„Alles, was sich über die SZ angebahnt hat, war von Dauer“
1.
Christine und Michael Fröschl
... lernten sich über eine Kontaktanzeige kennen: Aufgegeben hatte sie Michael Fröschl, darauf geantwortet hat Christine, seine heutige Frau (beide 57).
Michael Fröschl: „Meine Beziehung war damals in die Brüche gegangen. Ich habe keine Zeit verschwendet und bin in der Mittagspause in die SZ-Schalterhalle gegangen und habe die Anzeige aufgegeben. Ich war gespannt, was für Antworten kommen. Es war überschaubar, aber ich habe ein wunderschönes Foto einer Frau in Mexiko bekommen, mit einem Sonnenschirm und einem Kokosdrink in der Hand, und einen ganz lieben Brief. Meine heutige Frau.“
Christine Fröschl: „Michaels Anzeige ist mir aufgefallen, weil er viel jünger war als die restlichen Annoncenschreiber: 28 Jahre alt, genau wie ich. In den Gegensätzen, die er aufgezählt hat, habe ich mich wiedergesehen.“
Michael Fröschl: „Unser Kennenlerntag war der 15. August 1996. Wir haben uns schöne Stunden gemacht am Tierpark, an der Isar und im Biergarten. Im Herbst 1997 sind wir zusammengezogen.“
Christine Fröschl: „Ich habe damals in Plattling gewohnt, und als ich nach München gezogen bin, habe ich meinen Job über ein Stellenangebot in der Süddeutschen gefunden. Bei dem Arbeitgeber bin ich heute noch. Alles, was sich über die SZ angebahnt hat, war von Dauer. Auch meinen Job in Plattling hatte ich in der SZ gefunden. Ich saß bei meinem Papa hinten im Auto, SZ in der Hand und sagte: ‚Papa, die suchen mich.‘ Die Anzeige war ungefähr: Welche junge Dame aus dem Hotelfach möchte dort arbeiten, wo andere Urlaub machen? Da denkt man nicht zuerst an Plattling, aber so war es dann eben. Da war ich dann drei Jahre, bis ich Michael kennenlernte.“
2.
Ruth Langen-Wettengl
... möchte Zeitgeschichte für nachfolgende Generationen aufbewahren. Seit Beginn der Corona-Pandemie sammelt die 75-Jährige Artikel über das Virus und dessen Folgen.
„Im Historischen Museum in Frankfurt gibt es die Bibliothek der Generationen. Als eine von 200 Personen habe ich die Möglichkeit bekommen, dort etwas zu hinterlassen und damit zum Gedächtnis der Stadt beizutragen. Ich habe lange überlegt, was das sein könnte. Als Corona ausgebrochen ist, hatte ich schon Angst, aber ich war auch neugierig. Ich erinnere mich an einen langen Spaziergang mit einer Freundin, auf dem wir besprochen haben, dass das weltbewegend werden wird mit dieser Pandemie. Und so wurde es mein Konzept, für die Bibliothek abzubilden, wie die Presse über Covid berichtet. In einer Zeitung steckt ja so viel sorgfältige Arbeit, da finde ich es schade, wenn sie vielleicht nur eine Woche in der Wohnung liegt.
Obwohl ich nicht mehr gut zu Fuß bin, holte ich mit großer Mühe jeden Tag die Süddeutsche aus dem Briefkasten, und danach ging es los: Zeitung lesen, Artikel sortieren, ausschneiden und am Ende ins Sammelbuch kleben. Ich habe verschiedene Zeitungen benutzt, aber die Süddeutsche nimmt den größten Teil in meiner Sammlung ein.
Heute liegt mein Corona-Buch in der Sammlung des Historischen Museums. Jeden Dienstag kann man es dort ansehen. Und ich sammle weiter jeden Tag Artikel. Nach meinem Tod werden auch diese Bücher möglicherweise in den Museumsbestand übergehen, vorher brauche ich sie aber noch selbst. Sie sind mein subjektives und kulturelles Gedächtnis.“
3.
Eleonore W.
... lebt seit 1971 in einem Haus im Münchner Norden. Über eine SZ-Annonce fand die 89-Jährige und ihr Mann das Zuhause, in dem ihre Kinder groß wurden.
„Die Süddeutsche Zeitung hatten wir in meiner Kindheit schon. Meine Mutter hatte wenig Geld, mein Vater kam nicht mehr aus dem Krieg nach Hause, aber die Zeitung wurde abonniert. Seitdem gehört sie zu meinem Leben. Und so hat sie mir dann auch mein Haus im Münchner Norden verschafft, in dem ich seit den 1970er-Jahren lebe.
