Armut in München
Der Mann, der kein Geld mehr für den Supermarkt hat
Der Mann in dieser Geschichte ist 66 Jahre alt. Da fängt das Leben an, sang Udo Jürgens. Doch der Mann weiß nicht recht, wie es überhaupt weitergehen soll. Im Oktober hat er die Jahresabrechnung für die Nebenkosten erhalten. Schon in den Wochen, bevor der Brief kam, geriet er in Panik, sagt er, doch dass es ihn so arg treffen würde, damit hatte er nicht gerechnet. 844 Euro muss er für das vergangene Jahr nachzahlen, seine monatliche Abschlagszahlung liegt nun bei 187 Euro. Woher nur soll er das Geld nehmen?
14 Tage hat der Monat noch, der Mann 20 Euro. Zum Supermarkt gehen? Nicht einmal das ist gerade drin. Wie gut, dass er noch ein paar Vorräte hat. Im Regal im Flur liegen eine Packung Nudeln, zwei Dosen Suppengemüse, eine Tüte Kondensmilch. Er hofft, dass es reichen wird.
Der Mann sitzt am Küchentisch in seiner Erdgeschosswohnung in Moosach, als er von seinem Leben erzählt. Einen Namen soll er in der Geschichte nicht tragen, weil nicht jeder wissen soll, wie schlimm es um ihn steht. Aber auch deswegen nicht, weil es vielen in der Stadt ähnlich geht. Es könnten hier also zahlreiche Namen genannt werden. Der Mann in der Geschichte soll exemplarisch für all diejenigen stehen, deren Einkommen oder Rente oft nicht bis zum Monatsende reicht. Denn alles wird immer teurer.
Seit der Coronavirus-Pandemie herrscht Inflation in Deutschland. In den vergangenen fünf Jahren sind die Verbraucherpreise um insgesamt mehr als 20 Prozent gestiegen. Nahrungsmittel sogar um 36 Prozent und Energiepreise um 42 Prozent. Doch essen muss jeder, heizen im Winter ebenso. Besonders einkommensschwache Haushalte leiden unter den rasant steigenden Kosten. Reserven werden nach und nach aufgebraucht, bis sie ganz weg sind. Wie bei dem Mann. Er sagt: „Die Nebenkosten fressen mich.“
1959 kam er in Moosach auf die Welt, zwischenzeitlich lebte er im Allgäu, gründete eine Familie, doch es lief nicht wie erhofft: Von seiner Frau ist er längst geschieden, Kontakt zu den Kindern hat er keinen. Fast drei Jahrzehnte lang arbeitete er als Lkw-Fahrer, er verdiente weniger als andere in der Stadt, aber einen besseren Job hat er sich nicht vorstellen können. „Ich war in ganz Europa unterwegs“, sagt er, „ich liebte die Freiheit.“ Wenn er heute einen Lastwagen vorbeifahren sieht, würde er am liebsten einsteigen und mitfahren.
Auf einem Tisch in seiner Wohnung stehen zahlreiche Miniatur-Lkws. Die Modelle sind das, was von seiner Leidenschaft geblieben ist. Denn vor neun Jahren gab er seinen Führerschein ab, er hatte Probleme mit den Augen bekommen, sah nicht mehr gut genug. Er sattelte um, arbeitete fortan als Gebäudereiniger. Erst als Vorarbeiter, schnell wurde er Objektleiter.
Doch gesundheitlich ging es bergab. Er brach sich die Hüfte, er bekam vier Stents an seinem Herzen gesetzt, 2019 erkrankte er dann auch noch an Kehlkopfkrebs. Er musste eine Chemotherapie machen, operiert werden. Er überlebte, doch er hat nun keinen Kehldeckel mehr, muss aufpassen, dass keine Essensbrocken in die Luftröhre gelangen und soll deswegen nur breiige oder weiche Speisen essen. In seiner Küche steht ein Mixer, mit dem bereitet er sich mittags meist eine Suppe zu.
Seit dem vergangenen Jahr kann er nicht mehr arbeiten, die Kraft hat nicht mehr gereicht. 960 Euro Rente bekommt der 66-Jährige seitdem jeden Monat. Davon gehen 440 Euro für die Miete weg, dazu seit Oktober 187 Euro für die Nebenkosten. Gut 50 Euro zahlt er für Telefon und Internet, zudem hat er Ausgaben für Medikamente und Pflegemittel. Bleiben knapp 250 Euro, die er zum Beginn eines Monats zur Verfügung hat – und die jeden Tag weniger werden, bis sie ganz aufgebraucht sind. Meist ist der Monat dann noch nicht vorbei.
