SZ Gute Werke

Einmal Kühe streicheln

Am liebsten möchte Daniela S. mit ihren drei Kindern aufs Land, Joschi will im Skyline-Park abheben und Christina K. würde gerne mal am See campen – das SZ-Hilfswerk kann Ferienwünsche wahr werden lassen.

Von Sabine Buchwald, Johanna Feckl, Karin Kampwerth und Claudia Klein (Illustrationen)
23. Juli 2025 | Lesezeit: 13 Min.

Hurra, endlich Ferien! Sechs Wochen große Freiheit. Die einen zieht es mit Zelt und Campingwagen an den Gardasee, andere steigen ins Flugzeug nach Mallorca, fahren mit dem Mountainbike in die Berge, gehen Wattwandern an der Nordsee. Die Lust aufs Verreisen erreichte im vorigen Jahr einen neuen Rekordwert: Mehr als 56 Millionen Deutsche machten sich auf den Weg in einen Urlaub. Im Durchschnitt gaben sie dabei pro Person und Reise im Jahr 2024 rund 1300 Euro aus. Das hat die Online-Plattform Statista ermittelt.

Auf der anderen Seite der Statistik stehen Menschen, die wegen einer Krankheit, Schicksalsschlägen oder Flucht und Vertreibung gerade so über die Runden kommen.

SZ Gute Werke kann dank großzügiger Spenden der Leserinnen und Leser die Sehnsucht nach wenigstens ein paar unbeschwerten Tagen erfüllen, damit Familien in schweren Zeiten wieder Kraft und Zuversicht schöpfen können. (Alle Namen sind von der Redaktion geändert, um die Familien und besonders die Kinder zu schützen; Anm. d. Redaktion)

Ein paar Tage raus aus der Stadt

Barfuß im Gras um die Wette laufen, Purzelbäume schlagen, vielleicht am Abend die Sonne in einen See fallen sehen, bevor die Kinder und sie selbst müde und glücklich ins Bett plumpsen, das wünscht sich Daniela S. Die alleinerziehende Mutter möchte in den Ferien gemeinsam mit ihren Kindern Leo, 12, Rosalie, 8, und Max, 5, ein paar Tage raus aus der Stadt. Das muss gar nicht weit weg sein. Eine Ferienwohnung irgendwo auf dem Land wäre schön.

Die Unterkunft müsste eine kleine Küche haben, damit Daniela S. für Leo kochen kann. Das ist wichtig, denn der Zwölfjährige muss strikt auf glutenfreie Ernährung achten. Er leidet an Zöliakie und bekommt Bauchweh und Durchfall, wenn er einen Teller normale Nudeln oder ein paar Kekse isst. Erst vor ein paar Wochen ist Leo nach einem längeren Aufenthalt in einer Klinik zurück nach Hause gekommen. Er fühle sich sehr viel stabiler jetzt, sagt seine Mutter. Seine Geschwister freuen sich, dass er endlich wieder bei ihnen ist.

Besonders Rosalie ging es die vergangenen Monate nicht besonders gut. Ein paar Mal sagte sie, dass sie nicht mehr leben möchte, was ihre Mutter schwer schockierte. Lange vor der Diagnose der Ärzte und Psychologen hatte sie vermutet, dass ihre Tochter ADHS hat und deshalb nicht so gut in der Schule ist. Nun hofft sie, dass Rosalie die verschriebenen Medikamente helfen werden, um sich besser auf das Wesentliche konzentrieren zu können.

Der kleine Bruder Max kann manchmal nicht verstehen, was mit seinen Geschwistern los ist. Wenn seine Schwester niedergeschlagen dasitzt, versucht er, sie aufzuheitern. Wenn sie und der große Bruder gemeinsam Zeit miteinander verbringen – und die Mama in der Nähe ist –, dann ist er glücklich.

