Überschwemmungen in Pakistan

„Es ist wie ein Meer“

Ein Drittel von Pakistan steht unter Wasser, doch internationale Hilfe läuft nur schleppend an. Besonders gefährlich ist das für Frauen wie Rubina Mallah. Sie war hochschwanger, als die Flut hereinbrach.

Überschwemmungen in Pakistan

„Es ist wie ein Meer“

Ein Drittel von Pakistan steht unter Wasser, doch internationale Hilfe läuft nur schleppend an. Besonders gefährlich ist das für Frauen wie Rubina Mallah. Sie war hochschwanger, als die Flut hereinbrach.

8. September 2022 - 4 Min. Lesezeit

Am Abend um zehn Uhr setzten die Wehen ein, für Rubina Mallah, 27, war es der Beginn einer langen, beschwerlichen Reise. Wie kommt man in einem überschwemmten Land in ein Krankenhaus? Die Nacht hielt sie in einer umgebauten Schule durch, am Morgen machte sie sich, wie man in normalen Zeiten sagen würde: auf den Weg. „Mein Mann hat ein Boot geholt, und ich bin drei Stunden gefahren, um das Krankenhaus zu erreichen.“ So hat es Mallah am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters erzählt. Ihr Heimatort wurde überschwemmt, wie etwa ein Drittel Pakistans.

33 Millionen Frauen und Männer sind unmittelbar von den Rekordregenfällen und Sturzfluten im Land betroffen.

Mehr als 1,6 Millionen Häuser haben die Wassermassen zerstört, 5700 Kilometer Verkehrswege und 750 000 Nutztiere haben sie mit sich gerissen. 1343 Tote zählte die „National Disaster Management Authority“ bis Donnerstag. Und die Monsunzeit ist noch nicht vorbei.

33 Millionen Frauen und Männer sind unmittelbar von den Rekordregenfällen und Sturzfluten im Land betroffen.

Mehr als 1,6 Millionen Häuser haben die Wassermassen zerstört, 5700 Kilometer Verkehrswege und 750 000 Nutztiere haben sie mit sich gerissen. 1343 Tote zählte die „National Disaster Management Authority“ bis Donnerstag. Und die Monsunzeit ist noch nicht vorbei.

Das Ehepaar Mallah hatte gehofft, die Katastrophe auf dem Dach seines Hauses in einem Zelt aussitzen zu können. Weil sie nicht wussten, wo sie hinsollten. Doch zuerst stieg das Wasser immer weiter, sie mussten in die Notunterkunft. Dann kamen die Wehen. „Es war eine Reise der Verzweiflung. Jedes Mal, wenn die Flut kommt, werden wir mittellos“, erzählt Mushtaq Mallah, der Ehemann. Das Krankenhaus liegt nur 15 Kilometer von dem Ort entfernt, an dem die Mallahs früher gelebt haben, eine kurze Autofahrt eigentlich.

Rubina Mallah ist eine von Zehntausenden schwangeren Frauen in Pakistan, die akut durch die historischen Überschwemmungen gefährdet sind. Es besteht laut Medizinern im Land kein Zweifel daran, dass die Flut die Sterblichkeitsrate von Säuglingen und Müttern erhöhen wird. Nayla Qureshi, eine Gynäkologin des Krankenhauses, erklärte Reuters, dass die Ambulanz derzeit täglich etwa 150 schwangere Frauen aus den umliegenden Gebieten aufnehme. Und die Schwangerschaft sei nicht das einzige Problem: „Die Frauen kommen mit dem psychologischen Trauma des totalen Verlusts an.“

Die Lebensgrundlage der Mallahs wurde zerstört, ihr zweiter Sohn beginnt sein Leben nun in einem Flüchtlingslager am Rand der historischen Stadt Sehwan, in der südlichen Provinz Sindh, die mit am stärksten betroffen ist. Das Dorf der Mallahs lag am Rande des Süßwassersees Manchar. Viel wird nicht mehr da sein von dem Ort, wenn das Wasser zurückgeht.

