Architektur

Die echte Traumfabrik

Besuch bei der Zukunft der Industriearchitektur: In einem norwegischen Wald ist eine Möbelfabrik entstanden, die nicht nur gut aussieht sondern auch effektiv ist.

Architektur

Die echte Traumfabrik

Besuch bei der Zukunft der Industriearchitektur: In einem norwegischen Wald ist eine Möbelfabrik entstanden, die nicht nur gut aussieht sondern auch effektiv ist.

Von Laura Weißmüller
18. Juni 2022 - 8 Min. Lesezeit

Und dann gibt es da den Moment, in dem man auf den Farben des Regenbogens spaziert – der Boden in dieser Fabrik leuchtet in Rot, Pink und Mintgrün, in Blau, Gelb und Orange – und sich fragt: Ist das hier wirklich die Zukunft – oder vielleicht doch eher nur die eines so reichen Landes wie Norwegen? Schließlich steht man hier in einer Fabrikhalle, deren Architektur so atemberaubend ist als wäre sie für ein Museum gebaut worden.

Mit einer leicht gekurvten lichten Holzdachkonstruktion.

Einer sanft ansteigenden Holztreppe, die an einer derart hohen Glaswand entlang führen, dass sie fast eine komplette Gebäudeseite einnimmt.

Und einer schwarz schillernden laufstegschönen Fassade, die nach der japanischen Yakisuki-Methode aus angekohlten Holzstämmen besteht.

Nicht zu vergessen der gelben Wendeltreppe im Zentrum des Gebäudes, die bis zum Dach führt, und der Rutsche aus schwarzem Stahl, die von dort wieder rasant nach unten kurvt. Und das soll eine Fabrik sein?

Mit einer leicht gekurvten lichten Holzdachkonstruktion.

Einer sanft ansteigenden Holztreppe, die an einer derart hohen Glaswand entlang führen, dass sie fast eine komplette Gebäudeseite einnimmt.

Und einer schwarz schillernden laufstegschönen Fassade, die nach der japanischen Yakisuki-Methode aus angekohlten Holzstämmen besteht.

Nicht zu vergessen der gelben Wendeltreppe im Zentrum des Gebäudes, die bis zum Dach führt, und der Rutsche aus schwarzem Stahl, die von dort wieder rasant nach unten kurvt. Und das soll eine Fabrik sein?

„Es klingt vielleicht kitschig, aber das hier ist wirklich weit gedacht“, sagt Viktoria Millentrup. Die deutsche Architektin hat für das dänische Architekturbüro Bjarke Ingels Group das Projekt knapp zwei Stunden von Oslo entfernt betreut. Von ihr stammt auch die Form, mit der sich diese Möbelfabrik in alle Himmelsrichtungen wie ein Kreuz in den Wald hineinstreckt. Just dieses symbolhafte Zeichen war es, das einen den Entwurf augenblicklich in das BIG-Universum verorten ließ, als die Einladung in die Redaktion flatterte, „die umweltfreundlichste Fabrik der Welt“ zu besichtigen. Denn der Name des in Versalien geschriebenen Architekturbüros ist Programm. Groß ist vor allem das Vorstellungsvermögen von BIG, wenn es darum geht, Gebäude anders zu denken. Eine Wohnanlage kann hier aussehen wie eine liegende Acht, eine Museum wie eine in sich gedrehte Brücke und ein Stadtbad wie ein Piratenschiff. Das liegt vor allem an dem Gründer des Büros, dem Dänen Bjarke Ingels, der zu Beginn seiner Karriere schon mal mit dem Skateboard zum Pressetermin kam und dessen Wunsch, Spaß zu haben, in der Architekturwelt bekannt ist. „Die Produktion hat die Form definiert“, sagt Millentrup indes pragmatisch.

Ihre Beine stecken in schweren Stiefeln, sie mag sich an den Dresscode der Architektenschaft halten – die 32-Jährige ist komplett in schwarz gekleidet –, von einer allzu großen Ego-Show, wie es gerade manch männlicher Kollege ihres Faches drauf hat, um nicht zu sagen ihr Chef, hält sie wenig. Jeder Arm des Kreuzes ist in dem Gebäude einem anderen Produktionsablauf gewidmet. Von der hellen Holztreppe aus blickt Millentrup jetzt in die Halle, wo die Anlieferung stattfindet.

Dort stapeln sich in schwarzen Industrieregalen die Stahl- und Holzteile, aus denen im Verlauf die farbenfrohen Outdoor-Möbel hergestellt werden, für die die norwegische Firma Vestre bekannt ist und die es bis auf den New Yorker Times Square geschafft haben.