Ein Tag in der Therme oder im Zirkus

40 Quadratmeter, aufgeteilt auf zwei Zimmer für eine Mutter und ihre zwölfjährige Tochter. Mehr ist nicht drin in einer teuren Stadt wie München – nicht für Susanne K. Die 36-Jährige ist alleinerziehend, Zwangsstörungen und Panikattacken machen es ihr derzeit unmöglich, einer Arbeit nachzugehen. Unterstützung von der Familie gibt es keine, „ich bin finanziell auf mich allein gestellt“, sagt sie. Sie lebt von Bürger- und Kindergeld.

K. befindet sich in therapeutischer und ärztlicher Behandlung, denn unbedingt möchte sie psychisch gesund werden – auch, um dann wieder arbeiten zu können. Doch aktuell hat sie einen Grad der Behinderung (GdB) von 50 Prozent. Ihre Tochter ist an Skoliose erkrankt und muss deshalb ein Korsett tragen, außerdem hat sie ADHS. Eine schwierige Lebenslage, für Mutter und Tochter gleichermaßen.

„Ich würde gerne meiner Tochter eine Freude bereiten“, sagt K. Ein Tag in der Therme Erding oder ein Besuch im Circus Krone, das würde sie sich sehr wünschen. Vor langer Zeit haben die beiden so etwas miteinander unternommen, haben schöne Erinnerungen. Wegen der aktuellen Situation fehlt Susanne K. jedoch das Geld für solche Ausflüge.

Ein paar glückliche Tage am Strand

Als Natalia C. mit ihrem Sohn und ihrer Mutter 2022 vor dem russischen Angriffskrieg aus der Ukraine floh, häuften sich die Anfälle des Sohnes – der 18-jährige Bohdan lebt mit einer Autismus-Spektrums-Störung (ASS), hat verschiedene Entwicklungsstörungen sowie Epilepsie.

Viele Arztbesuche waren notwendig, um die richtigen Medikamente zu finden. Eine Belastungsprobe in einem Land, in dem die Familie zwar sicher vor dem Krieg war, zugleich aber auch ein völlig neues Umfeld vorfand. In dem sie die Sprache nicht verstand. In einer Unterkunft für Geflüchtete lebte, die den Bedürfnissen eines schwerbehinderten Jugendlichen nicht gerecht war.

Während es die Großmutter nach Polen zog, leben Mutter und Sohn mittlerweile in einer Zwei-Zimmerwohnung. Die 44-Jährige pflegt Bohdan und hat die gesetzliche Betreuung übernommen. Daneben verbessert sie ihr Deutsch in einem Sprachkurs und engagiert sich ehrenamtlich in einem Verein für russischsprachige Familien, in denen Kinder mit einer Beeinträchtigung leben. Unter anderem koordiniert sie dort eine bayernweite Selbsthilfegruppe.

In ihrer alten Heimat machte die Familie einmal im Jahr Urlaub am Strand, vor allem für den Sohn war das eine fröhliche Zeit. Zu gerne würden die beiden endlich wieder Meereswind spüren und Salzwasser riechen. Doch mit dem, was von Bürgergeld, Grundsicherung und Pflegegeld übrig bleibt, blieb das bislang ein Traum.

Urlaub auf dem Bauernhof

Einen großen Erfolg haben Nadine und Christian T. schon erzielt: Beide haben sich ihrem Suchtproblem gestellt, seit zwei Jahren leben sie suchtmittelfrei. Das hat viel Mut erfordert. Viel Kraft. Willensstärke. Vor allem, weil es auch in der erweiterten Familie Suchtkrankheiten gibt. Statistisch gesehen werden Kinder aus suchtbelasteten Familien viel häufiger später selbst suchtkrank. Für ihr eigenes Kind, den kleinen Lukas, wollten die 34-Jährige und ihr Mann das auf keinen Fall.

