





Skitourengehen hat sich zur Trend-Wintersportart schlechthin entwickelt. Und so kommt es, dass den ehrgeizigen Befürwortern dieses Sports unlängst ein regelrechtes Kunststück gelungen ist: In drei Jahren bei den Winterspielen in Mailand und Cortina d’Ampezzo werden erstmals olympische Medaillen im sogenannten Skibergsteigen vergeben.
Das ist schon deshalb erstaunlich, weil es gar nicht so einfach ist, Teil des winterolympischen Programms zu werden. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) achtet als Veranstalter penibel darauf, dass sich der Gigantismus bei Winterolympia personell und organisatorisch nicht noch weiter steigert. Wenn eine neue Sportart aufgenommen wird, muss eine alte Teildisziplin weichen.
In dem Fall wird nun der Mixed-Wettbewerb im Alpin-Ski gestrichen. Zudem soll bei der Nordischen Kombination offenbar der Mannschaftswettbewerb durch den kleineren Teamsprint ersetzt werden – was die Teilnehmerzahl reduziert und so Platz für Trendsetter schafft.
Verändert haben sich die Olympischen Winterspiele seit 1924 beständig.


Die Motivlage war klar: Im Bobsport sollten die Frauen nach Zahl der Disziplinen gleichberechtigt werden; und die Freestyler mit ihren Sprüngen von der Riesenschanze verschafften Olympia spektakuläre Wettkampfbilder. Und so versuchen nun auch andere Sportarten mit großen Ambitionen, wintertauglich, trendig und möglichst global zu werden – auch solche, die bis dato eher ein Nischenpublikum haben. Etwa Snow-Volleyball.
Snow-Volleyball ist eine junge Sportart: Erst kürzlich trugen Spieler und Organisatoren in Oberstaufen (Allgäu) trotz des in diesem Winter bei Plusgraden meist sulzigen Schnees ihre deutsche Meisterschaft aus. Es war die vierte insgesamt – und die erste nach zweijähriger Corona-Pause. Volleyball im Schnee: Was sich anhört wie eine kleine Gaudi zwischen Einkehrschwung und Après-Ski, hat einen ernsten Hintergrund: Denn Snowvolleyball will tatsächlich olympisch werden.
Alles begann vor 15 Jahren, als eine österreichische Agentur mit einem kleinen Team Courts an Berg- und Talstationen in St. Anton, Wagrain, Spitzingsee, Engelberg und Kronplatz aus dem Schnee zimmerte. Feste Strukturen gab es damals noch kaum.
Der Weg zur olympischen Disziplin dürfte noch weit sein: Deutlich etabliertere Sportarten sind ja schon mit Bewerbungen gescheitert. Für 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo hatten vier vom IOC anerkannte Verbände ihr Interesse bekundet:





