Baden-Württemberg

Als der RE 55 in eine Schlammlawine fuhr

Am Tag nach dem tödlichen Zugunglück in Riedlingen klafft am Unfallort ein großes Loch in der Landschaft wie eine Wunde. Dort entgleiste der Regionalexpress 55 nach einem Erdrutsch. Nun hat seine Bergung begonnen – und die Aufarbeitung des Unfalls.

Baden-Württemberg

Als der RE 55 in eine Schlammlawine fuhr

Am Tag nach dem tödlichen Zugunglück in Riedlingen klafft am Unfallort ein großes Loch in der Landschaft wie eine Wunde. Dort entgleiste der Regionalexpress 55 nach einem Erdrutsch. Nun hat seine Bergung begonnen – und die Aufarbeitung des Unfalls.

28. Juli 2025 | Lesezeit: 4 Min.

Am Morgen danach erinnert die Unfallstelle ein wenig an einen Tatort. Die Ermittler der Spurensicherung haben mit weißer Farbe jenen Streckenabschnitt markiert, an dem besonders viel Schlamm liegt. Man muss schon genau hinschauen, um das Gleisbett zu erkennen zwischen den Pfützen, dem Geröll, dem Matsch.

Die Strecke macht hier, im oberschwäbischen Riedlingen, Ortsteil Zell, eine langgezogene Kurve.

Die Schienen zwängen sich durch ein enges Tal.

Auf beiden Seiten erhebt sich eine hohe Böschung mit Bäumen, wuchernden Büschen, Gestrüpp.

Nur an einer Stelle des Abhangs ist kein Grün mehr. Dort, oberhalb der weißen Markierungen, klafft ein großes braunes Loch mit tiefen Mulden. Eine Wunde in der Landschaft.

Zu sehen ist auch, vielleicht zweihundert Meter entfernt: der Zug. Die Waggons, gelb und weiß, verbeult, ineinander verkeilt.

Die Strecke macht hier, im oberschwäbischen Riedlingen, Ortsteil Zell, eine langgezogene Kurve.

Die Schienen zwängen sich durch ein enges Tal.

Auf beiden Seiten erhebt sich eine hohe Böschung mit Bäumen, wuchernden Büschen, Gestrüpp.

Nur an einer Stelle des Abhangs ist kein Grün mehr. Dort, oberhalb der weißen Markierungen, klafft ein großes braunes Loch mit tiefen Mulden. Eine Wunde in der Landschaft.

Zu sehen ist auch, vielleicht zweihundert Meter entfernt: der Zug. Die Waggons, gelb und weiß, verbeult, ineinander verkeilt.

Am Sonntagabend um 18.10 Uhr ist hier der Regionalexpress 55 entgleist. Er war auf dem Weg von Sigmaringen nach Ulm. Drei Menschen sind gestorben. Zwei gehörten zum Zugpersonal, der Lokführer, 32 Jahre, und ein Auszubildender, 36. Das dritte Opfer ist eine 70-jährige Passagierin. Von den 50 Fahrgästen an Bord wurden 36 verletzt. Zum Teil sehr schwer.

Auf die entscheidende Frage, warum der Zug aus den Schienen sprang, glauben die Ermittler bereits am frühen Montagmorgen eine Antwort gefunden zu haben: der Erdrutsch hier in Riedlingen, ausgelöst durch den heftigen Regen in der Region. Es hatte geschüttet am Sonntagabend in Oberschwaben, mancherorts fielen 30 bis 40 Liter pro Quadratmeter. Und es war offenbar dieser Regen, der die fatale Kette in Gang setzte, an deren Ende eines der schlimmeren Zugunglücke der baden-württembergischen Landesgeschichte steht.

Am Tag danach regnet es noch immer in Riedlingen, wenn auch bei Weitem nicht mehr so stark. Von einer Straßenbrücke aus, kurz vorm Zeller Ortseingang, lässt sich der Unfallort gut überblicken.

Polizisten in Uniform schreiten die Gleise ab, DB-Mitarbeiter in Warnwesten, die Spurensicherer, ein Geologe.

Oberhalb des Hanges stehen Ermittler um einen quadratischen Schacht herum, darüber ein rostiges Eisengitter. Im Schacht sind zwei grüne Rohröffnungen zu sehen.

Die Ermittler vermuten, dass dieser Abwasserschacht eine entscheidende Rolle für das Unglück gespielt hat. Dass er übergelaufen sei und das Wasser nicht mehr abfließen konnte.

Am Tag danach regnet es noch immer in Riedlingen, wenn auch bei Weitem nicht mehr so stark. Von einer Straßenbrücke aus, kurz vorm Zeller Ortseingang, lässt sich der Unfallort gut überblicken.

Polizisten in Uniform schreiten die Gleise ab, DB-Mitarbeiter in Warnwesten, die Spurensicherer, ein Geologe.

Oberhalb des Hanges stehen Ermittler um einen quadratischen Schacht herum, darüber ein rostiges Eisengitter. Im Schacht sind zwei grüne Rohröffnungen zu sehen.

Die Ermittler vermuten, dass dieser Abwasserschacht eine entscheidende Rolle für das Unglück gespielt hat. Dass er übergelaufen sei und das Wasser nicht mehr abfließen konnte.

