Vor 100 Jahren wurde das RAL-Institut gegründet. Es überwacht Standards für Produkte und Dienstleistungen. Klingt langweilig? Nur auf den ersten Blick. Denn ohne den Verein gäbe es kein Postgelb, Feuerwehrrot und auch kein Taxibeige.

Bunte Republik Deutschland

Vor 100 Jahren wurde das RAL-Institut gegründet. Es überwacht Standards für Produkte und Dienstleistungen. Klingt langweilig? Nur auf den ersten Blick. Denn ohne den Verein gäbe es kein Postgelb, Feuerwehrrot und auch kein Taxibeige.

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2. Oktober 2025 | Lesezeit: 5 Min.

Wurzeln

Der Name und das Wirkungsfeld klingen ein wenig nach Loriot: Deutsches Institut für Gütesicherung und Kennzeichnung. Ein gemeinnütziger Verein in der alten Bundeshauptstadt Bonn, der überwacht, dass Produkte mit deutscher Gründlichkeit hergestellt werden. Dröge? Keinesfalls! Eher ein interessantes Stück Industriegeschichte. 1925 gründete sich der Verein als „Reichsausschuss für Lieferbedingungen“, kurz RAL. Erst 1980 benannte er sich um, die Abkürzung aber blieb, und auch das Ansinnen, das Leben und den Konsum in Deutschland verlässlicher zu machen. Der Impuls zur Gründung kam aus den USA. Dort hatte Henry Ford früh mit seinem Fließband gezeigt, wie sich die Produktion rationalisieren lässt. Einer Abordnung deutscher Unternehmer wurde bei einer US-Reise klar, dass konkurrenzfähig nur bleibt, wer den neuen Takt schafft. Statt die Qualität eines Produkts jedes Mal aufwendig neu auszuhandeln, sollte es Standards geben, die sich die Unternehmer selbst geben – überwacht erst von Berlin aus, dann von Bonn. Wer sich daran hält, bekommt ein Gütezeichen. Das ist der Kern der Arbeit des Instituts. RAL-GZ 580 regelt Vertikalbegrünungen, RAL-GZ 960 Vakuum-Isolations-Paneele – und RAL-GZ 628 regelt die Fertigung von Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen. Sicher das Gütezeichen mit der größten Breitenwirkung. 1927 kamen die RAL-Farben dazu, das flamboyante Aushängeschild des Instituts. Inzwischen gibt es 2540 Farben.

Systematik

Wer mit Farben zu tun hat, Maler, Designerinnen, Architekten, arbeitet oft mit Farbfächern. Darauf sind Farbtöne sortiert, und jedem Ton ist eine Nummer zugeordnet, oft auch ein Name. Das schafft Eindeutigkeit. Natürlich kann man sich irgendwie ein kräftiges helles Lila wünschen, aber ein exaktes Erikaviolett wird es nur an der Wand, wenn man dem Maler ein klares „RAL 4003“ zuruft. Das RAL-Farbsystem ist eines der bekanntesten, besonders in Deutschland. In der Architektur, im Handwerk und bei Lacken dominiert es. Dass Farben bereits 1927 als ein Schwerpunkt zum RAL-Institut dazukamen, ist nicht verwunderlich. 

Die IG Farben hatte sich 1925 durch den Zusammenschluss mehrerer großer Chemieunternehmen gegründet, darunter BASF, Bayer und Hoechst. Bis zum Zweiten Weltkrieg war sie einer der größten Chemieproduzenten der Welt, insbesondere für Farbstoffe, Lacke und Pigmente. Die IG Farben, die in der Nazizeit für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich war, war maßgeblich an der Entwicklung von Standards beteiligt. Neben dem RAL-System gibt es noch Pantone als weltweit anerkanntes Farbsystem, das besonders im Grafik-, Textil- und Druckbereich verwendet wird. Das HKS-System umfasst weniger Farben und wird vor allem im deutschsprachigen Raum im Offsetdruck verwendet. Die DDR hatte ein eigenes System, die TGL-Farben. Die Nummer 0545 trug den schönen Namen „Fußbodenbraun“ und kam vor allem dort zum Einsatz. „Schutzgrün“ trug die Nummer 0127 und wurde für russische Militärfahrzeuge in der DDR verwendet.