Doch durch die Kombination aus Sucht und ADHS haben Aufgaben wie Miete zu bezahlen, Behördenangelegenheiten zu erledigen oder den Überblick über die Finanzen zu behalten, lange Zeit nicht gut funktioniert. Nun hält sich das Paar konsequent an die Regeln seiner Privatinsolvenz und arbeitet hart daran, finanziell unabhängig von Sozialleistungen zu leben.

Christian T. hat einen Vollzeitjob, seine Frau möchte nach der Elternzeit im Herbst wieder arbeiten. Doch die Kitaplatz-Suche war bislang erfolglos. Und so reicht das Geld für vieles nicht, was für die meisten Familien völlig normal ist: ein Besuch im Freizeitpark, Zirkus, Kino – das alles hat der kleine Lukas noch nie erlebt. Gerne würden die Eltern mit ihrem Sohn eine Woche auf einem Bauernhof Urlaub machen, eine unbeschwerte Zeit für das Kind, in der es Tiere und Traktoren bewundern kann.

Bildungsreise nach Berlin

Als Tamika W. 2023 mit ihren vier Kindern von Uganda nach Deutschland flüchtete, war sie schwanger. Die Entscheidung, aus ihrer Heimat fortzugehen, traf die 41-Jährige unter großem persönlichen Druck. Und aus Sorge um die Zukunft ihrer Kinder. Dass ihr jüngster Sohn bei der Geburt in der neuen Heimat die Diagnose Trisomie 21 erhielt, machte rückblickend umso mehr deutlich, wie richtig dieser Schritt war: Nur so konnte der kleine Bub Zugang zu der medizinischen Betreuung und Förderung erhalten, die er benötigt. Seit diesem Frühjahr leben die fünf Kinder und ihre Mutter in einer neuen Unterkunft im Münchner Norden – eine deutliche Verbesserung. Erstmals erlebt die Familie etwas Privatsphäre und Stabilität.

Dennoch bleibt die Situation schwierig. Aufgrund der intensiven Pflege ihres behinderten Sohnes kann Tamika W. nicht arbeiten, sie hat eine enorme Last zu schultern. Es fehlt der Familie an Zeit, finanziellen Mitteln und Energie, selbst ein Ferienprogramm zu organisieren. Und das, obwohl gerade die älteren Kinder dringend eine Auszeit benötigen würden. Sie sind wissbegierig und zeigen in der Schule großes Engagement, dort haben sie bereits viel über die Geschichte Deutschlands gelernt, insbesondere über die Zeit der Teilung und das Leben in der Hauptstadt.

Eine Bildungsfahrt nach Berlin wäre für die Familie eine Abwechslung vom schwierigen Alltag. Den Kindern würde es neue Perspektiven eröffnen, der Mutter Momente des Durchatmens.

Erholung an der Ostsee

Ende Juli wird Amira operiert. Es sind nur noch wenige Tage bis zu dieser schweren OP am Kopf, die ihre Situation verbessern soll. Ihre Mutter Violeta F. sieht dem Eingriff mit gemischten Gefühlen entgegen. Denn es ist nicht die erste Operation. Amira, 10, hat Trisomie 21 und wurde mit einem Herzfehler geboren. Als sie acht Monate alt war, rieten die Ärzte deswegen zu einer operativen Behandlung. Wenige Wochen später bekam Amira einen Schlaganfall. Nun ist sie halbseitig gelähmt, zudem leidet sie an epileptischen Anfällen.

Amira ist auf einen Rollstuhl und die intensive Pflege ihrer Eltern angewiesen. Sie trägt Windeln und hat eine Magensonde. Dennoch geht Amira in die dritte Klasse eines Münchner Blindeninstituts. Auch ihre drei Geschwister helfen mit, den Alltag zu bewältigen. Die älteren sind 18 und 20 Jahre alt, der jüngste Sohn, Luis, ist zwölf. Für ihn bleibt wegen Amiras schwerer Krankheit oft nur wenig Zeit. Seine Eltern wissen das, aber auch sie sind mit ihrer Berufstätigkeit und der Sorge um die Familie sehr beschäftigt. Amira schläft schlecht, auch das ist nicht einfach für alle.