Das Haus gehörte früher einer Frau, deren Sohn im Krieg gefallen ist. Sie war deshalb so unglücklich und wollte sich von dem Haus trennen. Mein Mann, meine drei Kinder und ich lebten damals in einem Hochhaus in Hasenbergl. Wir schauten immer wieder nach Häusern, aber alles war zu teuer, und wir hatten die Suche schon vollkommen aufgegeben. Aber auf einmal sind wir zu diesem Inserat in der Süddeutschen Zeitung gekommen. Die Gegend war noch nicht so angesehen wie heute, dadurch konnten wir es uns überhaupt leisten. 5000 Mark in bar hat die Verkäuferin verlangt, das war ein ganzes Paket voll Geld. Mein Mann hat sofort unterschrieben, und ich habe mich gewundert, weil das gar nicht seine Art war.
Im März 1971 sind wir eingezogen und wohnen hier bis heute. Inzwischen sind die kleinen Häuser in der Nachbarschaft verschwunden, die Leute sind anspruchsvoller und die Häuser größer geworden. Nur unseres ist noch so exotisch und klein wie früher.“
4.
Anja und Andreas Bauer
... waren beide im Online-Forum von jetzt.de angemeldet. Dort konnte man bis 2016 politische Diskussionen führen, sich über Kunst austauschen, eigene Texte und Fotos posten – oder seinen Ehepartner kennenlernen, so wie Anja, 47, und Andreas Bauer, 53, im Jahr 2007.
Anja Bauer: „Ich habe beim jetzt.de-Forum immer ganz viel mitgelesen und mich irgendwann angemeldet, um kommentieren zu können. Ich hatte mein Profil noch nicht mal fertig eingerichtet, da kam schon die erste Nachricht von Andreas. Er schrieb mir ins Gästebuch: ,Herzlich willkommen im Kosmos.‘ Als ich auf seine Seite gegangen bin, dachte ich: Das ist aber ein komischer Vogel. Er hatte als Profilbild Harald Schmidt als Führer im Schneesturm.“
Andreas Bauer: „Ich war schon etwas länger angemeldet und habe mich bemüßigt gefühlt, Neuankömmlingen ins Gästebuch zu schreiben. Wir haben uns dann eine Woche lang seitenlange Nachrichten geschrieben. Als wir das erste Mal telefonierten, hatte das mit meinem Liebeskummer zu tun. Ich hatte einen Text gepostet und ein Foto von mir – im Hintergrund war eine frühere Bekanntschaft.“
Anja Bauer: „Das war der Songtext von ‚Ich will nichts mehr von dir hören‘ von Die Sterne und darunter das Foto. Ich habe mich aufgeregt, weil ich meinte, er kann nicht einfach ein Bild seiner Ex-Freundin veröffentlichen, ohne dass sie das weiß. Andreas hat mir seine Telefonnummer geben, damit wir das ausdiskutieren können.“
Andreas Bauer: „Eine Woche nach dem Telefonat habe ich Anja in Marburg besucht, und dann sind wir zusammengekommen. Mittlerweile sind wir seit 13 Jahren verheiratet.“
5.
Wolfgang Rössler
... war 14 Jahre lang der ehrenamtliche Bürgermeister von Altendorf, einem kleinen Dorf bei Bamberg. Ein SZ-Beitrag motivierte den heute 81-Jährigen, das politische Grundgerüst seines Heimatortes grundlegend zu verändern.
„Dass ich als unabhängiger Kandidat 1994 zum ehrenamtlichen Bürgermeister von Altendorf gewählt worden bin, war eine kleine Überraschung, in Bayern ist das ja äußerst ungewöhnlich, wenn die CSU mal nicht gewinnt. In unserer Gemeinde gab es damals eine etwas kompliziertere Sache: Altendorf gehörte seit der Gemeindegebietsreform zu einer Verwaltungsgemeinschaft mit der Nachbargemeinde Buttenheim.
Aber als kleineres Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft war Altendorf immer im Nachteil. Ich hatte zwar als Bürgermeister ein kleines Büro in der früheren Schule, die Verwaltung, also zum Beispiel Bauamt, Standesamt, Einwohnermeldeamt und so weiter, befand sich in Buttenheim, sodass unsere Bürger vor Ort kaum etwas erledigen konnten. Von Bürgernähe keine Spur. Deshalb haben wir im Gemeinderat gesagt: ‚Mensch, wir müssen schauen, dass wir wieder selbständig werden.‘
Bloß, wie fängt man es an? Es gab damals kein Internet, und im Landratsamt wollte ich nicht anfragen, das wäre ungeschickt gewesen. Aber dann hat meine Frau ein Probeabonnement der Süddeutschen Zeitung abgeschlossen. Am 26. Juli 2000 war da ein Artikel über den Bürgermeister von Allershausen drin, der aus einer Verwaltungsgemeinschaft ausgetreten ist. Das habe ich mir ein paar Mal durchgelesen und dann meinem zweiten Bürgermeister gesagt, dass wir da hinfahren und uns erkundigen müssen.
