Sie hoffen auf ein sicheres und würdevolles Leben.

Doch für viele Flüchtlinge endet die Reise über das Mittelmeer tödlich.

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Doch für viele Flüchtlinge endet die Reise über das Mittelmeer tödlich.

Seenotrettung

1864 Menschenleben

Dieses Jahr sind mindestens 1864 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken oder gelten als vermisst. Eine Rekonstruktion des alltäglichen Kampfs ums Überleben.

Von Magdalena Pulz, Nadja Schlüter, Raphael Weiss, Sophie Aschenbrenner und Federico Delfrati
27. Dezember 2021

Fortress Europe – die Festung Europa – wird die Europäische Union manchmal genannt, unser Staatenbund mit Friedensnobelpreis.

Vor dieser Festung liegt ein „liquid graveyard“ ein flüssiger Friedhof, so drückte es ein Seenotrettungsaktivist im November aus. Der Friedhof ist das Mittelmeer, und die Leichen vor der Festung sind nicht die einer feindseligen Armee – sondern die von Menschen auf der Flucht vor Gewalt, Armut, Unrecht und Unfreiheit.

Im vergangenen Jahr sind der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zufolge mindestens 1864 Menschen im Mittelmeer umgekommen oder verschwunden, über 200 Personen mehr als 2020.

Verschwunden – das klingt mysteriös, bedeutet jedoch im Normalfall, dass die Leichen nicht geborgen wurden, weil sie auf hoher See nicht lokalisiert werden konnten. 1864 Menschen, das bedeutet auch, dass auf der Mittelmeerroute im Schnitt alle sechs Stunden jemand stirbt. Und da sind die etwa 1000 weiteren Menschen, die in diesem Jahr bei dem Versuch, die EU über die Atlantik-Route zu erreichen, gestorben sind, nicht einmal eingerechnet. Die Dunkelziffer ist sowohl auf dem Mittelmeer als auch auf dem Atlantik noch viel höher.

„Die Pandemie war im Prinzip ein Brandbeschleuniger für alle Probleme, die es bereits gab.“

Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye

Die EU hat keine eigenen Rettungsschiffe, die die Wasserrouten überwachen, um das Massensterben zu beenden. Dafür hat sie in der vergangenen Dekade Hunderte Millionen Euro in militärische Technologien wie Drohnen investiert, die dazu beitragen, Geflüchtete aufzuhalten. Auch die sogenannte libysche Küstenwache wird von der EU durch Geld und Ausrüstung unterstützt. Diese soll die Geflüchteten, die eben meistens aus dem Bürgerkriegsland Libyen aufbrechen, einfangen und zurückbringen. Etwa 30 000 Menschen sind der IOM zufolge 2021 in sogenannten Pullback-Aktionen zurückgeholt worden, dreimal so viele wie noch im Jahr zuvor. In Libyen landen die Geflüchteten zu Tausenden in Lagern, in denen sie in menschenunwürdigen Zuständen leben und hungern. Wenn sie können, flüchten sie deswegen wieder, wagen sich wieder aufs Meer und in Richtung Europa, bis sie es schaffen – oder sterben.

Was die Geflüchteten auf dem Meer im Kampf ums Überleben durchmachen, ist kaum vorstellbar. Zusammengepfercht auf nicht seetauglichen Holz- und Gummibooten, manchmal tagelang ohne Wasser und Essen, in Stürmen und Regen. Dass auf dieser Reise nicht noch viel mehr Menschen sterben, ist privaten Rettungsorganisationen zu verdanken: Sea-Watch, Sea-Eye, SOS Méditerranée, Alarmphone und vielen mehr.

Wir haben diese Arbeit der zivilen Seenotretterinnen und Seenotretter im Jahr 2021 rekonstruiert und uns dabei auf das zentrale Mittelmeer konzentriert. Dafür haben wir die Aufzeichnungen von NGOs aus ganz Europa angefragt, mit Mitarbeitenden gesprochen, Medienberichte, Pressemitteilungen und Twitter-Feeds ausgewertet und Behörden gefragt. In manchen Fällen mussten wir uns auf die Beobachtungen der Seenotretterinnen und Seenotretter verlassen, ohne die Information über eine zweite Quelle verifizieren zu können.

Eine solche Chronologie kann nicht vollständig sein. Insgesamt ist davon auszugehen, dass nicht alle Seenotfälle bekannt werden und dass bei weitem nicht alle Menschen, die im Mittelmeer sterben, entdeckt werden. Trotzdem zeigt dieses Projekt vor allem eines: Hinter der Zahl stecken verlorene Leben – und ohne die zivilen Seenotretterinnen und Seenotretter wäre sie noch viel höher.

Januar

Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 118

Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 730

Silvesternacht und 1. Januar: Die Open Arms rettet bei zwei Einsätzen 265 Menschen aus Seenot. Sie werden am 4. Januar nach Porto Empedocle, Italien, gebracht. Unter den Überlebenden sind 51 unbegleitete Minderjährige, sechs Babys und eine im neunten Monat schwangere Frau.

2. Januar: 97 Menschen in Seenot in der Maltesischen Rettungszone. Laut der NGO Open Arms werden die Anrufe bei der Maltesischen Seenotrettungsstelle nicht beantwortet oder die Telefonate werden sofort wieder beendet. Die Menschen werden schließlich von der Crew der Open Arms gerettet.

3. Januar: Überlebende, die von der sogenannten libyschen Küstenwache nach Libyen zurückgebracht wurden, melden bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM) acht Menschen als vermisst.

5. Januar: Die Organisation Sea-Eye kündigt an, juristisch gegen die Festsetzung des Rettungsschiffs Alan Kurdi vorzugehen und reicht Klage beim Verwaltungsgericht in Cagliari ein. Das Schiff ist seit Oktober 2020 im Hafen von Olbia, Sizilien, blockiert, nachdem die italienische Küstenwache technische Mängel und eine Überzahl an Rettungswesten beanstandet hatte. Die Fälle der festgesetzten Schiffe Sea-Watch 3 und Sea-Watch 4 werden vor dem Europäischen Gerichtshof geprüft, nachdem das Verwaltungsgericht Palermo sie dorthin verwiesen hatte.

7. Januar: Sea-Eye veröffentlicht ein internes Schreiben des Bundesinnenministeriums aus dem Mai 2020, in dem der damalige Innenminister Horst Seehofer den damaligenVerkehrsminister Andreas Scheuer darum bittet, ein privates Seenotrettungsschiff auf seine Tauglichkeit als Rettungsschiff zu prüfen (der Name ist geschwärzt, es handelt sich aber vermutlich um die Alan Kurdi). Seehofer mache sich die Argumente der italienischen Behörden zu eigen und versuche, Seenotrettung zu verhindern, so Sea-Eye. Die NGO veröffentlicht auch das Antwortschreiben Scheuers, in dem er dem Innenminister widerspricht.

9. Januar: Das Beobachtungsflugzeug Moonbird von Sea-Watch ist nach zweiwöchiger Wartung zurück im Einsatz. Das Gericht in Palermo bestätigt, dass die NGO Mediterranea Saving Humans im Prozess gegen den ehemaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini auftreten wird. Salvini ist wegen Freiheitsberaubung und Amtsmissbrauchs angeklagt, da er 2019 die Open Arms mit Dutzenden Geretteten an Bord drei Wochen auf dem Meer blockiert hatte.

11. Januar: Die Ocean Viking bricht von Marseille, Frankreich, aus zum ersten Einsatz des Jahres auf.

13. Januar: Mediterranea Saving Humans und verschiedene andere Hilfsorganisationen richten einen Appell an die italienische Regierung, Migrantinnen und Migranten per Flugzeug aus Libyen zu evakuieren. Die italienische Innenministerin beschwert sich vor der EU-Kommission über die mangelnde Unterstützung der EU und das noch immer fehlende klare System zur Aufteilung der Migrationslast.

14. Januar: Auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag wird deutlich, dass Deutschland seit Jahren weniger schiffbrüchige Migrantinnen und Migranten aufnimmt als ursprünglich von der Bundesregierung zugesagt. Von Juni 2018 bis zum 21. Dezember 2020 wurden 845 aus Seenot gerettete Menschen in Deutschland aufgenommen, eigentlich sollten 1314 Menschen einen Platz bekommen.

17. Januar: Das Oberste Gericht in Italien bestätigt die Freilassung von Carola Rackete.

20. Januar: Mindestens 43 Menschen sterben bei einem Bootsunglück vor der libyschen Küste. Das Boot mit mehr als 50 Menschen an Bord hatte wenige Stunden zuvor Sawija in Libyen verlassen. Der Motor des Bootes fiel bei stürmischem Wetter aus. Nur zehn Menschen überleben. Die Zahl der Opfer könnte auch höher sein. Die Crew der Moonbird berichtet, sie habe über den Tag hinweg 16 Mal versucht, die sogenannte libysche Küstenwache zu kontaktieren, um Hilfe bei der Suche nach Vermissten anzubieten. Alle Versuche seien erfolglos geblieben.

Seenotfall mit 40 bis 50 Menschen vor der libyschen Küste, Wasser dringt in das defekte Schlauchboot ein. Alarmphone alarmiert die zuständigen Behörden, zudem macht die Ocean Viking sich auf den Weg in Richtung der Unglücksstelle. Kurze Zeit später sichtet die Moonbird das Boot und wie die Menschen von der libyschen Küstenwache aufgenommen und zurück an Land gebracht werden. Als die Ocean Viking die Unglücksstelle erreicht, sichtet die Crew die Reste des defekten Boots. Persönliche Gegenstände sowie Windeln treiben daneben im Wasser. Sea-Watch veröffentlicht im Februar Videomaterial, das die Rückführung durch die libysche Küstenwache zeigt und Frontex vorwirft, eine Rettung verhindert zu haben.

„Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Situation auf dem zentralen Mittelmeer erheblich zugespitzt: Die Zahl der Ertrunkenen ist in diesem Jahr erstmals seit 2016 wieder angestiegen“
(Adriana Lamar Finkel, Sprecherin von RESQSHIP)

21. Januar: Seenotfall mit etwa 120 Menschen auf einem überfüllten Schlauchboot vor der libyschen Küste. Alarmphone alarmiert die zuständigen Behörden und die Ocean Viking. Das Schiff erreicht die Unglücksstelle und kann die Menschen retten, darunter vier Kinder, das jüngste davon ein vier Wochen alter Säugling. Die Moonbird sichtet ein Boot mit Flüchtenden an Bord, dass von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück an Land geschleppt wird. Die Crew berichtet außerdem, ein Frontex-Flugzeug sei in Richtung eines weiteren Seenotfalls geflogen, eine Kommunikation mit der Besatzung sei nicht möglich gewesen.

22. Januar: Seenotfall vor der libyschen Küste, etwa 140 Menschen auf zwei Schlauchbooten, darunter viele Frauen und kleine Kinder. Die Ocean Viking erreicht die Unglücksstelle und kann alle Personen aufnehmen.

Am Nachmittag sichtet die Crew ein weiteres überfülltes Schlauchboot in Seenot. Viele Menschen sind stark benommen, weil sie eine große Menge giftige Abgase eingeatmet haben, zwei Personen gehen über Bord. Letztlich können alle 104 Menschen gerettet werden. An Bord der Ocean Viking befinden sich jetzt 374 gerettete Personen, darunter 21 Babys, 35 Kinder, 131 unbegleitete Minderjährige und zwei schwangere Frauen. Die Crew bittet um die Zuweisung eines sicheren Hafens.

Die Moonbird dokumentiert die Rückführung nach Libyen von 75 Menschen auf der Flucht. Das Frontex-Flugzeug Osprey 3 soll mehrfach über dem Boot gesichtet worden sein.

Der Wetterbericht für das zentrale Mittelmeer sagt Sturm und hohen Wellengang für die kommenden Tage voraus.

23. Januar: Seenotfall mit 145 Menschen auf einem Schlauchboot vor der libyschen Küste. Die Behörden werden von Alarmphone informiert, aber reagieren nicht. Das Boot landet später selbstständig wieder an der libyschen Küste. Zwei weitere Boote geraten ebenfalls vor der libyschen Küste in Seenot. Die libysche Küstenwache gibt an, keine Rettungskapazitäten zu haben. Das Wetter verschlechtert sich weiterhin.

Auch die Ocean Viking meldet eine rapide Wetterverschlechterung, viele Menschen an Bord sind seekrank, vor allem Kinder. Die Crew bittet um die medizinische Evakuierung einer risikoschwangeren Frau im achten Monat. Sie wird von der italienischen Küstenwache aufgenommen und an Land gebracht.

24. Januar: Am Morgen werden 82 Menschen von der libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht. Sie berichten, 17 Personen seien bei ihrem Fluchtversuch ertrunken. Sie waren auf einem der beiden Boote, die am Vortag vor der libyschen Küste in Seenot geraten waren.

Das Handelsschiff AssoTrenta rettet 75 Menschen vor der libyschen Küste aus Seenot und bringt sie nach Lampedusa.

25. Januar: Die italienischen Behörden weisen der Ocean Viking einen Hafen zu. Die geretteten Menschen können in Augusta, Sizilien, von Bord gehen. Wegen der Testungen auf das Coronavirus dauert es zwei Tage, bis alle Menschen an Land sind. Alle Geretteten und die Crew werden negativ getestet.

45 Menschen in einem Schlauchboot erreichen selbstständig Lampedusa. Es handelt sich um eines der beiden Boote, die am 23. Januar vor der libyschen Küste in Seenot geraten waren.

Ein Boot in Seenot mit 55 Menschen an Bord, das vor drei Tagen von einem Fischer vor der libyschen Küste entdeckt worden war, gilt als vermisst.

Laut IOM wurden zwischen dem 19. und dem 25. Januar insgesamt 425 Menschen auf der Flucht von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht.

26. Januar: Der Wetterbericht für das zentrale Mittelmeer kündigt für die kommenden 24 Stunden erneut Sturm an.

Die anstehende Entscheidung über die vorläufige Freigabe der Sea-Watch 3 und 4, die im vergangenen Jahr in Italien festgesetzt wurden, wird auf den 23. Februar verschoben. Das Gericht in Palermo will den Beschluss des Europäischen Gerichtshofs abwarten.

Die Moonbird meldet, dass sie wegen starken Windes an diesem und dem folgenden Tag nicht in den Einsatz fliegen kann.

28. Januar: Der Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen entscheidet, dass Italien mehr als 200 Menschen im Meer hat ertrinken lassen und es damit versäumt habe, deren Recht auf Leben zu wahren. Der Ausschuss bezieht sich auf einen Seenotfall aus dem Jahr 2013. Damals kenterte ein Boot mit mehr 400 Menschen, die Notrufe der Geflüchteten blieben zu lange folgenlos.

Februar

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 146
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 1160

1. Februar: Zwischen dem 26. Januar und dem 1. Februar werden an der libyschen Küste die Leichen von acht Menschen angespült.

2. Februar: Die Ocean Viking nimmt von Augusta, Sizilien, aus erneut Kurs auf das zentrale Mittelmeer. Auch die Open Arms startet von Barcelona aus einen neuen Einsatz.

3. Februar: Mehrere NGOs, darunter Ärzte ohne Grenzen und Mediterranea Saving Humans, appellieren an das italienische Parlament, das Abkommen mit Libyen über die Regulierung des Migrationsstroms und Rücknahme von Migrantinnen und Migranten – die sogenannte „Malta Declaration“ – vier Jahre nach seiner Unterzeichnung aufzuheben, da Libyen kein sicherer Ort sei.

Seenotfall mit 90 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Am folgenden Tag erreicht das Boot selbstständig Lampedusa.

4. Februar: Seenotfall mit 110 Personen vor der libyschen Küste. Der Motor ist ausgefallen, Wasser dringt ins teils nicht mehr mit Luft gefüllte Schlauchboot ein. Die Moonbird sichtet das Boot und beobachtet, wie es von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht wird, ebenso ein weiteres Boot. Insgesamt meldet die Moonbird an diesem Tag vier Boote in der libyschen und eines in der maltesischen Rettungszone mit insgesamt etwa 350 Personen, die auf Rettung angewiesen seien.

Seenotfall mit 74 Personen vor der libyschen Küste. Die Menschen sind panisch, Wasser dringt ins Boot ein. Die Astral der Seenotrettungsorganisation Open Arms kann alle Personen retten.

Die Ocean Viking sichtet bei Tagesanbruch 30 Seemeilen vor Libyen 121 Menschen in Seenot. Mehrere Insassinnen und Insassen des überfüllten Schlauchboots sind über Bord gegangen. Die Crew kann alle Personen, darunter zwei Kleinkinder, retten. Wenige Stunden später rettet die Crew 116 weitere Menschen aus einem überfüllten Boot, darunter neun Kinder.

5. Februar: Seenotfall mit etwa 110 Menschen vor der libyschen Küste, wenig später zwei weitere mit etwa 130 sowie etwa 30 Menschen. Alarmphone hat Kontakt zu den Booten, verliert aber zwei von ihnen und nimmt an, dass sie zurück nach Libyen gebracht wurden.

Die Moonbird sichtet zwei Boote in Seenot und beobachtet, wie eines davon mit etwa 90 Menschen von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht wird. Das andere mit etwa 70 Personen erreicht am nächsten Tag ohne Hilfe Lampedusa. Die Crew der Ocean Viking rettet bei zwei Einsätzen vor der libyschen Küste 187 Menschen aus überfüllten Booten.

Das IOM-Büro Libyen meldet, dass in den vergangenen 24 Stunden 1000 Menschen versucht hätten, aus Libyen zu fliehen. 800 wurden von der Küstenwache abgefangen und zurückgebracht.

