Amokfahrt am Breitscheidplatz

Ein Ort für die Opfer

Nach einem Anschlag wie der Amokfahrt vom Breitscheidplatz konzentriert sich die Polizei auf den Täter. Aber wer hilft den Opfern? Besuch in einer besonderen Berliner Behörde.

Von Verena Mayer, Berlin
26. Juni 2022 - 7 Min. Lesezeit

Man muss nicht besonders sensibel sein, um den Berliner Breitscheidplatz als traurigen Ort zu empfinden. Im Dezember 2016 lenkte hier ein islamistischer Terrorist einen Lkw in den Weihnachtsmarkt.

Auf den Treppen vor der Gedächtniskirche stehen die Bilder der zwölf Menschen, die dabei getötet wurden.

Das Nächste, was man bemerkt, sind die vielen Hindernisse, mit denen der Platz seither abgesichert wurde. Poller und Metallrampen bremsen den Verkehr, an beiden Seiten der Gedächtniskirche ziehen sich meterlange Barrieren entlang.

Auf der anderen Seite des Platzes ist eine weitere kleine Gedenkstätte. Blumen und Kerzen an einer Straßenlaterne erinnern an den 8. Juni, als hier ein Mann seinen Kleinwagen in eine Menschengruppe steuerte.

Eine Frau starb, mehr als 30 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen sind noch immer im Krankenhaus.

Auf den Treppen vor der Gedächtniskirche stehen die Bilder der zwölf Menschen, die dabei getötet wurden.

Das Nächste, was man bemerkt, sind die vielen Hindernisse, mit denen der Platz seither abgesichert wurde. Poller und Metallrampen bremsen den Verkehr, an beiden Seiten der Gedächtniskirche ziehen sich meterlange Barrieren entlang.

Auf der anderen Seite des Platzes ist eine weitere kleine Gedenkstätte. Blumen und Kerzen an einer Straßenlaterne erinnern an den 8. Juni, als hier ein Mann seinen Kleinwagen in eine Menschengruppe steuerte.

Eine Frau starb, mehr als 30 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen sind noch immer im Krankenhaus.

Auf der Straße und dem Gehweg kann man zwei Wochen später noch immer die gelben Kreise erkennen, mit denen die Polizei den Tatort markiert hat, vor der Kosmetikfiliale, in die der Amokfahrer gekracht ist, sieht man noch die Scherben.

Die Leute hasten vorbei, Richtung Kurfürstendamm oder zum Zoo, sie wirken, als wollten sie diesen Ort schnell hinter sich lassen. Der Breitscheidplatz wurde seit 2016 oft mit einer Wunde mitten in der Stadt verglichen. Nun ist diese Wunde wieder aufgerissen.

Bis heute ist nicht klar, wie es zu der Amokfahrt kommen konnte, der 29-jährige Fahrer schweigt. Er wurde in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht, der Berliner Staatsanwaltschaft zufolge spricht „relativ viel“ dafür, dass er unter einer paranoiden Schizophrenie leidet. Der Mann ist den Behörden seit Jahren bekannt, immer wieder hat ihn die Polizei an den sozialpsychiatrischen Dienst verwiesen, so der zuständige Bezirksstadtrat. Das erste Mal 2013, als er noch ein Schüler war, das letzte Mal 2020, als er wegen akuter Eigen- und Fremdgefährdung in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden sollte. Danach verliert sich seine Spur in den Akten, zuletzt lebte er mit seiner Mutter und Schwester in Berlin-Charlottenburg.

Fest steht, dass seine Tat zahlreiche Menschen zu Opfern gemacht hat. Die Lehrerin aus Hessen, die getötet wurde, als sie in Berlin auf Klassenfahrt war. Ihre verletzten Schülerinnen und Schüler und ein weiterer Lehrer, der bei der Amokfahrt Verletzungen erlitt. Besonders schlimm sei es für einige Jugendliche aus Bad Arolsen, erzählte die hessische Opferbeauftragte dem Sender RBB. Sie waren schon 2020 Zeugen einer Amokfahrt, als ein Autolenker in den Rosenmontagsumzug in Volkmarsen fuhr und mehr als 120 Menschen verletzte. Von der Tat betroffen sind auch Menschen, die mitansehen mussten, wie der Fahrer vorbeiraste, und natürlich die Angehörigen der Opfer. Wie leben sie weiter und vor allem: Wer hilft ihnen jetzt?

