Polen

Windkraft? Nein, danke

Bisher gewinnt das Land seine Energie vor allem aus Kohle. Das soll sich ändern, doch anstatt erneuerbare Energien zu fördern, steigt Polen in die Atomkraft ein.

Polen

Windkraft? Nein, danke

Bisher gewinnt das Land seine Energie vor allem aus Kohle. Das soll sich ändern, doch anstatt erneuerbare Energien zu fördern, steigt Polen in die Atomkraft ein.

28. November 2022 - 4 Min. Lesezeit

Bei Strandspaziergängen und beim Schwimmen in der Ostsee wird man es gut sehen können – Polens erstes Atomkraftwerk. Im Ort Lubiatowo-Kopalino soll im Jahr 2033 der erste Meiler von sechs insgesamt ans Netz gehen.

Kein Land in Europa hängt so stark an der Kohle wie Polen.

Kein Land stößt pro Kilowattstunde Strom so viel CO₂ aus.

Kein Land in Europa hängt so stark an der Kohle wie Polen.

Kein Land stößt pro Kilowattstunde Strom so viel CO₂ aus.

Geheizt wird natürlich auch mit Kohle. Doch der Rohstoff wird knapp, je nach Berechnung rentiert sich der Abbau noch 20 oder 30 Jahre. Außerdem ist die Kohle auch deshalb teuer, weil Polen einen Preis für jede Tonne ausgestoßenes CO₂ zahlen muss.

Bis 2049 soll das Land ganz auf Stein- und Braunkohle verzichten. Dafür erhalten die Kohlegebiete von der EU Milliarden an Fördermitteln aus dem Just-Transition-Fonds. Im Jahr 2040, so sieht es der polnische Energieplan vor, soll mehr als die Hälfte der Energieerzeugung emissionsfrei geschehen. In Deutschland, ebenfalls Kohleland, ist das jetzt schon so. In Tschechien kommt etwa ein Drittel des Stroms aus Kohle.

Als Ausweg aus der drohenden Energieknappheit präsentiert die polnische Regierung nun eine zweifellos emissionsärmere Quelle: Atomstrom. Polen hat bisher keine Atomkraftwerke, nun könnten gleich zwei entstehen. Auch Tschechien setzt auf den Ausbau bestehender Atomkraftwerke, für erneuerbare Energiequellen gebe es im Land kaum noch Möglichkeiten, so die offizielle politische Haltung.

Atomkraftwerk in Dukovany, Tschechien.
Atomkraftwerk in Dukovany, Tschechien.

Die Bauarbeiten für Polens erstes Atomkraftwerk, etwa 90 Kilometer nördlich von Danzig, sollen 2026 beginnen, 2033 soll der erste Meiler fertiggestellt sein. Dann im Abstand von jeweils zwei Jahren noch fünf weitere. Im November hat die polnische Regierung einen Vertrag mit dem US-amerikanischen Unternehmen Westinghouse geschlossen.

Die nahe Ostsee gilt dabei als ideales Reservoir für die großen Mengen Kühlwasser, die ein AKW benötigt.

Ganz in der Nähe wurde schon einmal ein AKW geplant, in Żarnowiec, die Ruinen der nie zu Ende gebauten Anlage stehen noch.

Ganz in der Nähe wurde schon einmal ein AKW geplant, in Żarnowiec, die Ruinen der nie zu Ende gebauten Anlage stehen noch.

Anfang der Achtziger begonnen, kam der Bau in der Wendezeit zum Stillstand, der Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion verhinderte die Investition, sie schien nicht mehr nötig und auch nicht rentabel zu sein.

"Am schnellsten und günstigsten ist es, die erneuerbaren Energiequellen auszubauen"

Ob die Atomkraft das heute ist, daran haben Energieexperten ihre Zweifel. Der Bau wird viele Milliarden Euro kosten, ersetzen kann die Leistung der Reaktoren die der Kohlekraftwerke nicht. Dazu ist mehr nötig. Daran fehlt es aber aus Sicht etwa der Wirtschaftswissenschaftlerin Aleksandra Gawlikowska-Fyk vom Thinktank Forum Energii. "Am schnellsten und günstigsten ist es, die erneuerbaren Energiequellen auszubauen", sagt sie am Telefon. Doch da geht aus ihrer Sicht zu wenig voran. "Die jetzige Regierung hat sich nie besonders für erneuerbare Energien interessiert."

