Flut in Pakistan

Warten auf das Weiterleben

Im Sommer nahm ein Rekord-Monsun Millionen Pakistanern alles. Noch immer steht das Wasser in einem Drittel des Landes. Die Menschen leben in Zelten, neben Friedhöfen, in alten Krankenhäusern. Und überall fehlt es an Hilfsgütern. Warum?

Flut in Pakistan

Warten auf das Weiterleben

Im Sommer nahm ein Rekord-Monsun Millionen Pakistanern alles. Noch immer steht das Wasser in einem Drittel des Landes. Die Menschen leben in Zelten, neben Friedhöfen, in alten Krankenhäusern. Und überall fehlt es an Hilfsgütern. Warum?

Von David Pfeifer, Karatschi
6. Oktober 2022 - 5 Min. Lesezeit

Wenn sie wenigstens vor dem Nichts stehen würden. Aber sie stehen vor einer Pfütze. Eine Pfütze fast so groß wie Deutschland. Ein Drittel von Pakistan steht weiterhin unter Wasser. Die Menschen hier können also nicht einmal anfangen, sich ihr Leben neu aufzubauen.

Die Familien aus dem Dorf Balotschabad in der Provinz Sindh zum Beispiel, die sich nun in kleinen Zeltsiedlungen am Rand der Landstraße versammelt haben, die von Karatschi an der Südküste Pakistans in Richtung Hyderabad führt.

Es herrschen etwa 34 Grad um zehn Uhr morgens, Schatten spenden die selbstgebastelten Sonnensegel, in den Notzelten ist es zu stickig.

Mansur Ali, blaues Hemd, die Füße im heißen Sand, erzählt sofort los: „Wir haben unsere Sachen gepackt, als die Flut kam, und sind gegangen, bis wir einen trockenen Platz gefunden haben.“ Sein kleines Haus, die Felder auf denen er gearbeitet hat, alles überschwemmt. 20 Kilometer ist das alles nur entfernt, aber unerreichbar, so lange das Wasser da ist.

Die Familien aus dem Dorf Balotschabad in der Provinz Sindh zum Beispiel, die sich nun in kleinen Zeltsiedlungen am Rand der Landstraße versammelt haben, die von Karatschi an der Südküste Pakistans in Richtung Hyderabad führt.

Es herrschen etwa 34 Grad um zehn Uhr morgens, Schatten spenden die selbstgebastelten Sonnensegel, in den Notzelten ist es zu stickig.

Mansur Ali, blaues Hemd, die Füße im heißen Sand, erzählt sofort los: „Wir haben unsere Sachen gepackt, als die Flut kam, und sind gegangen, bis wir einen trockenen Platz gefunden haben.“ Sein kleines Haus, die Felder auf denen er gearbeitet hat, alles überschwemmt. 20 Kilometer ist das alles nur entfernt, aber unerreichbar, so lange das Wasser da ist.

„Seit mehr als zwei Monaten sind wir hier und warten“, sagt Bigar Khan, der neben Mansur Ali steht. Sie warten auf Hilfslieferungen, auf Essen, auf Trinkwasser, aber eigentlich darauf, dass sie ihre Leben wieder anfangen können. In den Bergen in Belutschistan, da haben die Springfluten Menschen, Vieh, Häuser und Ernten weggerissen. Aber dann war das Wasser weg und sie konnten wieder von vorn anfangen. Das ist besser als das Warten in Sindh.

Mehr als 1600 Menschen sind laut offizieller Zählung der „National Disaster Management Authority“ (NDMA) durch die Flutkatastrophe in diesem Sommer gestorben, neun Millionen mussten ihre Wohnorte verlassen, über zwei Millionen Häuser wurden zerstört. 13 000 Kilometer Straßen, 440 Brücken, etliche Eisenbahnlinien und Stromleitungen sind schwer beschädigt.

Insgesamt stehen vier Millionen Hektar Ackerland unter Wasser. In der Region Sindh im Südwesten des Landes sind die Folgen des Monsuns am schlimmsten.

Satellitenbilder lassen das Ausmaß der Katastrophe erahnen. Betrachtet man etwa das Gebiet zwischen dem Hamal-See im Westen und dem Fluss Indus im Osten, sieht man Anfang August noch den regulären Stand der Wasserläufe.

Ende August ist die Fläche zu weiten Teilen überschwemmt.

Insgesamt stehen vier Millionen Hektar Ackerland unter Wasser. In der Region Sindh im Südwesten des Landes sind die Folgen des Monsuns am schlimmsten.

Satellitenbilder lassen das Ausmaß der Katastrophe erahnen. Betrachtet man etwa das Gebiet zwischen dem Hamal-See im Westen und dem Fluss Indus im Osten, sieht man Anfang August noch den regulären Stand der Wasserläufe.