6. Februar: Eine schwangere Frau wird wegen ernsthafter gesundheitlicher Probleme per Hubschrauber von der Ocean Viking evakuiert und nach Malta gebracht.

7. Februar: Die italienischen Behörden weisen der Ocean Viking einen Hafen zu. Die Crew kann die 423 Geretteten nach Augusta, Sizilien bringen.

Die Moonbird beobachtet auf dem Radar, wie ein Frontex-Flugzeug eine Stunde lang über einem Seenotfall kreist. Als die Moonbird die Unfallstelle erreicht, sichtet die Crew ein leeres, brennendes Boot sowie ein Schiff der libyschen Küstenwache, das die Insassinnen und Insassen zurück nach Libyen bringt.

9. Februar: 49 der von der Ocean Viking geretteten Menschen werden positiv auf das Coronavirus getestet. Die geretteten Erwachsenen wechseln anschließend auf ein Quarantäneschiff, die 124 Minderjährigen werden in eine Erstaufnahmeeinrichtung gebracht. Die Crew der Ocean Viking muss ebenfalls für zwei Wochen in Quarantäne.

Die Familien von 91 Menschen, die am 9. Februar 2020 auf der Flucht aus Libyen Schiffbruch erlitten und seitdem vermisst werden, organisieren in Kooperation mit Alarmphone eine Demonstration in Dafur. Zeitgleich finden Solidaritätskundgebungen in unter anderem in Palermo, Marseille, Paris, Berlin, Freiburg, Amsterdam, Zürich und Wien statt.

10. Februar: Die Seabird dokumentiert, wie die libysche Küstenwache zwei Boote mit insgesamt etwa 200 Menschen auf der Flucht abfängt und zurück nach Libyen bringt. Zu einem davon sei die libysche Patrouille durch den Funkruf des maltesischen Militärs gerufen worden.

11. Februar: Seenotfall mit 90 Personen vor der libyschen Küste. Die Küstenwache fängt das Boot ab und bringt die Menschen zurück nach Libyen.

12. Februar: Die Seabird sichtet ein Boot in Seenot in der maltesischen Rettungszone. Ein Frontex-Flugzeug und Handelsschiffe sind vor Ort, greifen aber nicht ein. Die libysche Küstenwache nähert sich dem Boot, ebenso ein Schnellboot der Open Arms, das von der Küstenwache behindert wird. Schließlich erreichen die Retterinnen und Retter das Boot und nehmen die 45 Menschen auf.

Der Wetterbericht für das Mittelmeer sagt für die kommenden Tage Sturm und starken Seegang mit bis zu vier Meter hohen Wellen voraus.

Die Aita Mari der spanischen NGO Salvamento Maritimo Humanitario (SMH) bricht nach Reparaturarbeiten zum ersten Mal in diesem Jahr in das Mittelmeer auf. Die NGO berichtet von intensiven Kontrollen, die die Mission um fast zwei Wochen verzögert hätten.

13. Februar: Seenotfall vor der libyschen Küste bei sehr schlechten Wetterverhältnissen. Alarmphone meldet den Fall den zuständigen Behörden, die jedoch nicht reagieren. Auch ein sich in der Nähe befindlicher Tanker greift nicht ein. Die Open Arms macht sich auf den Weg und kann die 106 Menschen nach mehr als acht Stunden auf See ausfindig machen und retten.

Die Sea-Watch 4, die in Palermo festgesetzt ist, erreicht eine Notfallmeldung: 20 Menschen in Seenot in der maltesischen Rettungszone. Ausgang ungewiss.

14. Februar: Vor der tunesischen Küste sinkt ein Boot. 25 Menschen überleben, eine Leiche wird geborgen, 22 Personen gelten als vermisst.

18. Februar: Seenotfall mit 102 Menschen, darunter ein Baby, vor der libyschen Küste. Wasser dringt in das Boot ein. Am folgenden Tag treibt es in der maltesischen Rettungszone. Die Aita Mari kann die Menschen schließlich retten.

Wenig später erreicht die Aita Mari ein weiteres Boot mit 46 Menschen an Bord. Aufgrund der Kapazitäts-Begrenzungen der italienischen Behörden darf das Schiff keine weiteren Menschen aufnehmen. Die Besatzung verteilt Schwimmwesten und Wasser und erklärt den Geflüchteten die Situation. Sie erreichen später aus eigener Kraft Lampedusa.

19. Februar: Nach mehr als sieben Monaten Festsetzung kann die Sea-Watch 3 den Hafen von Burriana, Spanien, mit einer Bestätigung der Schiffssicherheit durch die spanischen Behörden verlassen. Nach einem Training bricht sie zu ihrer ersten Mission 2021 auf.

Seenotfall mit 83 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Zwei Tage später erreicht das Boot ohne Hilfe Lampedusa.

Alarmphone meldet ein Boot in Seenot, das bereits seit drei Tagen auf dem Meer und zur Zeit in der maltesischen Rettungszone ist. Die Behörden werden informiert. Alarmphone verliert den Kontakt und meldet drei Tage später, dass er nicht wiederhergestellt werden konnte.

Seenotfall mit mehr als hundert Menschen vor der libyschen Küste. 77 Menschen und eine Leiche werden vom Handelsschiff Vos Triton aufgenommen. 33 Menschen sterben, bevor sie gerettet werden können, darunter die Mutter eines Neugeborenen. Die Überlebenden berichten, dass acht Menschen bereits zuvor ums Leben gekommen seien. Die zuständigen europäischen Behörden verweigern zunächst die Koordination, doch die Geretteten an Bord protestieren dagegen, zurück nach Libyen gebracht zu werden. Die Crew versucht schließlich, die Menschen in Lampedusa an Land zu bringen. Dort wird ihnen der Zugang verweigert, nur ein Mann, eine Frau und ein Baby dürfen evakuiert werden. Die Crew des Schiffs und die Geretteten erweisen der toten Person an Bord die letzte Ehre.

Die Moonbird sichtet die Rückführung eines Schlauchboot nach Libyen sowie ein leeres, brennendes Holzboot.

20. Februar: Vor der Küste von Lampedusa sinkt ein Boot. Die italienische Küstenwache kann 47 Menschen retten, sieben werden vermisst. Am folgenden Tag bestätigt Alarmphone, dass es sich bei dem gesunkenen Boot um das vermisste Boot vom 19. Februar handelt.

Der Aita Mari mit 102 Geretteten an Bord wird Augusta, Sizilien, als sicherer Hafen zugewiesen.

Seenotfall mit mehr als 100 Personen vor der libyschen Küste. Ausgang ungewiss.

Seenotfall mit 77 Personen in der libyschen Rettungszone.

21. Februar: Das Boot mit 77 Menschen ist noch immer auf See und hat mittlerweile die maltesische Rettungszone erreicht. Zwei Personen sind über Bord gegangen und der Motor funktioniert nicht mehr zuverlässig. Zudem dringt Wasser ins Boot ein. Eine Frau hat auf dem Boot ein Kind zur Welt gebracht, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich. Die zuständigen Behörden reagieren nicht auf den Notruf. Am Abend erreicht das Boot ohne Hilfe Lampedusa.

„Europa kommt seiner Pflicht zur Rettung nicht nach, stattdessen finanziert und forciert es die Menschenrechtsverletzungen der sogenannten libyschen Küstenwache.“

(Johannes Bayer, Vorstandsvorsitzender von Sea-Watch)

26. Februar: Die Sea-Watch 3 rettet 45 Menschen, darunter 15 Minderjährige, aus Seenot.

Seenotfall mit 150 Menschen vor der libyschen Küste, mehrere Personen sind über Bord gegangen. Alarmphone erreicht das Boot, aber verliert den Kontakt wieder. Die libysche Küstenwache meldet später die Rückführung von 142 Personen. Es ist unklar, ob es sich um dieselbe Gruppe handelt.

Am gleichen Tag sichtet die Moonbird ein leeres Schlauchboot. Die Menschen wurden wahrscheinlich von der libyschen Küstenwache nach Libyen gebracht. Laut der Moonbird-Crew soll das Frontex-Flugzeug Osprey 1 zuvor über der Stelle gekreist sein.

27. Februar: Die Sea-Watch 3 sichtet ein Boot in Seenot. Als das Schiff der NGO bei dem Schlauchboot ankommt, ist ihm teilweise schon die Luft ausgegangen. Alle 102 Menschen können gerettet werden.

In der Nacht sichtet die Sea-Watch 3 ein weiteres Boot. Die 73 Menschen werden gerettet. An Bord der Sea-Watch 3 befinden sich nun 250 gerettete Menschen.

28. Februar: Die Sea-Watch 3 rettet 97 Menschen von einem in Seenot geratenen Doppeldecker-Boot. Später erreicht das Schiff ein kleines Boot, das laut Aussage der NGO kurz davor war, zu kentern. Alle 44 Passagiere können gerettet werden. Insgesamt befinden sich nun 361 Geflüchtete an Bord der Sea-Watch 3. Zuvor hatten die Handelsschiffe Drawsko und Maridive Zohr II nicht geholfen, obwohl sie sich in der Nähe der Boote befanden.

Am selben Tag sterben mindestens 15 Menschen bei einem Bootsunglück vor der libyschen Küste.

Die Seenotrettungsorganisation Sea-Eye tauft in Rostock ihr viertes und bisher größtes Schiff. Die Sea-Eye 4 soll möglichst bald ins Mittelmeer überführt werden.

März

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 148

Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 420

1. März: Die Sea-Watch 3 entdeckt 35 Seemeilen vor Lampedusa ein Boot mit etwa 90 Menschen an Bord. Da sich bereits 361 Geflüchtete an Bord des Rettungsschiffs befinden, können die Menschen in Not nicht aufgenommen werden. Die italienische Küstenwache wird verständigt. Als die Situation sich verschlechtert und die Lage des Bootes zu unsicher wird, werden die Menschen in die Beiboote der Sea-Watch 3 evakuiert. Erst nach mehreren Stunden erreicht die italienische Küstenwache das Geschehen.

Die Moonbird sichtet 60 Menschen in Seenot. Die Crew informiert die maltesischen, italienischen und libyschen Behörden. Die Menschen werden schließlich von der libyschen Küstenwache nach Libyen gebracht.

Die Ocean Viking erreicht nach Ende der Quarantäne die Werft in Marseille für Wartungsarbeiten.

3. März: In Sizilien werden an einem Tag Strafverfahren gegen 21 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vier verschiedener NGOs beantragt, die unter anderem Seenotrettung betreiben. Mitgliedern der Organisation Jugend rettet, deren Schiff 2017 festgesetzt wurde, sowie von Ärzte ohne Grenzen und Save the Children wird nach Abschluss der Ermittlungen vorgeworfen, mit Schleppern kooperiert zu haben. Im Falle einer Verurteilung drohen ihnen bis zu 20 Jahre Gefängnis. Der NGO Mediterranea Saving Humans wird zudem vorgeworfen, von dem Frachtunternehmen MAERSK Geld bekommen zu haben, damit sie mit ihrem Schiff, der Mare Jonio, gerettete Menschen von einem ihrer Frachter übernehmen. Für manche Crewmitglieder stehen Haftstrafen von bis zu 20 Jahren im Raum.

Alle NGOs weisen jede Schuld von sich. Ein Sprecher von Ärzte ohne Grenzen sagt: „Diese Anklage ist nur ein Teil eines breit angelegten Versuches Italiens, Seenotrettung zu stoppen.“

Die ersten Geretteten können in Augusta, Sizilien, die Sea-Watch 3 verlassen. 13 Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, müssen länger auf dem Schiff verharren. Zwei Tage später dürfen auch sie an Land gehen.

„Auch im Jahr 2021 kriminalisiert die EU systematisch Menschen auf der Flucht und behindert mit allen Mitteln, dass in Seenot Geratene gerettet und in sichere Häfen gebracht werden.“

(Adriana Lamar Finkel, Sprecherin von RESQSHIP)

5. März: Die Sea-Watch 4, die am 19. September 2020 im Hafen von Palermo festgesetzt wurde, wird freigegeben. Das Landesverwaltungsgericht in Palermo hat entschieden, die Festsetzung vorläufig aufzuheben. Das Schiff fährt nun in eine spanische Werft, um nach Reparaturarbeiten eine neue Mission zu starten.

9. März: Vor der tunesischen Küste kentern zwei Boote. Mindestens 39 Menschen kommen ums Leben, 165 Personen können gerettet werden.

10. März: Die Ocean Viking bricht von Marseille aus zu einer neuen Mission im zentrale Mittelmeer auf.

14. März: Die Open Arms bricht von Barcelona aus zur 82. Mission der NGO auf.

18. März: Ein Boot mit 130 Menschen an Bord geht in Flammen auf. 30 Menschen können von der libyschen Küstenwache gerettet werden. 100 Menschen sterben.

Die Ocean Viking rettet vor der libyschen Küste zehn Menschen aus Seenot. Die NGO teilt mit, die Aktion sei von der libyschen Küstenwache koordiniert worden. Eine Person habe zudem den Wunsch geäußert, nach Libyen zurückgebracht zu werden und sei von einem Boot der libyschen Küstenwache übernommen worden.

19. März: Libysche Fischer retten Menschen, deren Holzboot vor der libyschen Küste gekentert und in Brand geraten war. 45 überleben, mehr als 60 werden vermisst. Sie sind wahrscheinlich ertrunken.

20. März: 106 Menschen geraten in einem überfüllten Schlauchboot mit nur wenigen Schwimmwesten an Bord in Seenot. Die Seabird sichtet das Boot. Die Ocean Viking rettet die Menschen.

21. März: Die Sea-Watch 3 wird in Augusta, Sizilien festgesetzt. Der Vorwurf der Behörden: Das Schiff habe bei ihrem aktuellen Einsatz, bei dem die Crew mehr als 360 Menschen gerettet hat, zu viele Personen an Bord gehabt.

27. März: 30 Menschen, darunter 16 Minderjährige, geraten in der maltesischen Rettungszone in Seenot. Wasser dringt ins Boot ein, Panik bricht aus. Die maltesischen und italienischen Behörden leiten keine Rettung ein. Die Open Arms kann die Menschen nach zwei Tagen auf dem offenen Meer schließlich retten.

Am gleichen Tag sichtet ein Handelsschiff ein mit 120 Personen überfülltes und stark schwankendes Boot und alarmiert die zuständigen Behörden und das Flugzeug Seabird. Zwei Handelsschiffe, die Vos Triton und die Vos Thalassa, ignorieren laut Seabird den Notruf der Crew. Als das Flugzeug später an die Stelle zurückkommt, findet die Besatzung ein leeres Boot vor. Es ist davon auszugehen, dass die Menschen zurück nach Libyen gebracht wurden.

28. März: Die Seabird fängt einen Funkspruch zwischen der libyschen Küstenwache und einem libyschen Patrouillenboot ab. Das Flugzeug der NGO fliegt zu der genannten Stelle und findet 20 Personen in Seenot in der maltesischen Rettungszone. Das Boot wird später vermutlich von der libyschen Küstenwache abgefangen und nach Libyen gebracht.

Später sichtet die Seabird zwei weitere Boote mit schätzungsweise 115 Personen an Bord. Die Menschen werden wahrscheinlich ebenfalls von der libyschen Küstenwache nach Libyen gebracht.

29. März: Die Open Arms rettet bei drei Einsätzen innerhalb von 24 Stunden 183 Menschen aus Seenot. An Bord befinden sich nun 219 Gerettete, darunter 56 Minderjährige und zwei schwangere Frauen. Die IOM berichtet, dass binnen 48 Stunden fast 1000 Menschen auf der Flucht aus Libyen von der Küstenwache abgefangen und zurückgebracht wurden.

30. März: Seenotfall mit 86 Menschen nördlich von Lampedusa. Die Menschen an Bord haben die Orientierung verloren und darum die Insel nicht erreicht, nun ist ihr Motor ausgefallen. Ausgang ungewiss.

Seenotfall mit 85 Personen vor der libyschen Küste. Erst in der folgenden Nacht und Stunden, nachdem der Notruf abgesetzt wurde, wird das Boot von der Küstenwache zurück an Land gebracht. Alarmphone kann fünf Todesfälle bestätigen und befürchtet weitere Tote, da das Boot bereits Luft verloren hatte und Menschen über Bord gegangen waren.

Seenotfall mit 20 Personen in der maltesischen Rettungszone. Alarmphone versucht, die maltesischen Behörden zu informieren, erreicht aber niemanden. Das Boot legt am folgenden Tag selbstständig in Lampedusa an.

Der Open Arms wurde bisher kein sicherer Hafen zugewiesen. Die italienische Küstenwache evakuiert eine schwangere Frau und ihren Bruder von dem Schiff.

April

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 223

Ungefähre Anzahl von NGOs geretteten Menschen: 450

1. April: 60 Menschen geraten mit einem Schlauchboot in der maltesischen Rettungszone in Seenot, sie haben Probleme mit dem Motor. Alarmphone versucht erfolglos, die maltesischen Behörden zu erreichen, und informiert das in der Nähe befindliche Handelsschiff Sider Rodi. Das Schiff erreicht das Schlauchboot, leitet aber keine Rettung ein und verlässt es wieder.

Die 219 Menschen an Bord der Open Arms dürfen in Pozzallo, Italien, von Bord gehen. Trotz negativer Tests der Crew und aller anderen Passagiere muss die Besatzung der Open Arms für 14 Tage in Quarantäne.

Weitere 110 Menschen befinden sich in der maltesischen Rettungszone in Seenot. Das Handelsschiff Nordic Star befindet sich in der Nähe.

