
Schwerpunkt Zuversicht
„Wenn eine Kabine nicht funktioniert, kannst du keinen Erfolg haben“
Friedhelm Funkel interessiert jedes Detail in der Fußballkabine. Sogar der Spielbericht vom letzten Heimspiel des KFC Uerdingen, dem einst so großen Krefelder Stadtteilverein, der inzwischen in der Regionalliga West kickt und gerade mal wieder große Geldprobleme hat.

Dabei ist es Jahrzehnte her, dass er hier Trainer war. Er sieht sich um, geht an der Taktiktafel und an den schmalen roten und blauen Schränken vorbei. Über der Tür zum Flur hängt ein benutztes Handtuch, im Nebenraum steht eine einzelne Massagebank. Es riecht nach Schweiß und Fußballschuhen. Funkel sagt: „Wie früher.“
Für 20 Jahre seiner Karriere waren diese Räumlichkeiten ein ganz zentraler Ort für ihn; als Spieler und dann als Trainer des Vereins, der damals, im vergangenen Jahrhundert, noch Bayer Uerdingen hieß und finanziell vom örtlichen Pharmariesen gepolstert wurde. Auch nach seinem Abschied aus Uerdingen hat Funkel Fußballkabinen nie wirklich verlassen. Mehr als ein halbes Jahrhundert hat er in ihnen verbracht, erst als Spieler, dann, seit mittlerweile 35 Jahren, als Trainer. Nicht nur in Krefeld, sondern auch in Duisburg, Rostock, Frankfurt, Berlin, Bochum, Aachen, München, Düsseldorf, Köln und Kaiserslautern. Bei fast 1000 Spielen hat er an der Seitenlinie gestanden, niemand ist so oft in die Bundesliga aufgestiegen wie er, sechsmal insgesamt.
Und jetzt soll er es also ein siebtes Mal schaffen: Der 1. FC Köln hat Funkel zwei Spieltage vor Saisonende als Nachfolger des entlassenen Gerhard Struber verpflichtet. Nach zuletzt fünf Punkten aus fünf Spielen haben die Kölner noch drei Punkte Vorsprung auf Elversberg und Paderborn auf den Rängen drei und vier. „Wir sind überzeugt, dass Friedhelm Funkel der richtige Mann ist, um das Team mit seiner Ruhe und Expertise in den letzten beiden Spielen zum Aufstieg zu führen“, wird FC-Präsident Werner Wolf in der Pressemitteilung des Vereins zitiert. Funkel selbst sagt, es gehe jetzt darum, „den Glauben an die eigene Stärke wiederzufinden.“ So wie 2021, als er den 1. FC Köln schon einmal spät in der Saison übernahm und noch den Klassenerhalt in der Bundesliga schaffte.
Das Geheimnis von Funkels Erfolg? Liegt, wenn man ihn richtig versteht, nicht im Scheinwerferlicht der glitzernden Fußballwelt, und auch nicht auf dem Trainingsplatz. Sondern eben dort, wo es von der Champions League bis in die Kreisliga gleich riecht. Fußballkabinen sind für den Trainer Funkel hochsensible und leicht entflammbare Mikrokosmen. In ihnen schlägt das Herz einer Fußballmannschaft.

Anfang April hat Funkel gerade keinen Verein und wohl auch deshalb Zeit, an diesem sonnigen Mittwochmittag ein wenig ausgeruhter über seinen Beruf zu sprechen. Man solle doch in seinen Heimatort Krefeld kommen, hatte er vorgeschlagen, Treffpunkt: die Uerdinger Grotenburg.
Legendär in der Geschichte dieses bald 100 Jahre alten Stadions ist das „Wunder von der Grotenburg“: 1986 lag Uerdingen im deutsch-deutschen Europapokalviertelfinale daheim gegen Dresden zur Halbzeit mit 1:3 zurück, nachdem man schon das Hinspiel mit 0:2 verloren hatte. Funkel stand in beiden Spielen 90 Minuten auf dem Feld und erinnert sich an die Stimmung in der Pause: „Da wollten wir einfach nur schauen, dass wir nicht mit Pauken und Trompeten vom Platz geschossen werden.“ Es folgte das Wunder in 45 Minuten: Uerdingen gewann mit 7:3. Das Fußballmagazin 11 Freunde kürte dieses Spiel später zum „besten Fußballspiel aller Zeiten“.
Manchmal erzähle er seinen Spielern heute von solchen Erlebnissen, sagt Funkel, um ihnen Mut zuzusprechen und um zu zeigen, dass im Fußball alles möglich ist.


