künstlerin
Weben und Kunst passen offenbar gut zusammen: Der Maler Ernst Ludwig Kirchner und die Schweizerin Lise Gujer lernten sich 1922 in Davos kennen. Er war nicht nur an Ölgemälden interessiert, sondern träumte von Schweizer Bergwelten in Textil, sie setzte diese Visionen am Webstuhl um. Er zählt zu den bekanntesten deutschen Expressionisten, sie blieb lange nur als seine handwerkliche Gehilfin in Erinnerung. Bis zum 16. März rückt das Brücke-Museum in Berlin jetzt Gujers Schaffen als Textilkünstlerin in den Vordergrund. Sie brachte sich das Weben autodidaktisch bei – das zeigt sich in den frühen Arbeiten, deren Farben noch fahl erscheinen, die Figuren ungelenk. Doch mit der Zeit entstanden prächtige Wandteppiche mit Hirten, Ziegen und tanzenden Figuren. Diese Entwicklung zeichnet die Ausstellung nach und würdigt ihren eigenen künstlerischen Beitrag: Während Kirchners flüchtige Vorzeichnungen wahrscheinlich Minuten brauchten, arbeitete Gujer Monate oder Jahre an ihren Teppichen.

Die Workshops
Der selbstgemachte „Sophie Scarf“ ist gerade überall, eine schnell gestrickte Handarbeit, dabei entspannend – aber Weben ist mindestens so gut geeignet, um zur Ruhe zu kommen. Die meisten haben vermutlich zuletzt in der Schule Papierstreifen oder Garn verflochten. Wer den Faden wieder aufnehmen möchte, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Kursen, ob in Werkstätten oder an der Volkshochschule. Was am Ende dabei herauskommt, hängt vom Können und der Experimentierfreude ab, Tischläufer, Schals, Teppiche oder kleine Wandbilder. In Hamburg etwa wirbt das Atelier Juula mit "After Work Weben", in Berlin geht es bei den Workshops von Studio Jumi auch um die Geschichte der alten Kulturtechnik. Eine Auszeit am Webstuhl ist aber nicht nur etwas für Großstädter, auch historische Museen in Ostfriesland oder im sächsischen Oederan haben mehrtägige Kurse im Programm.