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„Überall ging ich zu Fuß hin – egal, wie lang. Ein MVV-Ticket war zu teuer“

Ein Geburtstagsgeschenk zu besorgen, bringt Andreas in die Bredouille. Thomas pflegt seine Eltern, weil ein Heimplatz zu teuer ist. Und Henriettes Sohn kann nicht mehr in den Kindergarten gehen. Was Armut für Münchnerinnen und Münchner bedeutet.

Von Johanna Feckl und Claudia Klein (Illustration)
28. November 2025 | Lesezeit: 10 Min.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. So heißt es im Klassiker „Der kleine Prinz“ des französischen Autors Antoine de Saint-Exupéry. Eigentlich geht es dabei um das Gute, das würde man nämlich nur mit dem Herzen sehen können. In München allerdings scheint die Aussage ebenso mit Blick auf etwas anderes passend zu sein: In der deutschen Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten, den höchsten Mietpreisen, den höchsten verfügbarem Einkommen – da kann es ja gar keine richtige Armut geben. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt das Wesentliche und stellt fest: weit gefehlt.
Jede sechste Person in München gilt als armutsgefährdet, denn das Einkommen von fast 266 000 Münchnerinnen und Münchnerin liegt unterhalb der Schwelle, die für Armutsgefährdung ausschlaggebend ist. Wo diese Grenze genau verläuft, hängt von der jeweiligen Lebenssituation ab. Ein Haushalt mit einer Person zum Beispiel muss im Monat mit weniger als 1540 Euro auskommen. Eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren mit weniger als 3230 Euro. Diese Zahlen gehen aus dem Armutsbericht der Stadt München aus dem Jahr 2022 hervor. Aktuellere Daten gibt es nicht. Und wird es so schnell auch nicht geben.
Seit 1987 schon erstellt die Stadt einen Armutsbericht, erst alle fünf Jahre, seit 2022 alle vier Jahre. So zumindest die Theorie. Denn im Sozialreferat fehlen die nötigen Mitarbeitenden, um diesen Zeitplan einhalten zu können. Weil derzeit aus Kostengründen keine Stellen besetzt werden, sei nicht absehbar, wann die frei gewordenen Positionen neu vergeben werden, teilt das Sozialreferat mit. Also verschiebt sich die nächste Veröffentlichung des nächsten Armutsberichts, die eigentlich für 2026 vorgesehen war, um zwei Jahre, auf 2028.

Man könnte es auch so formulieren: Die Stadt München ist zu arm, um einen Armutsbericht anzufertigen.

Nicht jede Personengruppe ist gleichermaßen betroffen von Armut. Vor allem auf Alleinerziehende (37 Prozent), Familien mit drei oder mehr Kindern (35 Prozent) sowie auf Menschen mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung (31 Prozent) treffen die Kriterien besonders häufig zu, laut denen sie in München als armutsgefährdet gelten. Im Vergleich zu früheren Erhebungen stellt der Armutsbericht außerdem fest, dass die Zahl von älteren Menschen, die in Armut leben, gestiegen ist.

Doch was bedeuten all diese Zahlen konkret?

Die SZ hat mit fünf Münchnerinnen und Münchnern gesprochen, die von Armut betroffen sind. In diesem Text tragen sie andere Namen, ihre echten sind der Redaktion bekannt. Woran sie merken, dass sie mit weniger Geld auskommen müssen als die meisten anderen in der Stadt.

„Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wäre das ungefähr eine halbe Stunde. Aber ich bin ja zu Fuß gegangen.“

Josef, 71: „Es gibt ja diesen Spruch: Zeit ist Geld. Den habe ich umgedreht, damit er für mich stimmt: Geld ist Zeit. Ich muss mehr Zeit investieren, um mir Dinge leisten zu können. Zum Beispiel habe ich lange Prospekte sämtlicher Supermärkte gesammelt. Wenn in einem was im Angebot war, dann bin ich da hin. Überall ging ich immer zu Fuß hin. Es war mir ganz egal, wo der Supermarkt war und wie lang ich unterwegs war. Ein MVV-Ticket war zu teuer für mich.

Trotzdem war das Geld über mehrere Jahre immer noch so knapp bei mir, dass ich Flaschen und Dosen gesammelt habe. Nicht da, wo ich wohne – ich wollte auf jeden Fall vermeiden, dass mich jemand sieht, der mich kennt.

Am liebsten bin ich zum Marienplatz. Weil man da in dem Trubel so schön untergehen kann. Trotzdem habe ich einmal einen alten Bekannten getroffen. Ich war so froh, dass ich mich nicht gerade über einen Mülleimer gebeugt und nach einer Flasche gegriffen hatte. Mein Rucksack war auch noch nicht auffällig voll. So konnte ich einfach so tun, als ob ich halt einen kleinen Ausflug in die Innenstadt unternahm, um ein bisschen zu bummeln.