2. April: 100 Menschen geraten vor der libyschen Küste in Seenot, Wasser dringt in das Boot ein. Sie erreichen die maltesische Rettungszone. Alarmphone gibt an, dass die maltesischen Behörden die Verantwortung für das Boot zurückweisen, das in der Nähe befindliche Handelsschiff Maridive 601 weigere sich ebenfalls, einzuschreiten. Zwei weitere Handelsschiffe befinden sich in der Nähe und leiten keine Rettung ein.

Die Moonbird sichtet die drei Boote mit insgesamt 270 Personen. Die Crew beobachtet, wie die Nordic Star sich dem Boot mit 110 Personen nähert, dann aber wieder den Kurs ändert, nachdem ein maltesisches Patrouillenboot die Szene erreicht hat. Eine Rettung durch die maltesischen Behörden wird nicht eingeleitet.

3. April: Die Insassinnen und Insassen von zwei der drei Boote werden von der italienischen Küstenwache gerettet und nach Lampedusa gebracht bzw. erreichen aus eigener Kraft die Insel. Später sichtet die Moonbird ein leeres Boot. Die Crew vermutet, dass auch die Geflüchteten auf dem dritten Boot nach Lampedusa gebracht worden sind.

Eine italienische Zeitung veröffentlicht Informationen, dass die Staatsanwaltschaft von Trapani bei Ermittlungen gegen Seenotrettungsorganisationen im zentralen Mittelmeer Journalistinnen und Journalisten ausspioniert hat, die über sie berichten. So sollte belastendes Material über die NGOs Jugend Rettet, Save the Children und Ärzte ohne Grenzen gesammelt und nachgewiesen werden, dass sie mit libyschen Schleppern zusammengearbeitet hätten. Für diesen Vorwurf fehlen weiterhin jegliche Beweise.

6. April: Das maltesische Militär veröffentlicht ein Statement zu dem Vorwurf mehrerer NGOs, dass dem Boot mit 110 Personen, für das am 2. April ein Seenotfall in der maltesischen Rettungszone gemeldet wurde, nicht geholfen worden sei. Das Boot habe sich zu keinem Zeitpunkt in Seenot befunden, der Motor sei funktionsfähig gewesen und die Migrantinnen und Migranten hätten gegenüber den Rettungskräften mehrfach betont, ohne Unterstützung weiterfahren zu wollen. Dies sei zudem nicht der erste Fall, in dem NGOs falsche Informationen über Seenotfälle verbreitet hätten.

7. April: Seenotfall mit 27 Menschen östlich von Sizilien. Das Boot ist bereits seit fünf Tagen auf See. Am folgenden Tag werden die Menschen von der italienischen Küstenwache gerettet.

9. April: Das Gericht in Cagliari, Italien, entscheidet, dass die seit 9. Oktober 2020 blockierte Alan Kurdi der NGO Sea-Eye nicht länger festgehalten werden darf, sondern zu einer zweijährigen Inspektion und Wartungsarbeiten in die Werft nach Spanien überführt werden soll. Der Verhandlungstermin, bei dem über die Rechtmäßigkeit der Festsetzung entschieden werden soll, wird für den 3. November 2021 festgelegt.

In Hamburg wie die Rise Above von der NGO Mission Lifeline getauft.

13. April: Der als Bija bekannte Abd al-Rahman Milad, einer der wichtigsten Kommandeure der libyschen Küstenwache, vielfach als schlimmster Menschenhändler der Welt bezeichnet, wird von den libyschen Behörden aus dem Gefängnis freigelassen. Die UN wirft Milad eine direkte Beteiligung an der Versenkung mehrer Boote mit Geflüchteten an Bord vor.

15. April: Vor der tunesischen Küste kentert ein Boot. Die tunesische Küstenwache kann zwei Personen retten, mindestens 40 Menschen kommen ums Leben.

17. April: Italienische Behörden setzen die Open Arms im Hafen von Pozzallo in Sizilien fest.

Die Sea-Eye 4 verlässt den Rostocker Hafen in Richtung Mittelmeer.

18. April: Das Rescue Coordination Center Malta gibt eine SAR-Meldung zu einem Notfall nahe der libyschen Küste ab und gibt an, bei der Person in Seenot handele es sich um eine US-Bürgerin. Es ist mehr als ungewöhnlich, die Nationalität von Menschen in Seenot anzugeben.

20. April: Seenotfall mit 42 Menschen vor der libyschen Küste bei schlechten Wetterbedingungen und hohem Wellengang. Alarmphone alarmiert die europäischen und die libyschen Behörden, die keine Rettung einleiten, und verliert später den Kontakt zu dem Boot. Die Ocean Viking beginnt mit der Suche nach den Menschen. Am 25. April informiert ein Verwandter der Flüchtenden Alarmphone, dass das Boot vermutlich in Tunesien angelandet sei.

21. April: Der deutsche Bundestag stimmt für die Mandatsverlängerung der EU-Mission „Irini“ auf dem Mittelmeer. NGOs werfen der EU vor, im Zuge der Mission mit der libyschen Küstenwache und bei illegalen Pushbacks zu kooperieren.

Ein Boot mit 120 Menschen wird von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück gebracht, nachdem eine Frau und ein Kind ertrunken sind.

Ein libyscher Fischer beobachtet, wie ein untaugliches Boot mit etwa 130 Flüchtenden an Bord in See sticht, und meldet es dem Alarmphone. Die NGO erreicht die Menschen über ein Satellitentelefon, die wegen der schlechten Wetterlage in Seenot geraten sind, und informiert alle zuständigen Behörden.

22. April: Die Ocean Viking und drei Handelsschiffe suchen nach dem Boot mit 130 Menschen in Seenot. Nach Stunden findet die Crew der Ocean Viking die zerborstenen Überreste des Bootes sowie zahlreiche Leichen. Es gibt keine Überlebenden.

SOS Méditerranée gibt an, keine Seenotrettungsleitstelle habe den Einsatz koordiniert, eine Anfrage nach Unterstützung durch die Behörden sei unbeantwortet geblieben. Sea-Watch kritisiert außerdem, ein Frontex-Flugzeug habe die Unglücksstelle überflogen, aber keine weitere Hilfe veranlasst. Auch Mitarbeitende von Alarmphone, die über Stunden mit den Menschen in Seenot in Kontakt standen, berichten, dass ihre Hilfsanfragen ignoriert worden seien. Safa Msehli, Sprecherin der Internationalen Organisation für Migration (IOM), bekräftigt die Kritik und teilt zudem mit, dass von einem weiteren Boot mit 40 Menschen an Bord jede Spur fehle.

23. April: Die Sea-Watch 4 bricht zu einer neuen Mission auf dem zentralen Mittelmeer auf.

24. April: Die libysche Küstenwache weist die Vorwürfe mehrerer NGOs zurück, am Tod der 130 Menschen, die am 22. April vor der libyschen Küste ertrunkenen sind, mitschuldig zu sein, da sie nicht auf Notrufe reagiert hätte.

27. April: Die Ocean Viking rettet bei zwei Einsätzen 236 Menschen aus Seenot, darunter 119 Minderjährige. Viele der Geretteten berichten von Misshandlungen in Libyen und dass sie auf die seeuntauglichen Boote getrieben worden seien.

29. April: Eine gemeinsame Recherche von Monitor, Lighthouse-Report, dem Spiegel und der Libération belegt, dass die Grenzschutzagentur Frontex bei den Rückführungen nach Libyen eine entscheidende Rolle spielt und mit der libyschen Küstenwache kooperiert. Frontex selbst hatte im März vor dem Europaparlament angegeben, noch nie direkt mit der libyschen Küstenwache zusammengearbeitet zu haben.

Die Sea-Watch 4 rettet 44 Menschen aus Seenot.

30. April: Die Sea-Watch 4 rettet 77 weitere Menschen aus Seenot, darunter ein Baby. In einer weiteren Rettungsaktion werden 93 Menschen aufgenommen. Insgesamt befinden ich nun 214 Gerettete an Bord.

Die Crew der Sea-Watch 4 gibt an, im Einsatzgebiet drei Pullbacks nach Libyen beobachtet zu haben. Zudem habe sie die Überreste von zwei Schlauchbooten gesichtet, deren Passagiere vermutlich von der libyschen Küstenwache abgefangen worden seien.

In der Nacht retten die italienische Küstenwache und der Grenzschutz 500 Menschen von vier in Seenot geratenen Booten und bringen sie nach Lampedusa.

An die algerische Küste wird die Leiche des 27-jährigen Khouidmi Abdeldjabar angespült.

Mai

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 194

Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 270

1. Mai: Die Ocean Viking kann die 236 Geretteten an Bord im Hafen von Augusta, Sizilien, an Land bringen. Die Crew begibt sich in 14-tägige Quarantäne.

Seenotfall mit 125 Menschen vor der libyschen Küste, ein weiterer mit 97 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Das zweite Boot ist bereits seit drei Tagen auf See, der Motor ist ausgefallen. Sie werden schließlich von der Sea-Watch 4 aufgenommen. In einem sechsten Einsatz seit Beginn der Mission vor einer Woche rettet die Sea-Watch 4 51 Menschen. Sie hat nun 455 Gerettete an Bord.

2. Mai: Seenotfall mit 95 Menschen in internationalen Gewässern südlich der maltesischen Rettungszone. Der Motor des Bootes ist ausgefallen, die Wetterlage verschlechtert sich. Ein Frontex-Flugzeug kreist über dem Boot. Die italienischen Behörden weisen zwei in der Nähe befindliche Handelsschiffe, auf die libysche Küstenwache zu warten und dann bei der Rettung zu helfen, vorher aber nicht einzugreifen. Mehrere Menschen gehen über Bord, als sie realisieren, dass sie zurück nach Libyen gebracht werden sollen. Die Rückführung wird schließlich durchgeführt.

An der libyschen Küste werden elf Leichen angespült, nachdem ein Boot vor der Küste gekentert ist. Zwölf Menschen werden lebend gefunden und zurück nach Libyen gebracht.

3. Mai: Die italienischen Behörden weisen der Sea-Watch 4 den Hafen von Trapani, Sizilien, zu. Am folgenden Tag können die Geretteten dort von Bord gehen. Sowohl sie als auch die Crewmitglieder werden negativ auf Covid-19 getestet. Die Crew muss sich dennoch in Quarantäne begeben. Vorerst sind damit keine zivilen Rettungsorganisationen im zentralen Mittelmeer aktiv.

Frontex stationiert eine Aufklärungsdrohne in Malta, die Geflüchtete im Mittelmeer aufspüren und auch Daten mit den Behörden in Libyen teilen soll. Die Drohnen ergänzen die bemannten Frontex-Luftaufklärung, die die Situation auf dem zentralen Mittelmeer auch für die libysche Küstenwache beobachtet.

5. Mai: Frontex-Direktor Fabrice Leggeri gibt an, die Grenzschutzbehörde habe kein Abkommen mit Libyen und trage mit ihren Überwachungsflugzeugen zur Seenotrettung bei. Die NGOs im Mittelmeer werfen Frontex weiterhin Beteiligung an illegalen Pushbacks vor.

8. Mai: Nach Einspruch der italienischen Küstenwache wird die vom Verwaltungsgericht gekippte Festsetzung der Sea-Watch 4 wiederhergestellt: Das Abwassersystem des Schiffes sei nicht für eine so hohe Anzahl von Geretteten ausgelegt.

Die Aita Mari bricht zu ihrer fünften Mission auf.

9. Mai: Seenotfall mit 80 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Wasser dringt in das Holzboot ein. Die Menschen haben weder Wasser noch Nahrungsmittel und bald keinen Sprit mehr. Ein zweites Boot mit 55 Menschen gerät in der Nähe ebenfalls ins Seenot, kurze Zeit später ein drittes mit 96 Personen, darunter schwangere Frauen und Kinder. Zwei Personen verlieren das Bewusstsein. Alarmphone ruft mehrfach die maltesischen Behörden an, erreicht aber nach eigenen Angaben niemanden.

Seenotfall mit 97 Menschen vor Lampedusa. Sie sind seit zwei Tagen auf See und haben kein Wasser und keinen Sprit mehr. Zwei weitere Boote mit 91 und 93 Menschen an Bord, darunter eine kranke Person, geraten ebenfalls vor Lampedusa in Seenot. Insgesamt befinden sich nun sechs Boote und 512 Menschen in Seenot in der maltesischen Rettungszone. Über das gesamte Wochenende erreichen 1400 Menschen selbstständig die Küste von Lampedusa. Vor der libyschen Küste fängt die Küstenwache mindestens 700 Personen auf der Flucht ab und bringt sie zurück an Land. Ein Boot kentert, mindestens fünf Personen, darunter ein Kind, sterben.

10. Mai: Zwei der in der maltesischen Rettungszone in Seenot geratene Boote erreichen Lampedusa.

Seenotfall mit 66 Menschen vor der libyschen Küste. Das Boot kentert vollständig. Die libysche Küstenwache rettet 42 Personen und birgt eine Leiche, 23 Menschen gelten als vermisst.

Ein weiteres Boot mit 75 Menschen meldet einen Seenotfall südlich von Malta. Ein Handelsschiff wird von den zuständigen Behörden angewiesen, es zu überwachen. Die Menschen werden schließlich vom maltesischen Militär gerettet und nach Malta gebracht.

13. Mai: Ärzte ohne Grenzen, bis Ende Juli 2020 als Partner von SOS Méditerranée in der Seenotrettung im Einsatz, startet eine eigene Seenotrettungsmission und bricht mit dem gecharterten Schiff Geo Barents ins zentralen Mittelmeer auf.

Ein Boot mit 99 Menschen gerät vor der libyschen Küstenwache in Seenot. Es wird von der Küstenwache abgefangen und zurück an Land gebracht.

Vor dem Gericht in der Hafenstadt Mytilini auf Lesbos wird der 27-jährige Mohamad H. zu 146 Jahren Gefängnis wegen Schlepperei verurteilt. Der Mann wurde im Dezember 2020 als mutmaßlicher Fahrer des Bootes, mit dem er und 33 weitere Personen von der Türkei aus Griechenland erreichen wollten, verhaftet. Zwei der Boots-Insassen sagten im Prozess als Zeugen aus, Mohamad H. habe ihnen das Leben gerettet, als das Boot in Seenot geriet, nachdem sie von ihrem Schlepper auf See zurückgelassen worden waren. Die türkische Küstenwache habe trotz Notruf keine Rettung eingeleitet. Die Verteidigung will in Berufung gehen.

Vor der tunesischen Küste ertrinken mindestens 17 Menschen, wie zwei Überlebende eines Bootsunglücks berichten. Sie waren zwei Tage zuvor aus Libyen geflohen.

Die Sprecherin der IOM twittert, dass seit Jahresbeginn fast 8000 Menschen auf der Flucht von der libyschen Küstenwache abgefangen worden seien. Etwa 4000 davon befänden sich in offiziellen Lagern in Libyen, der Verbleib der anderen sei ungewiss.

14. Mai: Seenotfall mit 50 Menschen vor der libyschen Küste. Der Motor des Bootes ist ausgefallen und es treibt seit der vorigen Nacht auf See. Ein Frontex-Flugzeug meldet den Fall ebenfalls. Kurz darauf werden die Menschen von der sogenannten libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht.

16. Mai: Seenotfall mit 100 Menschen vor der libyschen Küste in Seenot. Fischer melden den Fall beim Alarmphone und versuchen erfolglos, die libysche Küstenwache zu alarmieren. Nach einigen Stunden ist die Luft aus der Hälfte des Bootes gewichen, etwa die Hälfte der Insassinnen und Insassen ist über Bord gegangen. Die libysche Küstenwache gibt an, das Areal zu überwachen, leitet aber offensichtlich keine Rettung ein. Libysche Fischer retten schließlich 62 Menschen, die weiteren gelten als vermisst.

„Diese Todesfälle sind keine Unfälle, sondern die direkten Konsequenzen aus dem Handeln der EU und der europäischen Mitgliedsstaaten, denen es wichtiger ist, Grenzen zu schützen als Menschen zu schützen.“

(Caroline Willemen, Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen)

85 Menschen geraten in der maltesischen Rettungszone in Seenot, über Nacht erreichen sie die italienische Rettungszone. Ausgang ungewiss.

Laut UNHCR Libyen werden an diesem Tag insgesamt mehr als 650 Personen auf der Flucht von der libyschen Küstenwache abgefangen.

17. Mai: Die tunesische Marine rettet 100 Menschen in Seenot vor Djerba, von denen bereits 47 über Bord gegangen waren, weil das Schlauchboot zu viel Luft verloren hatte.

In Mailand wird ein Verfahren gegen den ehemaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini eingestellt. Die ehemalige Sea-Watch-3-Kapitänin Carola Rackete hatte Salvini wegen der Anstiftung zu Verbrechen durch Hassbotschaften angeklagt. Das Gericht befand, der Vorwurf sei nicht begründet.

18. Mai: Seenotfall mit 88 Personen in der maltesischen Rettungszone bei starkem Wind und Wellengang. Das Alarmphone alarmiert die maltesischen Behörden sowie in der Nähe befindliche Handelsschiffe. Das Boot wird in der maltesischen Rettungszone von der libyschen Küstenwache abgefangen und zurück nach Libyen gebracht.

Ein Boot mit 95 Personen gerät in der Nähe ebenfalls in Seenot. Es ist ungewiss, ob auch dieses Boot von der libyschen Küstenwache zurück geschleppt wurde.

Laut UNHCR Libyen werden an diesem Tag insgesamt mehr als 300 Personen auf der Flucht von der libyschen Küstenwache abgefangen.

