Arm durch Krankheit
Wie Krebs ihr Leben verändert hat
Jedes Jahr erkranken in Deutschland mehr als eine halbe Million Menschen neu an Krebs. Davon jährlich etwa 70 000 allein in Bayern. Diese Zahlen sind erschreckend hoch. Wer nicht gar selbst eine Krebsdiagnose bekommen hat, dürfte in seinem Umfeld jemanden kennen, der betroffen ist. Auch von erkrankten Prominenten hört man immer öfter. Brustkrebs gehört bei Frauen zu der häufigsten Krebsart, bei Männern ist es Prostatakrebs. Magen- und Darmtumore kommen bei Frauen wie Männern etwa gleichermaßen oft vor.
Ab 60 Jahren steige die Kurve der Neuerkrankungen enorm, sagt Besseler. „Krebs ist per se eher eine Alterserkrankung, aber auch junge Menschen erkranken daran.“ Deshalb sei eine regelmäßige Vorsorge so wichtig. „Je früher ein Tumor erkannt wird, desto besser.“
Diana B. war erst 40 Jahre alt, als sie von ihrer bösartigen Geschwulst erfuhr: Man fand sie bei einer Routineuntersuchung in der Gebärmutter. Drei Kinder hatte sie zur Welt gebracht. Das jüngste war vier zu dieser Zeit, sie brauchten ihre Mutter dringend. Erst ein Jahr zuvor war sie mit viel belastendem Ärger geschieden worden. Sie sorgte seitdem weitgehend allein für ihren Sohn und die beiden Töchter.
Das Geld war immer knapp. Diana B. nahm jeden Job an, der zeitlich mit den Kindern zu vereinbaren war, vor allem hat sie für andere geputzt. Sie schämt sich nicht dafür. Dennoch heißt Diana B. eigentlich anders, sie möchte ihre Geschichte anonym erzählen.
In einer weiten Hose und einem bequemen Pullover aus grauem Sweatshirt-Stoff sitzt die inzwischen 60-Jährige auf dem Sofa ihres Wohnzimmers. Durch die sauberen Scheiben kommt viel Licht, kein einziges Staubkorn verfängt sich in der Wintersonne. In dieser Wohnung hat sie mit ihrem Mann gelebt. Hier sind die gemeinsamen Kinder groß geworden, alle in einem Zimmer. Sie hatte sich immer mehr Platz für ihre Familie gewünscht – finanziell war das nicht drin. Jetzt möchte sie nicht mehr umziehen, weil ihr diese knapp 70 Quadratmeter und die gewohnte Nachbarschaft Geborgenheit geben.
In der Ecke des Wohnzimmers steht ein hüfthoher künstlicher Weihnachtsbaum mit roten Kugeln. Den hat ihr Sohn vorbeigebracht. Diana B. ist stolz auf ihn, er hat studiert, unterstützen konnte sie ihn dabei nicht. „Er ist sehr deutsch“, sagt Diana B. Oft sage er zu ihr: „Mama, ich habe keine Zeit.“ In Albanien, wo Diana B. geboren wurde, wäre so ein Satz undenkbar. Dort haben sich die Jungen um die Älteren zu kümmern. „Meine Kinder helfen mir auf deutsche Art“, sagt Diana B. So gut es eben geht für die drei.
Auch Kinder leiden, wenn Eltern schwer erkrankt sind. Markus Besseler, Diplom-Psychologe von Beruf, sagt: „Die Erkrankung stellt eine Zäsur im Leben dar.“ Meist für die ganze Familie. Er rät, möglichst offen damit umzugehen, auch im Berufsleben. Damit nehme man Kolleginnen und Kollegen den Wind aus den Segeln, komme Getuschel und Gerüchten zuvor.
Wie aber sollten Angehörige oder Freunde reagieren? Ein offenes Angebot sei immer gut, sagt Besseler. „Was kann ich für dich tun?“, sei eine richtige Frage. Doch er weiß, dass nicht jeder gleich gut mit dem Thema Krebs umgehen kann. Denn die Angst, den kranken Menschen zu verlieren oder selbst daran zu sterben, sei bei jedem unterschiedlich präsent.
Vielleicht etwas kochen, einfach da sein, zuhören oder mit kleinen Kindern etwas unternehmen, das helfe oft sehr. Ein aufmunternd gemeinter Spruch wie „Du bist doch so stark“, passe nur dann, wenn sich die Person auch entsprechend so fühlt. Ansonsten könne er demotivierend sein.
Diana B. ist stark. Die Sozialarbeiterin, die sie begleitet, nennt sie „ein Stehaufmännchen“. Sie habe nie aufgegeben, obwohl die finanzielle Situation durch die vielen Krankheiten und die damit verbundenen zusätzlichen Kosten sehr schwierig sei. 2010 wird bei ihr erneut ein Tumor festgestellt. Damit hatte Diana B. nicht gerechnet. Die rechte Brust war befallen. Ein Tumor, so groß wie eine Orange, sagt sie.
Die Operation und die anschließende Chemotherapie habe sie damals nur mithilfe ihrer Schwester überstanden, sagt Diana B. Ihre Schwester kümmerte sich um den Haushalt und brachte ihr Essen ans Bett, wenn sie nicht aufstehen konnte. „Es ging mir sehr schlecht, die Chemo vergiftet den Körper und die Seele“, sagt Diana B. „Du bist kein Mensch mehr. Alles ist düster.“ Auch sie, die eigentlich das Leben liebt, kam an einen Punkt der Verzweiflung. „Ich habe damals keine Farbe mehr gesehen.“
Ihre Schwester sei nun selbst an Krebs gestorben, erzählt Diana B., holt tief Luft und kann kaum weitersprechen.
