Sicherheit im ÖPNV

Wie vermeide ich gefährliche Situationen in Bus und Bahn?

Bei vielen jungen Menschen fährt in München nachts die Angst mit – jede vierte junge Frau berichtet von sexueller Belästigung. Wie kann man sich schützen?

5. Juni 2026 | Lesezeit: 6 Min.

Ein Mann, der auf dem Bahnsteig herumschreit und andere Fahrgäste beleidigt, ein Betrunkener, der die Leute im U-Bahn-Waggon belästigt: Wo Menschen auf Menschen treffen, können immer wieder unangenehme Situationen entstehen – so auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. 

Weil viele Vorkommnisse glimpflich ablaufen und nicht bei der Polizei landen, aber dennoch ein unangenehmes Gefühl erzeugen, gibt es gerade nachts eine Diskrepanz zwischen Zahlen und Wahrnehmung: Während die Kriminalstatistik München als sichere Großstadt ausweist, fühlt sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln etwa die Hälfte der 14- bis 27-Jährigen zu später Stunde nicht sicher.

Das hat eine repräsentative Studie ergeben, die der Kreisjugendring München in Auftrag gegeben hat. Während die Kriminalstatistik 2025 nur etwa 400 Gewaltverbrechen im ÖPNV verzeichnet hat, gaben drei Viertel der befragten jungen Frauen an, nachts lieber nicht öffentlich nach Hause zu fahren. Von sexueller Belästigung in U- und S-Bahn, Bus und Tram berichtete mehr als ein Viertel der Teilnehmerinnen in der Umfrage vom vergangenen Oktober, die nach ihrer Veröffentlichung breit diskutiert wurde.

Wie sollte man sich in unangenehmen Situationen verhalten? Wann sollte man eingreifen? Und wie macht man das, ohne sich selbst zu gefährden?

All das lernt man bei einem Workshop der Aktion Münchner Fahrgäste im Deutschen Verkehrsmuseum. Weitere Hilfestellungen gibt es in der Kampagne „Sicher unterwegs“ von der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG, der Münchner S-Bahn und der Polizei.

Den Kurs leitet Martin Marino, unterstützt wird er dabei von Jens Habben von der Bundespolizei. Hinter Marinos Engagement steckt eine persönliche Geschichte: Er hat seinen besten Freund Andreas Nagel verloren, den Gründer der Initiative, der vor einem Gebäude zusammengebrochen war und starb. Marino sagt: Hätte einer der Vorbeigehenden eingegriffen, hätte sein Freund vielleicht gerettet werden können.

„Ich möchte, dass solche Dinge nicht mehr passieren“, sagt Marino.

„Ich möchte, dass solche Dinge nicht mehr passieren“, sagt Marino.

Eine Redakteurin und ein Redakteur der Süddeutschen Zeitung haben an Marinos Kurs teilgenommen und schildern ihre Erfahrungen und Eindrücke und die in manchen Belangen unterschiedliche Perspektive von Männern und Frauen auf das Sicherheitsgefühl.

Männliche Perspektive

Ich erinnere mich noch gut an die Situation neulich: Ein Mann liegt an der Tramstation auf dem Boden. Soll ich weitergehen? Oder braucht er Hilfe? Ich bin froh, dass andere Passanten sich um ihn kümmern, einen Krankenwagen rufen. Manchmal gibt es diese Situationen, in denen ich einfach nicht weiß, was ich tun soll.

Martin Marino sagt: Es ist nie verkehrt, jemanden zu fragen, ob er oder sie Hilfe braucht. Und: Man ist nie alleine. Es gibt fast immer andere Fahrgäste, die man sich als Verbündete dazuholen kann – aber nicht, indem man einfach mal in den Waggon reinruft, ob jemand helfen kann, sondern die Leute gezielt anspricht. „Entschuldigung, ich glaube, der Herr da hinten benötigt Hilfe. Könnten Sie kurz mitkommen?“ So kann sich niemand wegducken. Und zusammen fühlt man sich meistens besser als alleine.

In U-Bahn, Bus und Tram oder in der S-Bahn kann es aber leider noch zu weitaus gefährlicheren Situationen kommen. Was, wenn zwei aufeinander losgehen? Ich habe das einmal erlebt. Zwei Männer haben sich angeschrien, sich geschubst, plötzlich waren die Fäuste in den Gesichtern. Und ich? Saß ein paar Plätze weiter und habe einfach nur gehofft, dass es vorbei geht und nichts Schlimmes passiert. Getan habe ich nichts. Einerseits wollte ich nicht selbst hineingeraten. Zum anderen war da die große Angst, etwas falsch zu machen.

Offenbar bin ich nicht der Einzige, dem es so geht. Eine Freundin hat mir mal erzählt, dass sie nach dem Oktoberfest von einem Betrunkenen auf extrem widerliche Art und Weise belästigt worden ist. Sie selbst war wie gelähmt, in einer Art Schockstarre. Geholfen hat ihr niemand. Der Typ ist nach ein paar Stationen ausgestiegen. Aber noch heute denkt sie daran, wenn sie im ÖPNV unterwegs ist – erst recht während der Wiesn.