Vor der libyschen Küste gerät ein Boot mit 25 Personen, darunter zwei Kinder, in Seenot. Sie werden von der libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht.

Vor der tunesischen Küste kentert ein Boot. Mindestens 50 Menschen seien ertrunken, geben die 33 Überlebenden an, die von der tunesischen Küstenwache gerettet werden. Das Boot war zwei Tage zuvor von Libyen aus gestartet.

19. Mai: Das Verfahren gegen die ehemalige Kapitänin der Sea-Watch 3, Carola Rackete, in Lampedusa wird eingestellt. Gegen Rackete wurde wegen „Widerstands oder Gewalt gegen ein Kriegsschiff“ ermittelt, nachdem sie nach mehreren Tagen auf See mit Geretteten an Bord ohne Einfahrerlaubnis den Hafen von Lampedusa angesteuert hatte.

Rackete habe jedoch keinen Widerstand geleistet, erklärte die Untersuchungsrichterin, sondern mit ihrem Vorgehen die Pflicht zur Seenotrettung erfüllt.

Die Sea-Watch 4 kehrt nach 14 Tagen Quarantäne in den Hafen von Trapani, Sizilien zurück.

20. Mai: Nach 59 Tagen Blockade im Hafen von Augusta, Sizilien, wird der Sea-Watch 3 eine einmalige Fahrerlaubnis zur Werft in Burriana, Spanien, erteilt.

Die Mare Jonio befindet sich ebenfalls für Arbeiten in der Werft und plant, im Juni zurück auf das zentrale Mittelmeer zu fahren.

Eine Recherche von Buzzfeed Deutschland belegt, dass 2020 mindestens 180 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, obwohl zuvor Frontex-Flugzeuge über den Seenotfällen kreisten.

23. Mai: 95 Menschen geraten vor der libyschen Küste bei Sturm in Seenot. Nach mehreren Stunden wird es von zwei Handelsschiffe überwacht, die jedoch nicht eingreifen. Am nächsten Tag werden die Menschen von der tunesischen Küstenwache aufgenommen und nach Tunesien gebracht.

25. Mai: Die Ocean Viking wird von Augusta, Sizilien, für Wartungsarbeiten in eine Werft in Neapel verlegt.

In einem Bericht des Menschenrechtskommissariats wirft die UNO Libyen und der EU schwere Versäumnisse bei der Rettung von Geflüchteten im Mittelmeer vor. Das Leben, die Sicherheit und die Menschenrechte der Menschen, die versuchen, von Afrika nach Europa zu gelangen, werde nicht ausreichend geschützt.

27. Mai: Die Aita Mari rettet 50 Menschen, darunter vier Kinder, die Seenot geraten waren.

28. Mai: Das UNHCR meldet, dass alleine an diesem Tag 548 Menschen auf der Flucht aus Libyen zurück nach Tripolis gebracht worden seien.

31. Mai: Seenotfall mit mit 87 Menschen vor der libyschen Küste. Als ein Fischer das Boot sichtet, sind bereits sechs Personen über Bord gegangen und ertrunken. Ein weiteres Fischerboot kommt zur Hilfe, letztlich gelten 16 Personen als vermisst. Das Alarmphone berichtet, die libysche Küstenwache habe auf ihren Notruf hin angegeben, eine erfolgreiche Rettungsmission durchgeführt zu haben.

Die Crew der Geo Barents sichtet zwei libysche Patrouillenboote, die mutmaßlich geflüchtete Menschen abgefangen haben und zurück nach Libyen bringen.

Juni

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 113

Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 500

1. Juni: 70 Menschen geraten vor der libyschen Küste in Seenot. Am folgenden Tag landen sie wieder in Libyen, ohne Sprit wurden sie vom Wind nach Süden getrieben. Verwandte geben an, zwei Menschen seien bei dem Fluchtversuch ums Leben gekommen.

Die Aita Mari darf in Augusta, Sizilien, anlegen. Alle Passagiere werden negativ auf Corona getestet und dürfen an Land gehen.

Die Crew der Geo Barents sichtet ein libysches Patrouillenboot, das mutmaßlich geflüchtete Menschen abgefangen hat und zurück nach Libyen bringt.

2. Juni: Vor der tunesischen Küste kentert ein Boot. Die tunesische Küstenwache rettet 70 Personen, mindestens 23 kommen uns Leben.

Die Aita Mari steuert ihren Heimathafen an.

5. Juni: Nach einer Hafenstaatkontrolle wird die Sea-Eye 4 in Palermo festgesetzt, weil sie bei ihren Rettungseinsätzen zu viele Menschen an Bord genommen hatten.

9. Juni: Der UN-Sonderberichterstatter zu den Menschenrechten von Migranten, Felipe González Márquez, veröffentlicht einen Bericht über Pushbacks von Geflüchteten und bezieht sich dabei auch auf die gesammelten Daten der Aufklärungsflugzeuge Moonbird und Seabird von Sea-Watch.

10. Juni: 43 Personen geraten vor der libyschen Küste in Seenot, Wasser dringt ins Boot ein. Sie nehmen Kontakt zum Alarmphone auf, die Verbindung bricht jedoch bald ab. Die NGO erfährt später von der libyschen Küstenwache, dass zwei Boote abgefangen wurden. Ob dieses Boot eines davon war, bleibt unklar.

Die Geo Barents rettet 26 Menschen, darunter 15 unbegleitete Minderjährige, von einem Holzboot vor der libyschen Küste.

11. Juni: Bei zwei Rettungsaktionen nimmt die Geo Barents insgesamt 118 Menschen von einem Holz- und einem Fiberglasboot auf, die vor der libyschen Küste in Seenot geraten waren.

12. Juni: Vier Boote mit etwa 300 Menschen geraten in der maltesischen Rettungszone in Seenot und melden sich beim Alarmphone.

Die Geo Barents rettet bei vier Einsätzen 266 Menschen aus Seenot in der maltesischen Rettungszone, darunter die Geflüchteten, die sich auf auf mindestens einem der Boote befunden haben, die sich am selben Tag beim Alarmphone gemeldet hatten. Da das Alarmphone den Kontakt zu den drei anderen Booten zuvor verloren hatte, ist unklar, inwiefern es weitere Überschneidungen der Fälle gibt. Insgesamt befinden sich nun 410 gerettete Menschen an Bord der Geo Barents, darunter 91 unbegleitete Minderjährige und 40 Personen, die medizinische Versorgung benötigen, da sie unter anderem an Verbrennungen durch Treibstoff, Dehydrierung oder der Krätze leiden.

Die Crew der Seabird beobachtet, wie in der maltesischen Rettungszone ein Boot von der libyschen Küstenwache abgefangen wird.

Das Handelsschiff Ugur Dadayli rettet 97 Menschen aus Seenot. Die maltesische Rettungsleitstelle koordiniert den Einsatz und die Geretteten werden anschließend vom maltesischen Militär oder der Küstenwache übernommen und nach Malta gebracht.

13. Juni: Malta verweigert der Geo Barents einen sicheren Hafen.

100 Menschen geraten in der maltesischen Rettungszone in Seenot. Ausgang ungewiss.

Drei Boote erreichen aus eigener Kraft Lampedusa.

14. Juni: Sechs Boote mit insgesamt mehr als 500 Menschen melden Seenot in internationalen Gewässern vor der libyschen Küste und in der maltesischen Rettungszone. Zwei werden von der italienischen Küstenwache aufgenommen.

Das am stärksten überbesetzte Boot, ein Holzboot mit defektem Motor, wird nach einem Kontakt mit der Seabird vom Handelsschiff VOS Triton angesteuert. Die Crew greift aber zunächst nicht ein, mehrere Personen versuchen, zum Schiff zu schwimmen. Schließlich nimmt die VOS Triton die 200 Menschen, die seit drei Tagen auf See sind, auf. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Alarmphone beobachten über einen Schiffstracker, dass die VOS Triton ihren Kurs nach Süden ändert. Die Crew der Seabird hört einen Funkkontakt zwischen der VOS Triton und der libyschen Küstenwache mit, die eine Übergabe ausmachen. Die 200 Geflüchteten werden daraufhin an ein libysches Patrouillenboot übergeben. NGOs, die IOM und die UNHCR verurteilen die Übergabe als Rechtsbruch.

Die Seabird-Crew beobachtet die Rückführung von zwei weiteren Booten nach Libyen. Insgesamt sichtet sie an diesem Tag neun Boote.

15. Juni: Die Nadir, das Segelboot der deutschen NGO Resqship, die Menschenrechtsbeobachtungen auf dem Mittelmeer durchführt, bricht zu ihrer ersten Mission 2021 auf.

EU-Parlamentspräsident David Sassoli fordert „eine gemeinsame europäische Such- und Rettungsmission“ auf dem Mittelmeer. „Es ist nicht länger hinnehmbar, diese Verantwortung allein den NGOs zu überlassen“, so Sassoli.

16. Juni: Die Nadir leistet erste Hilfe für 86 Menschen von einem der Boote, die am 14. Juni Seenot gemeldet hatten, darunter mehrere Kinder und drei schwangere Frauen. Eine Person muss medizinisch versorgt werden. Die Nadir kann etwa die Hälfte der Menschen an Bord nehmen, an die weiteren verteilt die Crew Schwimmwesten und nimmt das Boot vorübergehend in Schlepptau.

Für den Transport in einen sicheren Hafen wird ein größeres Schiff benötigt. Ein Boot der libyschen Küstenwache will die Menschen übernehmen, die Crew der Nadir verweigert die Übergabe, auch die Geflüchteten selbst lehnen es ab, zurück nach Libyen gebracht zu werden. Am folgenden Tag übernimmt die italienische Küstenwache die Geflüchteten und bringt sie nach Italien. Resqship und Alarmphone geben an, die maltesischen Behörden hätten die Koordination der Rettung übernehmen müssen, sich aber geweigert und stattdessen die libysche Küstenwache alarmiert.

17. Juni: Die Geo Barents kann die 410 Geretteten in Augusta, Sizilien, an Land bringen.

Claus-Peter Reisch, ehemaliger Kapitän der NGO Mission Lifeline wird vom Gericht im italienischen Ragusa freigesprochen. Die italienischen Behörden hatten gegen Reisch eine Strafzahlung von 300 000 Euro verhängt, da er 2019 mit der Eleonore rund 100 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und nach einem Unwetter sowie tagelangem Warten auf die Zuweisung eines sicheren Hafens ohne Erlaubnis nach Pozzallo, Sizilien, gebracht hatte.

20. Juni: Mutmaßlicher Schiffbruch vor der libyschen Küste, 18 Menschen sollen ums Leben gekommen und 31 gerettet worden sein.

Die Crew der Nadir beginnt in Malta eine 14-tägige Quarantäne.

24. Juni: Erneut geraten 20 Menschen vor der libyschen Küste in Seenot und könnten von zwei italienischen Versorgungsschiffen gerettet werden, die jedoch keine Genehmigung von Libyen erhalten. Die Menschen werden von der libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht. Sea-Watch gibt an, die italienischen Behörden hätten die Koordination der Rettung verweigert.

25. Juni: Seenotfall mit 18 Menschen in der maltesischen Rettungszone, Wasser dringt ins Boot ein und der Sprit wird knapp. Laut Alarmphone kooperieren die maltesischen Behörden nicht. Am folgenden Tag erreicht das Boot aus eigener Kraft Lampedusa.

Die Open Arms, die im April nach einer Inspektion in Sizilien festgesetzt worden war, wird von den italienischen Behörden freigegeben.

26. Juni: Seenotfall mit 100 Menschen vor der tunesischen Küste. Das Handelsschiff Maridive 601 befindet sich in der Nähe, greift jedoch nicht ein. Zwei Personen gehen über Bord und ertrinken. Am folgenden Tag werden die Menschen von der tunesischen Küstenwache zurück an Land gebracht.

Seenotfall mit 103 Menschen vor der libyschen Küste. Die italienischen und maltesischen Behörden weisen die Verantwortung von sich. Ein Teil der Menschen wird schließlich von der tunesischen, der andere von der libyschen Küstenwache aufgenommen und an Land gebracht.

27. Juni: Seenotfall mit 100 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Die Moonbird sichtet das Boot mit defektem Motor, in das Wasser eindringt. Die italienische Küstenwache rettet die Menschen und bringt sie nach Lampedusa.

Die Crew der Seabird hört einen Funkkontakt zwischen dem maltesischen Militär und der libyschen Küstenwache ab, bei dem koordiniert wird, ein aus Libyen kommendes Boot abzufangen, bevor es die maltesische Rettungszone erreicht.

28. Juni: Die Ocean Viking startet von Marseille aus zu einer neuen Mission auf dem zentralen Mittelmeer.

29. Juni: Seenotfall mit 110 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Das Boot fährt zwar noch, ist aber überfüllt. Am folgenden Tag werden die Menschen von der italienischen Küstenwache aufgenommen und nach Lampedusa gebracht.

Vor der tunesischen Küste kentert ein Boot. Mindestens neun Menschen sterben, drei können gerettet werden.

30. Juni: Vor Lampedusa kentert ein Boot, mindestens sieben Menschen sterben, darunter eine schwangere Frau, neun gelten als vermisst.

Die libysche Küstenwache versucht, ein Boot mit 64 Geflüchteten in der maltesischen Rettungszone aufzuhalten. Das Patrouillenboot fährt gefährliche Manöver in der Nähe des Holzboots und feuert Schüsse ins Wasser ab. Die Crew der Seabird beobachtet die Szene.

Das Holzboot entkommt und wird zuletzt 35 Seemeilen vor Lampedusa gesichtet. Ausgang ungewiss.

Juli

Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 311
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 1580

1. Juli: Die Ocean Viking rettet 44 Menschen von zwei Holzbooten in der maltesischen Rettungszone, nachdem sie von der Seabird und der Colibri 2 informiert worden sind. Unter den Geretteten befinden sich eine Schwangere sowie 15 Minderjährige. Eines der Boote ist jenes, das von der libyschen Küstenwache verfolgt worden war. SOS Méditerranée gibt an, die Libyer hätten die Rettungsaktion dadurch behindert. Der Sprecher des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell kündigt an, dass die EU den Vorfall untersuchen werde. Einem Bericht der Zeitung Libya Observer zufolge verurteilt auch die libysche Küstenwache die Tat und wolle rechtliche Schritte gegen die Patrouille einleiten.

„Die Pandemie stellte uns auch in 2021 vor zusätzliche Herausforderungen. Die Ausschiffungen dauern oft länger und bis zum November 2021 mussten die Crews trotz negativer Coronatests in 14-tägige Quarantäne auf See, statt zu den Familien zurückkehren zu können.“

(Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye)

2. Juli: Die Anfrage der Ocean Viking nach einem sicheren Hafen in Malta wird abgelehnt. Die Crew beobachtet, wie zwei Boote von der libysche Küstenwache abgefangen, in Brand gesteckt und die Menschen zurück nach Libyen gebracht werden.

Vor der tunesischen Küste sinkt ein Boot, das zuvor aus Libyen aufgebrochen war. Der tunesische Halbmond teilt mit, dass 84 Menschen gerettet werden konnten, 43 werden vermisst.

Die Geo Barents wird nach einer 14-stündigen Inspektion wegen Mängeln im Hafen von Augusta, Sizilien festgesetzt.

3. Juli: Die Ocean Viking rettet 21 Überlebenden eines Bootsunglücks. Die Crew sichtet zwei weitere, leere Boote. Die Menschen wurden wahrscheinlich durch die libysche Küstenwache abgefangen.

An der libyschen Küste werden 14 Leichen angespült, darunter die eines Kindes.

4. Juli: Bei einem vierten und fünften Einsatz innerhalb von vier Tagen rettet die Ocean Viking 67 und 71 Menschen von zwei überfüllten Booten in der maltesischen Rettungszone, darunter viele unbegleitete Minderjährige. Vier Menschen sind so entkräftet, dass sie mit einer Trage gerettet werden müssen.

In der folgenden Nacht sichtet die Crew ein überbesetztes Holzboot, das zu kentern droht. In einer fünfstündigen Rettungsaktion können alle 369 Menschen gerettet werden. An Bord der Ocean Viking befinden sich nun 572 Gerettete, darunter 183 Minderjährige und zwei körperlich schwerbehinderte Kinder. Die Crew fragt in Europa um einen sicheren Hafen an.

Vor Sardinien gerät ein Boot mit zehn Geflüchteten an Bord in Seenot und treibt etwa elf Stunden mit defektem Motor auf dem Meer. Die Menschen werden von der italienischen Küstenwache gerettet.

5. Juli: Vor der tunesischen Küste kentert ein Boot. 21 Menschen sterben, 50 konnten laut der tunesischen Nationalgarde gerettet werden.

6. Juli: Seenotfall mit 16 Personen vor der libyschen Küste. Der Motor des Bootes ist ausgefallen, Wasser dringt ein. Nach mehr als zwölf Stunden werden die Menschen von der libyschen Küstenwache aufgenommen und an Land gebracht.

Etwa 100 Menschen auf der Flucht stranden in einem libyschen Ölfeld 120 Kilometer vor der libyschen Küste. Ausgang ungewiss.

Die sizilianische Staatsanwaltschaft nimmt Ermittlungen gegen libysche Beamte auf. Sie reagiert damit auf einer Beschwerde von Sea-Watch über den Vorfall am 30. Juni in der maltesischen Rettungszone, als ein libysches Patrouillenboot ein Boot mit Geflüchteten bedrängt und Schüsse abgefeuert hatte.