Um 11.44 Uhr steigt Funkel aus seinem schwarzen SUV, er ist eine Viertelstunde zu früh, obwohl er ganz in der Nähe wohnt. Auf die Wünsche des Fotografen, sich auf dem Rasen und im Kabinengang ablichten zu lassen, mit und ohne Fußball, geht er ein, will dann aber doch gern ins Reden kommen. Für das Gespräch nimmt er auf der Trainerbank Platz. In jeder Mannschaft, erklärt er, seien die Strukturen etwas anders. „Es gibt nicht das eine Rezept, das sich auf jede Situation anwenden lässt.“ Aber er habe Prinzipien, an die sich jeder seiner Spieler zu halten habe. Und die mache er gleich in seiner ersten Ansprache klar.

Funkels Superkraft, gerade jetzt im höheren Traineralter, liegt darin, Mannschaften in Nöten zu retten. Wenn es bei einem Verein brennt, wird Friedhelm Funkel gerufen. Die FAZ bezeichnete ihn sogar schon als „letzten Feuerwehrmann Deutschlands“. Bei vielen Trainern sind solche Jobs unbeliebt. Man kommt in ein aufgeregtes Umfeld, zu einem Verein, der mitten in einer Krise steckt. Die Mannschaft, die man übernimmt, hat eine lange Saison voller Rückschläge, Krisen und harscher Kritik hinter sich. Der Druck ist immens. Doch Funkel ist gerne Feuerwehrmann, so wie jetzt in Köln. Man müsse eben Zuversicht haben, sagt er – und Zuversicht ausstrahlen.

Sich mit Friedhelm Funkel über Fußball zu unterhalten, bedeutet, wenig über das Spiel an sich zu hören. Taktisch waren andere schon immer versierter, häufig auch Funkels eigene Assistenten. Aber dafür lernt man viel über die Bedeutung der Zwischenmenschlichkeit in diesem Geschäft, in dem Spieler schon mal gehandelt und fallen gelassen werden wie Aktienpakete. Das Wichtigste, hatte Funkel schon beim Vorgespräch am Telefon gesagt, sei Menschlichkeit.
Wirklich, so einfach?
Die ersten Tage mit einer neuen Mannschaft verbringe er eigentlich nur mit Einzelgesprächen, sagt Funkel. „Dann hat ein Tag mal 15, 16 Stunden. Aber du musst die Spieler einfach kennenlernen und sie davon überzeugen, dass du als Trainer das Gefühl hast, dass wir diese Aufgabe schaffen und meistern können.“ Die Spieler, das sei ihm am wichtigsten, müssten wirklich mit jedem Problem zu ihm kommen können, auch mit privaten. „Das ist etwas, das ich früher als Spieler erwartet hätte, aber nicht bekommen habe.“

Vieles hat sich in den fünf Jahrzehnten, die Friedhelm Funkel in Fußballkabinen verbracht hat, verändert. Die Spieler tragen heute Tattoos, hängen aus Funkels Sicht viel zu viel an ihren Handys – und „rennen kurz vor Spielbeginn noch in die Kabine und machen Zack-Zack-Haarspray und so weiter“. Einiges davon beobachtet er mit Argwohn, aber vieles habe sich auch ins Gute gewandelt: „Wie auch in der normalen Welt sind die jungen Männer mutiger und selbstbewusster geworden.“
Fußballmannschaften sind keine Abziehbildchen der Gesellschaft, wahrlich nicht. Aber die Gelassenheit und die Herzlichkeit, mit der Friedhelm Funkel seinen Spielern auch in Krisensituationen gegenübertritt, ist über den Mikrokosmos der Kabine hinaus bemerkenswert. „Er ist ein sehr ehrlicher und direkter Mensch, bei dem man immer weiß, woran man ist“, sagte sein ehemaliger Spieler Jean Zimmer kürzlich im Interview mit einem Fußballblog. „Das tut jedem gut.“
Ehrliche Kommunikation auf Augenhöhe als Geheimnis eines guten Führungsstils? Vielleicht, überlegt man, als Funkel nach Ende des Gesprächs wieder in seinen schwarzen SUV steigt, ist das mit der Menschlichkeit als Antwort auf vermeintlich komplizierte Fragen gar nicht so vage, wie es am Telefon klang. Ziemlich genau fünf Wochen später jedenfalls hält Funkel seine erste Kabinenansprache beim 1. FC Köln.
Dieser Text wurde nach der Verpflichtung Funkels durch den 1. FC Köln aktualisiert.