Diese Frage stellt man sich in einer Berliner Behörde mit dem bürokratischen Namen „Zentrale Anlaufstelle für Betroffene von Terroranschlägen und Großschadensereignissen und deren Angehörige“, kurz ZA. Sie wurde 2018 eingerichtet und befindet sich am Ende langer Büroflure in der Senatsverwaltung für Justiz. Alles hier sieht genauso aus, wie man sich eine Behörde vorstellt, zwei Räume mit nüchternen Möbeln, Bildschirmen, Akten. Und doch ist das genau der Ort, der lange gefehlt hat.

Immer wieder haben Betroffene des Terroranschlags am Breitscheidplatz 2016 beklagt, wie sehr sie sich in den Tagen und Wochen nach der Tat alleingelassen fühlten. Wie sie sich durchfragen mussten, um überhaupt zu erfahren, was passiert war. Wie sie später von einer Behörde an die andere verwiesen wurden, weil sich niemand zuständig fühlte. Wie einige von ihnen bis heute mit der Unfallkasse oder der Rentenversorgung um Leistungen ringen, ein verletzter Überlebender musste jahrelang um einen Rollstuhl streiten.

Andrea Wilcke, die stellvertretende Leiterin des für die Anlaufstelle zuständigen Referats, kennt das Problem. Sie ist Psychologin und Psychotherapeutin und war lange für notfallpsychologische Konzepte an Schulen zuständig, dafür, wie man Kinder und Jugendliche betreut, wenn es schwere Unfälle auf Klassenfahrten gibt oder ein Kind Suizid begeht. Auch mit Terroranschlägen hat sie Erfahrung, 2016 wurden bei einem Lkw-Anschlag in Nizza auch eine Lehrerin und zwei Schülerinnen aus Berlin getötet. Wilcke sagt, dass Betroffene in einer solchen Situation vollkommen allein seien. Und es dann am schlimmsten sei, wenn jemand zu ihnen sage: Na, dann rufen Sie mal da und da an. Wer hilflos ist, ist oft nicht in der Lage, sich Hilfe zu holen.

Unter anderem das übernimmt in Berlin jetzt die zentrale Anlaufstelle. Sie schaltet sich dazu, wenn sich Polizei, Feuerwehr und Notfallversorgung am Ort des Geschehens koordinieren, ihr letzter großer Einsatz war 2020, als ein Islamist auf der Berliner Stadtautobahn absichtlich gegen andere Fahrzeuge raste und dabei drei Menschen schwer verletzte. Wilcke und ihr Team bekommen dann die Daten der Betroffenen ausgehändigt und kontaktieren sie. Sie klären, wer für sie zuständig ist, sammeln Informationen, geben diese weiter. Terror oder eine sogenannte Großschadenslage verursachen Ohnmacht, sagt Wilcke, und gegen Ohnmacht helfe Kontrolle. Daher wollten sie den Leuten erst einmal ein Gefühl der Kontrolle geben, indem sie sie auf dem Laufenden halten, was genau passiert.

Es ist ein später Montagnachmittag, die Flure der Senatsverwaltung für Justiz sind wie ausgestorben. Doch in den Büros der zentralen Anlaufstelle klingeln noch immer Telefone, rattert ein Drucker, wuseln Wilcke und zwei Kolleginnen hin und her, auf einem Tisch stehen leere Pizzaschachteln.

Dem Team war schnell klar, dass sie nach der Amokfahrt auf dem Breitscheidplatz gebraucht würden.

Wegen der Schwere der Tat und auch wegen des besonderen Ortes.

Dem Team war schnell klar, dass sie nach der Amokfahrt auf dem Breitscheidplatz gebraucht würden.