7. Juli: Der Ocean Viking wurde noch immer kein sicherer Hafen zugewiesen. Die Lage an Bord spitzt sich zu. Das Wetter verschlechtert sich, die Nahrungsmittelvorräte gehen zur Neige, die psychische und physische Verfassung der Menschen verschlechtert sich zunehmend, viele leiden an Seekrankheit und Dehydrierung. Ein Mann geht über Bord und kann gerettet werden.

8. Juli: 49 Menschen auf der Flucht aus Libyen stranden mit ihrem Boot in einem Ölfeld 75 Kilometer vor der tunesischen Küste. Die tunesische Küstenwache rettet sie. Es ist ungewiss, ob sie anschließend nach Tunesien oder nach Libyen gebracht werden.

Die Ocean Viking erhält die Genehmigung, die 572 Geretteten an Bord in Augusta, Sizilien an Land zu bringen.

9. Juli: Die italienische Küstenwache birgt vor Lampedusa mehrere Leichen des Bootsunglücks vom 30. Juni.

10. Juli: Die Crew der Ocean Viking beginnt eine zehntägige Quarantäne.

13. Juli: Ein Boot mit etwa 80 Personen treibt bei starkem Wind in der maltesische Rettungszone. Die Menschen alarmieren Alarmphone, die Moonbird sichtet das Boot und beobachtet die Lage. Drei Handelsschiffe befinden sich in der Nähe, werden aber laut Sea-Watch von den maltesischen Behörden gebeten, abzuwarten. Nach mehreren Stunden rettet die maltesische Armee 81 Menschen und birgt drei Leichen.

Die Nadir bricht von Malta aus zu ihrer zweiten Beobachtungsmission des Jahres ins zentrale Mittelmeer auf, muss sich aber wegen widriger Witterung kurz darauf aus dem Einsatzgebiet zurückziehen.

15. Juli: Seenotfall vor der libyschen Küste, 50 Menschen treiben in einem Boot, dem der Sprit ausgeht. Alarmphone gibt an, erst nach acht Stunden die libyschen Behörden zu erreichen. Die Menschen werden schließlich von der libyschen Küstenwache gerettet.

Das libysche Parlament genehmigt die weitere finanzielle Unterstützung der libyschen Küstenwache.

Seit September 2020 hat Deutschland keine aus Seenot geretteten Geflüchteten mehr aufgenommen. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.

16. Juli: Die Nadir erreicht Malta, um dort einen Crew-Wechsel und eine neue Beobachtungsmission vorzubereiten.

19. Juli: Die NGO Sea-Eye verkauft ihr Rettungsschiff Alan Kurdi an die italienische Rettungsorganisation ResQ. Die wiederholte Festsetzung des Schiffs durch die italienischen Behörden hatten Sea-Eye zu stark finanziell belastet. Die italienische Organisation ResQ übernimmt die Alan Kurdi und will sie weiterhin im Mittelmeer einsetzen. Seit Ende 2018 wurden mit dem Schiff bei zwölf Missionen 927 Menschen aus Seenot gerettet.

Die Astral der NGO Open Arms startet ihre 83. Mission.

21. Juli: Ein Boot mit fast 400 Menschen bricht vom libyschen Zuwara in Richtung Europa auf. Wenig später gerät das Boot nahe der libyschen Küste in Seenot. Die tunesische Küstenwache kann 380 Menschen retten. Für 17 kommt die Hilfe zu spät. Sie sterben im Mittelmeer.

Nach dreimonatiger Blockade bricht die Sea-Watch 3 von Burriana, Spanien, aus zu einer neuen Mission ins zentrale Mittelmeer auf.

Seenotfall mit 100 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Wasser dringt ins Boot ein und das Trinkwasser ist aufgebraucht. Die Flüchtenden berichten dem Alarmphone, eine Frau und ein Kind hätten das Bewusstsein verloren. Beim letzten Kontakt mit der NGO geben sie an, dass sich ihnen ein rot-weißes Boot nähere, womöglich das maltesische Militär. Ausgang ungewiss.

Laut Berichten von Sea-Watch und Dokumentationen der Moonbird sterben 37 Menschen beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren und 900 Menschen auf der Flucht werden von der libyschen Küstenwache zurück nach Libyen und Tunesien gebracht. Die Moonbird sichtet über den Tag verteilt insgesamt acht Boote und ein leeres Holzboot.

22. Juli: Seenotfall vor der libyschen Küste, mehr als hundert Menschen befinden sich auf einem doppelstöckigen Holzboot, das auf die Seite kippt, mehrere Personen sind bereits über Bord gegangen. Das Handelsschiff Meteora befindet sich in der Nähe, leitet aber keine Rettung ein. NGOs befürchten einen Pushback. Alarmphone berichtet, dass nach Angaben der Passagiere mindestens 20 Menschen wegen giftiger Gase im unteren Deck bereits gestorben sind. Die Überlebenden werden von der libyschen Küstenwache zurück nach Libyen gebracht.

Etwa 130 Menschen geraten ebenfalls vor der libyschen Küste in einem weißen Schlauchboot in Seenot. Ausgang ungewiss.

23. Juli: Die Astral findet auf Hinweis von italienischen Fischern 50 Menschen, die südlich von Lampedusa in Seenot geraten sind. Die Crew verteilt Rettungswesten – unter anderem an Kinder, zwei schwangere Frauen und ein zehn Monate altes Baby. Sie warten stundenlang, bis die italienische Küstenwache das Boot erreicht und die Menschen an die Küste bringt.

Am gleichen Tag wird das Schiff bei noch zwei weiteren Seenotfällen insgesamt 98 Menschen dabei helfen, zu überleben, während sie auf die italienische Küstenwache warten.

24. Juli: 100 Menschen geraten vor der libyschen Küste in Seenot. Sie werden von der libyschen Küstenwache zurück an Land gebracht.

18 Menschen geraten vor der tunesischen Küste in Seenot. Der Motor ist ausgefallen, Wasser dringt ins Boot ein und die Insassinnen und Insassen haben die Orientierung verloren, sodass sie keine GPS-Koordinaten durchgeben können. Die Astral findet das Boot und kann den Menschen helfen, bis sie schließlich von der tunesischen Küstenwache gerettet werden.

Die Ocean Viking startet von Sizilien aus zu einer neuen Mission auf dem zentralen Mittelmeer.

25. Juli: Die Crew der Seabird beobachtet den Pullback eines Holzboots nach Libyen und sichtet mehrere leere Boote.

Die Astral rettet nach einer stundenlangen Suchaktion 17 Menschen aus Seenot im zentralen Mittelmeer und übergibt sie an die italienische Küstenwache.

50 Menschen geraten in der maltesischen Rettungszone in Seenot. Sie haben weder Wasser noch Nahrungsmittel oder Sprit übrig und berichten dem Alarmphone von mehreren Verletzten an Bord. Sie werden schließlich vom maltesischen Militär gerettet und nach Malta gebracht. Die Ocean Viking hatte ebenfalls nach dem Boot gesucht. Die Crew gibt an, die maltesischen Behörden hätten dabei nicht mit ihnen kooperiert und keinerlei Informationen weitergegeben.

26. Juli: Die Sea-Watch 3 erhält eine Nachricht von den libyschen Behörden, dass ihr Einsatz in der libyschen Rettungszone vorerst nicht gestattet sei.

Vor der libyschen Küste kentert ein Boot. Mindestens 57 Menschen sterben, darunter zwei Kinder. Ein Fischerboot bringt die Überlebenden an Land.

Die italienischen Behörden geben die in Augusta, Sizilien, festgesetzte Geo Barents frei.

27. Juli: Die Sea-Watch 3 hat die libysche Rettungszone erreicht und wird von der libyschen Küstenwache angefunkt: Das Schiff dürfe die Zone nur durchfahren, sich dort aber nicht aufhalten, das verstoße gegen internationales Recht, der Crew wird mit der Festnahme gedroht. Sea-Watch gibt an, sich zwar im libyschen Zuständigkeitsbereich, aber nicht in libyschen, sondern in internationalen Gewässern zu befinden, und informiert die deutschen Behörden.

Seenotfall mit 35 Menschen in der libyschen Rettungszone. Der Motor stockt, das Boot erreicht dennoch die maltesische Rettungszone. Die maltesischen Behörden weisen das in der Nähe befindliche Handelsschiff Songa Iridium an, die Szene zu überwachen. Die Menschen werden schließlich vom maltesischen Militär gerettet und nach Malta gebracht.

Die Nadir verlässt Malta und startet eine neue Beobachtungsmission.

29. Juli: Bei einem Seenotfall vor der Küste von Lampedusa leistet die Crew der Astral erste Hilfe und verteilt Rettungswesten und Wasser. Das Segelschiff ist zu klein, um die 154 Menschen in Not aufzunehmen. Später werden sie von der italienischen Küstenwache an Land gebracht. Wenig später erreicht die Astral ein weiteres Boot mit 18 Menschen in Seenot.

30. Juli: Die Sea-Watch 3 wird von einem ihrer Beobachtungsflugzeuge über einen Seenotfall informiert und macht sich auf dem Weg zu dem fünf Seemeilen entfernten Boot, auch die Ocean Viking sucht nach den Menschen. Ein Frontex-Schiff ist bereits vor Ort und informiert offenbar die libysche Küstenwache, die die Menschen zurück nach Libyen bringt.

„Die sogenannte libysche Küstenwache erkennen wir weiterhin nicht als Küstenwache an: Sie greifen zwar Boote auf, aber vor allem die, die eigentlich ganz gut unterwegs sind. Aber wenn es wirklich zu einem Notfall kommt, dann sind sie meistens nicht zur Stelle, oder erst Stunden später. Und das obwohl es nahe der libyschen Küste relativ oft zu Notsituationen kommt.“

(Rubi Meier von Alarmphone)

Bei einem weiteren Seenotfall in der maltesischen Rettungszone, bei dem bereits mehrere Personen über Bord gegangen sind, nimmt die Sea-Watch 3 33 Menschen auf, darunter drei Kleinkinder und mehrere Minderjährige. Die libysche Küstenwache war zuvor schon vor Ort und hat ebenfalls mehrere Menschen aufgenommen und zurück nach Libyen gebracht. Bei einer zweiten Rettungsaktion nimmt die Sea-Watch 3 erneut etwa 30 Personen aus einem Holzboot auf, mehrere haben Brandwunden. Insgesamt sechs Personen sind in einem kritischen Zustand, darunter drei Kinder. Sie werden von der italienischen Küstenwache evakuiert.

120 Menschen in Seenot in internationalen Gewässern alarmieren das Alarmphone, darunter eine schwangere Frau und ein Mann mit Schussverletzungen. Die NGO verliert den Kontakt zum Boot und erfährt später, dass die Menschen zurück nach Libyen gebracht wurden.

31. Juli: Die Crew der Nadir sichtet in internationalen Gewässern ein leeres Holzboot und in Sichtweite zwei Boote der libyschen Küstenwache, die die Menschen aufgenommen haben, um sie zurück nach Libyen zu bringen. Unter den auf dem Holzboot zurückgelassenen Gegenständen befinden sich auch Windeln, wahrscheinlich waren also auch Kleinkinder an Bord. Die Seabird sichtet ein Schiff der libyschen Küstenwache, das Geflüchtete abgefangen hat und zurück nach Libyen bringt. Das Deck ist überfüllt und die Menschen tragen keine Schwimmwesten.

Die Ocean Viking nimmt bei drei Rettungsaktionen vor der libyschen Küste insgesamt 196 Menschen auf, darunter 33 Minderjährige, davon 22 ohne Begleitung, und zwei schwangere Frauen.

Seenotfall mit mehr als 400 Menschen vor der libyschen Küste, Wasser dringt in das mehrstöckige Holzboot ein, laut Angaben an das Alarmphone gibt es bereits mehrere Tote. Die NGO berichtet zudem, dass die tunesische und die libysche Küstenwache eine Rettungsaktion verweigerten, die europäischen Behörden seien nicht erreichbar. Das Handelsschiff Maridive 206 befindet sich in der Nähe, greift jedoch nicht ein. Als die Sea-Watch 3 das Boot erreicht, ist die Situation kritisch, mehrere Personen befinden sich im Wasser. Die Ocean Viking und die Nadir steuern ebenfalls die Unglücksstelle an. In der Nacht werden in einer fünfstündigen Rettungsaktion alle Menschen gerettet. Auf der Ocean Viking befinden sich nun 449 Gerettet.

Die Astral befindet sich auf dem Rückweg zu ihrem Heimathafen, als sie nahe Sardinien zwei Boote mit 21 Menschen in Seenot sichtet. Sie verteilt Schwimmwesten und wartet auf das Eintreffen der italienischen Küstenwache.

August

Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 131
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 1020

1. August: Die Nadir stößt in der maltesischen Rettungszone auf ein mit 110 Menschen überfülltes Holzboot in Seenot, das zu kentern droht. Die Crew übernimmt die Erstversorgung und informiert die zuständigen Behörden, da die Nadir zu klein ist, um die Menschen zu transportieren. Die maltesische Rettungsleitstelle reagiert nicht, nach mehreren Stunden nimmt die italienische Küstenwache die Menschen auf und bringt sie nach Italien.

Die Sea-Watch 3 rettet weitere 28 Menschen aus Seenot. An Bord befinden sich nun 251 Gerettete. Die Crew bittet um die Zuweisung eines sicheren Hafens.

Seenotfall mit 28 Menschen vor der tunesischen Küste, der Motor ist ausgefallen und Wasser dringt ins Boot ein. Die tunesische Küstenwache rettet die Menschen und bringt sie an Land.

Die Ocean Viking rettet 106 Menschen, die in der maltesischen Rettungszone auf einem Holzboot in Seenot geraten waren, darunter ein drei Monate altes Baby. An Bord befinden sich nun 555 Gerettete.

2. August: Die Beschlagnahmung der Iuventa der Seenotrettungsorganisation Jugend rettet in Italien jährt sich zum vierten Mal.

Mehrere Seenotfälle mit mehr als 500 Menschen in der maltesischen Rettungszone. Die Nadir und die Sea-Watch 3 suchen gemeinsam mehrere Stunden nach den Booten. Die Sea-Watch 3, deren Kapazitäten mit bereits 251 Menschen an Bord ausgelastet sind, nimmt schließlich aus einem der Boote zwölf Personen auf und sendet mehrere Notrufe aus. Für 90 Menschen auf einem Holzboot verteilt die Crew Rettungswesten und überwacht die Situation, bis die die italienische Küstenwache bei diesem und zwei weiteren Fällen eingreift und Rettungen einleitet. Ein Boot wird von maltesischen Rettungskräften an Land gebracht, eines von der tunesischen Küstenwache zurück nach Tunesien gebracht.

Die Nadir überwacht ein Boot in Seenot mit 180 Menschen, die sich bereits seit 36 Stunden auf See befinden, und übernimmt die Erstversorgung. Zwei Personen werden an Bord behandelt, darunter ein junger Mann, der nach einem Herz-Kreislauf-Stillstand reanimiert werden muss. Maltesische Rettungskräfte evakuieren die beiden Notfälle, die restlichen Menschen werden von der Küstenwache aufgenommen. Mehrere medizinische Notfälle werden durch italienische Einsatzkräfte von der Sea-Watch 3 evakuiert. Genaue Angaben darüber, wie viele Boote und Menschen von den staatlichen Stellen an diesem Tag gerettet wurden, wie viele selbstständig europäisches Festland erreicht haben und wie viele in die Länder, aus denen sie geflohen sind, zurückgeführt wurden, fehlen. Die im zentralen Mittelmeer aktiven NGOs kritisieren, dass die zuständigen Behörden nicht oder erst sehr spät auf ihre zahlreichen Notrufe reagiert hätten.

Auf der Ocean Viking spitzt sich die Lage durch die Hitze und starken Wellengang zu, viele Menschen sind seekrank, einige haben das Bewusstsein verloren.

3. August: Die Geo Barents bricht von Augusta, Sizilien, zu einer neuen Mission im zentralen Mittelmeer auf.

Die Ocean Viking fordert derweil die medizinische Evakuierung einer schwangeren Frau an. Sie und ihr Partner werden von der italienischen Küstenwache aufgenommen. 553 Gerettete warten bei großer Hitze weiterhin auf einen sicheren Hafen.

Open Arms berichtet, dass die Mission der Astral abgeschlossen sei: Insgesamt hat das Schiff in den vergangenen Tagen etwa 400 Menschen in 16 Einsätzen gerettet.

4. August: Auch der Sea-Watch 3 mit 257 Geretteten an Bord wird bisher kein sicherer Hafen zugewiesen. Viele Menschen sind dehydriert und seekrank, einige bekommen nach einem Zusammenbruch Infusionen verabreicht.

5. August: 25 Menschen vor Malta werden von der Nadir und Geo Barents gerettet, darunter sollen zehn unbegleitete Minderjährige sein. Das Boot aus Libyen trieb zuvor zwei Tage lang orientierungslos auf dem Meer. Ungefähr 140 weitere Geflüchtete wurden von der italienischen Küstenwache aufgesammelt und befinden sich erst einmal auf sizilischem Boden.

Derweil sind die 800 Menschen auf der Ocean Viking und der Sea-Watch 3 noch immer auf der Suche nach einem sicheren Hafen, viele brauchen medizinische Hilfe. Aufgrund der Hitze, der Enge und des starken Seegangs ist die psychische Belastung für alle Personen auf den Schiffen sehr hoch. Die italienische Küstenwache evakuiert zwei medizinische Notfälle und ein achtjähriges Kind, am nächsten Tag wird ein weiterer Mann abgeholt. Im Laufe der nächsten Tage greift die Seekrankheit weiter um sich, die bereits geschwächte Personen wie etwa Schwangere oder Kinder weiter strapaziert. Der Crew auf der Ocean Viking gehen einige Medikamente aus.