Sie ist sehr froh, in München zu leben. „Deutschland hat mich satt gemacht“, sagt sie. Das Land habe ihr gegeben, was sie in ihrer alten Heimat so sehr vermisst hatte: ausreichend zu essen, aber auch viel Freiheit. „Ich sage Deutschland jeden Morgen und jeden Abend danke“, sagt sie.
Als sie 1990 am Münchner Hauptbahnhof angekommen sei, habe sie gerade mal 38 Kilo gewogen. „Ich hatte bis dahin noch nie ein gekochtes Ei gegessen.“ Das Angebot an Lebensmitteln habe sie schier überwältigt.
Anfangs konnte Diana B. mit dem ungewohnten Überfluss nicht umgehen. Drei Monate nach ihrer Ankunft musste sie mit einem Darmdurchbruch notoperiert werden. Sie hatte viel zu viel auf einmal gegessen.
Ihre alte Heimat wollte sie eigentlich nie verlassen. Sie sagt, sie sei ihrem Mann gefolgt, aus Liebe. Als junges Mädchen hatte sie mal ganz andere Träume. Sie sah sich als Geigerin auf der Bühne stehen, die Schule hat sie mit Abitur abgeschlossen. In Deutschland hatte sie nie mehr ein Instrument in der Hand. Als sie eine inzwischen verstorbene Freundin einmal mit in die Münchner Oper nahm, sei sie überglücklich gewesen, erzählt Diana B.
Von ihrem Mann aber wurde sie schwer enttäuscht. Die Kinder kamen, doch er hielt nicht zu ihr. Das Zusammenleben wurde schwierig. Es ist Diana B. unangenehm, darüber zu sprechen. Wieder verstummt sie eine Weile und sagt dann: „Ich habe alles erlebt, aber ich habe viel daraus gelernt.“
„Ich will immer helfen“, sagt die 60-Jährige
Unabhängig zu sein, ist für Diana B. heute wichtiger denn je. Die Kinder sind ausgezogen, führen ihr eigenes Leben. Vor der Corona-Zeit hatte sie sich mit einer kleinen Putzfirma selbständig gemacht, sie fühlte sich damals stark wie selten zuvor. Sie wollte immer auf eigenen Beinen stehen.
Doch die Einschränkungen während der Pandemie wurden ihr beruflich zum Verhängnis. Sie musste Insolvenz anmelden. Bis heute zahlt sie Schulden ab, muss sich deswegen enorm einschränken. Sie fand einen Job in der Altenpflege, den sie sehr mag. Die Fürsorge für andere Menschen entspricht ihrem Wesen. „Ich will immer helfen“, sagt sie.
Der Krebs schien bezwungen. Zu den empfohlenen Routineuntersuchungen ging Diana B. mit Herzklopfen, aber sie waren jahrelang unauffällig. Dann machte sich ein glückliches Gefühl in ihrem Herzen breit.
Diana B. achtet sehr auf ihre Ernährung, verzichtet weitgehend auf Zucker, isst viel Gemüse, trinkt Karottensaft zum Entgiften und Tees aus Kräutern, die sie von Verwandten aus Albanien geschickt bekommt. Sie schwört auf die Kraft der Natur, gegen die Arthrose in ihren Knien macht sie sich Wickel aus Kohlblättern.
Beim Duschen vor knapp zwei Jahren ertasteten ihre Finger etwas, was dort nicht hingehört. Sie ging umgehend zur Frauenärztin und konnte kaum zuhören, als die mit ernstem Gesicht sagt, was Diana B. vermutet hatte: Der Brustkrebs war zurückgekehrt. Diesmal auf der linken Seite, die Lymphknoten waren bereits befallen. Sie wusste, was sie erwartete: OP, Chemo, Bestrahlung, Übelkeit, keinen Appetit, eine entsetzliche Müdigkeit.
Ihre Kinder waren selten an ihrer Seite in dieser Zeit, der Ex-Mann manchmal. Während sie um ihr eigenes Leben bangte, starb die Schwester. Auch ihre Erkrankung wird nicht mehr heilbar sein, haben ihr die Ärzte gesagt.
„Ich freue mich über jeden Tag, an dem ich aufwache“, sagt Diana B. Sie beginnt ihn mit einem Löffelchen Olivenöl.
„Ich bin dankbar, noch da zu sein und eine warme Wohnung zu haben.“ Neue Winterschuhe, einen Mantel bräuchte sie, vielleicht einiges mehr. Materielle Wünsche auszusprechen, ist sie nicht gewohnt. Einen Ausflug in die Berge stellt sie sich wunderschön vor, dafür reichte das Geld noch nie.
Manchmal fragt sie sich: „Wie viel Zeit bleibt mir noch auf dieser Welt?“ Im Moment fühlt sie sich zufrieden, dass sie stark genug ist für ihre Arbeit, für die alten Leute. Ihnen beim Anziehen zu helfen, Frühstück zu geben, ein Lächeln zu schenken, das gibt ihr viel. Diana B. hebt ihren linken Arm etwa auf Höhe der Nasenspitze und sagt: „Ich habe Schmerzen, aber: Schauen Sie, es geht ganz gut.“