Kinderarmut

Nur ein Mal kam ein Schulfreund zu Ilyas nach Hause – dann nie wieder

Als der Junge den zehnjährigen Ilyas am nächsten Tag in der Schule arm nennt, kommt er in Tränen aufgelöst nach Hause. Wie es für Kinder ist, in Armut aufzuwachsen.

Von Andrea Schlaier und Claudia Klein (Illustration)
12. Dezember 2025 | Lesezeit: 8 Min.

Ilyas hat es genossen, dass der Grundschulfreund seine Einladung angenommen hat und mit zu ihm nach Hause gekommen ist, zum ersten Mal. Dass sein Kinderzimmer an dem Tag aussah wie eine Baustelle, war doch spannend.

Zu der Zeit hatten sie in dem Raum, in dem der Viertklässler mit seinem kleinen Bruder Tarek schläft, mal wieder einen Wasserschaden. Die Wand war feucht, von oben tropfte es. Ilyas’ Mutter hat die Ecke mit einem Band abgesteckt, damit die Kinder nicht durchlaufen. Blieb ja trotzdem genug Platz zum Spielen im großen Wohn-, Ess- und Irgendwie-Alles-Zimmer, wo vor dem riesigen Fenster grün und prächtig Schrebergärten vom ersten Stock aus gesehen wie zu einem Park zusammenwachsen.

Am nächsten Tag hat der Freund in der Schule erzählt, Ilyas’ Familie sei arm. Weinend kam der Zehnjährige nach Hause. Seither hat er nie wieder einen Schulfreund zu sich eingeladen.

„Wir sind nicht arm, dieser Junge muss nicht dein Freund sein“, hat Ilyas’ Mutter versucht, ihrem Sohn gut zuzureden. „Jeden Tag klopfen andere Kinder vom Haus bei uns an die Tür und fragen, ob Ilyas und Tarek zum Spielen rauskommen; das sind alles Ausländer, das sind Freunde.“

Amira L., die hier wie auch ihre Söhne zum Schutz ihrer Privatsphäre einen anderen Namen trägt, erzählt die Geschichte in ihrer 52-Quadratmeter großen Wohnung, im nahezu leeren Irgendwie-Alles-Raum, zwischen Küchenzeile und großer Fensterfront. Sie sitzt mit ihrem Gast auf zwei der drei einzigen Stühle vor dem einzigen Tisch des Haushalts, einem kniehohen Beistellmöbel, an dem die 46-Jährige mit ihren Söhnen üblicherweise isst, spielt und die Jungs ihre Hausaufgaben machen. Fernseher hat die Familie keinen. Kleider wäscht Amira L. mit der Hand, manchmal geht sie in den Waschsalon bei Penny um die Ecke, wo die Trommel 2,50 Euro kostet. „Ohne Trockner. Ich trage dann die schwere, nasse Wäsche in der Tasche heim.“

Armut heißt für Kinder in München in der Regel nicht, kein Dach über dem Kopf oder nichts zu Essen zu haben. Armut bedeutet, auf vieles verzichten zu müssen, was Gleichaltrige haben: einen Rückzugsraum, um Hausaufgaben zu machen, Geld für den Wandertag der Schule oder für Winterschuhe, wenn man aus den alten längst rausgewachsen ist.

In München klafft die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander als im Rest des Landes. Wie viele Kinder in der Landeshauptstadt überhaupt als armutsgefährdet gelten und in Haushalten leben, deren Einkommen unterhalb der Armutsschwelle liegt, ist nicht bekannt. Das sagt eine Sprecherin des Sozialreferats. Hierfür lägen keine Daten vor. Was man aber sagen könne: Von den 245 298 Minderjährigen, die in der Stadt leben, beziehen 43 256 staatliche Transferleistungen; das entspricht 17,63 Prozent – Stand Ende Juni dieses Jahres.

Die verdeckte Armut, so die Sprecherin, liege allerdings deutlich höher. Denn nicht alle, die berechtigt für Transferleistungen sind, würden diese auch tatsächlich in Anspruch nehmen. Schätzungen gingen von bis zu 60 Prozent der Leistungsberechtigten aus. Es gebe unterschiedliche Gründe, warum diese Unterstützung nicht abgerufen werde: Schlichte Unkenntnis darüber, dass es diesen Anspruch gebe, genauso wie „Scham und Überforderung bei der Antragstellung“.

