Aus dem Häuschen

Schnecken sind vor allem schleimig und ein Albtraum für Gärtner? Stimmt nicht! Eine Ehrenrettung.

27. Juni 2025 | Lesezeit: 4 Min.

Gezeichnet

Was für ein wunderbarer Rückzugsort, so ein buntes, zartes, mit feinen Linien kunstvoll gemustertes Schneckenhaus. Hinter seiner Entstehung steckt ein entwicklungsbiologisch hochkomplexer Vorgang, der Torsion genannt wird, also Drehung. Das Gehäuse selbst besteht aus Kalk und ist über zwei Muskeln mit dem Körper verbunden. Durch die Möglichkeit, sich zu verbergen, ist die Schnecke optimal vor Verletzungen und der Gefahr durch Fressfeinde geschützt. Doch das Schneckenhaus kann weit mehr: Als Schneckenhorn gilt es als eines der ältesten Blasinstrumente der Welt, das etwa für religiöse Rituale genutzt wurde oder als Signal für Fischer. In Indien gehört es zur Gottheit Vishnu als eines seiner vier Attribute. Auch in der westlichen Kultur steht die Schnecke für mehr als Gemächlichkeit, sie ist ein christliches Oster-Symbol für Auferstehung und neues Leben: Schließlich kommt das Tier nach dem Winter in der ersten Frühlingssonne lebendig aus dem wie tot wirkenden Schneckenhaus. Als Detail kann man Schnecken daher auch auf Mariendarstellungen oder in Kirchen finden. Das spätgotische Grabmal des Heiligen Sebaldus in Nürnberg etwa ruht auf zwölf Schnecken aus Bronze.

Gefräßig

Auch wenn es der Gärtner nicht hören mag: Schnecken leben am liebsten in der Nähe von Menschen. Das wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, die untersuchten, wie sich wilde Tiere im urbanen Raum zurechtfinden. Alle fanden das Stadtleben mäßig – bis auf die Schnecken. Selbst wenn sie bei wochenlanger Hitze scheinbar verschwinden: Die Tiere verstecken sich am liebsten unter Holz, Blättern und Steinen, kommen bei Regen wieder ans Licht und fressen, was nur geht. Den Großteil der Schäden verursacht dieses Trio infernale: die Spanische Wegschnecke, die Gartenwegschnecke und die Genetzte Ackerschnecke. Fressfeinde haben die Nacktschnecken aufgrund ihres bitteren Schleims kaum. Um den liebevoll herangezogenen Salat doch essen zu können, gibt es Methoden wie: einsammeln und einfrieren, vergiften (biologisches Schneckenkorn!), ertränken (Achtung, manche Nacktschnecken können schwimmen!), verbrühen, zerschneiden (Kadaver wegbringen, der zieht Verstärkung an). Ist alles nur schwer auszuhalten, daher schwören Tierfreunde auf hohe Schneckenzäune, Pflanzen wie Zitronenmelisse und Kapuzinerkresse, um die sie meist einen großen Bogen machen, oder Schutzringe um Gemüsebeete aus Säge- oder Steinmehl. Das Absammeln gelingt am besten, wenn man nachts Bretter im Garten auslegt, unter denen sich die Schnecken dann verstecken. Ein Hoch auf den Tigerschnegel: Diese Schneckenart frisst nur welke Pflanzen – und Nacktschnecken.