Es sind schlichte schlanke Möbel, die mit dem Versprechen einhergehen, ein Leben lang zu halten und falls sie doch mal kaputt gehen, von Vestre selbst repariert zu werden. Nicht viele Firmen geben ein derartige Prognose über die Langlebigkeit ihrer Produkte ab. Die Möbelindustrie feiert sich zwar seit Jahren gerne als grün, wirkliche Vorreiter aber kann man immer noch mit den Fingern abzählen. Und dass zu wirklich nachhaltigem Design nicht nur das Möbelstück gehört, sondern auch seine Art der Herstellung, die Herkunft seiner Materialien und ja auch die Arbeitsbedingungen für die Angestellten, das liest man eher selten in den instagramtauglichen PR-Texten der Firmen.

Bei BIG sei die Begeisterung, eine Fabrik mitten in einem norwegischen Wald zu errichten, erst einmal zurückhaltend gewesen, erzählt Millentrup. Offenbar erschien der Auftrag der Möbelfirma eher unglamourös im Vergleich zu den spektakulären Museen, wolkenkratzenden Türmen und ganzen Städten auf dem Wasser, die man hier sonst so entwirft. So kam die junge Architektin zum Zug, die aus persönlichen Gründen etwas mit dem Auftrag anfangen konnte: Ihr Vater habe 30 Jahre in einer Fabrik gearbeitet, ohne Fenster und ohne Zutritt für jemanden, der keine Berechtigungskarte besaß. „Das hier ist etwas anderes!“ sagt Viktoria Millentrup über ihr erstes Großprojekt, das sie betreut hat.

Dass auch die Welt etwas anderes braucht, als fensterlose abgeschirmte und vor allem viel zu viel Energie und Ressourcen verschlingende Industriekomplexe, das zeigt jeden Tag aufs Neue der Blick in die Nachrichten: Die Polkappen schmelzen, die Hitzerekorde jagen sich und Fridays for Future bekommt fortlaufend neue Gründe, um auf die Straße zu gehen. Der Gebäudesektor ist dabei ein besonders großer, weil er weltweit für 40 Prozent der energiebezogenen CO2 -Emissionen verantwortlich ist. Genau deshalb haben sich im Jahr 2019 auch Architects For Future gegründet, um sich in der Architektur für die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens und die Begrenzung der Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad einzusetzen.

In diesem Sinne ist die Möbelfabrik tatsächlich vorbildlich: „The Plus“, wie sie sich nennt, hat einen halb so großen Ausstoß an Treibhausgasen als eine vergleichbare herkömmliche Fabrik. Während um andere Industriehallen gerne großflächig betoniert wird, wachsen hier die Kiefern erstaunlich nah an das Gebäude heran.

In diesem Sinne ist die Möbelfabrik tatsächlich vorbildlich: „The Plus“, wie sie sich nennt, hat einen halb so großen Ausstoß an Treibhausgasen als eine vergleichbare herkömmliche Fabrik. Während um andere Industriehallen gerne großflächig betoniert wird, wachsen hier die Kiefern erstaunlich nah an das Gebäude heran.

„Die Menschen sollten nichts von ihrem Wald verlieren, “ sagt Marianne Preus Jacobsen, die Tochter der Firmengründerin Elisabeth Preus Vestre. Vestre ist bis heute ein Familienbetrieb – auch wenn der ehemalige CEO seit vergangenen Jahr einen anderen Job hat: Der 35-jährige Jan Christian Vestre ist nun Wirtschaftsminister von Norwegen. Das Dach der Fabrik ist begrünt (und öffentlich begehbar, auch deswegen die Rutsche), der Strom stammt fast komplett aus erneuerbarer Energiequellen, das Wasser wird wieder aufbereitet. Klingt fast als sei der Bau der Fabrik CO2-neutral gewesen. Nein, stellt die eigens engagierte Ökoberaterin klar, das ginge bei einem Bauprojekt dieser Größe gar nicht. Man könne das Material nur so sinnvoll wie möglich einsetzen. Hat offensichtlich geklappt: Die Fabrik dürfte Nordeuropas erstes Industriegebäude werden, das die höchste Umweltzertifizierung überhaupt erreicht.

Bei BIG waren nicht alle erfreut, dass die Fabrik unbedingt dieses Zertifikat erhalten sollte, weil das den Bauprozess schwieriger machen könnte. Millentrup findet das nicht. „In gewisser Weise hat es den Prozess sogar einfacher gemacht, weil wir bestimmte Pfade nicht gehen durften.“ Nicht das billigere Material nehmen zum Beispiel, und auch nicht die einfachere Konstruktion. Wie überzeugt die Auftraggeber von ihrem Ziel waren, zeigt die Tatsache, dass sie, als die Kosten stiegen, lieber die Fabrik in ihrer Größe reduzierten, um nicht an ihrem ökologischen Anspruch sparen zu müssen.