Amira L. verweigert sich dem Label, arm zu sein. „Mama kann alles machen, es dauert aber“, antwortet die alleinerziehende Mutter ihren Söhnen, wenn ihr vor allem der siebenjährige Tarek wieder mit Wünschen nach einem Roller oder einem Fahrrad in den Ohren liegt oder dass sie so gerne in einem Fußballverein kicken würden. Die Schuhe, die Trikots, der Mitgliedsbeitrag, Amira L. schüttelt den Kopf. „Ich rede mit ihnen und sage, habt Geduld, eins nach dem anderen. Wir haben eine Prioritätenliste.“ Erst gab es Betten für die Jungs, aktuell sparen sie auf einen Schreibtisch und ein Fahrrad.

Wenn die Kinder zu sehr drängelten, wechsle sie das Thema: „Ich sage, kommt, wir backen einen Kuchen. Oder wir gehen spazieren oder reden. Das macht eine gute Beziehung.“ Der Trick habe sich schon etwas abgenutzt, aber noch ließen sich die Söhne darauf ein, sagt die Mutter. Sie wolle mit ihnen nicht über Geldsorgen reden, sondern eine andere Perspektive öffnen: Cola oder Saft gebe es nicht, weil „das ungesund ist“.

Ilyas schlüpfe zuweilen in eine elterliche Rolle, mehr als es für sein Alter entsprechend sei. „Ich habe Angst, dass er manchmal zu erwachsen ist und seinem kleinen Bruder erklärt, warum sie was nicht haben können.“ Der Viertklässler habe ein übergroßes Verantwortungsgefühl, sagt Amira L., „aber er ist manchmal auch traurig“.

Die 46-jährige Tunesierin ist mit ihrem damaligen Mann 2015 von Frankreich nach Deutschland gezogen und wurde dann bald schwanger. Der Vater der Kinder hat in München inzwischen eine neue Familie gegründet, er zahle keinen Unterhalt. Amira L. hat keine Arbeit und lebt von Bürgergeld. Sie hat zwar in Tunesien den höchsten Schulabschluss gemacht, in Frankreich in allen möglichen Jobs gearbeitet, aber einen erlernten Beruf hat sie nicht.

Die zweifache Mutter büffelt in Kursen Deutsch, übt mit der deutschen Nachbarin lesen und spricht gut Deutsch. Damit sei sie jetzt bereit für eine Ausbildung in ihrem Traumberuf: „Ich will unbedingt Trambahnfahrerin werden.“ Ihre Beraterin bei der Arbeitsvermittlung sei in Kontakt mit der MVG. Noch gebe es ein Problem: „Ich müsste um sechs Uhr anfangen, aber so lange meine Kinder noch so klein sind, kann ich sie morgens nicht allein lassen.“ Sobald das gehe, wolle sie die Ausbildung machen.

„Armut heißt im Grunde nur, dass eine Familie wenig Geld hat“, sagt Dörthe Friess. Sie ist pädagogische Leiterin des Lichtblicks Hasenbergl. In der sozialen Einrichtung der katholischen Jugendfürsorge werden 200 junge Menschen aus dem Stadtviertel im Alter von fünf Monaten bis 25 Jahren aus sozial belasteten und benachteiligten Familien begleitet, auch durch die Schulzeit hindurch bis hin zur Ausbildung.

Friess verweist auf das „kindbezogene Armutskonzept“ des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS). Darin werde unterschieden zwischen materiellen, sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Ressourcen, also etwa, ob sich das Kind gesund ernährt, ausreichend schläft, ob es Freunde hat, in der Schule mithalten kann und eine Nachmittagsbetreuung für die Familie finanzierbar ist. „Eine Familie kann wenig Geld haben, wenn aber sonst viele andere Ressourcen da sind, können diese Belastungen ausgeglichen werden.“

Ilyas’ Kränkung über den Schulfreund, der ihn nach dem Besuch vor der ganzen Klasse als arm abstempelte, sei eine „absolut typische Erfahrung“ für diese Kinder, sagt Friess. „Das Kind fühlt sich selbst erst mal gar nicht arm, erst wenn ein anderes Kind mit dem Finger auf es zeigt und sagt, du bist arm.“ Armut sei nach wie vor ein Tabuthema und wenn es dann aufgedeckt werde, greife als Schutzreflex die Scham, die nahe bei der Schuld liege. Kinder fragten sich, warum ihre Eltern das mit dem Geld nicht hinkriegen oder ob sie gar selbst Schuld an der Situation sind. „Sie finden erst mal keine Antworten und haben gelernt, zu verstecken, weniger zu haben. In das Sich-nicht-zeigen-dürfen geht richtig viel Energie rein.“