Von mir zu Hause aus sind es knapp acht Kilometer bis zum Marienplatz, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist das ungefähr eine halbe Stunde. Aber ich bin ja zu Fuß gegangen, da war ich fast zwei Stunden unterwegs. Und dann das gleiche nochmal zurück natürlich. Ich hab’ versucht, es positiv zu sehen: Ich bin Rentner, ich habe Zeit. Ich kann ja nicht 18 Stunden lang daheim auf dem Sofa sitzen und in die Glotze schauen. Und will es vor allem auch gar nicht. So hatte ich wenigstens Bewegung und frische Luft.“

„Es zerreißt mir das Herz, meinen Sohn zu Hause lassen zu müssen, obwohl er sich so sehr wünscht, in seinen Kindergarten zu gehen.“

Henriette, 44: „Für die meisten Familien mit kleinen Kindern ist es völlig normal, den Sohn oder die Tochter jeden Morgen in den Kindergarten zu bringen. Eigentlich sollte das auch bei uns so sein – mein vierjähriger Sohn liebt seinen Kindergarten: Gleich nach dem Aufstehen steht er noch im Pyjama an der Wohnungstüre, den kleinen Rucksack auf die Schultern gesetzt, und wartet, bis es endlich losgeht. Im Kindergarten hat er seine Freunde, ein Gefühl der Sicherheit, gewohnte Abläufe und die Förderung, die er denke ich dringend benötigt.

Doch seit einiger Zeit muss ich ihm jeden Morgen erklären, dass es an diesem Tag nicht in den Kindergarten geht.

Ich bin eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, die finanzielle Situation ist da schwierig. Ein Auto kann ich mir nicht mehr leisten. Mit den Öffentlichen fahren geht allerdings auch nicht, denn mein anderer Sohn ist autistisch und hat dadurch besondere Bedürfnisse. Ich kann mit ihm nicht sicher öffentlich fahren – erst recht nicht, wenn noch sein jüngerer Bruder dabei ist. Das ist einfach gefährlich, deshalb mache ich das auch nur im äußersten Notfall, wenn es gar nicht anders geht. Aber jeden Morgen, fünfmal in der Woche? Unmöglich.

Mit einem Fahrradanhänger, in dem beide Kinder sicher Platz haben, damit würde es gehen. Allerdings müsste ich so einen erstmal kaufen – doch wovon?

Es zerreißt mir das Herz, meinen kleinen Sohn zu Hause lassen zu müssen, obwohl er sich so sehr wünscht, in seinen Kindergarten zu gehen. Ich merke, wie traurig ihn die aktuelle Situation macht und wie sehr ihn das belastet – und dadurch belastet es auch mich. So gern möchte ich meinem Jüngsten seine tägliche Freude wieder zurückgeben. Aber ich weiß einfach nicht, wie das ohne Geld funktionieren soll.“

„In meiner Situation bin ich nicht verpflichtet, mich an den Pflegekosten zu beteiligen. Aber es sind doch meine Eltern.“

Thomas, 44: „Meine Eltern sind beide über 70 – und seit Kurzem pflegebedürftig. Pflegegrad 4 und 5, also die zwei höchsten. Bei beiden kommt eine Demenz hinzu, bei meiner Mutter ist sie schon so weit fortgeschritten, dass es Tage gibt, an denen sie mich nicht als ihren Sohn erkennt.

Sie bekommen eine Rente, doch die reicht nicht aus, um für die Pflege aufzukommen und das, was sie zum Leben brauchen. Obwohl sie 45 Jahre lang arbeiten gegangen sind. Was erst recht nicht geht: davon einen Platz in einer Pflegeeinrichtung zu finanzieren. In München kostet so etwas über 4000 Euro. Wir haben das durchgerechnet: Trotz der Rente meiner Eltern und der hohen Pflegegrade würden da noch 1300 übrig bleiben, die bezahlt werden müssen. Pro Person.

So viel Geld habe ich nicht – ich kann im Moment aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten und bekomme Grundsicherung. In so einer Situation ist eine solche Summe natürlich erst recht völlig utopisch. Aber auch wenn jemand in Vollzeit arbeiten geht: 2600 Euro, einfach so jeden Monat zusätzlich an Ausgaben, ich glaub’ nicht, dass das machbar ist.

Deshalb leben meine Eltern weiterhin zu Hause, ein ambulanter Pflegedienst kümmert sich um die Pflege, ich komme spätestens alle zwei Tage vorbei und kümmere mich um alles andere, was der Pflegedienst nicht macht. Essen, dass alles sauber ist, solche Sachen. Und ich gebe meinen Eltern so viel Geld dazu, wie ich kann.

120 Euro bleiben mir selbst im Monat übrig. In meiner Situation bin ich zwar gesetzlich nicht verpflichtet, mich an den Pflegekosten meiner Eltern zu beteiligen. Aber es sind doch meine Eltern, natürlich mache ich das.

