NSDAP-Mitgliederkartei

Warum wir uns der Auswertung der NSDAP-Akten widmen

Bei der SZ können Sie die Mitgliederkartei der NSDAP durchsuchen. Erfahren Sie in personalisierten Texten, was wir über Ihre Verwandten aus den Akten rekonstruieren konnten.

24. Juni 2026 | Lesezeit: 6 Min.
War mein Opa ein Nazi? War auch die Oma, der Großonkel oder der Uropa in der NSDAP? Und wie „braun“ war mein Ort damals? Diese Fragen bewegen gerade sehr viele Menschen in Deutschland. Seit das US-Nationalarchiv die NSDAP-Mitgliederkartei im März ins Netz gestellt hat, beschäftigen sie sich mit der Nazi-Vergangenheit ihrer Familie, ihrer Stadt, ihres Dorfs.
Auch Redakteure der Süddeutschen Zeitung haben in den vergangenen Wochen erschreckende Entdeckungen gemacht. Katharina Riehl, die Leiterin der Politikredaktion, stieß auf ihren Großvater, der in der Familie bis dahin als Regimegegner galt und kurz vor Kriegsende von SS-Männern ermordet wurde, der aber auch, wie sich nun herausstellt, Mitglied in der NSDAP und der SA war, und hat darüber einen berührenden Text geschrieben. Christian Mayer wiederum, der Leiter des Wochenend-Ressorts, entdeckte, dass seine Urgroßmutter im Jahr 1940 die Aufnahme in die Hitler-Partei beantragte, nachdem Nazi-Schergen ein Jahr zuvor am Rande des Familienanwesens bei Danzig 7000 Menschen erschossen hatten. Hier können Sie die Geschichte lesen.
Die Süddeutsche Zeitung hat sich der deutschen Nazi-Vergangenheit schon immer intensiv gewidmet, was auch mit ihrem Sitz in der einstigen „Hauptstadt der Bewegung“ zu tun hat. In München wurde die NSDAP gleich zweimal gegründet, 1920 und nochmals 1925 nach ihrem zeitweiligen Verbot, in München war Adolf Hitler zu Hause, versuchte er einen Putsch, befand sich das „Braune Haus“, die Parteizentrale, und in München wurde auch die NSDAP-Mitgliederkartei verwaltet.
Es war ein Akt von hoher symbolischer Bedeutung, dass die Erstausgabe der Süddeutschen Zeitung mit Druckplatten produziert wurde, für die zuvor der Bleisatz von Hitlers „Mein Kampf“ eingeschmolzen wurde. Von Anfang an wollte die SZ, so stand es im Geleitwort der Erstausgabe vom 6. Oktober 1945, jene erreichen, die sich einig sind „im Hass gegen den totalen Staat, im Abscheu gegen alles, was nationalsozialistisch ist“.
Diesem Selbstverständnis folgend haben wir uns dazu entschlossen, die Suche in der NSDAP-Mitgliederkartei – und damit das Forschen in der familiären Vergangenheit – für unsere Leserinnen und Leser erheblich zu vereinfachen. Weil die Dokumente sich auf den Servern des US-Nationalarchivs nur mühsam durchforsten lassen, haben wir diese, so wie zuvor schon Zeit und Spiegel, heruntergeladen, sie aufbereitet und für jeden leicht durchsuchbar gemacht.

Was unsere Datenbank kann

Wir wollen unseren Abonnentinnen und Abonnenten nicht bloß die alten Karteikarten präsentieren, sondern diese in den historischen Kontext einordnen und erklären. Lesen Sie in personalisierten Texten, was wir aus der NSDAP-Mitgliedskartei über Ihre Verwandten rekonstruieren konnten, wenn sie damals Hitler gefolgt sind, und in welchem Umfeld dies geschah.

Was geschah in den Monaten, in denen Opa, Urgroßmutter oder Großonkel der NSDAP beitraten, in Deutschland? Wie jung oder wie alt waren sie im Vergleich zu den anderen Parteimitgliedern? Wie stark war in dem Ort, in dem sie wohnten, die NSDAP bei der letzten regulären Reichstagswahl im November 1932? Was besagen Vermerke und Stempel auf der Karteikarte und was die Höhe der Mitgliedsnummer? Gehörten die Verwandten zu jenen Fanatikern, die sich Hitlers Führerpartei anschlossen, als diese noch eine Splitterpartei war? Oder waren sie „Märzgefallene“, die nach der letzten Reichstagswahl 1933 in großer Zahl in die Partei drängten? Waren sie zuvor Mitglieder der Hitlerjugend oder wurden sie, auch das gab es tausendfach, aus der Partei ausgeschlossen?