Geschickt

Schätzungen zufolge geht man von mehr als 100 000 verschiedenen Schneckenarten weltweit aus, in Deutschland sollen es etwa 260 sein. Die Tiere aus dem Stamm der Weichtiere (Mollusca) können an Land und im Wasser leben, die Größte ist mit bis zu 90 Zentimetern die Große Rüsselschnecke. Nur fünf Millimeter groß, dafür aber 99 Millionen Jahre alt: 2018 wurde im Norden von Myanmar Kopf, Fuß und Fühler einer Schnecke mit ihrem Gehäuse in einem Bernstein gefunden – der bislang wohl älteste Fund einer Schnecke samt Weichgewebe. Egal, wie groß: Schnecken sind sehr stark. Sie können ein Vielfaches ihres Körpergewichts heben, kopfüber an der Decke hängen, die Wände hochklettern. Dabei ist der Kriechgang einer der energieaufwendigsten Fortbewegungsarten im Tierreich, ein Großteil aller heimischen Landschnecken benutzt dafür einen breiten Fuß, der sich wellenförmig zusammenzieht auf einem eigens produzierten Schleimteppich. Mit dem Fuß können sie auch graben, manche Wasserschnecken schwimmen damit oder saugen sich an einem Stein fest. Gefressen wird mit einer Raspelzunge, die man sogar spüren kann, wenn man eine Schnecke vorsichtig über die Hand kriechen lässt. Hören oder sehen können sie nicht, mit Ausnahme der Landlungenschnecken, die zwischen hell und dunkel unterscheiden. Dass es etwas zu fressen gibt, bekommen allerdings alle aus mehreren Metern Entfernung mit. Aufgrund ihres überschaubaren Aktionsradius besitzen Schnecken gleichermaßen weibliche und männliche Fortpflanzungsorgane, sie können sich also mit jedem paaren, der gerade in der Nähe ist. Einige Wurmschneckenarten vermehren sich mithilfe des Wasserstroms. Beeindruckend ist das schon mal mehrere Stunden andauernde Liebesspiel unter Weinbergschnecken, bei dem eine der beiden den sogenannten Liebespfeil in die andere Schnecke stößt.

Genüsslich

Bereits in der Antike galten essbare Landschnecken als Delikatesse, im Mittelalter ersetzte man so das Fleisch zur Fastenzeit. Während Schnecken in Deutschland heute selten auf den Tisch kommen (Ausnahme: Badische Schneckensuppe), werden in Frankreich laut einer Umfrage der Nationalversammlung aus dem Jahr 2013 bis zu 30 000 Tonnen Schnecken (Lebendgewicht) pro Jahr verspeist. Die Weinbergschnecke, auch Schwäbische Auster genannt, steht unter Artenschutz, die Tiere dürfen nur noch auf Schneckenfarmen für den Verzehr gezüchtet werden. Fans überzeugt nicht nur der Geschmack, sondern der hohe Anteil an Omega-3-Fettsäuren und Proteinen. In Japan werden Abalonen (Seeschnecken) gegessen, in der Karibik und Teilen der USA „Conchs“ (Fechterschnecken), „Lapas“ (Napfschnecken) gibt es auf den Azoren und auf Madeira. Viel zu exotisch? Schwedische Zimtschnecken aus Hefeteig lassen sich ganz einfach selbst backen.

Gekurvt

Schneckenhäuser gibt es in der historischen und modernen Architektur jede Menge, im übertragenen Sinne. Die Spirale kommt etwa in Form von Treppenverläufen vor oder als Volute. Damit ist das gewundene Ornament gemeint, die sich an Häusergiebeln oder Fassaden wiederfindet oder als Verzierung an Säulenkapitellen. Auch Le Corbusier war begeistert von organischen Formen: Bei seinen Strandspaziergängen sammelte er unermüdlich Schnecken, Muscheln und Krebspanzer (davon erzählt das Buch „Der Architekt am Strand“). Ein außergewöhnliches Beispiel für die Schnecke als Stilmittel ist die „Scala Contarini del Bovolo“ im Palazzo Contarini in Venedig. Versteckt in einer engen Gasse im Viertel San Marco zieht sich eine Wendeltreppe aus Istrischem Stein 26 Meter in eleganten Kurven hinauf zu einer Loggia, von der man über die Stadt sehen kann (Besuch täglich von 10 bis 18 Uhr).

Aus dem Häuschen

Schnecken sind vor allem schleimig und ein Albtraum für Gärtner? Stimmt nicht! Eine Ehrenrettung.