Wegen der Schwere der Tat und auch wegen des besonderen Ortes.

Wilckes Art, sich auszudrücken, ist so nüchtern wie alles hier. Sie verwendet Begriffe wie „anlassbezogene Koordinierungsgruppen“ oder erzählt vom „psychosozialen Notfallversorgungsgesetz“, das regelt, wie Opfern geholfen werden kann, und auf dessen Grundlage sie arbeitet. Dass es so technokratisch zugeht, ist der Sinn der Sache. Die zentrale Stelle behandelt die Menschen nicht, sie sorgt dafür, dass sie Zugang zu Behandlungen erhalten und all den anderen Dingen, die nötig sind. Ein Ereignis könne man nicht rückgängig machen, sagt Wilcke. „Aber es kann verarbeitet werden, und wir fragen, was braucht jemand, um mit dem Ereignis in der Biografie leben zu können, um es gut bewältigen zu können.“

Demnächst werden sie ein Treffen organisieren, bei dem sich die Betroffenen der Amokfahrt austauschen können und nicht erst mühsam über Selbsthilfegruppen zusammenfinden müssen. Und die Betroffenen werden mit den Leuten von den Unfallkassen oder Ämtern zusammengebracht, auf die es ankommt.

Ihre Kollegin Daniela Ripp nickt. Sie ist Sozialpädagogin und kommt aus der Nähe von Trier, sie kann sich noch gut an ihren ersten Arbeitstag in der ZA erinnern: Da passierte in Trier eine Amokfahrt, bei der fünf Menschen getötet wurden. Das hatte zwar nicht direkt mit ihrer Arbeit zu tun, aber es hat ihr vor Augen geführt, dass es nichts Abstraktes ist, womit sie sich beschäftigt. Ihre Aufgabe formuliert sie so: „Empathie durch Organisation schaffen.“ Behörden seien nicht leicht zu durchblicken, „wir sortieren das vor, sagen zum Beispiel, wer sich melden wird oder wer genau zuständig ist“.

Nun kann man sagen: Hier wurde neue Bürokratie geschaffen, um mit alter Bürokratie fertigzuwerden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich hat die Berliner Stelle Vorbildfunktion. Denn sie steht für einen veränderten Umgang mit den Opfern von Verbrechen. Die waren die längste Zeit zweitrangig, die Arbeit von Polizei und Justiz drehte sich um die Täter, die Aussage der Opfer war ein Beweismittel von vielen.

Inzwischen ist klar, dass Betroffene selbst Rechte und Bedürfnisse haben und sich die staatliche Bürokratie auch ihnen widmen muss. In Berlin geht man dabei sogar noch weiter: Im Koalitionsvertrag der rot-grün-roten Regierung findet sich das Vorhaben, dass Opfer von Verbrechen einen Rechtsanspruch auf psychosoziale Hilfe bekommen sollen.

Anruf bei Astrid Passin. Die Grafikerin ist die Sprecherin der Opfer des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt. Passin hat damals ihren Vater verloren, danach konnte sie über Jahre nicht schlafen, war in medizinischer Behandlung. Sie hat sich lange mit den Fehlern beschäftigt, die der Staat im Umgang mit dem Terror und seinen Opfern gemacht hat, saß in den Untersuchungsausschüssen zum Breitscheidplatz.

Bis heute kämpft sie darum, dass die Opfer angemessen versorgt und entschädigt werden, es sei ein langer Kampf, sagt sie. Und immer wieder, wenn etwas passiere, kommen die Bilder von damals hoch, nach der Amokfahrt auf dem Breitscheidplatz jetzt wieder, „das drückt mir auf die Seele“. Aber sie sagt auch, dass sich einiges verändert habe, nicht zuletzt durch die Arbeit der zentralen Stelle. Passin glaubt, dass die Opfer heute bessere Strukturen vorfinden. „Sie sind zumindest nicht so alleine wie wir damals.“

Team
Text Verena Mayer
Digitales Storytelling Anna Fischhaber
Redaktion Felicitas Kock
Bildredaktion Julia Hecht
Schlussredaktion Florian Kaindl