Einmal im Leben

Wandern nach Petra

Die mehr als 2000 Jahre alte Stadt der Nabatäer in Jordanien ist ein Gesamtkunstwerk aus Natur und Architektur.

Wir nehmen Sie mit an Orte, an die Sie schon immer einmal reisen wollten.

25. November 2022

Petra

Kamel-Karawanen, beladen mit dem Edelsten, was die Welt zu bieten hat: Seide aus China, Gewürze aus Indien, Elfenbein aus Afrika und Weihrauch aus Südarabien. Yallah, Yallah! Die Rufe der Kameltreiber, die Hitze, der Staub und der Durst nach frischem Wasser.

Es braucht nicht viel Phantasie, sich all das vorzustellen, sobald man durch den 1,5 Kilometer langen Siq, eine schmale und von unwirklich schönen rosa und gelben Sandsteinfelsen gerahmte Schlucht, die antike Felsenstadt Petra betritt.

Als Knotenpunkt mehrerer Karawanenstraßen war sie vom 5. Jahrhundert vor Christus bis zum 3. Jahrhundert ein Handelszentrum der damaligen Welt.

Heute ist sie eine der großen kulturellen Sehenswürdigkeiten des Nahen Ostens. Am Ende der Schlucht steht das wohl meist fotografierte Motiv Jordaniens: das fast 40 Meter hohe, aus dem Fels gemeißelte „Schatzhaus des Pharao“, das aber ein Grabtempel der Nabatäerkönige war. Hier geht es jahrmarktmäßig rund, europäisches Stimmengewirr, süßliches Parfüm, Holzfeuerrauch und die Rufe der Kamel- und Eseltreiber auf Kundenfang.

Aber das ist erst der Anfang: Hier beginnt die Totenstadt mit ihrer unglaublich großen Zahl von in den Fels gehauenen Gräbern und Tempeln, einem römischen Amphitheater und Opferplätzen wie auf dem Jebel Attuf: der ist mit der Blutschale für die Opfertiere und dem Brandopferaltar so gut erhalten, als hätten die nabatäischen Priester erst vorgestern ihre letzte Zeremonie abgehalten.

Petra ist ein Wunder, bei dem die Grenze zwischen Felsnatur und Architektur verschwimmt, denn die Stadt ist ja in eine umwerfend schöne Gebirgslandschaft im Wadi Musa gebaut worden. Nur wer die uralten Treppen und Pfade hinaufsteigt, weg vom Hauptstrom der Besucher, und immer wieder Überraschendes entdeckt, wer mit Beduinen spricht, die noch in alten Grabhöhlen wohnen, der spürt, welche Energie von dieser einst 30 000 Einwohner zählenden Stadt ausgegangen sein muss.

Hans Gasser

Kalalau Beach

Einsamer Strand, schroffe Berge in der Weite des Pazifiks: Die hawaiische Insel Kauai ist vor Millionen Jahren aus dem Meer gestiegen. Die Berge, bis zu 1600 Meter hoch, sind aus erkalteter Lava. Seevögel brachten Samen, die zum Dschungel auswucherten. Regen, Wind und Wellen formten die Napali-Küste. Menschen waren in dieser Genesis erst einmal nicht vorgesehen.

Heute schwirren sie mit Hubschraubern, Kajaks, Ausflugsbooten heran, um Kauai mit der archaischen Kulisse abzugleichen, die sie aus dem Kino kennen: „King Kong“, „Arachnophobia“, „Jurassic Park“ – Riesenaffen, Urzeitspinnen, Dinosaurier, sie passen perfekt hierher.

Aber beim Sightseeing kommt man der Küste nicht wirklich nahe. Eine Landung, egal ob aus der Luft oder übers Wasser, ist zum Schutz der Umwelt verboten.

Nur wer hier zu Fuß war, war tatsächlich hier. Ranger kontrollieren, dass höchstens 60 Menschen zur gleichen Zeit unterwegs sind. Den wenigsten ist es vergönnt, ihre nackten Füße auf den Kalalau Beach zu setzen. Ein 18 Kilometer langer Trail führt dorthin: ein ständiges, gefährliches Auf und Ab bei schwüler Hitze. Wasser und Essen muss man mitschleppen, eine Nacht Pause unter freiem Himmel einplanen.