So gibt es unter der rechtspopulistischen Regierung ein ähnliches 10-H-Abstandsgebot für Windräder wie in Bayern. Ein Windrad muss also zehnmal so weit von der nächsten Bebauung entfernt stehen, wie es hoch ist.

Eine politische Diskussion darüber, die im Frühjahr angestoßen worden war, ist schon wieder versandet. Immerhin für Offshore-Windräder in der Ostsee gebe es Zustimmung, sagt Gawlikowska-Fyk. Auch beim Ausbau der Photovoltaik sieht sie Fortschritte. Jedoch klagen Investoren über fehlende Einspeisemöglichkeiten ins Stromnetz.

Weder unter den politischen Parteien noch in der Bevölkerung ist die Atomkraft besonders umstritten. Einen ersten Grundsatzbeschluss für die Atomkraft fasste 2009 die heutige Opposition unter der Regierung von Donald Tusk. Dieser ist auch heute überzeugt, dass Atomkraft nötig ist, um die CO₂-Emissionen bei der Stromerzeugung zu senken. Andere Oppositionspolitiker akzeptieren die Atomkraft zumindest für eine Übergangszeit.

Der Bau hat auch eine wichtige außenpolitische Komponente

An der Entscheidung würde sich demnach auch unter einer möglichen neuen Regierung nach der Wahl im Herbst 2023 nichts ändern. Zumal der Bau noch eine wichtige außenpolitische Komponente hat. Ein guter Deal für alle sei das, twitterte US-Vizepräsidentin Kamala Harris, nachdem der Vertrag mit Westinghouse unterzeichnet war: "Wir reagieren auf die Klimakrise, sichern die europäische Energiesicherheit und vertiefen die strategischen Beziehungen Polens mit den USA."

Der größte polnische Energieversorger, die Polska Grupa Energetyczna (PGE), geht bereits ein zweites Vorhaben an. In Großpolen in einer vom Braunkohletagebau geprägten Landschaft könnten weitere Reaktoren entstehen, genauer im Dorf Pątnów im Südwesten des Landes, etwa 70 Kilometer nördlich der Wallfahrtsstadt Częstochowa. Dort soll möglicherweise die südkoreanische Firma Korea Hydro & Nuclear Power (KHNP) den Zuschlag bekommen. Eine Kooperationsvereinbarung mit PGE wurde Ende Oktober geschlossen.

Die südkoreanische Firma ist ebenso wie die US-amerikanische Westinghouse auch am Bau des neuen Blocks im tschechischen Kernkraftwerk Dukovany bei Brünn interessiert. Auch die französische EDF Group beteiligt sich an der Ausschreibung. Firmen aus China und Russland sind nicht zugelassen. Tschechien generiert seit Jahrzehnten bis zu einem Drittel seines Strombedarfs aus Atomenergie und exportiert zudem in die umliegenden Länder, auch an die atomkraftkritischen Nachbarn Deutschland und Österreich.

Dass Dukovany einen neuen Meiler erhält, als Ersatz für einen ausgedienten, ist seit vielen Jahren beschlossen, und bisher hat sich jede Regierung an diesen Vorsatz gehalten. Neu kommt hinzu, dass sich der halbstaatliche Energieversorger ČEZ auch für sogenannte Mini-Reaktoren einsetzt, eine Technologie, die erst noch entwickelt wird und manchen als schnell und lokal einsetzbar gilt. Die Mini-Reaktoren könnten auf dem Gelände des AKWs Temelín bei Budweis entstehen. Aus Sicht von Ökonomen wie Gawlikowska-Fyk aber sind sie keineswegs günstiger als erneuerbare Energiequellen, zudem dauere die Entwicklung zu lang, um in der aktuellen Krise zu helfen.

Team
Text Viktoria Großmann
Bildredaktion Jessy Asmus
Infografik Julia Kraus
Digitales Storytelling Tobias Bug