Dadurch löste sich irgendwann das Erdreich – und rutschte runter auf die Gleise der Donautalbahn. In diese Schlammlawine ist der Regionalexpress gerast.

Was dann geschehen sein muss, lässt sich mit Blick auf die Böschung auf der linken Seite erahnen: überall zerfetztes Gebüsch und abgerissene Zweige. Der Zug muss wohl das Gleisbett verlassen haben und durchs Unterholz gerauscht sein, bevor er zum Stoppen kam. 

Die Kreisbrandmeisterin des Landkreises Biberach, Charlotte Ziller, sprach davon, „dass da sehr große Kräfte am Werk waren“. Es wird nun die Aufgabe der Ermittler sein, den genauen Unfallhergang zu rekonstruieren. Inzwischen haben sie den Fahrdatenschreiber gefunden, der – wie die Blackbox eines Flugzeugs – sämtliche Daten aufzeichnet. Diese werden nun ausgewertet.

Die kleine Straßenbrücke ist am Montagvormittag der Ort, an dem alle zusammenkommen, die Kamerateams, die Einsatzkräfte, auch ein paar Passanten. Eine Frau macht im Regen Fotos, sie hat ein Baby in der Trage und zwei Kleinkinder dabei. „Zum Glück sind wir da gestern nicht mit dem Fahrrad gefahren“, sagt sie zu ihren Kindern.

Ein Rentner spricht aus, was wohl viele denken an diesem Tag: dass der Mensch gegen Naturgewalten machtlos sei.

Eine Einschätzung, die auch Mario Glaser teilt, der Biberacher Landrat. Glaser ist auch Kreischef des Deutschen Roten Kreuzes, er trägt deshalb die DRK-Uniform. Das Problem mit überlaufenden Schächten habe man in den vergangenen Jahren immer wieder gehabt bei solchen Regenfällen. Das Unglück, sagt er, sei „eine Verkettung ganz unglücklicher zufälliger Umstände“.

Die Verbindung zwischen Ulm und Sigmaringen ist eine traditionsreiche Bahnlinie, 1873 wurde sie in Betrieb genommen und gilt unter Bahnfans als eine der schönsten Strecken Deutschlands. Sie führt über weite Strecken entlang der Donau, mehrfach quert sie den Fluss, daher auch der Name: Donautalbahn.

Seit Montagabend ist ihr Name aber auch verbunden mit einem tödlichen Unfall, der landesweit Erschütterung auslöste. Noch am selben Abend äußerte der Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) seine Bestürzung. „Wir trauern um die Opfer. Ihren Angehörigen spreche ich mein Mitgefühl aus“, schrieb er auf der Plattform X.

Gegen 10.30 Uhr am Montagvormittag trifft eine hochrangige Delegation auf der kleinen Brücke ein, um sich ein Bild von der Lage zu machen: Bahnchef Richard Lutz, Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder und sein Stuttgarter Amtskollege Winfried Hermann. Sie lassen sich den Schacht zeigen und geben dann ein paar kurze Statements ab.

Dem Bahnchef Lutz ist dabei anzumerken, dass er mit den Gefühlen ringt. Zwei der Toten waren seine Mitarbeiter - „das geht uns als Bahner bis ins Mark“, sagt Lutz mit stockender Stimme. Die Bilder, die Berichte, die gingen „einem sehr nah und lassen einen betroffen und bestürzt zurück“.

Das gilt für Baden-Württembergs Grünen-Ministerpräsidenten in besonderem Maße. Kretschmann kennt die Gegend gut, sein Wohnort Laiz liegt nur 25 Kilometer von der Unfallstelle entfernt. Er ist ein regelmäßiger und gern gesehener Gast in Riedlingen, vor allem wenn er während der Fastnacht zum traditionellen Froschkuttelessen vorbeischaut. Am Montagvormittag steht er in schwarzer Regenjacke auf der kleinen Brücke und sagt, dass es an diesem Tag darum gehe, mit allen Betroffenen mitzutrauern und mitzufühlen. Mit „dem schweren Schicksal“, das die Toten, Verletzten und Angehörigen erlitten hätten.

In seinem Rücken liegt das Wrack des Zuges. Am Nachmittag teilt die Bahn mit, dass die Bergung begonnen habe. Ein Spezialkran soll die Waggons von den Gleisen heben, dann werden Spezialisten nach weiteren Schäden suchen. Erst danach, so die Bahn, könne man abschätzen, wann auf der Donautalstrecke wieder Züge fahren werden.

In seinem Rücken liegt das Wrack des Zuges. Am Nachmittag teilt die Bahn mit, dass die Bergung begonnen habe. Ein Spezialkran soll die Waggons von den Gleisen heben, dann werden Spezialisten nach weiteren Schäden suchen. Erst danach, so die Bahn, könne man abschätzen, wann auf der Donautalstrecke wieder Züge fahren werden.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Textes haben wir den Bahnchef Richard Lutz fälschlicherweise mit Vornamen Rüdiger genannt.

Text: Max Ferstl, Roland Muschel; Redaktion: Joshua Beer; Infografik: Sarah Unterhitzenberger; Digitales Storytelling: Felicitas Kock

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