Ab und zu gehe ich in eine der vielen Kantinen in München, da ist das Essen relativ günstig. Oder meine engsten Freunde laden mich mal zu etwas ein. Oder es gibt dann halt eben einfach mal weniger zu essen. Aber ich möchte mich nicht beschweren, ich komme ja schließlich über die Runden.“

„Wir sind mit dem Geburtstagskind zu McDonald’s, eine Ausnahme, meinem Sohn zuliebe, wir konnten es uns gerade so leisten.“

Andreas, 28: „Vor ein paar Monaten war mein Sohn zu einer Kindergeburtstagsfeier eingeladen. Er ist sieben. Eine Weile haben wir weder zu noch abgesagt. Ich hab’ mich da richtig davor gedrückt. Am Tag davor kam dann aber ein Anruf mit der Nachfrage, ob wir denn jetzt kommen würden. Nein, habe ich da gesagt. Ich habe behauptet, wir würden das zeitlich leider nicht schaffen. Und müssten am nächsten Tag ganz früh aufstehen. Also, ich hab’ uns da einfach irgendwie rausgeredet. Das habe ich schon ein paar Mal gemacht bei Einladungen. Weil wir uns kein richtiges Geschenk für den Geburtstag hätten leisten können.

Es ist echt schwierig: Kinderspielzeug ist unglaublich teuer – allein eine Barbie kostet ja schon um die 20 Euro. Und selbst das wäre für uns nur möglich, wenn wir woanders wieder etwas einsparen. Aber manchmal gibt’s ja in einem Monat zwei Einladungen. Oder noch mehr. Das geht nicht.

Meinem Sohn habe ich versucht, die gleiche Ausrede aufzutischen. Ich habe ihm vorgerechnet, wie lange wir vom Hort nach Hause brauchen, von dort weiter zur Feier, wie spät es dann schon wäre, dass wir da nur eigentlich schon längst wieder zu Hause sein müssten wegen Abendessen und ins Bett gehen ... ich glaube, er hat es mir abgekauft. Oder vielleicht hoffe ich es auch nur so sehr, sodass ich es glaube. Wahrscheinlich ist das aber egal. Denn traurig war mein Sohn trotzdem.

Wir sind dann am nächsten Tag mit dem Geburtstagskind zu McDonald’s, es gab was zum Essen und wir haben eine zehn Euro Geschenkkarte für den Playstation-Store geschenkt. Es war eine Ausnahme, meinem Sohn zuliebe, wir konnten es uns gerade so leisten. Aber damit auf einer großen Feier auftauchen, wo es alle sofort mitbekommen – man will ja auch nicht blöd dastehen. Weil im Vergleich zu dem, was die anderen erfahrungsgemäß schenken, war unser Geschenk einfach echt mickrig.“

„Ich liebe schwimmen! Es ist gut für meine Wirbelsäule. Ich habe weniger Schmerzen. Aber selbst der vergünstigte Eintritt ist finanziell nicht drin.“

Erika, 57: „Nach einem Unfall bin ich schwerbehindert und habe chronische Schmerzen. So etwas ist ja nie eine schöne Sache. Aber wenn man ohnehin schon kaum Geld zur Verfügung hat ... na ja, ich kann mir nicht mal alle Medikamente und Hilfsmittel leisten, die ich laut den Ärzten eigentlich nehmen und verwenden sollte. Dabei würde mir das sehr helfen, sodass es mir gesundheitlich besser geht.

Zum Beispiel ein spezieller Gürtel, der meine Wirbelsäule und die gesamte Statur stützt. Damit wäre ich in der Lage, längere Strecken zu Fuß zu schaffen als die 200, 300 Meter, die es im Moment sind. Selbst die schaffe ich übrigens nur mit einem Gehwagen. Und wer weiß, vielleicht würde es mir dadurch auch insgesamt körperlich etwas besser gehen, weil ich mich mehr bewegen könnte. Doch so einen Gürtel zahlt die Krankenkasse nicht. Also bleibt nur selbst kaufen, aber das kann ich mir niemals leisten.

Im letzten Jahr war ich wegen meines Rückens auf Reha. Das war wirklich toll, ich habe dort schwimmen gelernt. Und ich habe festgestellt: Ich liebe schwimmen! Aber es macht mir nicht nur Spaß, sondern es ist auch wirklich unglaublich gut für meine Wirbelsäule. Ich habe gleich weniger Schmerzen, auf der Reha habe mich dadurch einfach insgesamt besser gefühlt. Deshalb würde ich sehr gern regelmäßig zum Schwimmen gehen. Aber selbst der vergünstigte Eintritt, der für mich gilt, der ist um die vier Euro, je nach Schwimmbad. Da geh’ ich dreimal hin und schon bin ich zwölf Euro los. Das ist finanziell nicht drin.“

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Text & Digitales Storytelling: Johanna Feckl; Illustration: Claudia Klein; Schlussredaktion: Philipp Crone, Sabine Buchwald

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