Oktoberfest

Ist das Wahnsinn? Die Wiesn-Stilkritik

Trachten-Puristen können nicht schmerzfrei über die Theresienwiese gehen. Wer die Wiesn-Mode entspannter sieht, erfreut sich an dezenten bis grellen Kleinoden - und natürlich Skurrilitäten. Auch jenseits der Kleiderwahl kommt einem in München manches sonderbar vor. Eine Auswahl der Wiesn-Hingucker.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren
30. September 2022 - 10 Min. Lesezeit

Für einige (Bayern) ist nicht der Karneval, sondern die Wiesn die fünfte Jahreszeit. Um diese gebührend zu feiern, werden modische Akzente gesetzt und Accessoires ausgeführt. Manche nennen es Mode, andere Verkleiden. Zu Sehen gibt es auf jeden Fall genug, denn die Münchnerinnen und Münchner stoßen während des Oktoberfests auch abseits der Mode auf Hingucker der merkwürdigen Art: die Wiesn-Stilkritik.

30. September 2022

Rot oder Grün, Bayern oder Löwen?

Kleidung und Wiesn: heikles Thema. Richtig und falsch gibt es da nicht. Zum Konzept der Volksfeste gehört, dass das Volk erscheinen darf, wie es ihm gefällt, wobei man einander schon auch immer beäugt: Wer trägt in diesem Jahr was?

Kleidung und Wiesn: Ein Thema ist das immer, eines, das Aufmerksamkeit findet und mit dem sich Aufmerksamkeit erzeugen lässt, wobei man bei einem besonderen Teil des Münchner Volks wäre – den Profi-Fußballern.

Wiesn sells: Das haben sie lange schon auch beim TSV 1860 München gemerkt und beim FC Bayern. Wiesn-Ausflüge in jedes Jahr neu geschneiderten Trachten gibt es für die Profis dort schon lange, seit einiger Zeit werden die Kicker zur Wiesn-Zeit mitunter aber auch in eigens für diesen Anlass kreierte Jerseys zur Berufsausübung geschickt, zur Fortsetzung der Wiesn auf dem Rasen quasi.

Selbst im vergangenen Jahr, als es gar keine Wiesn gab, hielt der FC Bayern das so. Um die Vorfreude anzuheizen, hieß es damals. Die darf jetzt wieder maskenlos ausgelebt werden.

In einem „etwas dunkleren Colourway“, so der offizielle Adidas-Terminus, kommen die Bayern deshalb dieser Tage daher, um das Logo auf der Brust rankt sich ein Lorbeerkranz, hinten ist am Kopfausschnitt ein Edelweiß eingestickt. Wirklich überraschend oder neu wurde das weltberühmte Fest da nicht interpretiert, was allerdings auch für den Nike-Entwurf des Stadtrivalen 1860 München gilt.

Das Münchner Kindl unterm Kinn, auf den weiß abgesetzten Ärmeln Brezn-Ketten, die Herzchen formen: So kann man sich schon sehen lassen. Auffallend aber ist vor allem eins: Dass die Löwen in diesem Jahr in der Farbe auflaufen, die die Bayern in ihrem Wiesn-Trikot 2021 schon vorführten: Grün.

Wirklich Aufsehen würden sie erregen, wenn sie das kommendes Jahr fortführten. Dann müssten sie in Rot kommen. Das aber wäre dann erst recht ein heikles Thema.

René Hofmann

28. September 2022

O, wie logisch ist diese Wahl

Für etwas zu werben, das ohnehin schon alle kennen, ist keine triviale Aufgabe. 212 Jahre nach seiner Erfindung hat das Oktoberfest erstmals ein Marken-Logo bekommen. Und eigentlich konnte das nur, pardon, in die Lederhose gehen.

Denn da sind wir schon mitten im Problem: Trachtenhüte, Bierkrüge, Dirndl, Brezen und ein Riesenrad – all das kennt man seit Jahren von den Wiesn-Plakaten. Und all das verbietet sich von selbst. Doch womit werben, wenn nicht mit einem Klischee?

Die Wahl fiel auf das O. Bei näherem Hindenken ist das so simpel wie logisch. Kaum ein Buchstabe ist weniger abgenutzt. Er hat in deutschen Texten nur eine Häufigkeit von zweieinhalb Prozent und gilt als seltenster Vokal. Nur nicht im Wort Oktoberfestlogo, da ist alles anders.

Da ist das O doppelt so häufig wie ein anderer Vokal, dessen Name nicht erwähnt werden soll, und es stellt auch alle Konsonanten in den Schatten.