Kinder aus armutsgefährdeten Familien solle man nicht unterschätzen, sagt Pädagogin Dörthe Friess

Amira L. hat auch mit Ilyas’ Lehrerin über den Besuch des Mitschülers gesprochen und über die Traurigkeit ihres Sohnes, der gut in der Schule sei und sich mit einem gebrauchten Keyboard über Youtube auf dem Handy sogar das Piano spielen selbst beigebracht hat – er träumt von einem PC zum besseren Üben. Zu der Pädagogin habe sie einen guten Draht. Aber keinen zu den Eltern der Mitschüler. „Wenn Mütter nicht gut Deutsch reden, vermeiden andere Mütter den Kontakt zu ihnen. Wer gut Deutsch spricht, steht zusammen, die anderen stehen allein“, sagt Amira L.

Manche Eltern machten es „wahnsinnig gut“, sagt Dörthe Friess, als sie das Beispiel von Amira L. hört. „Sie nehmen ihre Kinder ernst und dann ist sehr viel besprechbar.“ Man solle diese Kinder nicht unterschätzen. Manche würden in einem guten sozialen Familiengefüge durch die Herausforderungen wachsen, mit denen sie konfrontiert werden und seien ab einem gewissen Alter sprechfähiger als Gleichaltrige.

Zsuzsanna R. nennt ihre Tochter einen „Lottogewinn“. Die Hackbällchen und Kartoffeln, die die Realschülerin heute gekocht hat, stehen noch auf dem Herd in der Küche. 

Die Zwölfjährige übernimmt diese Aufgabe vermehrt, seit ihre Mutter kürzlich als frisch ausgebildete Altenpflegeassistentin ihren Job bei einem ambulanten Pflegedienst angetreten hat und dadurch später heimkommt.

Seit die inzwischen alleinerziehende Frau nach etlichen Jahren aus einem Familienzimmer in einer Notunterkunft in München ausgezogen ist und sich vom Ehemann getrennt hat, lebt die Budapesterin mit der Tochter und dem zehnjährigen Sohn in einer geförderten Wohnung. Zwei Zimmer, Küche, Bad. Der Weg dorthin war weit.

Ihr Bub, für diesen Artikel soll er David heißen, hat eine seltene Nierenerkrankung, für die Behandlung ist die Familie nach München gekommen – Zsuzsanna R.s Mann fuhr Pakete aus, sie selbst jobbte als Reinigungskraft in Hotel und Krankenhaus.

Die starken Medikamente, vor allem das Cortison, das David nehmen muss, machten ihn dick, sagt Zsuzsanna R. „Immer schmerzten seine Füße, er konnte schlecht laufen, braucht Schuhe mit gutem Fußbett.“ Auf dem Küchentisch steht eine ganze Batterie an Medikamenten.

Wenn sie beim Arbeiten ist, gibt die große Schwester ihrem kleinen Bruder die Tabletten. Sie lernt auch mit ihm, hat sich dafür eigens ein „Lehrbuch“ von ihrer Mutter gewünscht. „Sie ist so klug und ehrgeizig“, sagt Zsuzsanna R. David hat durch die Krankheit Versäumtes mittlerweile aufgeholt und besucht eine Regelgrundschule.

Das neue Gehalt helfe, sagt Zsuzsanna R., um schneller sparen zu können. Die Kinder wachsen schnell, vor allem David. Auch wenn sie bei Woolworth einkaufe, „Kleider sind teuer und besonders auch die guten Schuhe, die mein Sohn braucht“. Für die Garderobe der Kinder könnte Zsuzsanna R. dringend Unterstützung brauchen.

Dörthe Friess sagt, sie leide darunter, dass von Armut belasteten Menschen nachgesagt werde, sie wollten es nicht schaffen. Sie erlebe das Gegenteil.

Wenn alle Menschen gut hinschauen und das Nötige ausgleichen würden, dann sei das auch für die Gesellschaft ein großer Gewinn. Sie sei beeindruckt, welche Persönlichkeiten unter diesen beschwerten Bedingungen heranwachsen. „Man muss hochgradig kompetent und leistungsfähig sein, um ein Leben in Armut gut zu bewältigen.“

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Text: Andrea Schlaier; Illustration: Claudia Klein; Digitales Storytelling: Johanna Feckl; Schlussredaktion: Philipp Crone, Johanna Feckl

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