So entstehen die Geschichten aus der NSDAP-Kartei

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir zwei umfangreiche Karteien zusammengeführt: zum einen die Zentralkartei, das alphabetisch aufgebaute Mitgliederregister der NSDAP; zum anderen die Gaukartei, die geografisch aufgebaut war nach Gauen, Kreisen und Ortsgruppen.

In jeder dieser beiden Karteien befanden sich mehrere Millionen Karten. Diese wurden teils mit der Schreibmaschine ausgefüllt, teils mit der Hand. Mal in Schreibschrift, die leicht zu lesen ist. Mal in Sütterlin, das sich nur schwer entziffern lässt.

Auf den Karten befinden sich der Name, das Geburtsdatum, der Wohnort und das Eintrittsdatum sowie diverse Angaben und Stempel.

Mithilfe von künstlicher Intelligenz konnten wir die Informationen und bürokratische Vermerke auf den mehr als 12 Millionen Dokumenten auslesen.

Autoren und Autorinnen der SZ haben das gesellschaftliche und politische Umfeld recherchiert, in dem die unterschiedlichen Jahrgänge aufwuchsen.

Auch zur Situation in verschiedenen Städten und der Bedeutung wichtiger Stempel hat unser Autorenteam einordnende Textpassagen verfasst.

Das Datenressort überprüfte die Datenbank bestmöglich auf Fehler und verknüpfte die Wahlergebnisse der Reichstagswahl 1932. Gemeinsam entwickelte das Projektteam ein detailliertes Regelwerk ...

... anhand dessen die einzelnen Textpassagen für jedes NSDAP-Mitglied korrekt zusammengefügt werden.

Eine einfache Suchmaske erlaubt es den Leserinnen und Lesern der SZ nun, die NSDAP-Datenbank nach bestimmten Namen und Orten zu durchsuchen.

Per Klick werden die zueinander gehörenden Mitgliedsdaten und Textpassagen zu einem Artikel zusammengesetzt.

Was hat die Generation dieses NSDAP-Mitglieds geprägt? Und was geschah in den Monaten vor dem Parteieintritt in Deutschland, welche Rolle spielte die NSDAP in jenem Jahr in der Gesellschaft?

So entsteht für das Parteimitglied, für den eigenen Verwandten, ein individueller Text, der die Fakten aus der Kartei nicht nur aufzählt, sondern in den historischen Kontext stellt und die Hintergründe erklärt.

In jeder dieser beiden Karteien befanden sich mehrere Millionen Karten. Diese wurden teils mit der Schreibmaschine ausgefüllt, teils mit der Hand. Mal in Schreibschrift, die leicht zu lesen ist. Mal in Sütterlin, das sich nur schwer entziffern lässt.

Auf den Karten befinden sich der Name, das Geburtsdatum, der Wohnort und das Eintrittsdatum sowie diverse Angaben und Stempel.

Mithilfe von künstlicher Intelligenz konnten wir die Informationen und bürokratische Vermerke auf den mehr als 12 Millionen Dokumenten auslesen.

Autoren und Autorinnen der SZ haben das gesellschaftliche und politische Umfeld recherchiert, in dem die unterschiedlichen Jahrgänge aufwuchsen.

Auch zur Situation in verschiedenen Städten und der Bedeutung wichtiger Stempel hat unser Autorenteam einordnende Textpassagen verfasst.

Das Datenressort überprüfte die Datenbank bestmöglich auf Fehler und verknüpfte die Wahlergebnisse der Reichstagswahl 1932. Gemeinsam entwickelte das Projektteam ein detailliertes Regelwerk ...

... anhand dessen die einzelnen Textpassagen für jedes NSDAP-Mitglied korrekt zusammengefügt werden.

Eine einfache Suchmaske erlaubt es den Leserinnen und Lesern der SZ nun, die NSDAP-Datenbank nach bestimmten Namen und Orten zu durchsuchen.