Die Sea-Watch 3 informiert derweil das Jugendgericht von Catania, einer italienischen Stadt, darüber, dass sich bei ihnen an Bord mehr als 70 Minderjährige befinden.

6. August: Der Sea-Watch 3 und den 257 Geretteten wird ein Hafen zugewiesen, den sie anlaufen können. Das Schiff macht sich auf den Weg nach Trapani auf Sizilien. Bevor sie dort an Land gehen dürfen, werden alle auf Covid-19 getestet.

8. August: Die 549 Geflüchteten von der Ocean Viking dürfen in Sizilien an Land gehen. Allerdings dürfen am ersten Tag der Ausschiffung nur 97 Personen das Schiff verlassen. Der Prozess dauert insgesamt vier Tage.

11. August: Die letzten Geflüchteten verlassen die Ocean Viking. Für die Crew beginnt eine zehntägige Quarantäne.

13. August: Insgesamt werden drei Notrufe abgesetzt, 21 Personen sollen auf drei verschiedenen Booten in Gefahr sein. 18 davon werden vier Tage später schließlich nach Spanien gerettet. Von den verbleibenden drei, die sich mit Jetskis auf den Weg gemacht hatten, erreichten zwei Algerien schwimmend, eine Person wurde von einem Fischerboot ebenfalls dort an Land gebracht.

16. August: 189 Geflüchtete auf einem kleinen Doppeldeckerschiff geraten in Seenot, am unteren Deck wird der Sauerstoff knapp. Die Geo Barents rettet die Menschen, später kommen noch weitere 46 von einem kleinen überfüllten Holzboot dazu. Damit befinden sich 259 Geflüchtete auf dem Schiff, das von Ärzte ohne Grenzen betrieben wird.

17. August: Die Geo Barents rettet Menschen von zwei Booten hintereinander. Auf dem ersten befinden sich 34 Personen, darunter auch Kinder. Das jüngste ist ein zweiwöchiges Neugeborenes. Auf dem zweiten Boot befinden sich 29 Menschen, insgesamt trägt die Geo Barents damit 322 Menschen, mehr als 90 davon sind minderjährig. Erst fünf Tage später, am 22. August, wird dem Schiff erlaubt, in Sizilien den Hafen anzulaufen.

Weitere zwölf Menschen geraten in Seenot, darunter auch zwei oder drei Kinder. Am nächsten Tag werden zwölf Personen nach Lampedusa gerettet, vermutlich handelt es sich um dieselben Personen.

18. August: Alarmphone erhält einen Menschenrechtspreis für seine Arbeit von Pro Asyl.

Sieben Menschen, die von Libyen in einem kleinen Boot gestartet sind, geraten in der Nähe von Malta in Seenot: Das Boot leckt und es läuft Wasser hinein. An Bord sind auch Kinder. Am Ende werden sie von der maltesischen Küstenwache aufgesammelt.

19. August: Die Festsetzung der Sea-Eye 4 wird von einem italienischen Gericht aufgehoben.

21. August: 41 Personen stranden auf einer spanischen Mini-Insel vor Marokko, darunter Menschen aus Mali und Menschen aus Burkina Faso. Die Personen beharren auf ihr Recht, Asyl zu beantragen, da sie auf spanischen Boden sind. Nach etwa einem Tag werden sie auf eine weitere spanische Insel gebracht, auf der sich eine Militärbasis befindet.

22. August: Einem Boot mit 22 Personen darauf geht der Treibstoff auf dem Mittelmeer aus, darunter drei Frauen und neun Kinder. Das Segelschiff Nadir erreicht die zum Teil dehydrierten Menschen und leistet erste Hilfe. Eine Mutter mit einem zwei Monate alten Baby, deren Zustand besorgniserregend ist, nimmt die Nadir über Nacht bei sich an Bord. Am nächsten Morgen nimmt die italienische Küstenwache die Geflüchteten auf und bringt sie nach Lampedusa. NGOs bemängeln, dass es zehn Stunden gedauert habe, bis Rom ein Schiff gesendet habe, Malta habe gar nicht reagiert.

23. August: An der Küste Libyens kentert ein Schiff, 48 Geflüchtete überleben, mindestens 16 werden vermisst und für tot gehalten. Darunter sollen sich auch eine Frau und ein Kind befinden. Etwa 25 weitere Personen geraten in Seenot, darunter sollen mehrere Kinder sein, und eine Frau, die sich im Koma befindet. Die Geflüchteten können sich nach Lampedusa retten. 28 weitere Personen werden von dem Erkundungs-Segelschiff Nadir gefunden, die Crew rüstet sie mit Schwimmwesten aus und setzt ein Notsignal ab. Die italienische Küstenwache nimmt die Geflüchteten bei sich an Bord auf.

Die Astral bricht zu ihrer 84. Mission auf.

24. August: In der Nähe von Lampedusa sollen 50 Geflüchtete in Seenot geraten sein. Die Personen sollen Alarmphone zufolge nach Lampedusa gebracht worden sein, eine offizielle Bestätigung gibt es nicht. Das Segelschiff Nadir trifft derweil auf ein kleines überfülltes Holzboot, auf dem sich 17 Personen befinden. Nachdem das Boot zu sinken droht, nimmt die Nadir die Menschen auf. Später trifft das Segelschiff auf ein weiteres stark kentergefährdetes Boot mit 14 Geflüchteten. Die Nadir bleibt in der Nähe, kann aber nicht mehr Menschen aufnehmen. Später kommt die italienische Küstenwache und rettet die 14 Personen, nimmt allerdings nicht die Geretteten von der Nadir auf. Erst einen Tag später können die Personen an Land gebracht werden.

Das Aufklärungsflugzeug von Sea-Watch, die Moonbird, entdeckt derweil elf Boote mit vielen Menschen darauf. Sea-Watch zufolge werden die Geflüchteten in einer Pullback-Aktion von der sogenannten libyschen Küstenwache eingesammelt und illegalerweise zurück nach Libyen gebracht.

Alarmphone veröffentlicht einen Vermisstenaufruf: Zwei Geflüchtete auf Jetskis, die von Marokko aus aufgebrochen sind, werden vermisst. Zwar werden auf der spanischen Seite zwei Menschen auf Jetskis aufgegriffen, allerdings ist unklar, ob es sich um dieselben Personen handelt.

„Wir sind auf dem Mittelmeer unterwegs, um Leben zu retten.“

(Caroline Willemen von Ärzte ohne Grenzen)

25. August: Zwischen Griechenland und der Türkei treiben 15 Geflüchtete auf offener See, nachdem die griechische Küstenwache sie angeblich mit Gewalt auf Rettungsfloße gezwungen und zurückgepusht hat. Nach einem Rettungsruf wurden die Geflüchteten von der türkischen Küstenwache in der Türkei an Land gebracht worden.

26. August: An der Küste einer größeren libyschen Stadt werden die Körper von acht Geflüchteten angeschwemmt. Zu welchem Boot sie gehört haben und ob es noch mehr Tote oder Überlebende gibt, ist unklar.

27. August: Das Seenot-Rettungsflugzeug Seabird entdeckt ein umgekipptes Holzboot auf hoher See. Den über Bord gegangenen Personen gelingt es selbst, das Boot wieder zu drehen. Elf davon schaffen es auch, wieder hineinzuklettern. Weitere fünf bleiben im Wasser. Als die sogenannte libysche Küstenwache eintrifft, schwimmen einige freiwillig zu ihnen. Nach einigen Stunden erreicht das Handelsschiff Asso Venticinque die Szene und beginnt mit der Rettung, übergibt allerdings auch Personen an die libysche Küstenwache, die die Geretteten zurück nach Libyen bringt. Fünf Personen werden noch vermisst, mindestens eine Person wird leblos im Wasser treibend gesichtet.

28. August: IOM Libyen gibt bekannt, dass die libysche Küstenwache allein in den vergangenen sechs Tagen mehr als 1100 Geflüchtete aus dem Wasser gezogen und zurück nach Libyen gebracht hat, wo viele von ihnen verfolgt werden. Insgesamt sind im zweiten Quarter von 2021 vier Mal so viele Geflüchtete gestorben oder verschwunden wie im Vergleichszeitraum 2020.

28. August: Die Astral hilft in vier Einsätzen mehr als 100 Geflüchteten südlich von Lampedusa. Die italienische Küstenwache bringt sie an Land.

29. August: Vor der Küste Italiens werden 539 Geflüchtete von einem einzigen Boot gerettet und von der italienischen Küstenwache auf die Insel Lampedusa gebracht. In einem Medienbericht heißt es, dass mindestens 20 Personen Narben von Folter tragen würden.

30. August: 105 Personen geraten südwestlich einer nicht genau benannten griechischen Insel in Seenot. Der Motor des Bootes fällt aus, außerdem läuft Wasser ein. Ein Handelsschiff und ein Schiff der griechischen Küstenwache erreichen die Szene, starten aber nicht mit der Rettung.

Etwa 100 Menschen landen mit ihrem Boot auf der gleichen Insel, es soll sich Alarmphone zufolge dabei jedoch um eine andere Gruppe handeln. Was mit den 105 Personen in Seenot passiert ist, ist unklar.

31. August: Ein kleines Boot vor der libyschen Küste, auf dem sich neun Personen befinden sollen, hat Probleme mit seinem Motor, ein Notruf wird geschickt. Das Boot wird nie gefunden. Drei der Passagiere waren Kinder.

September

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 39
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 380

3. September: Die Sea-Eye 4 rettet bei starkem Wind im zentralen Mittelmeer 29 Menschen, die sich auf der Flucht aus Libyen an Bord eines kleinen Holzbootes befanden. Unter ihnen sind zwei Schwangere und vier Babys. Drei Tage später dürfen alle 29 Überlebenden in Italien an Land.

4. September: Eine Mission geht zu Ende: Die Astral läuft in Syrakus, Sizilien, in den Hafen ein. In den vergangenen Tagen hat das Team geholfen, 212 Leben zu retten.

5. September: In der ägäischen See geraten 85 Geflüchtete in der Nähe einer kleineren griechischen Insel in Seenot. Die griechische Küstenwache gibt an, das Boot nicht gefunden zu haben, Kontakt kann kein weiteres Mal hergestellt werden.

6. September: Ein Boot mit etwa neun Geflüchteten, die von Algerien Richtung Italien aufgebrochen sind, hat Motorprobleme. Unter den Insassinnen und Insassen sollen Frauen und Babys sein. Die algerische Küstenwache sucht vergeblich nach den Vermissten.

9. September: Vor der Küste Tunesiens treibt ein Boot mit etwa 60 Personen. Angehörigen auf dem Festland zufolge wurden die tunesischen Behörden bereits am Morgen informiert, passiert ist daraufhin allerdings nichts.

7. September: Nach kurzer Pause bricht die Astral auf eine weitere Mission auf.

8.September: Das Segelschiff Astral trifft auf ein überfülltes Boot mit 14 Geflüchteten, das bereits seit drei Tagen unterwegs ist. Die Astral bleibt bei den Menschen, bis die italienische Küstenwache kommt und die Menschen rettet.

10. September: Die 60 Personen werden gerettet. In der Nähe gerät ein weiteres Boot in Seenot, auf ihm befinden sich 90 Menschen. Die tunesische Küstenwache rettet diese Geflüchteten und bringt sie zurück an Land.

12. September: 20 Personen treiben auf einem Boot zwischen Marokko und Spanien. Die Behörden werden informiert, die Geflüchteten berichten, dass sich ihnen ein orangefarbenes Boot nähert. Dann bricht der Kontakt ab.

13. September: Fischer in Tunesien protestieren derweil gegen die sogenannte libysche Küstenwache, die in tunesischen Gewässern eine bewaffnete Gefahr darstelle, und der vorgeworfen wird, dort Piraterie zu betreiben.

Die Astral muss ihre Rettungsmission wegen einer Panne abbrechen. Insgesamt hat die Crew 89 Menschen unterstützt, sicheres Land zu erreichen.

16. September: 45 Menschen geraten in der maltesischen Rettungszone in Seenot. Die Behörden reagieren erst nach Stunden. Es wird vermutet, dass die italienische Küstenwache die Geflüchteten aufsammelt, allerdings wird dies nicht offiziell bestätigt.

17. September: In der Nähe der griechischen Insel Kythira leckt ein Boot mit 45 Geflüchteten. Den Insassinnen und Insassen zufolge soll die griechische Küstenwache vor Ort sein, näheres ist nicht bekannt.

„Ohne die Präsenz ziviler Organisationen würden wir wohl noch weit mehr Tote beklagen.“

(Adriana Lamar Finkel, Sprecherin von RESQSHIP)

18. September: Knapp 30 Seemeilen vor der libyschen Küste gerät ein Holzschiff in Seenot, darauf 25 Personen, darunter auch Kinder und ein Baby. Das Boot wird vom Rettungs-Flugzeug Seabird gefunden, die Ocean Viking rettet die Geflüchteten daraufhin.

19. September: Die Ocean Viking nimmt bei einer weiteren Rettungsaktion 33 weitere Menschen an Bord, darunter mehr als ein Dutzend Kinder.

In einer nächtlichen Aktion rettet das Schiff 58 weitere Menschen, die eng gedrängt in einem kleinen Holzboot sitzen, die Crew der Nadir hilft dabei. Später folgten 13 weitere, davon ist ein Mann so geschwächt, dass er mit einer Trage auf die Ocean Viking transportiert werden muss.

In der Nähe von Santorini sind 65 Personen auf einem Segelschiff in Not: Auch hier soll sich ein Schiff der griechischen Küstenwache genähert haben. Der Ausgang ist unklar.

20. September: Auf der Ocean Viking befinden sich insgesamt 129 Gerettete. Zwei davon werden an diesem Tag zusammen mit insgesamt vier Angehörigen von der italienischen Küstenwache evakuiert, weil sie chronische Krankheiten haben, die dringend eine medizinische Behandlung benötigen. Die restlichen 123 Geflüchteten verbleiben vorerst auf der Ocean Viking, darunter ein Baby, das keinen Monat alt ist.

21. September: 55 Leben sind in Gefahr: Auf dem Weg nach Italien geht der Motor eines Bootes kaputt, das Boot treibt ziellos auf dem Meer. Vermutlich wurden die Geflüchteten nach Italien gerettet.

Gleichzeitig sind in der Nähe der griechischen Insel Rhodos 20 Personen in Gefahr zu ertrinken. Die griechische Küstenwache wird informiert.

23. September: Zwischen Italien und Griechenland geht der Motor eines Bootes kaputt, auf dem sich 130 Personen befinden. Die große Gruppe war zu dem Zeitpunkt schon vier Tage auf hoher See unterwegs. Alarmphone informiert die griechische Küstenwache, allerdings ist es für mehrere Stunden nicht mehr möglich, die Gruppe zu kontaktieren. Später heißt es, dass die Menschen von einem Öltanker gerettet worden seien, der sie auf eine griechische Insel gebracht habe. Bei dem Versuch, die Menschen auf das Schiff zu transportieren, ist Berichten zufolge jedoch eine schwangere Frau ins Wasser gefallen und gestorben.

Derweil wird den mehr als 120 Geretteten auf der Ocean Viking endlich ein Hafen zugewiesen: Augusta, Sizilien.

24. September: Die italienische Küstenwache rettet 26 Personen von einem kleinen Holzschiff. Zuerst war die Ocean Viking, die gerade Sizilien ansteuerte, vor Ort, um erste Hilfe zu leisten.

26. September: Zwischen Algerien und Italien geraten neun Menschen in Seenot, die Sardinien als Ziel angesteuert hatten. Der Ausgang ist unklar.

27. September: Ein Gummiboot mit mehr als 70 Personen an Bord beginnt mit Wasser vollzulaufen. Die Gruppe befindet sich in der Nähe von Malta und ist seit mehr als zwei Tagen auf dem Meer unterwegs. Der Kontakt zu den Menschen geht jedoch verloren. Der Ausgang ist unklar.

28. September: Auf derselben Route sind 27 Leben in Gefahr. Die Gruppe ist zu dem Zeitpunkt schon seit zwei Tagen unterwegs. Das Wetter spitzt die Lage noch zu, die Behörden werden informiert. Allerdings ist unklar, wie es mit den Menschen weiterging.

Am selben Tag erreichen einige Boote Lampedusa, insgesamt transportieren sie mehr als 800 Personen. Allein auf dem größten Schiff – ein völlig überfülltes altes Fischerboot – befinden sich 686 Menschen.

29. September: In der Nähe von Lampedusa geraten 120 Personen in Seenot. Wie sich die Lage entwickelt hat, ist unklar.

30. September: Domenico Lucano, ein Ex-Bürgermeister eines italienischen Integrationsdorfes, wird unter anderem wegen Beihilfe zu illegaler Migration zu 13 Jahren Haft verurteilt.

Oktober

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 138
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 960

2. Oktober: Nachdem 70 Menschen in Seenot geraten sind, werden sie von dem kommerziellen Schiff Asso29 an Bord genommen und mutmaßlich auf Lampedusa abgesetzt. Offenbar hatte das Beobachtungsflugzeug Seabird die Gruppe zuvor auf dem Wasser erspäht, und Sea-Watch die Besatzung der Asso29 überzeugt, die Menschen zu retten.

3. Oktober: Es wird befürchtet, dass mehr als 40 Geflüchtete vor der Küste Libyens ertrunken sind. Nur zwei der Körper können geborgen werden, der Rest gilt offiziell als vermisst. 89 weitere Menschen überleben das Unglück und werden zurück nach Tripolis in Libyen gebracht.