Wie Looping und Proooosit

Kunstvoll verschnörkelt erinnert das Oktoberfest-O an eine Looping-Fahrt mit der Achterbahn; das Einkreisen eines freien Sitzplatzes im Bierzelt; den Boden eines schon wieder leergewordenen Masskrugs; den Versuch, zu vorgerückter Stunde an der Schießbude Kimme und Korn übereinander zu bringen; die Fliehkräfte auf dem Teufelsrad; die zum Proooosit-Gesang geformten Lippen der Wiesn-Gäste; einen Rückwärtspurzelbaum auf dem Toboggan; das Kettenkarussell auf einem Foto mit Langzeitbelichtung.

Und dann steht dieses O natürlich einer beinahe biblischen Weise für den Anfang und das Ende. Das „Ozapft is“ und das O-wie-schade-schon-wieder-vorbei.

Stefan Simon

25. September 2022

Glühwein am Eisstand

Die Wiesn hat ihre eigenen Regeln, das ist bekannt. Nun ist klar: Manche Wiesn hat sogar noch eine eigene Regel mehr. Im Jahre 2008 ergab es sich, dass eine langanhaltende Kaltfront zur Volksfestzeit München heimsuchte. Die Geschäfte der Eisverkäufer liefen mies, so mies, dass die Verantwortlichen sich ängstigten, im Jahr darauf könnte es vielleicht gar kein Eis mehr geben, weil niemand mehr den Verkauf würde wagen wollen. Ein Rettungsschirm für die Eisverkäufer musste her, schnell und garantiert in der Wirkkraft.

So kam der Glühwein auf die Wiesn, der ist ja schnell zusammengerührt und in seiner Wirkkraft kaum zu unterschätzen. Dafür, dass auf dem berühmtesten Bierfest der Welt Wein in erhitzter Form ausgeschenkt werden darf, wurde damals eine Formel erfunden, um die Ausnahmeregelung zu rechtfertigen: Drei Tage unter zehn Grad sollten die Heißwein-Zeit begründen.

Nun war es in der ersten Wiesn-Woche in diesem Jahr zwar oft frisch, aber beim Blick auf Thermometer und Wetter-App braucht es schon viel Fantasie, um aus diesen drei Tage mit einstelligen Temperaturen zu lesen. Macht nichts, beschloss die Festleitung nun trotzdem. Wie vor 14 Jahren dürfen die Eisverkäufer nun Wein erhitzen und – je nach Rezept – Honig, Sternanis, Zimt, Lorbeer, Nelken, Koriander und/oder Thymian hineinrühren. Auf den ersten Blick mag das recht beliebig wirken. Aber das ist eine recht engstirnige Perspektive. Auf dem Oktoberfest ging es doch schon immer vor allem darum, was ankommt.

René Hofmann

23. September 2022

Wiesn retten du musst

Wer in eine Schießbude blickt, sieht, was gesehen wird. Chase, der Rettungshund aus der Serie Paw Patrol, hängt an dem Stand vor dem Armbrustschützenzelt. Daneben Peppa Wutz, das neunmalkluge Schweinchen. Und in diesem Jahr erstmals auf der Theresienwiese dabei: Grogu aus der Star-Wars-Serie „The Mandalorian“. Mehrere Baby-Yodas mit großen Kulleraugen und grünen Ohren baumeln an einer Schnur.

Es ist höchste Zeit, dass Grogu auf der Wiesn eingetroffen ist. Wann streckt er endlich seinen Arm aus, um die Regenwolken über der Theresienwiese wegzuschieben? Wann setzt er seine Kräfte ein, um die Coronaviren aus dem Zelt zu bugsieren? Wann hilft er den enttäuschten Wiesnwirten, Massen wie einst auf die Bierbänke zu ziehen?

Baby-Yoda sei die beliebteste Trophäe, sagt Budenbesitzer Henry Stey. 70 Punkte müssen die Schützinnen und Schützen sammeln, um die kleine Grogu-Version mit nach Hause zu nehmen. Für die große in etwa doppelt so viele, eine genaue Punktzahl steht nicht drauf. „Ich nehme es nicht so genau und gebe die Preise oft schon ein bisschen früher her“, sagt Stey, dem die Trennung von Grogu deutlich leichter fällt als dem Mandalorianer in der Serie.