Am Ende wirft man kaputt und euphorisch den Rucksack in den rötlichen Sand. Wie der erste Mensch, der diesen Ort je bestaunen durfte. Aber da sind noch andere. Mit ihnen sitzt man nachts unterm Sternenhimmel, teilt sich eine Packung Cracker. Eine aus der Runde meint: „Hier möchte ich leben, wenn ich gestorben bin.“ Mehr kann keiner dazu sagen.

Jochen Temsch

Salar de Uyuni

An vielen wunderbaren Orten dieser Welt passt zwischen Himmel und Erde gerade mal ein Strich. Aber im Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt in Bolivien, ist an manchen Tagen nicht einmal mehr der Horizont zu sehen. Wenn der seltene Regen Wasserlachen auf der flachen, aber rau wie Schmirgelpapier sich anfühlenden Salzkruste bildet, fällt der Himmel in den Spiegel der Erde. Oben und Unten lassen sich nicht mehr unterscheiden, und das Licht ist so gleißend, dass man ohne getönte Brille kein Auge aufkriegt. Ein surreales Erlebnis, als stünde man mitten in den Wolken wie die Hauptfigur in einem Gemälde von René Magritte.

Einen Überblick verschaffen sich Wanderer auf einer der Inseln im Salar, auf denen bizarr geformte tausendjährige Kakteen wachsen. Abends heißt es, rechtzeitig einen Unterschlupf finden. Am Rande des Salzsees liegen kleine Nester mit wenigen Einwohnern wie Fischerhäfen am Meer.

Wenn die Sonne untergeht und ein eisiger Sturmwind aufkommt, fällt die Temperatur hier auf 3600 Höhenmetern unter minus 20 Grad Celsius. Pumas streifen hin und wieder um die ärmlichen Lehmhäuser – ein Grund mehr, sich gut zu überlegen, ob man den warmen Schlafsack tatsächlich verlassen möchte, um das Klohäuschen draußen vor der Tür aufzusuchen. Die Menschen haben wenig zu essen und sind froh über das Geld, das die Touristen bringen. Manchmal kommen Räuberbanden in Fahrzeugen ohne Nummernschilder. Außer Himmel und Erde kann es hier auch die Hölle sein.

Jochen Temsch

Einmal im Leben

Wandern nach Petra

Die mehr als 2000 Jahre alte Stadt der Nabatäer in Jordanien ist ein Gesamtkunstwerk aus Natur und Architektur.

Wir nehmen Sie mit an Orte, an die Sie schon immer einmal reisen wollten.

Petra

Kamel-Karawanen, beladen mit dem Edelsten, was die Welt zu bieten hat: Seide aus China, Gewürze aus Indien, Elfenbein aus Afrika und Weihrauch aus Südarabien. Yallah, Yallah! Die Rufe der Kameltreiber, die Hitze, der Staub und der Durst nach frischem Wasser.

Es braucht nicht viel Phantasie, sich all das vorzustellen, sobald man durch den 1,5 Kilometer langen Siq, eine schmale und von unwirklich schönen rosa und gelben Sandsteinfelsen gerahmte Schlucht, die antike Felsenstadt Petra betritt.

Als Knotenpunkt mehrerer Karawanenstraßen war sie vom 5. Jahrhundert vor Christus bis zum 3. Jahrhundert ein Handelszentrum der damaligen Welt.

Heute ist sie eine der großen kulturellen Sehenswürdigkeiten des Nahen Ostens. Am Ende der Schlucht steht das wohl meist fotografierte Motiv Jordaniens: das fast 40 Meter hohe, aus dem Fels gemeißelte „Schatzhaus des Pharao“, das aber ein Grabtempel der Nabatäerkönige war. Hier geht es jahrmarktmäßig rund, europäisches Stimmengewirr, süßliches Parfüm, Holzfeuerrauch und die Rufe der Kamel- und Eseltreiber auf Kundenfang.

Aber das ist erst der Anfang: Hier beginnt die Totenstadt mit ihrer unglaublich großen Zahl von in den Fels gehauenen Gräbern und Tempeln, einem römischen Amphitheater und Opferplätzen wie auf dem Jebel Attuf: der ist mit der Blutschale für die Opfertiere und dem Brandopferaltar so gut erhalten, als hätten die nabatäischen Priester erst vorgestern ihre letzte Zeremonie abgehalten.