Ende August ist die Fläche zu weiten Teilen überschwemmt.

Millionen von Familien sind derzeit gezwungen, in provisorischen Zelten oder Unterkünften am Straßenrand zu leben. Eine Ernte ist zerstört, die nächste wird sicher ausfallen. In einer so armen Weltgegend eine Katastrophe nach der Katastrophe.

Wie lange es noch dauern wird? Bigar Khan und Mansur Ali zucken mit den Schultern. Ihre Dorfgemeinschaft hat neben Moskito-Netzen und Notzelten auch eine provisorische Moschee in einem Zelt der UN-Flüchtlingshilfe eingerichtet. Wer einen Gebetsort baut, richtet sich für länger ein. Die Experten sagen, noch etwa zwei Monate mindestens werden sie aushalten müssen. Denn die Provinz Sindh ist flach, das viele Wasser wird nur langsam ablaufen.

Von hier aus geht es Hunderte Kilometer so weiter, in jede Richtung. Siedlungen ragen aus dem Wasser auf, Höfe, Palmen. Neben den Häusern kräuseln sich Wellen im heißen Wind.

Man fährt an geschwärzten Baumwollfeldern vorbei, von unten vergammeln die Pflanzen, von oben verdorren sie, weil auch die Hitze wieder da ist, nach den Rekordregenfällen der vergangenen Wochen.

Ein Mann mit seinem Sohn kommt in einer riesigen Pfanne angepaddelt. Was er da gerade macht? „Nach dem Haus sehen, Trinkwasser holen“, sagt er. Wie hoch das Wasser noch steht, da, wo er einmal gelebt hat? Er hält die rechte Hand flach auf Höhe des Brustbeins.

Von hier aus geht es Hunderte Kilometer so weiter, in jede Richtung. Siedlungen ragen aus dem Wasser auf, Höfe, Palmen. Neben den Häusern kräuseln sich Wellen im heißen Wind.

Man fährt an geschwärzten Baumwollfeldern vorbei, von unten vergammeln die Pflanzen, von oben verdorren sie, weil auch die Hitze wieder da ist, nach den Rekordregenfällen der vergangenen Wochen.

Ein Mann mit seinem Sohn kommt in einer riesigen Pfanne angepaddelt. Was er da gerade macht? „Nach dem Haus sehen, Trinkwasser holen“, sagt er. Wie hoch das Wasser noch steht, da, wo er einmal gelebt hat? Er hält die rechte Hand flach auf Höhe des Brustbeins.

Premierminister Shehbaz Sharif sagte am Donnerstag in einer Fernsehansprache, Pakistan dürfe nicht gezwungen werden, mit einer „Bettelschale“ zu den reichen Nationen zu gehen, die für den Großteil der CO₂-Emissionen verantwortlich sind. Pakistan verursache weniger als ein Prozent des weltweiten Kohlenstoffausstoßes.

Er werde sich bei der internationalen Gemeinschaft um „Klimagerechtigkeit“ bemühen. „Millionen von Menschen wurden vertrieben, sie sind zu Klimaflüchtlingen im eigenen Land geworden.“

Zwei Tage lang kann man in diesem Land herumfahren und sieht nur Wasser und diese Zeltsiedlungen, in denen die Frauen, Männer und Kinder Schutz gesucht haben.

In denen sie jetzt kochen, essen, spielen, warten und schlafen, während die Reifen der knallbunt bemalten Lkws ihnen den trockenen Staub und Sand der Straße unter die Zelte schleudern, Tag und Nacht.

Manche leben vorübergehend auf verlassenen Tankstellen, andere neben überschwemmten Friedhöfen. Einen Ort weiter haben Dorfbewohner in einem alten Krankenhaus Unterschlupf gefunden. Aber wohin gehen sie, wenn sie krank sind?

Zwei Tage lang kann man in diesem Land herumfahren und sieht nur Wasser und diese Zeltsiedlungen, in denen die Frauen, Männer und Kinder Schutz gesucht haben.

In denen sie jetzt kochen, essen, spielen, warten und schlafen, während die Reifen der knallbunt bemalten Lkws ihnen den trockenen Staub und Sand der Straße unter die Zelte schleudern, Tag und Nacht.

Manche leben vorübergehend auf verlassenen Tankstellen, andere neben überschwemmten Friedhöfen. Einen Ort weiter haben Dorfbewohner in einem alten Krankenhaus Unterschlupf gefunden. Aber wohin gehen sie, wenn sie krank sind?