Stey interessiert sich ohnehin nicht so sehr für die niedliche Figur. Für ihn ist etwas anderes von Bedeutung: Er hat genug Plastikrosen, normalerweise kein Ding, aber was ist schon normal im Jahr 2022. Seine Bestellung hatte er frühzeitig aufgegeben, doch andere Budenbesitzer würden noch immer auf die Trostpreise warten, sagt er. Wegen des Kriegs sei das Schiff aus China noch nicht im Hamburger Hafen eingelaufen. Auch da könnte Grogu mal nachhelfen.

Lisa Sonnabend

22. September 2022

Bus, Bahn und Bier

Ein Teegläschen und eine Mass Bier mit Bilderbuch-Schaumkrone stoßen im Bierzelt miteinander an. Beim Teegläschen steht: „Mit dem Auto da.“ Bei der Mass steht: „Mit der MVG da.“ Mit dieser Kombination wirbt die Münchner Verkehrsgesellschaft gerade für die Nutzung von Bussen, U-Bahnen und Trambahnen – Versuch einer Text-Bild-Exegese. Interpretation Nummer eins: Autofahrer sind nicht zu beneiden in München. Erst nimmt man ihnen die Parkplätze weg, dann das Bier. Haben sie auf dem Weg zur Wiesn endlich einen Parkplatz gefunden, erkälten sie sich beim Gang durch die Wirtsbudenstraße – und müssen statt Spezi oder Apfelschorle einen Tee trinken. Zefix! Da hilft nur eins: Parkplätze auf der Wiesn schaffen, direkt vor den Zelten.

Interpretation Nummer zwei: Autofahrer sind nicht zu beneiden in München. Weil der Sprit so teuer geworden ist und der Tankrabatt nicht funktioniert, können sie sich auf dem Oktoberfest keine Mass mehr leisten, nicht mal eine Spezi-Mass. Und so fällt das Getränk der Wahl auf heißes Wasser mit einem Beutel drin. Immerhin die Bernsteinfarbe kann mit dem großen Getränk daneben mithalten. MVG-Nutzer hingegen frohlocken. Durch das Neun-Euro-Ticket haben sie den ganzen Sommer über so viel Geld gespart, das langt für Massen von Massen.

Okay, MVG, Botschaft verstanden – Bus und Bahn so cool wie frisch gezapftes Bier, Auto so glamourös wie lauwarme Teeplörre im Glas. Erst am nächsten Tag sitzt nach dieser Logik so mancher Wiesnbesucher mit Tee auf dem Sofa und denkt: „Ach, wär’ ich doch mit dem Auto gefahren.“

Anna Hoben

20. September 2022

"Digga", "Deifi", "Sexgöttin" - Anstecknadeln, die nur süß tun

Die Wiesn ist für viele eine Herzensangelegenheit. Dass einem auf der Theresienwiese Herzen in vielen Formen entgegenfliegen, überrascht deshalb nicht: Sie kommen als Luftballons daher oder als hart gebackener und bunt beschrifteter Lebkuchenteig. Zunehmend aber auch in kleinerer Form, als Filzanstecker, etwa Autobahnvignetten-groß, mit einem oder zwei Signalworten beschriftet, zum Anheften, wo auch immer.

Die Herzensangelegenheit kondensiert in Herzchenform. Mehr Wiesn auf weniger Raum geht fast nicht mehr.

Menschen mit Sehschwäche mögen beim Studium dessen, was da vorgeführt wird, mitunter Probleme haben, weshalb hier – in Großbuchstaben – ein kleiner Auszug gegeben sei, was in diesem Wiesn-Comeback-Jahr da so alles geschrieben steht: „DIGGA“ – „CHEF“ – „GEILER KERL“ – „PRACHTSTÜCK“ – „ALLES ECHT“.

Die Herzchen sind klein und dank der Sicherheitsnadeltechnik auf der Rückseite sind die Stellen, an denen sie befestigt werden können, wirklich sehr frei zu wählen. Welcher Ausdruck am Ende wo landen dürfte, lässt sich ungefähr absehen. Aber die Wiesn soll ja auch eine lustige Angelegenheit sein – und Platz bieten für alle möglichen Humorformen.

Lustig findet’s, wer lacht oder ungefähr den Gegenwert einer halben Mass für ein Herzchen investiert. Dass die meisten Begriffe der gesprochenen Sprache entspringen und in Schriftform eher selten öffentlich ausgestellt werden, könnte mancherorts zu einigen Diskussionen führen, gerade in den nächsten Tagen.

Kindern, die just dabei sind, das Lesen zu lernen, ist es nicht immer leicht zu vermitteln, dass sie manche der Worte, die sie sich mit mühsamem Entziffern erobert haben, besser für sich behalten sollten. Und am Dienstag war Familientag.