Die winterolympische Welt ist im Wandel. nicht nur aus klimatischen Gründen. Das IOC findet auch immer weniger Gastgeber. Da stellt sich die Frage, welche Sportarten bleiben, welche in naher oder ferner Zukunft ersetzt werden. Das IOC deutet hier Veränderungen an.
Durch „Innovation und Anpassung an den modernen Geschmack und neue Trends“ sollen die Spiele „relevant bleiben“, so das IOC, gleichwohl sollen „die Geschichte und Tradition der Sportarten respektiert“ werden. Das olympische Programm werde umfassend überprüft und bewertet, etwa in den Bereichen Popularität oder „Interesse des Gastgeberlandes, Auswirkungen auf Kosten und Komplexität sowie die Gesamtquote und die Anzahl der Veranstaltungen“.
"Mit einem Frauenanteil von 47 Prozent wird es die bisher ausgewogenste Ausgabe der Olympischen Winterspiele“
2026 solle „besonderes Augenmerk auf die Gleichstellung der Geschlechter und auf Innovation gelegt“ werden, erklärt das IOC. Im Kern also das, was beim Skibergsteigen 2026 zu erwarten sein wird. Drei Veranstaltungen wird es geben: je ein Einzel von Frauen und Männern und ein Mixed-Rennen. „Die Olympischen Winterspiele Milano-Cortina 2026 werden eine Rekordzahl von Frauenwettbewerben umfassen“, so das IOC, „und mit einem Frauenanteil von 47 Prozent die bisher ausgewogenste Ausgabe der Olympischen Winterspiele sein.“
Was heißt das für Wintersportarten wie Snowvolleyball? Für Disziplinen, die zwar im Schnee stattfinden, aber eben auf so geringer Fläche, dass alle anderen Wintersportler neidisch werden müssten? 2017 sah der Weltverband FIVB die Chance – und tat seine Olympia-Pläne offiziell kund.
Zu diesem Zweck ließ die FIVB 2018 bei den Winterspielen in Pyeongchang vor dem Österreichischen Haus einen Court aufbauen und Beachvolleyball-Olympioniken auf Schnee bewerben. 2019 gab es die erste Weltserie (wenn man bei den drei Veranstaltern Argentinien, Italien und Österreich davon sprechen kann).
„Das moderne Snowvolleyball hat sich zu einem globalen Sport entwickelt“
Ein Jahr später, bei den Olympischen Jugendspielen in Lausanne, war Volleyball im Schnee Teil des Wettkampf-Programms, auch bei den Makkabi-Winterspielen in Ruhpolding Anfang Januar. Auf SZ-Anfrage teilt die FIVB mit, sie sei in fortgeschrittenen Gesprächen mit Argentinien, Kanada und China für Turniere im kommenden Winter.
„Das moderne Snowvolleyball hat sich zu einem globalen Sport entwickelt“, betont die FIVB noch. Es sei die langfristige Strategie, Snowvolleyball olympisch zu machen. Nach anfänglicher Skepsis sehen auch die Verbandsfunktionäre Snowvolleyball als Marketinginstrument und Chance, vor allem beim jungen Publikum auf sich aufmerksam zu machen.
„Die Einführung von Snowvolleyball-Wettbewerben hat es uns ermöglicht, den Sport an ikonische Orte zu bringen und zu zeigen, dass Volleyball jederzeit, überall und das ganze Jahr über gespielt werden kann“, so ein CEV-Sprecher.
Hehre Visionen sind das, aber man fragt sich, ob dieses Format, das im Sand 2012 und 2016 höchste Einschaltquoten auch beim TV-Publikum generierte, tatsächlich auch im Schnee funktionieren kann. Oder ob es doch ein etwas zu abenteuerlicher Plan ist, Volleyball neben Halle und Sand nun auf einem dritten Belag anzubieten.

Die Beachvolleyball-Elite tummelt sich bislang jedenfalls nicht im Schnee, sondern eher Athleten aus der zweiten Reihe. Auch nicht Karla Borger. Die EM-Dritte und zweimalige Olympiateilnehmerin im Sand Borger ist gerade beruflich mit ihrer Partnerin Sandra Ittlinger in Mexiko unterwegs, sagt: „Neue Formate zu erfinden ist an sich klasse, und ich würde das vielleicht auch mal ausprobieren. Aber so richtig abgeholt hat mich diese Variante noch nicht.“
Wie überzeugt man das Komitee? Beim Skibergsteigen gelang das so: Es sei „in Italien eine besonders beliebte Sportart mit tiefen historischen und sportlichen Wurzeln in den Alpenregionen“, erklärt das IOC. Zudem handle es sich um „eine schnell wachsende Wintersportart unter Amateuren“. Europa sei „der Kontinent, auf dem sich das Skibergsteigen am stärksten entwickelt hat“. In den vergangenen Jahren „wurden auf der ganzen Welt immer mehr Teilnehmer, sowohl auf Profi- als auch auf Amateurebene, festgestellt“.
Olympisches Snowvolleyball 2030? Das bleibt eine Vision. Im Skitourengehen indes ist eine Vision wahr geworden: Auf der Planai-Piste in Schladming wird an diesem Wochenende erstmals in der Geschichte des Skibergsteigens ein Weltcup ausgetragen.