„Die Familienzeit wird fast immer durch die Bedürfnisse und Launen von Amira bestimmt“, sagt Violeta F. Deshalb hofft sie auf ein bisschen Entlastung, während ihre jüngste Tochter nun im Krankenhaus und in der anschließenden Reha ist.

Die ersten drei Wochen wird sie Amira beistehen, danach der Papa. Leider ohne ihn, aber in der Hoffnung, ein bisschen Erholung zu finden, würde der Rest der Familie dann gern Urlaub an der Ostsee in einem Kolping-Hotel machen. Für die Zugfahrten und die Unterkunft braucht die Familie finanzielle Unterstützung.

Campen am See

Im Reiseführer blättern, den Koffer packen, das Auto beladen und dann ab in den Süden, so ein Szenario hat Christina K., 46, noch nicht erlebt. Sie war noch nie richtig im Urlaub. Denn nie hat das Geld dafür gereicht. Christina K. hat vier Kinder geboren, drei von ihnen leben inzwischen selbständig und machen eine Ausbildung. Nur die jüngste Tochter Melanie lebt noch bei ihr und ihrem neuen Lebensgefährten.

Eine Weile konnte Christina K. als Schneiderin arbeiten, was ihr viel Spaß machte. Aber durch das viele Sitzen bekam sie Wasser in den Beinen. Nun ist sie wieder ohne Job. Obwohl die Familie sehr sparsam lebt, ist das Geld am Monatsende immer knapp. Auch Schulden aus der Vergangenheit gibt es noch zu begleichen. 

Deshalb hat Christina K. auch für diese Schulferien keine Urlaubspläne. Schon immer wollte sie mal zum Campen gehen: einmal erleben, wie es ist, bis spät abends unter freiem Himmel zu sitzen und am Morgen die Füße ins Wasser zu tauchen.

Da die Familie keine Zeltausrüstung besitzt, wäre ein Campingurlaub in einem kleinen Mobilhome ideal. Diese Möglichkeit gibt es zum Beispiel am oberbayerischen Pilsensee. Dorthin könnten Mutter und Tochter mit der S-Bahn fahren. Und davor endlich auch mal eine Tasche für den Urlaub packen.

Ein allererster Familienurlaub

Es gibt eines, über das Ayana S. und Yaro D. mit anderen nicht sprechen: die Flucht aus ihren alten Heimatländern. Nur grob umreißen sie das Thema. Die 31-Jährige wurde verfolgt und hat Gewalt erlebt – würde sie jemals zurückkehren, hätte sie womöglich nicht mehr lange zu leben. Yaro D. hat rituelle Gewalt erlebt.

Bis heute belastet die Vergangenheit das Paar sehr: Sie leidet an Schlafproblemen sowie Flashbacks und nimmt therapeutische Angebote wahr. Er kämpfte immer wieder mit schweren psychischen Problemen und ist in psychotherapeutischer Behandlung. In Deutschland lernten sich die beiden bei gemeinsamen Freunden kennen. Schnell wurden sie ein Paar, dass sie aus unterschiedlichen Ländern stammen, war kein Hindernis. Im Gegenteil: Sie stützten sich gegenseitig in schwierigen Lebensphasen, psychisch ging es den beiden stetig besser.

Im vergangenen Jahr kam die gemeinsame Tochter zur Welt, seit Kurzem wohnt die Familie in einer kleinen Zwei-Zimmerwohnung – zum ersten Mal haben sie ein eigenes Bad und eine eigene Küche. Im August erwartet das Paar sein zweites Kind. Eine gute Bildung für die Kinder ist Ayana S. und Yaro D. äußerst wichtig, sie möchten ihnen eine chancenreiche Zukunft ermöglichen. Aktuell arbeitet D. als Reinigungskraft, S. hat vor Kurzem ihren B2-Deutschkurs abgeschlossen.

