Mediziner über Sucht, Abstinenz und Rückfälle
„Einer von hundert konsumiert eine illegale Droge“
Ein gewisser Kick, eine besondere Risikobereitschaft: Oliver Pogarell kennt die Mechanismen der Sucht sehr gut. Der Neurologe und Suchtmediziner ist stellvertretender Direktor der Psychiatrischen Klinik am LMU-Klinikum und leitet dort die Sucht- und Substitutionsambulanz. Im SZ-Gespräch erzählt er, warum Sucht kein Randphänomen ist, dass man aus Rückfällen lernen kann und wie Todesfälle nach einer Überdosis verhindert werden könnten.
SZ: Herr Pogarell, jeden Tag kommen Hilfesuchende in Ihre Suchtambulanzen. Was sind das für Menschen?
Oliver Pogarell: Sie sind abhängig von Alkohol, Tabak, Cannabis, aber auch von vielen illegalen Drogen wie Heroin oder auch neueren synthetischen Substanzen wie Fentanyl. Die Bandbreite ist groß, aber das Bild der Sucht als psychische Erkrankung ist deutlich erkennbar.
Wie?
Charakteristisch ist der impulsive, zwanghafte Konsum von sogenannten psychotropen Substanzen, also solchen, die das Belohnungssystem des Menschen stimulieren. Dazu kommt ein Kontrollverlust. Die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, den Konsum zu steuern. Begleitet wird das häufig von einer Toleranzentwicklung, das heißt, man braucht immer mehr von der Substanz, um das gleiche Gefühl zu erzielen.
„Auch nach Jahren kann ein Rückfall passieren“
Früher galt Sucht ja als Willensschwäche.
Das war verheerend für die Betroffenen. Jedoch wissen wir heute, dass Sucht eine Erkrankung mit neurobiologischen Grundlagen ist, die natürlich einer Behandlung bedarf. Die Einsicht, auch sozialrechtlich, dass Sucht eine Krankheit ist, kam übrigens erst in den Sechzigerjahren.
Würden Sie sagen, sie ist in der breiten Gesellschaft angekommen?
Viele unserer Patientinnen und Patienten begegnen immer noch gesellschaftlichen Vorurteilen, Berührungsängsten und Ausgrenzung. Dabei haben sie oft nicht nur mit der Sucht zu kämpfen, sondern auch mit anderen psychischen Erkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen.
Sie suchen Hilfe. Aber wie stellt sich bei einem oder einer Süchtigen überhaupt die Einsicht ein, dass er oder sie Hilfe braucht?
Das ist meistens ein langwieriger Prozess, da gehören auch immer wieder Rückschritte und erneute Anläufe dazu. Oft sind es Freunde, Familienangehörige, auch mal ein Arbeitgeber oder eine Hausärztin, die die Betroffenen motivieren. Aber letztlich muss der Wunsch sich bei den Erkrankten irgendwann selbst einstellen, etwas zu verändern, sonst funktioniert das nicht.
Es braucht eine Art Kippmoment?
Genau. Meistens merkt der oder die Suchtkranke, dass die Sucht nicht mehr kontrollierbar ist.
Es ist bestimmt sehr schwer, sich das einzugestehen.
Das gehört ja leider zu den Grundmechanismen der Sucht dazu, dass man davon überzeugt ist, selbst steuern zu können, wann und wie viel man konsumiert. Sicher gibt es solche Menschen, aber es ist sehr schwer zu sagen, wie häufig so etwas wirklich vorkommt. Häufiger ist das Muster eines Rückfalls. Wir wissen selbst von Abstinenten, dass auch nach Jahren ein Rückfall passieren kann. Absolute Abstinenz wird heute in der Suchtmedizin auch nicht mehr als dogmatisch verpflichtend gesehen.
„Wenn man das nicht bedenkt, kann es schnell tödlich enden“
Der Entzug bleibt aber weiterhin der wichtigste erste Schritt?
Meistens ist das die erste, akute Phase der Behandlung einer Suchterkrankung. Es gibt auch die Variante, zunächst Schritt für Schritt zu reduzieren. Beides muss intensiv begleitet werden. Im Falle des Entzugs auch medikamentös, um die körperlichen Entzugserscheinungen wie Schwitzen oder Übelkeit zu lindern. Aber in jedem Fall psychologisch, denn es ist wichtig, die Motivation, von der Sucht loszukommen, aufrechtzuerhalten. Nach den wenigen Tagen oder Wochen des akuten Entzugs kommt dann erst die eigentliche lange Entwöhnungsphase. Ziel ist eine langfristige Stabilisierung des Patienten oder der Patientin.