Der Bürgermeister hat uns weitere Gemeinden genannt, die ebenfalls ausgetreten sind. Wir haben alle aufgesucht und Fragen gestellt. Als wir dann zu unserem Landrat marschiert sind und von unseren Plänen berichteten, hat es ihm natürlich überhaupt nicht gefallen, dass da Aufspaltungswillige im Landkreis sind. Aber im Jahr darauf beschloss der Bayerische Landtag, dass wir zum 1. Januar 2002 aus der Verwaltungsgemeinschaft austreten können und wieder eine eigene Verwaltung haben. Die Süddeutsche Zeitung lese ich seither übrigens immer.“
6.
Ursula Krug
... kam 1967 durch eine Lesereise der SZ nach New York und Washington. Die heute 79-Jährige lernte dabei nicht nur die beiden US-amerikanischen Großstädte kennen.
7.
Claudia Körber
... hat über einen SZ-Bericht von den „Urban Sketchers“ erfahren. Heute ist die 74-Jährige aus Bad Brückenau selbst Mitglied der Zeichengruppe und hat mehrere Bücher mit Zeichnungen gefüllt.
„Wenn ich früher mit der Familie nach Italien gefahren bin, konnte ich nie einfach nur am Strand sitzen und mich braten lassen. Ich hatte immer meine Stifte dabei und habe in Skizzen festgehalten, was ich gesehen habe.
In Bad Brückenau, wo ich wohne, gibt es einen Lesesaal im Staatsbad, ein sehr schöner Raum mit Kronleuchter. Dort lese ich jeden Tag die neue Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Als meine Töchter beide nach München gezogen sind, habe ich den Lokalteil mit besonderer Intensität gelesen. 2016 gab es einen Bericht über eine internationale Zeichengruppe, die ‚Urban Sketchers‘, die sich auch regelmäßig in München trifft. Da habe ich direkt im Netz nachgeschaut, wann das nächste Treffen ist, und bin mit meiner einen Tochter hingegangen. Das war eine inspirierende Gruppe von Laien bis Designern. Alle haben sich ein Motiv in der Umgebung gesucht und losgezeichnet, zum Beispiel die Figuren oben auf dem Siegestor. Jeder aus einer anderen Perspektive. Schön ist, dass nachher auch die Skizzen noch in einer Kneipe herumgezeigt werden und man sich weiter austauschen kann.
Mittlerweile war ich mit den Urban Sketchers schon in Fulda, Schweinfurt oder Würzburg, immer wieder organisieren wir auch außergewöhnliche Zeichenlocations. Aber auch sonst habe ich mein Büchlein immer dabei.“
8.
Alexandra und Ralf Barthmann
... haben beruflich viel erreicht. Der 60-Jährige führt ein Unternehmen, sie, vier Jahre jünger, ist Chefärztin. Fehlte nur noch die große Liebe. Über seine SZ-Kontaktanzeige lernten sich die beiden 2009 kennen.
Ralf Barthmann: „Nach dem Ende meiner ersten Ehe stellte ich mir die Frage: Wie will ich mein Leben führen, und wer soll an meiner Seite sein? Das Wichtigste war für mich, jemanden kennenzulernen, mit dem ich eine Beziehung auf Augenhöhe führen kann. Das stand so auch in der Anzeige.“
Alexandra Barthmann: „Das hat mich direkt angesprochen. Ich war damals Chefärztin, da ist es nicht so einfach, jemanden auf Augenhöhe zu finden. Dass die Anzeige in der Süddeutschen stand, war auch ein Pluspunkt. 2009 war es noch üblich, eine Chiffre-Nummer als Kontakt zu hinterlegen. Das wäre mir zu kompliziert gewesen. Ralf hatte seine E-Mail-Adresse unter die Anzeige geschrieben. Da dachte ich mir: Das kannst du mal ausprobieren.“
Ralf Barthmann: „Nach zwei Wochen Mail-Kontakt und Telefonieren haben wir uns am 15. April auf einem Weingut getroffen. Wir hatten nicht reserviert und mussten uns zu einem älteren Herren an den Tisch setzen. Nachdem wir ihn glorreich vergrault hatten, sagte Alex einen Satz, der das Eis brach: ‚Ich habe Hunger und Durst. Ich will ein Stück Fleisch und brauche ein Bier.‘“
Alexandra Barthmann: „2016 haben wir uns verlobt, ebenfalls am 15. April. Gefragt hat mich Ralf eigentlich schon einen Abend vorher. Wir hatten ein bisschen was getrunken, da sagte er: ‚Was meinst du, wollen wir nicht heiraten?‘ Weil die Feierei doch etwas exzessiv war, habe ich am nächsten Morgen nachgefragt, ob Ralf sich erinnern kann, worüber wir gesprochen haben. Seine Antwort war nur: Kennst du deine Antwort noch?“