„Bei diesem Projekt gab es wirklich keine schmerzhaften Kürzungen im Umweltprogramm“, sagt auch Krister Moen von Innovation Norway. Die staatliche Organisation hat den privaten Bau mit fünf Millionen Euro unterstützt. Der so reiche Öl-Staat ist auf der Suche nach neuen Einnahmequellen, wenn das Öl mal versiegt. Innovative Holzarchitektur soll in dem waldreichen Land dazugehören. Wie diese die Gesundheit am Arbeitsplatz fördern könnte, lässt Norwegen gerade untersuchen. Tatsächlich wirken die Stunden in dieser Fabrik erholsam, fast schon beglückend. Kein Blick, der nicht irgendwann mal im Wald endet. Es riecht nach Holz, natürliches Licht kommt von allen Seiten. „Wir wollen zeigen, dass es sowas möglich ist,“ so Moen.

War herausragende Industriearchitektur Anfang des 20. Jahrhunderts ein Spielfeld der besten Architekten der Welt – man denke nur an die AEG-Turbinenhalle in Berlin von Peter Behrens – diktiert der Markt heute das Aussehen der meisten Fabriken. Größe und Produktivität sind da in der Regel die einzig entscheidenden Parameter. Als würden keine Menschen in solchen Mammutkisten arbeiten und auch kein Boden versiegelt werden.

Ausnahmen sind selten wie etwa die lichte Swarovski Manufaktur bei Innsbruck von Snøhetta.

Oder die vorbildliche Zimmerei Kaufmann im Bregenzerwald.

Ausnahmen sind selten wie etwa die lichte Swarovski Manufaktur bei Innsbruck von Snøhetta.

Oder die vorbildliche Zimmerei Kaufmann im Bregenzerwald.

The Plus führt das nun fort, auch um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden. Die Architektur zeigt damit, dass Nachhaltigkeit heute nicht nur sein muss, weil die Erde brennt, sondern dass sie dabei auch wunderschön aussehen kann. Dass sie gute Arbeitsbedingungen liefert und ja auch, dass sie Spaß machen darf.

So brutal die Schlagzeilen durch die Klimakatastrophe sind, vermutlich wird es nur so gehen, die Menschen zu überzeugen mitzumachen: Weil sie verstehen, dass sie bei diesem gewaltigen Umbauprozess auch profitieren können. Und wenn es bedeutet, dass man auf einer Müllverbrennungsanlage jetzt Skifahren kann, wie BIG das in Kopenhagen vorgemacht hat.

Aber wer kann sich solche Vorzeigeprojekte leisten? The Plus hat knapp 30 Millionen Euro gekostet. Es stimme schon, sagt Magnus Holm Andersen, Produktmanager bei Woodcon, dem Unternehmen, das für die Holzkonstruktion verantwortlich war und das in Norwegen gerade viele Gebäude aus Holz errichtet, „wenn man mit Holz baut, kostet es etwa fünf bis sechs Prozent mehr“. Aber teurer sei es trotzdem nicht, zumindest nicht „wenn man länger draufguckt“. Die Gebäude seien nämlich später günstiger in der Nutzung. Und die so rasant steigenden Holzpreise, von denen man überall liest? Gebe es, so Andersen, aber: „Der Stahl stieg im gleichen Zeitraum im Preis noch viel mehr, außerdem gibt es den kaum noch.“ Genauso wenig wie den Sand für Beton, möchte man hinzufügen.

Zur ersten Bauherrenbesprechung in Kopenhagen brachte die Familie Vestre übrigens einen Gedichtband von Hans Børli mit, der Dichter lebte unweit des jetzigen Standortes der Fabrik in Magnor. Seine Worte sollten die Architekten auf ihre Aufgabe einstimmen. Genauso wie eine Fotografie von der alten Vestre-Fabrik, die bis heute in Betrieb ist und klar macht, dass dem Unternehmen von Anfang an die Arbeitsbedingungen ihrer Angestellten wichtig waren: Das Foto zeigte Arbeiter, die an Maschinen werkelten. Sie gingen ihrer Tätigkeit vor eine riesengroße Glasfassade nach, die den Blick auf lauter Bäume freigab: „Zu dem Bild sind wir immer wieder zurückgekehrt“, so Millentrup.

Und die Farben des Regenbogens? „Die Fabrik steht mitten im Wald, das Gebäude ist punktsymmetrisch: Um zu verstehen, wo man sich gerade befindet, braucht es die Farben.“ Hat ja keiner gesagt, dass dies dann nicht auch wunderschön sein darf, was hier so nach Zukunft aussieht.

Team
Text Laura Weißmüller
Bildredaktion Natalie Neomi Isser
Digitales Storytelling Natalie Neomi Isser