Sie träumen von einem ersten kleinen gemeinsamen Urlaub – wohin, darüber haben sich die beiden noch keine näheren Gedanken gemacht, so unrealistisch erscheint ihnen die Erfüllung ihre Traumes. Hauptsache, sie sind zusammen und kehren mit schönen Erinnerungen zurück.

Joschi möchte abheben

Joschi wird nach den Sommerferien in die dritte Klasse kommen. Wie das wird, darüber möchte er lieber noch nicht nachdenken. Pläne haben sich in seinem Leben schon öfter mal zerschlagen. Immer wieder bremst ihn sein Körper aus. Joschi ist sieben Jahre alt und hat bereits viele Operationen hinter sich, darüber sprechen aber mag er nicht so gern. Er ist auf einen Rollstuhl angewiesen.

In der Schule nehmen seine Freunde Rücksicht auf ihn, im Alltag aber geht manches nicht, was für andere Kinder in seinem Alter selbstverständlich ist: mal allein zum Spielplatz, Radfahren, Fußball spielen. Seine Eltern besitzen kein Auto, deshalb kennt Joschi die Schwierigkeiten, die sich manchmal mit öffentlichen Verkehrsmitteln ergeben. Etwa wenn Aufzüge an U-Bahnstationen nicht funktionieren oder eine S-Bahn nicht kommt. Vor allem Joschis Mutter unternimmt so viel wie möglich mit ihrem Sohn. Sie möchte seinen Horizont erweitern. Der Papa ist für Ausflüge oft zu müde von den frühen Morgenschichten in seinem Job.

Das Geld ist knapp in der Familie, ein Urlaub wird auch diesen Sommer nicht möglich sein. Joschi wünscht sich, mal wieder Karussell zu fahren. Wenn er vom Boden abhebt, spürt er für kurze Zeit eine Leichtigkeit, die ihm sonst im Leben fehlt. Eine Fahrt zum Allgäuer Skyline-Park wäre mit Bahn und Bus möglich.

Gerne würde ihm seine Mutter auch die Schlösser von König Ludwig zeigen. Eine Familienführung durch Schloss Linderhof und zu der frisch renovierten Grotte, ein Mittagessen in einer bayerischen Wirtschaft, vielleicht ein Eis zwischendurch, solche Ausflüge würden diese Sommerferien für Joschi ganz besonders machen.

In die Türkei zur Oma

Nevin E. träumte von einem schönen Zuhause mit Kindern und einem fürsorglichen Mann. Das Leben in Deutschland war nie einfach für sie und die Sehnsucht nach der Türkei manchmal groß. Aber es fühlte sich anfangs alles richtig an. Sie zogen in eine nette Wohnung, kauften Möbel, bekamen zwei Kinder. Der Vater aber kümmerte sich nicht gut um seine Familie, die Beziehung war nicht glücklich.

Der Entschluss, ihren Mann zu verlassen, fiel Nevin E. schwer. Doch nach der Trennung fühlt sich nun erleichtert, auch wenn die finanziellen Sorgen auf ihren Schultern liegen. Die Kredite für die Einrichtung laufen auf ihren Namen. Nevin E. weiß heute, dass das ein großer Fehler war. Denn sie muss nun allein die monatlichen Raten abzahlen. Sie arbeitet auf Minijob-Basis, Unterhalt vom Vater bekommt sie nur unregelmäßig. Insgesamt reicht das Geld kaum zum Leben, auch wenn die Familie vom Jobcenter unterstützt wird.

Sohn Emre soll im September in die erste Klasse kommen. So gerne würde seine Mama vorher mit ihren beiden Kindern in die Türkei fliegen. Dort lebt noch ihre Großmutter, die nicht mehr nach München reisen kann. Emre wünscht sich auch sehr, Mamas „Anne“ von seiner Schultüte und seinem Schulranzen zu erzählen. Telefonieren ersetzt nicht, in den Armen der Uroma zu liegen.

