SZ-Serie „Urlaubsbekanntschaften“

„Natürlich ist manches Kitsch“

Kuckucksuhren, Weißwurstschmuck, „Pretzel“: Toni Schuh verkauft Souvenirs am Schloss Neuschwanstein. Hier erzählt er, was Touristen aus Amerika und China wollen – und was er mit nach Hause nehmen würde.
Protokoll von Florian Fuchs
15. August 2022 - 4 Min. Lesezeit

Wer reist, schließt Bekanntschaften. Da gibt es natürlich die Urlaubsfreundschaften, aber lebt eine Reise nicht eigentlich vor allem von den vielen flüchtigen Begegnungen? Mit dem Postkartenverkäufer am Souvenirstand, der Kitschmalerin im Touristenviertel oder der Animateurin am Hotelpool, mit denen man viel zu selten ins Gespräch kommt. Welcher Weg hat sie in ihren Beruf geführt? Und wie erleben sie die Touristen? In Folge 3 erzählt Toni Schuh, 67, Souvenirverkäufer, wer Christbaumschmuck liebt und wer nur Discount sucht. Schuh aus Hohenschwangau steht seit 23 Jahren täglich in seinem Souvenirshop „Tip-Royal“, nun hört er auf.

„Ich bin jetzt 67 Jahre alt und hier in Hohenschwangau aufgewachsen, direkt unter Schloss Neuschwanstein. Der Ort war schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren gut mit Touristen gefüllt: Mit sieben Jahren habe ich als Parkwächter geholfen, mit 14 als Hilfskoch, und als ich 15 oder 16 war, habe ich mit einem Freund die erste Würstlbude hier erfunden. Da haben wir 600 Würstchen verkauft am Tag, wir waren die Könige.

Den Souvenirladen haben meine Frau und ich seit 23 Jahren, am Ende des Jahres hören wir auf. Sieben Tage die Woche stehen wir im Laden, immer von elf bis 17 Uhr. Das geht schon, aber irgendwann ist es auch genug, wenn du morgens nicht mehr weißt, ob es Sonntag, Montag oder Dienstag ist. Und die Leute geben weniger Geld aus.

Aber es hat auch immer wahnsinnig viel Spaß gemacht, gerade mit den internationalen Gästen. Diese Freude, wenn sie Krippen, Weihnachtsschmuck, Nussknacker oder Teddybären gekauft haben! Englisch ist unsere Hauptsprache im Geschäft, wir haben Freunde gewonnen, von Alaska bis Oakland. Die Leute rufen schon von Weitem: ‚Hello Toni, we are here again!‘ Es ist Blödsinn, wenn es heißt, zum Schloss Neuschwanstein geht man nur einmal. Gerade die Familien von den GIs kommen immer wieder, auch viele Australier, bei denen ein Partner aus Deutschland stammt. Wenn sie hier sind, ist Neuschwanstein immer ein Besuch wert.

Es nervt, wenn die Leute in deinen Laden kommen und nur noch nach dem Weg zum Schloss fragen

Wir verkaufen mal nur einen Magneten und dann aber wieder große Sachen. Einen Teddybären für 500 Euro, eine Nachbildung vom Schloss, eine Kuckucksuhr. Bierkrüge gingen früher wahnsinnig gut, die schaut heute keiner mehr an. Warum, weiß ich auch nicht so genau. ‚Pretzel‘, Bier und Weißwurst als Christbaumschmuck ist dafür so ein Klassiker, da freuen sich die Leute. Wir verkaufen hauptsächlich ‚Made in Germany‘, es macht ja keinen Sinn, wenn ich einem Touristen was aus China andrehe. Und jede Nation hat ihre Vorlieben: Der Amerikaner kauft in erster Linie Christbaumschmuck und Kuckucksuhren, der Japaner kauft Tücher von Feiler, das ist bei dem als Marke eingebrannt wie Mercedes oder Porsche.

Die Deutschen kommen nur zum Schauen, die Holländer zum Kieken. Für die ist das hier eher ein Museum. Die Chinesen kann ich schon unterscheiden, wenn sie zur Tür reinkommen. Die aus Hongkong zum Beispiel sind weltoffen, mit denen kannst du dich unterhalten. Andere Chinesen kommen rein und sagen nur: ‚Discount? Discount?‘ Obwohl die noch gar nicht wissen, was sie wollen.

Das Problem ist, dass die internationalen Gäste fehlen. Vor Corona sind in Spitzenzeiten 7000 Touristen am Tag zum Schloss gekommen, jetzt waren es teils 700. Die Busreisen fehlen, der Kartenverkauf übers Internet funktioniert nicht gut. Kutschen fahren hier und dort, Hinweisschilder werden abgeschraubt und nicht mehr angebracht. Es nervt, wenn die Leute in deinen Laden kommen und nur noch nach dem Weg zum Schloss fragen.

Ich dachte naiv, das wird schon nicht so schlimm. Aber die Sache entwickelt sich nicht gut nach Corona. Selbst bei den Amerikanern, eigentlich unsere Kunden Nummer eins, ist das Geld inzwischen knapp. Früher hatten sie noch Berufe, heute haben sie nur noch Jobs. Das merkt man inzwischen bei allen Nationen. Insofern ist es ganz gut, das wir jetzt bald den Absprung schaffen.

Am letzten Tag nehme ich mir vielleicht eine Kuckucksuhr mit nach Hause. Natürlich ist manches Kitsch auf dem Souvenirmarkt, manches würde ich mir nicht nach Hause stellen. Man muss den Menschen halt freien Lauf lassen, was andere schön finden, muss ich nicht schön finden. Aber das Kuckucksuhrengeräusch würde ich wahrscheinlich vermissen. Manche kommen rein und sagen, das würden sie nicht aushalten, jeden Mittag um zwölf Uhr. Aber ich nehme das gar nicht mehr bewusst wahr. So als Hintergrundgeräusch hätte ich es gerne noch, zu Hause dann. Als Erinnerung.“

Alle Folgen der „Urlaubsbekanntschaften“-Serie finden Sie hier.

Team
Redaktion und Digitales Storytelling Anna Fischhaber
Digitales Design Stefan Dimitrov
Schlussredaktion Florian Kaindl