Auch hier gilt laut Martin Marino: Keinesfalls sollte man alleine dazwischengehen. Und er hat noch einen Tipp, der meinem Gerechtigkeitsgefühl widerstrebt, aber sinnvoll klingt, wenn man sich selbst nicht in Gefahr bringen will: Anstatt auf den Täter loszugehen und ihn wegzuschubsen, sollte man die Betroffenen zur Seite nehmen – und bei ihnen bleiben. „Dann sind sie nicht alleine“, erklärt Marino. Dem Angreifer gewähre ich dann vielleicht einen Raum, der ihm meiner Meinung nach nicht zusteht. Aber über allem steht für Marino und Jens Habben von der Bundespolizei die Sicherheit.

Ich bin gespannt, wie ich mit diesen Tipps im Hinterkopf das nächste Mal reagieren werde. Wie ich eingreifen sollte, weiß ich jetzt, zumindest theoretisch. Die größte Schwierigkeit aber bleibt für mich wahrscheinlich das Wann. Ich habe Angst, zu heftig zu reagieren und am Ende vielleicht eine kritische Situation heraufzubeschwören anstatt zu deeskalieren. Dabei ist das ja eigentlich Quatsch. Da war Marinos Botschaft eindrücklich: Kaum etwas ist schlimmer als nichts zu tun, wenn wir das Gefühl haben, da stimmt was nicht.

Weibliche Perspektive

Eingreifen und helfen ist das eine. Aber wie kann ich mich selbst schützen? Was, wenn ich nachts allein in der S-Bahn unterwegs bin und mich unsicher fühle? Tricks wie mit einer vertrauten Person zu telefonieren oder den Standort zu teilen, kennen die meisten. Aber hilft das wirklich? Meine Methode in Zügen ist es, immer erst dann aufzustehen und auszusteigen wenn die Türen schon geöffnet sind. Dann bin ich mir sicher: Wenn jemand mit aussteigt, der mir vorher ein unsicheres Gefühl gegeben hat, muss ich mir Sorgen machen.

Im Workshop ist mir bewusst geworden: Ganz allein ist man in öffentlichen Verkehrsmitteln auch zu später Stunde und außerhalb der Stammstrecke nie. Es gibt immer eine Fahrerin oder einen Fahrer. Sowohl in der Tram als auch in U- und S-Bahn ist das Fahrpersonal geschult und kann eingreifen. Ein Tipp ist hier also: Immer ganz vorne in Fahrtrichtung einsteigen. Im schlimmsten Fall können die Fahrer jemanden zum Schutz mit in die Fahrerkabine nehmen.

Sollte man doch mal weiter hinten eingestiegen sein, ist das wichtigste Mittel in U- und S-Bahn die Sprechtaste, die einen mit dem Fahrer verbindet. Der kann im schlimmsten Fall Hilfe holen oder eingreifen. Und nicht nur das: Auch die Überwachungskameras in den Zügen speichern die Bilder erst, wenn man die Taste gedrückt hat. Nur dann werden die Aufnahmen für 36 beziehungsweise 72 Stunden gespeichert. Auch die Auflösung ist höher. Das hilft im Fall der Fälle bei der Identifizierung von Tätern.

Kommt es zu einem Übergriff, darf ich zur Selbstverteidigung ein Tierabwehrspray verwenden. Wichtig ist hierbei darauf zu achten, dass es ein deutsches Siegel hat. Nur dann ist es legal. Außerdem sollte ich das Spray vorab zuhause testen, damit ich im Ernstfall weiß, wie es funktioniert und ich mich nicht selbst oder Unbeteiligte verletze.

Im Kurs stellt Bundespolizist Jens Habben zur besseren Vorbereitung auf den Ernstfall zwei Situationen nach. Zuerst spielt er einen Betrunkenen, danach simuliert einen sexuellen Übergriff an einer Kursteilnehmerin. Die anderen Teilnehmenden sollen zeigen, wie sie in der Situation reagiert hätten. Habbens Theorie: Meistens reagieren die Menschen falsch. Denn sie helfen eben nicht dem Opfer, sondern gehen gegen den Täter vor.

Meine Erkenntnis dabei: Ich sollte mich in solchen Situationen viel schneller zurückziehen, als ich es will. Wenn ich mich schon beim ersten unguten Bauchgefühl wegsetze, kann ich dadurch vielleicht eine Konfrontation, zum Beispiel mit einem betrunkenen Fahrgast, vermeiden. Das fühlt sich zwar so an, als würde die falsche Person ihren Platz räumen, ich bin ja nicht diejenige, von der sich andere belästigt oder bedroht fühlen. Aber was ist die Alternative? Auch andere Menschen in diesem Fall ansprechen kann helfen, dass diese sich später verantwortlich dafür fühlen, einzugreifen oder zu helfen.

Text: Lisa Bögl, Linus Freymark; Bildredaktion: Christian Tönsmann; Redaktion: Tim Brack, Viktoria Spinrad; Digitales Storytelling: Linus Freymark, Lisa Sonnabend

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