Petra ist ein Wunder, bei dem die Grenze zwischen Felsnatur und Architektur verschwimmt, denn die Stadt ist ja in eine umwerfend schöne Gebirgslandschaft im Wadi Musa gebaut worden. Nur wer die uralten Treppen und Pfade hinaufsteigt, weg vom Hauptstrom der Besucher, und immer wieder Überraschendes entdeckt, wer mit Beduinen spricht, die noch in alten Grabhöhlen wohnen, der spürt, welche Energie von dieser einst 30 000 Einwohner zählenden Stadt ausgegangen sein muss.

Hans Gasser

Kalalau Beach

Einsamer Strand, schroffe Berge in der Weite des Pazifiks: Die hawaiische Insel Kauai ist vor Millionen Jahren aus dem Meer gestiegen. Die Berge, bis zu 1600 Meter hoch, sind aus erkalteter Lava. Seevögel brachten Samen, die zum Dschungel auswucherten. Regen, Wind und Wellen formten die Napali-Küste. Menschen waren in dieser Genesis erst einmal nicht vorgesehen.

Heute schwirren sie mit Hubschraubern, Kajaks, Ausflugsbooten heran, um Kauai mit der archaischen Kulisse abzugleichen, die sie aus dem Kino kennen: „King Kong“, „Arachnophobia“, „Jurassic Park“ – Riesenaffen, Urzeitspinnen, Dinosaurier, sie passen perfekt hierher.

Aber beim Sightseeing kommt man der Küste nicht wirklich nahe. Eine Landung, egal ob aus der Luft oder übers Wasser, ist zum Schutz der Umwelt verboten.

Nur wer hier zu Fuß war, war tatsächlich hier. Ranger kontrollieren, dass höchstens 60 Menschen zur gleichen Zeit unterwegs sind. Den wenigsten ist es vergönnt, ihre nackten Füße auf den Kalalau Beach zu setzen. Ein 18 Kilometer langer Trail führt dorthin: ein ständiges, gefährliches Auf und Ab bei schwüler Hitze. Wasser und Essen muss man mitschleppen, eine Nacht Pause unter freiem Himmel einplanen.

Am Ende wirft man kaputt und euphorisch den Rucksack in den rötlichen Sand. Wie der erste Mensch, der diesen Ort je bestaunen durfte. Aber da sind noch andere. Mit ihnen sitzt man nachts unterm Sternenhimmel, teilt sich eine Packung Cracker. Eine aus der Runde meint: „Hier möchte ich leben, wenn ich gestorben bin.“ Mehr kann keiner dazu sagen.

Jochen Temsch

Salar de Uyuni

An vielen wunderbaren Orten dieser Welt passt zwischen Himmel und Erde gerade mal ein Strich. Aber im Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt in Bolivien, ist an manchen Tagen nicht einmal mehr der Horizont zu sehen. Wenn der seltene Regen Wasserlachen auf der flachen, aber rau wie Schmirgelpapier sich anfühlenden Salzkruste bildet, fällt der Himmel in den Spiegel der Erde. Oben und Unten lassen sich nicht mehr unterscheiden, und das Licht ist so gleißend, dass man ohne getönte Brille kein Auge aufkriegt. Ein surreales Erlebnis, als stünde man mitten in den Wolken wie die Hauptfigur in einem Gemälde von René Magritte.

Einen Überblick verschaffen sich Wanderer auf einer der Inseln im Salar, auf denen bizarr geformte tausendjährige Kakteen wachsen. Abends heißt es, rechtzeitig einen Unterschlupf finden. Am Rande des Salzsees liegen kleine Nester mit wenigen Einwohnern wie Fischerhäfen am Meer.

Wenn die Sonne untergeht und ein eisiger Sturmwind aufkommt, fällt die Temperatur hier auf 3600 Höhenmetern unter minus 20 Grad Celsius. Pumas streifen hin und wieder um die ärmlichen Lehmhäuser – ein Grund mehr, sich gut zu überlegen, ob man den warmen Schlafsack tatsächlich verlassen möchte, um das Klohäuschen draußen vor der Tür aufzusuchen. Die Menschen haben wenig zu essen und sind froh über das Geld, das die Touristen bringen. Manchmal kommen Räuberbanden in Fahrzeugen ohne Nummernschilder. Außer Himmel und Erde kann es hier auch die Hölle sein.

Jochen Temsch

Team
Texte Jochen Temsch, Hans Gasser
Bildredaktion Julia Hecht
SZ-Infografik Julia Kraus
Digitales Storytelling Birgit Kruse