Gezeichnet

Was für ein wunderbarer Rückzugsort, so ein buntes, zartes, mit feinen Linien kunstvoll gemustertes Schneckenhaus. Hinter seiner Entstehung steckt ein entwicklungsbiologisch hochkomplexer Vorgang, der Torsion genannt wird, also Drehung. Das Gehäuse selbst besteht aus Kalk und ist über zwei Muskeln mit dem Körper verbunden. Durch die Möglichkeit, sich zu verbergen, ist die Schnecke optimal vor Verletzungen und der Gefahr durch Fressfeinde geschützt. Doch das Schneckenhaus kann weit mehr: Als Schneckenhorn gilt es als eines der ältesten Blasinstrumente der Welt, das etwa für religiöse Rituale genutzt wurde oder als Signal für Fischer. In Indien gehört es zur Gottheit Vishnu als eines seiner vier Attribute. Auch in der westlichen Kultur steht die Schnecke für mehr als Gemächlichkeit, sie ist ein christliches Oster-Symbol für Auferstehung und neues Leben: Schließlich kommt das Tier nach dem Winter in der ersten Frühlingssonne lebendig aus dem wie tot wirkenden Schneckenhaus. Als Detail kann man Schnecken daher auch auf Mariendarstellungen oder in Kirchen finden. Das spätgotische Grabmal des Heiligen Sebaldus in Nürnberg etwa ruht auf zwölf Schnecken aus Bronze.

Gefräßig

Auch wenn es der Gärtner nicht hören mag: Schnecken leben am liebsten in der Nähe von Menschen. Das wollen Wissenschaftler herausgefunden haben, die untersuchten, wie sich wilde Tiere im urbanen Raum zurechtfinden. Alle fanden das Stadtleben mäßig – bis auf die Schnecken. Selbst wenn sie bei wochenlanger Hitze scheinbar verschwinden: Die Tiere verstecken sich am liebsten unter Holz, Blättern und Steinen, kommen bei Regen wieder ans Licht und fressen, was nur geht. Den Großteil der Schäden verursacht dieses Trio infernale: die Spanische Wegschnecke, die Gartenwegschnecke und die Genetzte Ackerschnecke. Fressfeinde haben die Nacktschnecken aufgrund ihres bitteren Schleims kaum. Um den liebevoll herangezogenen Salat doch essen zu können, gibt es Methoden wie: einsammeln und einfrieren, vergiften (biologisches Schneckenkorn!), ertränken (Achtung, manche Nacktschnecken können schwimmen!), verbrühen, zerschneiden (Kadaver wegbringen, der zieht Verstärkung an). Ist alles nur schwer auszuhalten, daher schwören Tierfreunde auf hohe Schneckenzäune, Pflanzen wie Zitronenmelisse und Kapuzinerkresse, um die sie meist einen großen Bogen machen, oder Schutzringe um Gemüsebeete aus Säge- oder Steinmehl. Das Absammeln gelingt am besten, wenn man nachts Bretter im Garten auslegt, unter denen sich die Schnecken dann verstecken. Ein Hoch auf den Tigerschnegel: Diese Schneckenart frisst nur welke Pflanzen – und Nacktschnecken.