4. Oktober: 49 Personen treiben ohne Motor auf dem Wasser in der Rettungszone von Malta. Alarmphone informiert die Behörden, was daraufhin geschieht, ist unklar, der Kontakt geht verloren.

5. Oktober: In der Nähe einer Ölplattform sind 31 Menschen in Not, darunter zwölf Kinder unter zwölf Jahren. Obwohl sich mindestens zwei Handelsschiffe in der Nähe befinden, wird die Gruppe am Schluss von der sogenannten libyschen Küstenwache aus dem Wasser geholt, und zurück nach Libyen gebracht – das Land, aus dem sie versuchen zu fliehen.

Am Nachmittag entdeckt die Seabird ein Gummiboot mit etwa 60 Geflüchteten. Weil die Wellen immer höher werden, informiert Sea-Watch die italienischen und maltesischen Behörden. Die italienischen Seite antwortet, dass die Mail erhalten worden sei.

6. Oktober: Die Nadir ist wieder im Mittelmeer unterwegs. Nach nicht einmal 24 Stunden entdeckt die Besatzung ein kleines überfülltes Boot, das nicht mehr manövrierbar ist. An Bord befinden sich etwa 39 Menschen. Obwohl die Nadir selbst nur ein kleines Segelboot ist, werden die Geflüchteten aufgenommen, darunter eine bewusstlose Frau und ein Baby. Nach einigem Warten darf die Nadir schließlich den Hafen von Lampedusa anlaufen.

7. Oktober: Die Open Arms, das zweite Schiff der NGO Proactiva Open Arms, bricht nach längeren Wartungsarbeiten wieder zu einer Mission ins zentrale Mittelmeer auf.

11. Oktober: In der Nähe der libyschen Küste sind 105 Personen in Seenot, darunter sollen auch schwangere Frauen und mindestens zehn Kinder sein. Alarmphone informiert die Behörden. Stunden vergehen, die Situation verschlimmert sich. Erst zehn Stunden, nachdem den libyschen Behörden gemeldet wurde, dass Menschen Gefahr sind, werden die Menschen von der sogenannten libysche Küstenwache an Bord genommen – trotz der Nähe zur Küste. 15 Menschen sind tot. Später veröffentlicht die Nachrichtenplattform The Libya Observer Videomaterial, wie einige Geflüchtete Menschen aus dem Untergeschoss ihres Fluchtbootes ziehen, die tot oder nicht bei Bewusstsein sind. Es wird vermutet, dass am Unterdeck des Bootes Gase ausgetreten sind, und die Menschen erstickt. Das Videomaterial soll aber von einem anderen Boot aus aufgenommen worden sein – und zwar vom Deck der sogenannten libyschen Küstenwache. Damit ist das Video laut Alarmphone ein Beweis, dass die Küstenwache zwar vor Ort war, aber nicht sofort geholfen hat.

12. Oktober: Im Seerettungsgebiet bei Malta sind etwa 70 Geflüchtete in großer Not. Es gibt Telefonkontakt und die Menschen berichten von starken Winden und sehr hohen Wellen. Erst fünf Stunden später gibt es ein Update: Unter diesen schwierigen Umständen auf hoher See bringt eine Frau ein Baby zur Welt. Die Menschen an Bord versuchen, das Neugeborene vor dem Wasser zu schützen, das in das Boot eintritt. Stunden später werden die Geflüchteten von der sogenannten libyschen Küstenwache aufgegriffen.

13. Oktober: 97 Personen sind etwa 30 Kilometer vor einer tunesischen Inselgruppe in Seenot: Das Boot leckt und läuft in Gefahr zu kippen. Es kann keine GPS-Position weitergegeben werden. Ausgang unklar.

Auch vor der griechischen Insel Korfu werden 65 Menschen vermisst. Die griechische Küstenwache bestätigt, von zwei Booten eines gefunden zu haben. Allerdings wird nicht angegeben, ob und wie viele Menschen gerettet werden.

14. Oktober: Zum ersten Mal verurteilt ein Gericht den Kapitän eines italienischen Handelsschiffes, weil er 101 Menschen auf der Flucht zurück nach Libyen brachte. Der Mann muss für ein Jahr ins Gefängnis.

16. Oktober: Ein Schiff der marokkanischen Marine trifft auf ein Geflüchtetenboot in der Nähe der Küste. Alarmphone zufolge fährt das Schiff zu nah an das kleinere Boot heran und destabilisiert es. Unter den Menschen an Bord bricht Panik aus. Viele schaffen es, an die Küste zurückzuschwimmen. Ein paar Stunden später wird jedoch der Körper einer toten Person angespült.

Die Aita Mari bricht zu ihrer neuen Mission im zentralen Mittelmeer auf.

17. Oktober: Vor Tunesien kommt es zu einer Tragödie: Ein Schiff mit 31 Personen darauf sinkt. Nur sieben können gerettet, und nur zwei Tote geborgen werden. Die Angehörigen der 22 restlichen Geflüchteten können die Körper ihre Familienmitglieder nicht bestatten.

An anderer Stelle nimmt das kleine Segelschiff Nadir, das normalerweise nur erste Hilfe leistet, 34 Menschen auf, darunter eine Frau im achten Monat ihrer Schwangerschaft und 16 kleine Kinder. Das Wetter wird schlechter. Es dauert mehr als einen Tag, bis sich ein EU-Staat bereit erklärt, die Menschen bei sich an Land zu lassen.

Die Sea-Watch 3 erreicht die Such- und Rettungszone. Wenig später hat sie ihren ersten Einsatz: 66 Personen werden gerettet: Alle Personen, unter ihnen viele Kinder, werden an Bord geholt und medizinisch versorgt. Wenige Stunden später werden 54 weitere Menschen von einem Schlauchboot gerettet. Bereits am ersten Tag sind damit 120 Überlebende an Bord. Die Crew der Seabird wird derweil Zeuge zweier illegaler Pullbacks durch die sogenannte libysche Küstenwache.

18. Oktober: Zwei weitere große Rettungseinsätzen für die Sea-Watch 3: Innerhalb kürzester Zeit nimmt das Schiff 292 Personen auf. Auf das letzte Boot, das bereits im Begriff war zu sinken, wird die Sea-Watch 3 durch das Erkundsflugzeug Seabird aufmerksam gemacht. Viele der nun insgesamt 412 Überlebenden brauchen dringend medizinische Versorgung.

Vor der spanischen Küste kentert derweil ein Boot mit 14 Menschen darauf. Bei einer Suchaktion können nur zwei Überlebende gefunden werden.

Vor der Küste Libyens schicken 75 Personen aus einem Gummiboot einen Rettungsruf. Alarmphone versucht mehrere Stunden staatliche Behörden davon zu überzeugen, sie zu retten. Etwa acht Stunden später verliert Alarmphone den Kontakt zu den Menschen. Ihr Schicksal ist ungewiss.

Das Aufklärungsflugzeug Seabird beobachtet, wie ein Boot mit etwa 80 Menschen auf der Flucht von der sogenannten libyschen Küstenwache mit voller Geschwindigkeit gerammt wird.

An einer anderen Stelle vor der libyschen Küste werden 20 Personen von der sogenannten libyschen Küstenwache aus dem Wasser gerettet.

Die Rise Above der NGO Mission Lifeline läuft zu ihrer ersten Mission aus.

Die Open Arms muss ihre Mission abbrechen. Eigenen Angaben zufolge ist der Grund, dass das Schiff in Frankreich keinen Hafen anlaufen durfte, wo eigentlich die Crew hätte gewechselt werden sollen.

21. Oktober: Vor der italienischen Küste bei Kalabrien ist eine Gruppe von 27 Personen in Not, darunter ein Baby in einem schlechten Gesundheitszustand. Ausgang ungewiss.

22. Oktober: Ein Boot mit 90 Personen schickt aus der Nähe einer griechischen Insel ein SOS-Signal. Alarmphone informiert die Behörden, erhält allerdings keine Antwort, ob die Geflüchteten gerettet werden. Am Ende ist die Gruppe nicht mehr erreichbar.

Vor der Küste Libyens sind 52 Personen in Not. Das Wetter wird schlechter, drei Stunden sind sie nicht erreichbar. Später heißt es, die libysche Küstenwache habe die Geflüchteten in einer Pullback-Aktion zurück nach Libyen gebracht, von wo aus die Gruppe gestartet war.

23. Oktober: Die Sea-Watch 3 darf nach mehreren Tagen mit Hunderten Überlebenden an Bord endlich einen Hafen anlaufen: Pozzallo. Die 406 Menschen an Bord sind durch Sturm und Seekrankheit noch erschöpft. Bis die letzten Menschen an Land gehen dürfen, dauert es aber noch zwei Tage. Derweil warten die 105 Menschen an Bord der Aita Mari nun schon den vierten Tag auf einen sicheren Hafen.

24. Oktober: Im zentralen Mittelmeer sind 71 Menschen in großer Gefahr: Das Gummiboot, in dem sie sitzen, verliert Luft. Elf Stunden, nachdem die Behörden informiert worden sind, sind die Geflüchteten immer noch auf hoher See, der Wind braust mit 25 Knoten, die Wellen sind drei Meter hoch. Nach mehreren Stunden erreicht das NGO-Schiff Geo Barents die Menschen und schafft es, trotz der schwierigen Wetterbedingungen alle Personen zu retten. Die Geo Barents hat damit 367 Geflüchtete an Bord, fast die Hälfte von ihnen ist minderjährig.

Am selben Tag schicken noch 68 weitere Menschen ein Signal, dass sie Hilfe brauchen. Wieder ist stundenlang unklar, was aus der Gruppe geworden ist. Am Ende sollen sie nach Lampedusa gerettet worden sein. Die Behörden bestätigen das nicht.

25. Oktober: Die Aita Mari darf in Trapani anlegen, und die 105 Überlebenden können endlich Festland betreten.

26. Oktober: In der Nähe einer griechischen Insel kommt es zu einem Unglück: 21 Geflüchtete können zwar gerettet werden, aber für mindestens drei Menschen kommt die Hilfe zu spät. Die meisten davon sollen Kinder gewesen sein.

29. Oktober: Ein großer Pushback-Versuch der griechischen Regierung: Der Motor eines völlig überfüllten Schiff mit 400 Personen darauf fällt in der Nähe Kretas aus. Nachdem die Menschen, die in Seenot ziellos auf dem Meer trieben, die 112 gewählt haben, kommt ein Schiff der griechischen Küstenwache und zieht das Schiff der Geflüchteten zurück in Internationale Gewässer. Dort sollen die griechischen Behörden die Türkei aufgefordert haben, die Menschen zurückzunehmen. Nachdem der Aegean Boat Report über GPS-Daten beweisen kann, dass die Geflüchteten im griechischen Bereich aufgesammelt wurden, zieht die griechische Küstenwache die Menschen in ihrem Schiff mehrere Tage lang durch die Gegend, ohne an einem Hafen anzulegen oder sie zu versorgen. Am Ende der viertägigen Reise ist mindestens ein Mensch bewusstlos, mehrere Geflüchtete sollen auf dem Boot versucht haben, Suizid zu begehen. Einen genauen Bericht kann man hier nachlesen.

31. Oktober: In der Nähe von Zypern geraten sechs Personen in Seenot. Später wird bekannt, dass sie von der Küstenwache gerettet wurden.

November

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 100
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 1960

2. November: Etwa 100 Personen in einem Holzboot sind in Gefahr, als das Boot anfängt zu lecken. Nach mehreren Stunden wird bekannt, dass die Menschen nach Lampedusa gerettet werden konnten.

Bei Malta schicken 72 Personen Hilferufe aus. Das Wetter ist sehr schlecht, die Menschen in dem Holzboot haben große Angst. Am nächsten Morgen werden sie von der Sea-Eye 4 gerettet. Es ist bereits die sechste Rettung innerhalb von 48 Stunden für das Schiff der NGO. Es befinden sich damit schon 397 gerettete Geflüchtete an Bord.

Ein Schlauchboot mit 94 Menschen darin verliert Luft. Alle 94 können von der Ocean Viking gerettet werden, und befinden sich dort sicher an Bord. In der Nacht zuvor hatte das Schiff von SOS Méditerranée bereits 44 Menschen in der Dunkelheit auf einem kleinen Boot entdeckt und zu sich an Bord geholt.

3. November: Mehr als 400 Menschen sind in großer Gefahr. Ihr doppelstöckiges Holzboot treibt ziellos umher, außerdem tritt Wasser ein. Alarmphone berichtet, dass die Menschen an Bord in Panik verfallen. Die maltesische Küstenwache reagiert nicht auf den Hinweis, dass Menschenleben gefährdet sind, obwohl sich das Boot in der maltesischen Such- und Rettungszone befindet. Die Sea-Eye 4 erreicht die Szenerie, als sich bereits Menschen ohne Rettungswesten im Wasser befinden. Noch auf dem Weg zum Hauptschiff muss eine Person reanimiert werden, es überleben aber alle Geflüchteten. Unterstützt wird das Team der Sea-Eye 4 von dem Team der Rise Above. Auf der Sea-Eye 4 befinden sich nun mehr als 800 Personen. Wenig später erreicht die Ocean Viking die Szene und unterstützt die Sea-Eye 4 mit Lebensmittel.

Die Ocean Viking rettet 106 Menschen von einem überbesetzten Holzboot, das in internationalen Gewässern vor Libyen in Seenot geraten war.

Einer Gruppe von 200 anderen Menschen wird nicht geholfen. Der letzte Kontakt zu der Gruppe war zwölf Stunden zuvor, die Behörden wurden informiert. Allerdings weiß man nicht, was mit den Geflüchteten passiert.

85 weitere Menschen werden von einem Handelsschiff aufgenommen, allerdings werden sie in Tunesien und nicht in einem EU-Land abgeliefert.

4. November: Die Ocean Viking rettet in Dunkelheit und rauer See 69 Geflüchtete, darunter viele Frauen und Minderjährige. Damit befinden sich 314 Menschen an Bord.

5. November: Zwischen Griechenland und der Türkei kommt es zu einem Schiffbruch, die türkische Küstenwache rettet sieben Personen, die Körper der restlichen drei Menschen werden nicht mehr gefunden.

Die Sea-Eye 4 wartet mit mehr als 800 Geflüchteten immer noch darauf, einen Hafen anfahren zu dürfen.

6. November: 14 Menschen treiben ziellos in der maltesischen Rettungszone. Die Gruppe, die von Libyen aus losgefahren ist, ist bereits seit fünf Tagen auf hoher See. Am Ende werden die Menschen nach Sizilien gerettet.

7. November: 31 Menschen sind in Seenot, darunter 15 Kinder. Der Kontakt bricht ab, erst drei Tage später wird klar, dass die gesamte Gruppe nach Zypern gerettet wurde.

Die Crew des Erkundungsflugzeugs Seabird berichtet, dass sich ein Holzboot mit etwa 350 Menschen in Seenot in der Nähe mehrerer Handelsschiffe befindet. Sie versuchen, Handelsschiffe und ihre Reedereien zu kontaktieren, doch keines greift ein. Die Menschen auf dem Boot schaffen es schließlich ohne Hilfe, auf Lampedusa zu landen.

Außerdem geht ein besonderer Rettungseinsatz zu Ende: Die Sea-Eye 4 darf den Hafen des sizilischen Trapani anlaufen, und die mehr als 800 Überlebenden können nun nach einer langen und beschwerlichen Flucht ein sicheres EU-Land betreten. Alle werden negativ auf das Coronavirus getestet.

9. November: 48 Menschen treiben bei Malta. An Bord sind auch Personen, die nicht schwimmen können, Wasser tritt in das Boot ein. Die italienische Küstenwache ist informiert, aber reagiert nicht. Das Schicksal dieser Gruppe ist unklar.

Die Ocean Viking sucht derweil immer noch nach einem sicheren Hafen für die Geflüchteten und die Crew an Bord. Innerhalb der Woche sind bereits neun Häfen angefunkt worden, aber bisher müssen die 306 Überlebenden auf dem Schiff ausharren – auch bei Regen.

11. November: Etwa 70 Menschen sind vor Libyen in Gefahr, weil das Wetter sich rapide verschlechtert. Später wird klar, dass die sogenannte libysche Küstenwache die Gruppe aufgegriffen und zurück nach Libyen gebracht hat.

12. November: Nach einer stürmischen Nacht, in der das Deck von vier Meter hohen Wellen überflutet wurde, können die verbliebenen 306 Geflüchteten, die noch auf der Ocean Viking verblieben waren, das Schiff der NGO endlich verlassen und auf Sizilien EU-Boden betreten. In den Tagen zuvor wurden vereinzelt Menschen, deren Gesundheitszustand kritisch war, von der italienischen Küstenwache abgeholt.

13. November: Etwa 14 Menschen in einem Holzboot sind in der maltesischen Rettungszone. Das Segelschiff Nadir gibt Schwimmwesten aus, alarmiert Behörden und begleitet die Menschen bis in die italienische Rettungszone. Dort reagieren die Behörden: Die italienische Küstenwache greift die Geflüchteten auf.

14. November: Die Nadir trifft auf ein überfülltes Holzboot mit etwa 95 Menschen, die seit zwei Tagen unterwegs waren. Die Crew leistet erste Hilfe und informiert die Behörden. Am Abend kommt die italienische Küstenwache und nimmt die Menschen bei sich auf.

Die Astral bricht zu einer neuen Mission auf.

15. November: Vor der Küste Libyens geraten 62 Menschen in Seenot, ihr Boot zerbricht, Wasser tritt ein. Am nächsten Tag wird bekannt, dass die Geo Barents die Geflüchteten in einer Nacht-Aktion retten konnte.