Auf Satellitenbildern der Nasa ist zu erkennen, wie sich der größte Süßwassersee Pakistans verändert hat. Das ist der See im Juni.

Im August trat er immer weiter über die Ufer, als die verheerenden Regenfälle das Indus-Tal erreichten.

Bis zum 5. September haben sich die Wassermassen weiter ausgebreitet auf eine Fläche, die mindestens fünf Mal so groß ist, wie der See noch im Juni war.

Auf Satellitenbildern der Nasa ist zu erkennen, wie sich der größte Süßwassersee Pakistans verändert hat. Das ist der See im Juni.

Im August trat er immer weiter über die Ufer, als die verheerenden Regenfälle das Indus-Tal erreichten.

Bis zum 5. September haben sich die Wassermassen weiter ausgebreitet auf eine Fläche, die mindestens fünf Mal so groß ist, wie der See noch im Juni war.

Teilweise sind Dämme gebrochen, die jüngste Flutung allerdings wurde von den Katastrophenschutzbehörden eingeleitet, um zu verhindern, dass der See völlig ungesteuert in dichter besiedelte Gebiete überläuft. Aber auch durch die künstliche Flutung wurden mehrere Dörfer mit etwa 100 000 Einwohnern überschwemmt.

Der Wiederaufbau dürfte Milliarden kosten

Inzwischen gibt es in der Region keinen gesicherten Zugang mehr zu Trinkwasser. Auch die Ernährungs- und Gesundheitssituation ist in Sindh und vielen anderen Gebieten des Landes schlecht. Bereits am 30. August hat die pakistanische Regierung den nationalen Notstand ausgerufen und gemeinsam mit den Vereinten Nationen (UN) um internationale Hilfe für humanitäre Rettungsmaßnahmen gebeten. Ein Vertreter des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA) schätzt, dass etwa 138 000 schwangere Frauen aufgrund der Überschwemmungen humanitäre Hilfe benötigen, 40 000 werden voraussichtlich im September ihr Kind zur Welt bringen.

„Sie können sich das Ausmaß der Zerstörung dort nicht vorstellen“, sagte Premierminister Shehbaz Sharif am Mittwoch auf einer Pressekonferenz, er hatte die Provinz Sindh besucht. „Überall ist Wasser, so weit man sehen kann. Es ist wie ein Meer.“

Nach Schätzungen der Regierung wird es etwa zehn Milliarden Euro kosten, die Schäden zu beheben. Regierungsmitglieder haben bereits in der vergangenen Woche den Klimawandel für die Überschwemmungen verantwortlich gemacht und damit die Industrienationen in die Pflicht genommen. In Pakistan hat es im Juli und August um fast 190 Prozent mehr geregnet als im 30-jährigen Durchschnitt, in der Provinz Sindh sogar 466 Prozent mehr.

Hilfsorganisationen beklagen allerdings, dass die internationale Unterstützung nur sehr schleppend anläuft. Der Hauptgrund dürfte die unsichere politische Situation im Land sein. Erst im April war Premierminister Imran Khan entmachtet worden. Doch auch die neue Regierung um den Familien-Clan der Sharifs gilt nicht als gesichert, zumal Khan sie aus der Opposition scharf attackiert. Auch das mächtige Militär spielt in Pakistan eine politische Rolle. Man weiß also nicht, mit wem man es in ein paar Monaten zu tun haben wird. Dafür können freilich die Betroffenen wenig.

Wenn die Monsunzeit endlich vorbei ist, das Wasser wieder zurückgeht und die darauf folgenden Krankheiten überwunden sind, werden die Menschen wieder versuchen, Weizen zu säen, Häuser zu bauen, Vieh zu züchten. Doch es ist laut Klimaschutzexperten nicht zu erwarten, dass es die letzte Katastrophe dieses Ausmaßes war. So werden in den kommenden Jahren noch viele Einzelschicksale wie das der Mallahs zu beklagen sein.

Team
Text David Pfeifer
Bildredaktion Anna-Caroline Warnecke
Digitales Storytelling Christian Helten