„In die Stadt“, sagt einer der Männer. Doch auch dort sind die Krankenhäuser überlastet, selbst in der Hauptstadt Islamabad. Hier empfängt Faisal Karim Kundi, der „Special Assistant“ des Premierministers, an einem Sonntag in seinem Haus. „Politiker haben doch nie frei, schon gar nicht in solchen Zeiten.“ Bevor er nach Islamabad ging, war er Lokalpolitiker in Khyber Pakhtunkhwa, der Provinz, die neben Sindh und Belutschistan am stärksten betroffen war.

„Wir haben zwar die NDMA, aber vor Ort fehlen jetzt die Zelte, fehlt Trinkwasser, fehlt Hilfe“, sagt er. Auf die Frage, wohin das Geld gegangen ist, hebt er fragend die Handflächen nach oben. Er wüsste es auch gerne, vieles versackt wegen der Korruption.

Behörden und Militär haben viele NGOs vergrault

Auch deswegen tut sich die Regierung schwer mit der Katastrophenhilfe. Gleichzeitig gibt es zu wenige Nichtregierungsorganisationen in Pakistan, die Behörden und das Militär haben sie vergrault. Aber müsste man die nicht jetzt dringend wieder reinholen? „Sagen Sie es mir“, erwidert Faisal Karim Kundi, „Journalisten haben es ja auch schwer, reinzukommen.“

Er hofft, dass es ein Umdenken gibt, denn ohne Hilfe von außen wird diese Krise nicht zu lösen sein, diese nicht und auch nicht die nächsten. „Aber sogar jetzt, wo das Wasser noch überall steht, wird schon wieder Politik gemacht, die Hilfe aus Islamabad im Punjab blockiert.“ Im Punjab regiert die Partei von Imran Khan, dem ehemaligen Ministerpräsidenten, der im April aus dem Amt gedrängt wurde. Wenn keine Hilfe ankommt, sieht das schlecht für die Regierung aus – und Khan befindet sich bereits im Wahlkampf.

Im Distrikt Sanghar in der Region Sindh führt die Fahrt schließlich an einer Ausgabestelle der NDMA vorbei. Dicht nebeneinander geparkte Motorräder glühen in der Sonne, über Hunderte Meter. Schlammverkrustete und schwitzende Menschen drängeln sich am Eingang, Polizisten schreien sie an, weil auch sie offenbar nicht mehr weiter wissen.

Im Distrikt Sanghar in der Region Sindh führt die Fahrt schließlich an einer Ausgabestelle der NDMA vorbei. Dicht nebeneinander geparkte Motorräder glühen in der Sonne, über Hunderte Meter. Schlammverkrustete und schwitzende Menschen drängeln sich am Eingang, Polizisten schreien sie an, weil auch sie offenbar nicht mehr weiter wissen.

Ein Mitarbeiter der lokalen Hilfsorganisation „Faces“ sagt, um Szenen wie diese zu vermeiden, liefern sie Hilfsgüter lieber direkt. Vor allem Trinkwasser, Lebensmittel und Moskitonetze. Aber tatsächlich: Es reiche hinten und vorne nicht. Es kommt einfach zu wenig an derzeit in Pakistan, viel weniger als bei vergangenen Katastrophen.

Dabei sind Wasser und Moskitozelte nun lebenswichtig, wegen des Dengue-Fiebers und der Malaria. Jetzt krank zu werden, kann tödlich sein, wenn im Ortskrankenhaus nur Vertriebene schlafen und warten.

Auch deswegen harren die Familien aus Balotschabad auf ihrem Sandhügel aus, der von Brackwasser umgeben ist, 20 Kilometer von ihrem alten Leben entfernt.

Die letzte Frage an Mansur Ali: Warum will er eigentlich zurück, wenn doch alles wieder überschwemmt werden könnte, bei der nächsten Flutkatastrophe? Die Monsune werden doch immer heftiger. „Es ist doch unser Zuhause“, sagt er. „Und wir haben auch gar kein Geld, um woanders hinzugehen.“ Sie stehen vor weniger als nichts.

Auch deswegen harren die Familien aus Balotschabad auf ihrem Sandhügel aus, der von Brackwasser umgeben ist, 20 Kilometer von ihrem alten Leben entfernt.

Die letzte Frage an Mansur Ali: Warum will er eigentlich zurück, wenn doch alles wieder überschwemmt werden könnte, bei der nächsten Flutkatastrophe? Die Monsune werden doch immer heftiger. „Es ist doch unser Zuhause“, sagt er. „Und wir haben auch gar kein Geld, um woanders hinzugehen.“ Sie stehen vor weniger als nichts.

Team
Text David Pfeifer
Digitales Storytelling Felicitas Kock