Geschickt

Schätzungen zufolge geht man von mehr als 100 000 verschiedenen Schneckenarten weltweit aus, in Deutschland sollen es etwa 260 sein. Die Tiere aus dem Stamm der Weichtiere (Mollusca) können an Land und im Wasser leben, die Größte ist mit bis zu 90 Zentimetern die Große Rüsselschnecke. Nur fünf Millimeter groß, dafür aber 99 Millionen Jahre alt: 2018 wurde im Norden von Myanmar Kopf, Fuß und Fühler einer Schnecke mit ihrem Gehäuse in einem Bernstein gefunden – der bislang wohl älteste Fund einer Schnecke samt Weichgewebe. Egal, wie groß: Schnecken sind sehr stark. Sie können ein Vielfaches ihres Körpergewichts heben, kopfüber an der Decke hängen, die Wände hochklettern. Dabei ist der Kriechgang einer der energieaufwendigsten Fortbewegungsarten im Tierreich, ein Großteil aller heimischen Landschnecken benutzt dafür einen breiten Fuß, der sich wellenförmig zusammenzieht auf einem eigens produzierten Schleimteppich. Mit dem Fuß können sie auch graben, manche Wasserschnecken schwimmen damit oder saugen sich an einem Stein fest. Gefressen wird mit einer Raspelzunge, die man sogar spüren kann, wenn man eine Schnecke vorsichtig über die Hand kriechen lässt. Hören oder sehen können sie nicht, mit Ausnahme der Landlungenschnecken, die zwischen hell und dunkel unterscheiden. Dass es etwas zu fressen gibt, bekommen allerdings alle aus mehreren Metern Entfernung mit. Aufgrund ihres überschaubaren Aktionsradius besitzen Schnecken gleichermaßen weibliche und männliche Fortpflanzungsorgane, sie können sich also mit jedem paaren, der gerade in der Nähe ist. Einige Wurmschneckenarten vermehren sich mithilfe des Wasserstroms. Beeindruckend ist das schon mal mehrere Stunden andauernde Liebesspiel unter Weinbergschnecken, bei dem eine der beiden den sogenannten Liebespfeil in die andere Schnecke stößt.

Genüsslich

Bereits in der Antike galten essbare Landschnecken als Delikatesse, im Mittelalter ersetzte man so das Fleisch zur Fastenzeit. Während Schnecken in Deutschland heute selten auf den Tisch kommen (Ausnahme: Badische Schneckensuppe), werden in Frankreich laut einer Umfrage der Nationalversammlung aus dem Jahr 2013 bis zu 30 000 Tonnen Schnecken (Lebendgewicht) pro Jahr verspeist. Die Weinbergschnecke, auch Schwäbische Auster genannt, steht unter Artenschutz, die Tiere dürfen nur noch auf Schneckenfarmen für den Verzehr gezüchtet werden. Fans überzeugt nicht nur der Geschmack, sondern der hohe Anteil an Omega-3-Fettsäuren und Proteinen. In Japan werden Abalonen (Seeschnecken) gegessen, in der Karibik und Teilen der USA „Conchs“ (Fechterschnecken), „Lapas“ (Napfschnecken) gibt es auf den Azoren und auf Madeira. Viel zu exotisch? Schwedische Zimtschnecken aus Hefeteig lassen sich ganz einfach selbst backen.

Gekurvt

Schneckenhäuser gibt es in der historischen und modernen Architektur jede Menge, im übertragenen Sinne. Die Spirale kommt etwa in Form von Treppenverläufen vor oder als Volute. Damit ist das gewundene Ornament gemeint, die sich an Häusergiebeln oder Fassaden wiederfindet oder als Verzierung an Säulenkapitellen. Auch Le Corbusier war begeistert von organischen Formen: Bei seinen Strandspaziergängen sammelte er unermüdlich Schnecken, Muscheln und Krebspanzer (davon erzählt das Buch „Der Architekt am Strand“). Ein außergewöhnliches Beispiel für die Schnecke als Stilmittel ist die „Scala Contarini del Bovolo“ im Palazzo Contarini in Venedig. Versteckt in einer engen Gasse im Viertel San Marco zieht sich eine Wendeltreppe aus Istrischem Stein 26 Meter in eleganten Kurven hinauf zu einer Loggia, von der man über die Stadt sehen kann (Besuch täglich von 10 bis 18 Uhr).

Text: Julia Rothhaas; Redaktion: Anne Goebel; Bildredaktion: Claudia Eggl; Fotocredits: Hintergrund: Alamy Stock PhotosLeighSmithImagesmauritius images; (1) Alamy Stock PhotosKosobumauritius images; (2) nature picture libraryIngo Arndtmauritius images; (3) imageBROKEROleksandr Latkunmauritius images; (4) IMAGOCavan Images; Digitales Storytelling: Birgit Kruse

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