16. November: 30 Kilometer vor der libyschen Küste rettet die Geo Barents 99 Menschen von einem überfüllten Holzboot. Unter den Menschen liegen zehn Leichen von Personen, die in der Menge erstickt sind. Das Boot war mindestens zehn Stunden unterwegs. Unter den Überlebenden sind auch Kinder, alle sind schwer traumatisiert. Mit den Neu-Geretteten sind nun 186 Geflüchtete auf dem Schiff der NGO.

17. November: Etwa 75 Menschen ertrinken vor der Küste Libyens. Fischer können nur noch 15 Personen aus dem Wasser retten, die Körper der restlichen Geflüchteten sind nicht mehr auffindbar, die genaue Anzahl der Toten unklar.

18. November: Das Erkundungsflugzeug Seabird findet in der maltesischen Rettungszone ein Boot mit etwa 75 Geflüchteten. Zwei Tage später wird bekannt, dass die Gruppe nach vier Tagen ohne Wasser und Essen von einem Schiff der Mediterranean Hope nach Lampedusa gerettet wurde.

Auf Lesbos beginnt der Prozess gegen Sarah Mardini und 23 weitere Helferinnen und Helfer. Die Staatsanwaltschaft fordert 25 Jahre Haft für die Menschenrechtsaktivistinnen und -aktivisten, die im Mittelmeer Geflüchtete retten.

Die Crew der Sea-Watch 4 erreicht in ihrem neuen Einsatz internationale Gewässer. Noch am selben Tag rettet sie 90 Menschen aus einem Schlauchboot, darunter Frauen, Kinder und Schwangere. Gesichtet hatte das Boot die Seabird. Am selben Ort kreuzte das Schiff den Weg der sogenannten libysche Küstenwache, die zuvor schon eine andere Gruppe Geflüchteter illegal abgefangen hat. Sechs Geflüchtete springen panisch von dem Patrouillenboot und können von der Sea-Watch 4 aus dem Wasser gerettet werden.

Sea-Watch veröffentlicht derweil Audiomaterial, in dem offenbar zu hören ist, wie die sogenannte libysche Küstenwache die Crew der Sea-Watch 4 bedroht.

Später am Tag rettet die Sea-Watch 4 noch 24 weitere Menschen.

19. November: Die Open Arms bricht zu einer neuen Mission auf.

20. November: Die Sea-Watch 4 rettet 73 Geflüchtete aus einem nicht-seefesten Boot, darunter mehrere schwangere Frauen. Somit befinden sich 193 Menschen auf dem Schiff.

In der Nähe von Kreta geraten etwa 70 Menschen mit ihrem Segelschiff in Seenot. Der Motor ist nicht mehr funktionstüchtig, die Wellen werden hoch. Am nächsten Tag meldet Alarmphone, dass das Schiff wohl gesunken sei und die Menschen von einem Frachter gerettet worden seien. Allerdings werde eine Person vermisst.

21. November: Vier verschiedene Gruppen sind in der maltesischen Rettungszone in schwierigen Situationen: Etwa 35 Personen ist das Benzin ist ausgegangen, sie treiben ziellos im Meer. Essen und Trinken haben sie nicht an Bord. 92 weitere Geflüchtete sitzen ebenfalls auf hoher See fest. 60 Personen haben immerhin noch ein bewegungsfähiges Boot. Im vierten sollen noch einmal zwischen 17 und 60 Personen auf hoher See ohne Motor festsitzen. Die einmal 60 und einmal 35 Personen sollen nach Italien gerettet worden sein, das Schicksal der beiden anderen Boote ist unklar.

Die Crew der Sea-Watch 4 rettet derweil 102 weitere Personen von einem überfüllten Schlauchboot. Später nehmen sie noch einmal 73 Personen auf: Mit ihnen befinden sich nun 368 Geflüchtete an Bord des Schiffes.

Die Astral assistiert zwei überfüllten Booten mit insgesamt 130 Personen an Bord, bis die Behörden auftauchen.

22. November: 22 Geflüchtete, die zwei Tage zuvor von Tunesien aus aufgebrochen sind, werden vermisst. Die Angehörigen haben seit einem Tag keinen Kontakt mehr zur Gruppe. Ihr Schicksal ist ungewiss.

„Wir fordern von der neuen Bundesregierung: Schafft sichere Fluchtwege. Unterstützt und entkriminalisiert die Seenotrettung.“

(Gorden Isler, Vorsitzender von Sea-Eye)

Die Sea-Watch 4 rettet 107 Menschen von einem kleinen Holzboot in Seenot. Darunter ist auch ein Neugeborenes, das die Mutter wohl in dem überfüllten Boot auf hoher See zur Welt gebracht hat. Mutter, Kind und fünf weitere Personen werden kurz darauf aus medizinischen Gründen von der italienischen Küstenwache abgeholt, die restlichen 475 Überlebenden verbleiben auf dem Schiff der NGO, das nun einen sicheren Hafen braucht.

Das Aufklärungsflugzeug Seabird findet in der maltesischen Rettungszone ein kleines Boot mit 40 Personen darauf. Sea-Watch setzt einen Notruf ab, und darauf scheint es, dass das Handelsschiff Asso29 sich auf den Weg zu den Menschen macht. Allerdings ist das große Schiff sehr langsam.

24. November: Ein völlig überfülltes Schiff mit 487 Menschen darauf sendet aus internationalen Gewässern SOS-Signale. In das Boot läuft Wasser. Im Laufe der nächsten beiden Tage versuchen Aktivistinnen und Aktivisten, die EU und andere Länder zum Eingreifen zu bewegen. Die Menschen auf dem langsam auseinanderbrechenden Boot haben massive Angst. Sie berichten, dass drei Personen auf dem Boot bereits gestorben seien. Am 26. November greift schließlich die tunesische Küstenwache ein und rettet die Menschen. Tote habe es keine gegeben.

Derweil kommt es zwischen Libyen und Malta zu einem weiteren Vorfall: Alarmphone zufolge schießt die sogenannte libysche Küstenwache auf ein Boot, in dem sich 85 Personen befinden. Obwohl das Schiff sich am Ende in der maltesischen Rettungszone befinden soll, greift die Wache die Personen auf und bringt sie zurück nach Libyen. Das wäre ein illegaler Pullback.

Die neue Ampelkoalition will eine europäische Koalition der aufnahmebereiten Mitgliedstaaten schmieden. Frontex soll „auf Grundlage der Menschenrechte“ zu einer echten EU-Grenzschutzagentur weiterentwickelt werden. Sie soll sich bei der Seenotrettung aktiv beteiligen. „Die zivile Seenotrettung darf nicht behindert werden. Wir streben eine staatlich koordinierte und europäisch getragene Seenotrettung im Mittelmeer an“, so steht es im neuen Koalitionsvertrag.

26. November: Der Sea-Watch 4 und den 461 Überlebenden an Bord wird ein sicherer Hafen zugewiesen: das sizilianische Augusta. Bis alle Geflüchteten das Schiff verlassen haben, dauert es zwei Tage. Sea-Watch moniert, dass die Menschen so lange an Bord in Kälte und Regen frieren und nicht ausreichend versorgt werden können. Tags zuvor war bekannt geworden, dass vier Menschen an Bord das Bewusstsein verloren hatten.

27. November: Vor Kalabrien bahnt sich eine Katastrophe an: Ein Boot mit etwa 200 Personen an Bord gerät 81 Seemeilen vor der italienischen Küste in einen Sturm. Unter den Geflüchteten sind auch 15 Kinder, ein weiteres wird auf dem Boot geboren. Tags darauf wird die Gruppe von der italienischen Küstenwache gerettet.

29. November: Der Europäische Gerichtshof verhandelt über die Festsetzung von Seenotrettungsschiffen in Italien. Das Regionale Verwaltungsgericht Sizilien hatte den EuGH um eine Auslegung der Richtlinie über die Hafenstaatkontrolle gebeten. Geklärt werden soll, welche Befugnisse die italienischen Behörden bei der Kontrolle von Schiffen haben und welche Voraussetzungen die Schiffe der Hilfsorganisation erfüllen müssen. Sea-Watch hatte geklagt, nachdem 2020 italienische Behörden die Schiffe Sea-Watch 3 und Sea-Watch 4 auf Sizilien wegen angeblicher Mängel festgesetzt hatten. Die Schiffe sind in Deutschland registriert und als Mehrzweckschiffe zertifiziert. Nach Ansicht der italienischen Behörden fehlen dafür ein passendes Zertifikat und die Ausstattung wie beispielsweise Duschen oder Toiletten. Nach Einschätzung von Sea-Watch führen die Behörden diese Gründe nur an, um Schiffe von Nichtregierungsorganisationen von Rettungseinsätzen abzuhalten. Eine Entscheidung steht noch aus.

Dezember

​​Von der IOM registrierte Todesfälle im Mittelmeer: 203
Ungefähre Anzahl der von NGOs geretteten Menschen: 1070

7. Dezember: Mehr als 63 000 Migrantinnen und Migranten sind in diesem Jahr über das Mittelmeer nach Italien gelangt. Das sind doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Italien will die Kooperation mit Libyen weiter ausbauen.

10. Dezember: Seit mehr als neun Wochen protestieren Geflüchtete in Libyen vor dem UN-Gebäude in Tripolis.

11. Dezember: Die Sea-Eye 4 läuft zu ihrer Weihnachtsmission aus.

15. Dezember: Die Rise Above läuft zu einer neuen Mission aus.

16. Dezember: 114 Menschen sind vor der libyschen Küste mit ihrem Gummiboot in Seenot. Die Ocean Viking rettet alle, darunter Frauen und Neugeborene, das jüngste ist gerade einmal elf Tage alt.

Die Sea-Eye 4 rettet derweil in zwei Einsätzen 126 Personen. Die beiden Boote waren zuvor von der Skybird erspäht worden.

Derweil beobachtet ein Erkundungsflugzeug von Sea-Watch, wie zwei Boote mit etwa 100 Geflüchteten darauf von der sogenannten libyschen Küstenwache mit gefährlichen Schiffsmanövern aufgehalten und abgefangen werden.

17. Dezember: Die Geo Barents rettet 49 Personen, darunter auch Frauen und Kinder, die zu dem Zeitpunkt schon länger draußen in der Kälte waren.

18. Dezember: Alarmphone twittert, dass die Organisation in den vergangenen Tagen, in denen das Mittelmeer eher ruhig war, mit etwa 600 Menschen in Seenot in Kontakt war, die versuchten, aus Libyen zu fliehen. Die Personen waren auf insgesamt wohl neun Booten unterwegs. Vier davon sind von der sogenannten zivilen Flotte, also Schiffen von NGOs, gerettet worden, zwei wurden von der sogenannten libyschen Küstenwache abgefangen. Eines endete in Tunesien und eines schaffte es selbständig nach Lampedusa. Zu einem Schiff verlor Alarmphone den Kontakt, was aus den Menschen auf dem Boot wurde, ist unklar.

Bei einer Rettungsaktion vor Lampedusa kippt ein Boot um, eine Frau ertrinkt.

Vor der Küste Tunesiens kommt es ebenfalls zu einem Schiffbruch, zwei Menschen sterben, vier weitere gelten als vermisst.

20. Dezember: Die 66 Überlebenden, die die Rise Above in den vergangenen fünf Tagen der Rettungsmission auf dem Meer gefunden hat, dürfen das Schiff von Mission Lifeline verlassen und Sizilien betreten, nachdem alle negativ auf das Coronavirus getestet worden sind.

21. Dezember: Die IOM berichtet, dass ein paar Tage zuvor zwei Schiffe mit mehr als 160 Menschen darauf gesunken sind. Etwa 60 Leichen konnten geborgen werden, der Rest gilt als vermisst. Beide Boote sollen aus Libyen aufgebrochen sein.

In der ägäischen See gerät ein Boot in Seenot. Obwohl Alarmphone die griechische Küstenwache informiert, ist unklar, wie lange es dauert, bis eine Rettungsmission losgeschickt wird. In der Zeit kippt das Boot der Rettungsbedürftigen um, nur zwölf Menschen werden noch lebend gefunden. Etwa 20 gelten als vermisst.

69 Personen können vom Team der Geo Barents aus einem Gummiboot gerettet werden. Den Sanitäterinnen und Sanitätern an Bord zufolge haben einige der Überlebenden Verletzungen an den Beinen, die wohl von Gewalt stammen.

„Die Kooperationen mit den EU-Behörden ist sehr schlecht. Zum Beispiel kriegen wir keine Infos, welche Boote und Menschen gut angekommen sind oder nicht. Wir müssen eigentlich immer informelle Kanäle anzapfen, weil die Küstenwachen uns gar nichts sagen.“

(Rubi Meier von Alarmphone)

22. Dezember: In der maltesischen Rettungszone geraten zwei Boote mit insgesamt etwa 70 Personen an Bord in Seenot. Vermutlich erreichen die Boote am Ende selbständig Lampedusa, allerdings gibt es wie so oft keine Bestätigung von den Behörden vor Ort.

27 Menschen, darunter auch kleine Kinder, geraten in eine Notsituation. Nachdem die Gruppe Alarmphone verständigt, gibt die NGO Ärzte ohne Grenzen Bescheid, die die Menschen mit der Geo Barents aufsammeln können. Zuvor rettete das Team bereits 237 Personen von drei weiteren Booten, die nun medizinisch notversorgt werden.

Die Sea-Watch 3 bricht zu einer Rettungsmission auf.

23. Dezember: In der maltesischen Rettungszone gerät ein kleines Boot mit 25 Personen an Bord in Not. Die Gruppe informiert Alarmphone, die versuchen, die Behörden und Handelsschiffe in der Nähe zu informieren. Nach 42 Stunden reagiert schließlich die italienische Küstenwache – allerdings werden die Menschen nicht mehr gefunden.

In den frühen Morgenstunden rettet das Team der Geo Barents 76 Geflüchtete von einem überfüllten Gummiboot.

24. Dezember: Zwischen der Türkei und Italien kommt es zu einem Schiffbruch. 88 Menschen sind im Wasser. Eine Rettungsmission wird losgeschickt, allerdings können nur 58 Personen gerettet werden, sechs Leichen werden geborgen. Der Rest gilt als vermisst, allerdings ist anzunehmen, dass die Menschen tot sind.

Alarmphone berichtet außerdem über einen massiven Pushback Griechenlands. Das GPS auf einem Boot mit 31 Personen konnte auf die griechische Insel Chios nachverfolgt werden. Die Personen sollen wieder auf dem Meer ausgesetzt worden sein. Die türkische Küstenwache bestätigt Alarmphone, dass sie an diesem Tag mindestens acht verschiedene Gruppen Geflüchteter aufgesammelt hätten.

Die Geo Barents rettet 100 Menschen, die sich auf einem kleinen Holzboot mit zwei Geschossen befanden. Es ist die achte Rettung des Schiffs von Ärzte ohne Grenzen bei dieser Mission. Insgesamt sind somit 558 Überlebende auf der Geo Barents.

Die Sea-Watch 3 rettet von einem überfüllten doppelstöckigen Holzboot 93 Menschen.

Die Sea-Eye 4 darf nach sieben Tagen endlich mit den 223 Überlebenden an Bord Pozzallo, also einen sicheren EU-Hafen, anlaufen. In der Zeit mussten vier medizinische Evakuierungen durchgeführt werden.

25. Dezember: Vor der Küste Kalabriens sind 108 Geflüchtete in Gefahr. Die Menschen berichten, dass ihr Schiff zerbreche. Nach vielen Stunden der Ungewissheit erreichen die Menschen wohl selbstständig das Festland.

Die Ocean Viking landet am Hafen von Trapani. Alle 114 Überlebenden können neun Tage nach ihrer Rettung EU-Land betreten.

Die Sea-Watch 3 rettet in der Nacht und in den frühen Morgenstunden insgesamt 180 Personen von zwei Booten. Damit sind auf dem NGO-Schiff 270 Überlebende.

Noch am selben Tag führt die Crew einen weiteren Einsatz durch und nimmt 78 weitere Menschen auf.

26. Dezember: Ein Boot mit etwa 30 Personen, die aus der Region um Bengasi, Libyen, aufgebrochen sind, droht zu sinken. Die Menschen sind bereits seit sechs Tagen auf hoher See, nun dringt Wasser in das Boot ein. Nach mehreren Stunden meldet Alarmphone, dass das Boot inzwischen in der maltesischen Rettungszone angekommen ist, und sich in der Nähe theoretisch sogar ein Handelsschiff aufhalten soll. Der Ausgang ist ungewiss.

Die Crew der Sea-Watch 3 rettet bei ihrem fünften Einsatz in drei Tagen 96 Geflüchtete, an Bord war auch eine hochschwangere Frau. Damit sind nun 446 Überlebende auf der Sea-Watch 3, der jüngste Mensch ist gerade einmal zwei Wochen alt.

„Corona hat für uns alles verkompliziert, weil wir viele Maßnahmen ergreifen mussten. Wir mussten unsere ganze Crew mit Schutzanzügen und Schnelltests ausstatten. Wenn wir Leute retten, müssen wir die mit Masken ausstatten und erklären, dass sie sich an bestimmte Regeln an Bord halten müssen, und dann musste die Crew natürlich nach den Missionen immer nochmal zehn Tage in Quarantäne auf dem Schiff bleiben.“

(Petra Krischok, SOS Méditerranée Deutschland)

Team

Text Magdalena Pulz, Raphael Weiss, Nadja Schlüter
Bildredaktion Federico Delfrati
Digitales Storytelling Sophie Aschenbrenner, Christian Helten