Das klingt sehr anstrengend. Ein Rückfall – und alles ist zunichte?
Überhaupt nicht. Wir vermitteln den Betroffenen, wie die Mechanismen der Sucht funktionieren. Die sind hochkomplex und auch wir Suchtmediziner können immer wieder noch Überraschungen erleben. Eine Erkenntnis ist, dass Rückfälle zum Krankheitsbild dazugehören. Dass man aber aus ihnen lernen kann und muss.
Bei illegalen Substanzen können Rückfälle aber lebensgefährlich sein.
Das ist ein großes Risiko und davor warnen wir die Betroffenen auch eindringlich: Die Toleranz, die sich im Laufe des Konsums eingestellt hat, ist nach dem Entzug wieder weg. Es braucht also wieder viel kleinere Mengen des Wirkstoffs für denselben Effekt. Wenn man das nicht bedenkt, kann es schnell tödlich enden.
Jedes Jahr sterben in München mehrere Dutzend Menschen an einer Überdosis. Hilfsorganisationen und auch die Stadt München fordern einen Drogenkonsumraum, in dem unter Aufsicht und mit sauberen Utensilien konsumiert werden kann. Sie beteuern, dass dadurch Drogentote verhindert werden könnten. Die bayerische Staatsregierung hält seit Jahren dagegen. Können Drogenkonsumräume wirklich helfen?
Ich halte sowohl Drogenkonsumräume als auch sogenanntes Drug Checking, bei dem vorher die Substanz kontrolliert wird, für sinnvoll. Dadurch gibt es die Möglichkeit, die Betroffenen an ein Hilfesystem zu binden. Das erhöht die Chance, dass sie sich für eine Therapie entscheiden.
Das Gegenargument ist, dass man damit legale Räume für illegale Substanzen etabliert.
Dass es Menschen gibt, die Drogen konsumieren, werden wir nicht aus der Welt schaffen. Wir müssen uns dem stellen. Opioide haben eine Mortalitätsrate von etwa zwei Prozent im Jahr. Das ist tragisch – und ich sehe es als unsere Aufgabe an, hier einfach die Überlebenschancen der Betroffenen zu erhöhen.
„Vielen würden Sie gar nicht anmerken, dass sie substituiert sind“
Zu Ihnen in die Substitutionsambulanz kommen täglich etwa 150 Menschen, sie bekommen wegen ihrer Heroin-Abhängigkeit Methadon. Wissen Sie von ehemaligen Patienten oder Patientinnen, die an einer Überdosis verstorben sind?
Leider ist das eine Erfahrung, die wir immer wieder machen müssen. Wenn ein Patient oder eine Patientin nicht mehr kommt, macht man sich Gedanken. Hat er oder sie es heute einfach nicht geschafft? Oder gab es einen Notfall, eine Überdosis? Auch auf unserer Besuchertoilette gab es schon Fälle von Überdosierung. Das bleiben tragische Einzelfälle. Das Gros der Patientinnen und Patienten ist bei uns sehr gut stabilisiert. Vielen würden Sie gar nicht anmerken, dass sie substituiert sind. Etwa 30 Prozent unserer regelmäßigen Substitutionspatienten arbeitet ganz normal.
Gibt es genug Anlaufstellen für Substituierte in München?
Aktuell ist die Versorgungssituation noch ausreichend. Aber es zeichnet sich ab, dass viele Substitutionspraxen von älteren Kollegen geführt werden und nicht genug Nachwuchs bereit ist, ihre Arbeit zu übernehmen.
Warum ist das so?
Nach wie vor ist das Thema Sucht stigmatisiert, auch unter Medizinerinnen und Medizinern. Die Lehreinheiten, die sich damit im Studium befassen, sind sehr begrenzt. Man muss das Thema präsenter machen. Es handelt sich um eine schwere Erkrankung. Rechnet man Cannabis heraus, konsumiert einer von Hundert Menschen innerhalb eines Jahres eine illegale Droge. Sucht ist kein Randphänomen. Sie kann wirklich jeden treffen.