Psychologie

Vieles, was Farbe im öffentlichen Raum trägt oder einen staatlichen Absender hat, wird von Bonn aus genormt. In Deutschland sind die Briefkästen ginstergelb (RAL 1032), in Österreich rapsgelb (RAL 1021), in der Schweiz goldgelb (RAL 1004). Wer Bürgerin oder Bürger der EU ist, hat einen Reisepass mit einem Einband in Bordeauxviolett (RAL 4004). Ein ganzer Strauß grauer und grüner Töne findet sich bei der Bundeswehr. Fehgrau ist die Überwasser-Tarnfarbe der Deutschen Marine (RAL 7000), basaltgrau (RAL 7012) die Dienstjacke des Heeres, in Wüsten- und Steppenregionen kommt die Umtarnfarbe Helloliv (RAL 6040) ins Spiel. Klingt nach Zahlenfetisch, ergibt aber viel Sinn. Farben sind Zeichen staatlicher Autorität, sie tarnen, warnen und müssen zweifelsfrei erkennbar sein. Gelb hat die größte Strahlkraft aller Farben und wirkt auch bei schwierigen Lichtverhältnissen, Postkästen übersieht man nur schwer. Rot hat die stärkste psychologische Wirkung und signalisiert Gefahr. RAL 3000 ist das klassische Feuerwehrrot, ergänzt durch helle Leuchtrottöne für andere Einsatzfahrzeuge. Die enge farbliche Bindung öffentlicher Einrichtungen an das RAL-Institut liegt in der Entstehungsgeschichte begründet. Der „Reichsausschuss für Lieferbedingungen“ war eine gemeinsame Initiative der Privatwirtschaft und der damaligen Regierung der Weimarer Republik, die ihre Behörden und Einsatzkräfte einwandfrei farblich erkennbar machen wollte. Die Farben des deutschen Alltags mögen dabei schon vor Jahrzehnten festgelegt worden sein, für die Privatwirtschaft stellt das RAL-Institut jedes Jahr neue Farbtrends vor. 2026 soll dabei unter anderem ganz im Zeichen von Pfefferweiß, Opalinrosa, Erdnusscreme, Nachttürkis und Fuchsrot stehen.

Farbgesetze

Die alte Bundesrepublik war farblich hübsch sortiert: Telefonzellen waren normiert postgelb (RAL 1005), Polizeiautos hatten grüne Streifen (RAL 6029), Taxis waren hellelfenbein (RAL 1015). Die alte Ordnung der Siebziger gilt nicht mehr. Die Zellen sind längst abgebaut (auch ihre grau-magentafarbenen Nachfolger), die Polizei setzt auf Blau, und die Taxis, diese Bastion der genormten Farbhässlichkeit, tragen auch nicht mehr überall ihr hellbeigefarbenes Kleid. Die Farbe wurde 1971 eingeführt, denn der damalige Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) wollte, dass Taxis auf der Straße besser erkennbar sind. Zudem sollte die Farbe im Sommer verhindern, dass es in den Autos zu heiß wird, Klimaanlagen gab es nicht. Seit 2003 dürfen die Bundesländer entscheiden, ob Hellelfenbein noch Pflicht in ihrem Beritt ist. In sechs Bundesländern dürfen Taxis inzwischen auch anders aussehen: in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg. Es sei nicht mehr zeitgemäß, dass der Staat Unternehmen das Erscheinen vorschreibe, so die Begründung, zumal Uber-Autos auch kein staatliches Farbkleid tragen müssen. Viele Unternehmen bleiben trotzdem bei RAL 1015. Vielleicht muss sich auch nicht alles ändern.

Gütesiegel

Das RAL-Institut ist die Instanz für Kennzeichnungen aller Art, aktuell ist es an der Vergabe von 155 Gütesiegeln beteiligt. Die meisten kennen nur Insider, manche dagegen viele. Etwa den Grünen Knopf als staatliches Textilsiegel oder die EU-Lebensmittelampel Nutri-Score auf Verpackungen. Am bekanntesten ist der Blaue Engel. Er ist das weltweit erste Umweltzeichen und wurde 1978 in Deutschland eingeführt. Im Zentrum eines blauen Rings mit Lorbeerkranz steht ein Engel mit ausgebreiteten Armen, das Signet basiert auf dem Logo des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Heute sind mehr als 65 000 Produkte in Deutschland damit ausgezeichnet. Wer den Engel bekommt, entscheidet die unabhängige Jury Umweltzeichen, deren Mitglieder vom Umweltbundesamt berufen werden. Kritiker fordern strengere Kriterien, weil das Siegel auch Waren ziert, die nur in Teilen umweltfreundlich sind. Auch bemängeln Umweltverbände, dass die Herkunft der Rohstoffe sowie die Arbeitsbedingungen bei der Produktion noch zu wenig berücksichtigt werden. RAL und Umweltbundesamt versichern, dass der Blaue Engel „ein lernendes System“ sei, das sich stetig weiterentwickle.

Text: Claudia Fromme; Digitales Storytelling: Birgit Kruse

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