René Hofmann

19. September 2022

Eine Mass zur Hand(tasche)

Kurz vor Anstich hat sich vergangenen Samstag ein heimlicher Star in die Anstich-Boxe des Schottenhamel-Festzelts geschlichen. Während sich der Einzug der Wiesnwirte mit Reiter und Söder dem Festgelände nähert, stiehlt ihnen ein Masskrug auf der Pressetribüne kurzzeitig die Show.

Ein Masskrug vor dem offiziellem Anzapfen des Oberbürgermeisters und dazu inmitten von Medienvertretern? Skandal im Absperrbezirk?

Entwarnung bei genauerer Inspektion, es handelt sich um die Papillon-Bag des Münchner Labels „Mei Maß“. 2009 fassten dessen Geschäftsführerinnen Sandra Zito-Kistermann und Friederike Mehlan-von Arnim den Entschluss, der Mass-Verwechslungsgefahr am Volksfesttisch vorzubeugen. Es begann mit einer Art Strumpfband, die sich schnell für Markierungszwecke über die Halbe oder die Mass ziehen lässt.

Tasche oder Krug? Die Haltung entscheidet

Mittlerweile bietet das Label auch die „Mei Daschn“ in drei verschiedenen Farbmodellen an. „Radio Energy“-Moderatorin Sonja „Sunny“ Lorff trägt zum Wiesnanstich das Modell mit weiß gefüllten Krugaugen, Schaumkrone und Lederriemen zum Umhängen, wobei Krughenkel und Taschengriff in einem genug Spielraum für die bevorzugte Präsentation bieten.

„Meine Kollegen und ich haben uns für die Wiesn mit dieser Tasche eingedeckt“, sagt Lorff und nimmt ihr Modell in die Vertikale als Platzhalter, ehe dieser bald darauf gegen eine echte Mass eingetauscht wird.

Bei aller Promidichte im Designertaschen-überfüllten Festgelände ein Hingucker und Eisbrecher und damit der ideale Anbandelhelfer.

Sarah Maderer

18. September 2022

Ein Dirndl für alle (Größen)

Ein Dirndl für alle Größen, das klingt erst einmal toll. Ein demokratisches Dirndl: Bye, Bye zu viel oder zu wenig auf den Rippen für Tracht! Es ist leider nicht etwa ein Dirndl, wie man vielleicht auch denken könnte, das eine Frau durch mehrere Lebensphasen begleitet, sagen wir durch großen Schokoladenhunger oder Appetitverlust nach einer Trennung, durch Schwangerschaft und Stillbrüste. Sondern ein Dirndl, das es eben in verschiedenen Größen gibt. Dafür soll es allen gut stehen.

Braucht es das? Gibt es nicht ohnehin mehrere Größen?

Entworfen hat es für Ludwig Beck, Tonangeber in Sachen Tracht, das Influencer-Duo theskinnyandthecurvyone, tonangebend auf Instagram. Ihr gemeinsames Dirndl nun ist sehr modern und übt sich nicht in vornehmer Zurückhaltung.

Ein Samtmieder verströmt 90er-Jahre-Goth-Vibes, vor allem in Kombi mit der hochgeschlossenen Spitzenbluse mit Rollkragenansatz. Dazu Seidenschürze. Ton in Ton immerhin, insgesamt aber eine Ansage.

Samt, Seide, Spitze, gespart wird schließlich schon am Gas und überhaupt. Eher eine Empfehlung für Käfer-, Wein- und Schützenzelt. Ein bisschen Wille zum Protzen sollte da sein.

Nun aber: Braucht es das? Gibt es nicht ohnehin mehrere Größen? Sollen alle gleich herumlaufen? Ist es für modisch Interessierte nicht auch Teil des Spaßes, auszuprobieren, was einem steht, gepuffte Ärmel, hochgeschlossenes Kleid oder eben Samtmieder? Nun. Offenbar ist es in Plus Size nicht einfach, etwas modisch Geschnittenes zu finden. Für große Größen also durchaus ein Gewinn.

Leider war die Kollektion schnell ausverkauft. Sie ist also für niemanden mehr da. Und das ist auch wieder sehr demokratisch.

Laura Kaufmann

Team
Texte René Hofmann, Laura Kaufmann, Sarah Maderer, Stefan Simon, Lisa Sonnabend
Digitales Storytelling Katja Schnitzler
Digitales Design Lea Gardner