SZ-Serie „Urlaubsbekanntschaften“

„Wir Maler sind eine eigene Touristenattraktion geworden“

Eiffeltürme im Sonnenuntergang und Kätzchen mit Croissant: Hemmy Fassolis verkauft auf dem Montmartre die immer gleichen Kitschbilder. Hier erzählt sie, warum es ihr trotzdem nicht langweilig wird.

Protokoll von Léonardo Kahn
8. August 2022 - 4 Min. Lesezeit

Wer reist, schließt Bekanntschaften. Da gibt es natürlich die Urlaubsfreundschaften, aber lebt eine Reise nicht eigentlich vor allem von den vielen flüchtigen Begegnungen? Mit dem Postkartenverkäufer am Souvenirstand, der Kitschmalerin im Touristenviertel oder der Animateurin am Hotelpool, mit denen man viel zu selten ins Gespräch kommt? Welcher Weg hat sie in ihren Beruf geführt? Und wie erleben sie die Touristen? In Folge 2 erzählt Hemmy Fassolis, 43, Kitschmalerin im Pariser Viertel Montmartre, warum sie lieber keine Porträts mehr malt und was US-amerikanische von europäischen Touristinnen und Touristen unterscheidet.

„Das Montmartre ist wie das Internet: Kätzchenbilder funktionieren immer. Daher zeichne ich kleine Postkarten – Eiffelturm, Sacré-Cœur oder Arc de Triomphe – mit einem kleinen Comic-Kätzchen, das mit einer Baskenmütze herumtanzt, ein Croissant isst oder Rotwein trinkt. Ich verkaufe sie für 15 Euro und ich kann dir sagen: Die gehen weg wie – einen Moment...“

Tourist: Sorry. Sprechen Sie Englisch?

Fassolis: Ja, ein bisschen.

Tourist: Haben Sie noch das Bild von der Katze mit dem Croissant und dem Kaffee?

Fassolis: Wenn Sie es nicht finden können, ist es schon weg. Aber ich kann Ihnen bis morgen ein neues malen.

Tourist: Wirklich? Das wäre großartig. Kann ich gegen 19 Uhr kommen?

Fassolis: Ja, kein Problem. Bis morgen und bitte kommen Sie wirklich!

„Eigentlich arbeite ich ungerne nach 18 Uhr. Aber jetzt ist Touristensaison und da muss ich genug für das ganze Jahr verdienen. Während der Sommerferien verdiene ich insgesamt knapp 10 000 Euro. Im Winter dagegen tue ich mich in manchen Monaten schon schwer damit, 200 Euro zusammenzukriegen. Das macht im Schnitt etwa 1450 Euro im Monat, aber dafür muss ich meine Eichhörnchen-Vorräte gescheit einplanen. Während der Pandemie haben wir ein festes Monatsgehalt vom Staat bekommen. Ein Segen!

Aber das ist wohl der Preis für meine Freiheit, denn ich kann meinen Zeitplan selbst gestalten. Manchmal fange ich morgens um neun an, manchmal erst um elf, dann male ich ein Bild, hänge es auf, male ein zweites. Und ab und zu kauft mir ein Tourist eins ab. Das ist ein großer Unterschied zu den Porträtzeichnern hier. Die müssen um jeden Kunden ringen! Ich male einfach nur den ganzen Tag, und wenn einem Touristen eines meiner Bilder gefällt, kommt er zu mir. Mein Alltag ist recht entspannt.

Bei meinem Vater war das noch anders, damals war das Zeichnen hier illegal. Als er in den 70er-Jahren aus Griechenland hergezogen ist, mussten die Künstler auf der Place du Tertre mit der Polizei Verstecken spielen. Er ist damals extra für die Kunst hergezogen. Heute lässt die Polizei uns zum Glück in Ruhe, immerhin sind wir Maler mittlerweile eine eigene Touristenattraktion geworden.

US-Amerikaner haben ein zwanghaftes Kaufverhalten

Woher die Touristen kommen, ist mir egal. Hauptsache, sie zahlen gut! US-Amerikaner haben zum Beispiel ein besonders zwanghaftes Kaufverhalten. Manchmal kaufen sie fünf bis sechs Bilder auf einmal, egal wie viel es kostet. Deutsche Touristen schauen sich hingegen jedes Bild genau an, wenden es zwei, drei, vier Mal, bevor sie es kaufen. Wenn sie es am Ende überhaupt kaufen.

Aber ich kann das verstehen, immerhin wissen Touristen aus Europa, dass sie alle paar Jahre mal nach Paris fahren. Doch für die anderen ist es vielleicht ihr erstes und letztes Mal auf dem Montmartre und davon wollen sie möglichst viele Souvenirs mitbringen.

Das ist es ja letztlich, was wir Künstler produzieren: Souvenirs. Wie du sehen kannst, male ich gerade an einem Eiffelturm. Nahezu alle meine Bilder habe ich in ähnlicher Form schon zig Mal gemalt: dieselben Viertel, dieselben Sonnenuntergänge, dieselben Kätzchen, immer wieder aufs Neue. Malen, aufhängen, verkaufen.

Während meiner Chemotherapie konnte ich lange über mein Leben reflektieren

Als ich hier vor elf Jahren angefangen habe, habe ich noch versucht, realitätstreue Haustierporträts zu malen: Aber das ist viel zu anstrengend, dauert viel zu lang, und am Ende findet der Kunde eh, dass meine Zeichnung seinem Mops nicht ähnelt. Daher male ich lieber Eiffeltürme und Comic-Kätzchen.

Mich stört das aber nicht, ganz im Gegenteil. Weißt du, vor zwei Jahren wurde bei mir Krebs diagnostiziert – daher auch meine kurzen Haare. Während meiner Chemotherapie konnte ich lange über mein Leben reflektieren. Würde mich mein Job stören, hätte ich nicht wieder damit angefangen. Doch ich habe die anderen Künstler vermisst, auch wenn ich hier mit 43 Jahren eine der Jüngsten bin – und das Malen hat mir natürlich auch gefehlt. Auch wenn es nur Eiffeltürme und Kätzchen sind.“

Alle Folgen der „Urlaubsbekanntschaften“-Serie finden Sie hier.

Team
Redaktion Nadeschda Scharfenberg, Moritz Geier
Digitales Storytelling Veronika Wulf
Digitales Design Stefan Dimitrov
Schlussredaktion Maxi Frieling