Per Klick werden die zueinander gehörenden Mitgliedsdaten und Textpassagen zu einem Artikel zusammengesetzt.

Was hat die Generation dieses NSDAP-Mitglieds geprägt? Und was geschah in den Monaten vor dem Parteieintritt in Deutschland, welche Rolle spielte die NSDAP in jenem Jahr in der Gesellschaft?

So entsteht für das Parteimitglied, für den eigenen Verwandten, ein individueller Text, der die Fakten aus der Kartei nicht nur aufzählt, sondern in den historischen Kontext stellt und die Hintergründe erklärt.

Unser Ansatz ermöglicht es, die Daten von Millionen NSDAP-Mitgliedern in personalisierten Artikeln einzuordnen. Die Texte entstehen ganz bewusst ohne den Einsatz von künstlicher Intelligenz, weder beim Schreiben noch im weiteren Prozess.

Um das alles auf die Beine zu stellen, hat ein SZ-Team aus Datenexperten, Entwicklern, Fachredakteuren, Designern und Infografikern eng zusammengearbeitet. Zudem haben Dutzende Mitglieder aus der gesamten Redaktion an diesem Gemeinschaftswerk mitgewirkt.

Auch über diese Texte hinaus werden wir in den nächsten Tagen sehr viel Einordnung und Hintergrund zur Mitgliedschaft in der NSDAP bieten. Dazu zählen weitere Datenanalysen, etwa zur Entwicklung der NSDAP in bestimmten Städten und Bevölkerungsgruppen, sowie Glossare, Reportagen und Interviews mit namhaften Historikern, aber auch ein Text, der sich der Frage zuwendet: Wie rede ich mit meiner Familie über die NS-Vergangenheit der eigenen Verwandten?

Wir werden zudem einigen besonders interessanten Geschichten nachgehen, die uns Leserinnen und Leser über ihre Familienmitglieder erzählen, Redakteure werden dazu recherchieren und diese für die SZ aufschreiben. Und wir werden die Datenbank und die Suche fortwährend verbessern, auch mithilfe jener Hinweise, die uns dazu aus unserer Leserschaft erreichen. Denn wir sind uns bewusst, dass sich solch ein gewaltiger, schwer lesbarer Datensatz trotz aller Sorgfalt nicht fehlerfrei aufbereiten lässt.

Unser Ziel ist es, Geschichte greifbarer und verständlicher zu machen. Wir werden damit nicht alle Antworten liefern können, die Daten aus der Mitgliederkartei können nichts aussagen über das Ausmaß der Verstrickung oder möglicher Schuld, weder bei den bekannten noch bei den Millionen unbekannten Namen in der Nazi-Kartei. Aber die Texte über die eigenen Verwandten können unseren Leserinnen und Lesern hoffentlich dabei helfen, in die eigene Familiengeschichte einzutauchen.

Die insgesamt zehn Millionen Mitglieder der NSDAP waren, das sollte betont werden, nicht die Einzigen, die Hitler folgten. Viele waren überzeugte Nazis und aus verschiedenen Gründen trotzdem nicht in der Partei. Es gab im Dritten Reich etliche weitere Organisatoren, die der NSDAP angeschlossen und ebenfalls nach dem Führerprinzip organisiert waren, die aber keine Mitgliedschaft in der NSDAP erforderten: von der Hitlerjugend bis zur NS-Frauenschaft, von der Deutschen Arbeitsfront bis zur SA oder SS.

Aber dass jemand in die NSDAP aufgenommen wurde, war dennoch etwas Besonderes, wie im Organisationsbuch der Partei nachzulesen ist: „Wer Parteimitglied wird, tritt nicht irgendeiner Organisation bei, sondern wird Soldat der deutschen Freiheitsbewegung, und das bedeutet weit mehr, als seinen Beitrag zahlen und Mitgliederversammlungen besuchen. Er übernimmt damit die Verpflichtung, das eigene ‚Ich‘ zurückzustellen, und alles, was er hat, für das Volk einzusetzen.“ Als Parteigenossen sollten deshalb nur „die besten Nationalsozialisten“ aufgenommen werden.
Text: Ulrich Schäfer, Marie-Louise Timcke; Digitales Storytelling: Olivia von Pilgrim

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