Drei Tage Auszeit im Europapark

Eines hören Alaya, 8, und ihr Bruder Karam, 10, von ihren Freundinnen und Freunden aus der Schule immer wieder: wie es im Urlaub war. Wie in der Mittagszeit der Sand unter den nackten Fußsohlen gebrannt hat. Wie lustig das Tauchen in den Wellen am Meer war. Wie toll es einfach war, mit der Familie mal ganz woanders gewesen zu sein. Alaya und Karam waren noch nie im Urlaub.

Ihre Mutter Fatinah H. ist alleinerziehend. Sie arbeitet als Verkäuferin in einer Bäckerei. Doch ihr Verdienst reicht nicht aus, sie erhält aufstockend Bürgergeld, um für ihre Kinder und sich sorgen zu können. Mühsam hat die 41-Jährige von dem bisschen Geld, das der Familie zur Verfügung steht, etwas gespart und ihren Kindern Fahrräder gekauft. Ein enormer Kraftakt für die Alleinerziehende.

Umso bitterer, dass Karams Fahrrad, obwohl es abgesperrt war, gestohlen wurde. Jetzt können die Geschwister in den Ferien nicht einmal mehr gemeinsam mit ihren Rädern umherflitzen. Und eine Urlaubsreise bleibt ohne finanzielle Hilfe ohnehin unerreichbar. 

Dabei wünschen sich Mutter und Kinder sehr einen dreitägigen Ausflug in den Europapark Rust. Einfach mal woanders sein, Neues sehen, kleine Abenteuer erleben. Wenn Karam dann noch ein neues Fahrrad, Schloss und Helm bekommen würde sowie die Mutter ebenfalls ein Rad, dann wäre sogar das Auskundschaften von Ausflugszielen rund um München möglich. Für die meisten nichts besonders. Für die Familie allerdings schon.

Familienbesuch in der brasilianischen Heimat

Sie sind erst elf und 13 Jahre alt – und doch mussten sie schon einiges erleben, was den meisten ihr Leben lang erspart bleibt. Der Vater wurde in ihrer alten brasilianischen Heimat bei einem Raubüberfall getötet. Die Mutter zeigte kein Interesse, sich um die Kinder zu kümmern. Erst landeten sie bei der Tante, die jedoch hatte mit ihrem eigenen Kind alle Hände voll zu tun. So holten 2018 die Großeltern in Deutschland ihre Enkelkinder zu sich.

Obwohl sie offiziell nur Verwandtenpflege leisten, ziehen Beatriz M. und ihr Mann Frank M. die Kinder wie ihre eigenen groß: Mama und Papa nennen die zwei Kleinen sie, nicht Oma und Opa. Zu viert leben sie in einer sehr engen Zwei-Zimmerwohnung, die Geschwister teilen sich 15 Quadratmeter in einem gemeinsamen Zimmer.

Vor ein paar Jahren erlitt der Mann erst einen Autounfall, später einen Herzinfarkt, lange war unklar, ob er seinen Job weiter ausführen kann. Die Kneipe, die das Ehepaar betrieb, überstand wie so viele Gastrobetriebe die Pandemie nicht. Die sehr hohen Rückforderungen aus den Corona-Hilfen machen die finanzielle Situation noch prekärer.

Die Kinder wünschen sich sehr, ihre Verwandten in Brasilien endlich wieder in ihre Arme schließen zu können – Halbschwester, Tante mit Cousinen und Cousins, die leibliche Mutter. Zuletzt konnten sie das vor drei Jahren, eine Ewigkeit angesichts ihres jungen Alters. Gerne würden Frank und Beatriz M. ihren Enkelkindern diesen Wunsch erfüllen und gemeinsam nach Brasilien reisen.

Text: Sabine Buchwald, Johanna Feckl, Karin Kampwerth; Illustration: Claudia Klein; Digitales Storytelling: Johanna Feckl

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