Dabei achtet der Mann ja schon so auf die Kosten. Wenn er seinen Einkaufstrolley nimmt, ihn zu Aldi, zu Norma oder zu Kaufland zieht und vor den Regalen steht, hält er Ausschau nach Artikeln, die ein rotes Etikett tragen, also stark rabattiert sind. 500 Gramm Barilla-Spaghetti hat er neulich für nur 53 Cent ergattert, die Packung war an einer Stelle leicht beschädigt. Gibt es Joghurt oder Sahne im Angebot, schlägt er zu, er weiß aus Erfahrung, die Lebensmittel sind noch lange nach dem Ablaufdatum genießbar. Vergangene Woche hat er eine Dose Eisbeinfleisch von Krakus mitgenommen – für nur 2,49 Euro. Er hat sie ins Regal zu den anderen Vorräten gestellt.
Der Moosacher kann die Preise der Supermärkte auswendig aufsagen. Eine Packung Toilettenpapier: 3,95 Euro, fast doppelt so viel wie vor der Pandemie. Ein Blumenkohl kostet nicht mehr einen, sondern inzwischen oft drei Euro. Deswegen isst er meist Karotten, da kriegt er mehr fürs Geld. Ein Kilo für 1,09 Euro. Kartoffeln kauft er nur dann, wenn das 2,5-Kilogramm-Netz für unter zwei Euro angeboten wird.
Der Mann hätte die Möglichkeit, zur Tafel zu gehen, um sich dort Lebensmittelspenden zu holen. Doch er schafft es körperlich nicht, die Strecke zu Fuß zurückzulegen und sich in der Schlange anzustellen. Ein Ehrenamtlicher könnte die Aufgabe für ihn übernehmen, doch jemanden zu finden, ist natürlich nicht einfach.
17 Prozent der Münchnerinnen und Münchner leben von einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze, bei den Über-65-Jährigen sind es sogar fast 30 Prozent, so steht es im Armutsbericht der Stadt. Als armutsgefährdet gilt eine allein lebende Person, der weniger als 1540 Euro pro Monat zur Verfügung stehen. Der Mann aus Moosach hat noch einmal ein Drittel weniger. In die Armuts- oder Schuldenfalle zu geraten, geht in einer teuren Stadt wie München schnell. Wieder nach oben zu kommen ist schwer.
An diesem Vormittag sitzt der Mann am Esstisch, liest „Das Testament“ von John Grisham. In dem Thriller geht es um einen Milliardär, der mit dem Leben abgeschlossen hat. Die Hälfte der 500 Seiten hat er bereits, er liest es nicht zum ersten Mal. Draußen ist es kalt, knapp über null Grad. Vor ihm steht eine große Tasse Kaffee, das wärmt etwas. Denn auch das mit dem Heizen ist ja so eine Sache.
Die Gasheizung in der Wohnung funktioniert seit längerem nicht mehr, mit einem kleinen elektrischen Gerät versucht der 66-Jährige, zumindest eines der Zimmer warmzuhalten. Doch das ist nicht leicht, unter ihm liegt der kalte Keller, durch die alten Fenster zieht es. Er weiß, je weniger er heizt, desto geringer wird die Nachzahlung im kommenden Oktober ausfallen. Schaltet er das Gerät einen Tag lang gar nicht ein, hat er 20,30 Euro gespart.
Der Mann sagt, er will gar nicht unbedingt reich sein, er glaubt nicht, dass das glücklicher macht. „Aber es würde mich beruhigen, wenn am Monatsende 50 Euro übrig bleiben“, sagt er. „Damit der Ritt auf der Rasierklinge endlich endet.“ Sollte er eines Tages eine Mieterhöhung bekommen, sollte der Herd kaputtgehen, sollte er einen neuen Staubsauger benötigen oder auch nur einen neuen Topf? Er hebt und senkt die Schultern.
Er geht nicht ins Restaurant, er geht nicht auf Konzerte, er geht nicht ins Fußballstadion. Trotzdem versucht der Mann, positiv zu bleiben. „Ich will nicht jammern“, sagt er, „ich habe beschlossen, das Beste daraus zu machen.“ Er hat viele Freunde. Natürlich würde er gerne mit ihnen mal wieder auf ein Bier in eine Kneipe gehen, aber die Halbe kostet ja in München inzwischen überall mehr als vier Euro. Stattdessen besucht er eben seine Freunde zu Hause, einer hat sogar Sky, manchmal schaut er mit ihm Bundesliga. Zu sich lädt er nicht gerne ein. Er sagt seinen Bekannten, es ist zu kalt bei ihm, das ganze Ausmaß seiner Situation schildert er ihnen lieber nicht.
Früher, als es ihm finanziell besser ging, hat der Mann versucht zu helfen, wo es ging. Nach dem Oderhochwasser 1997 haben er und andere Lkw-Fahrer Kleidung und Lebensmittel gesammelt, sie luden ihre Fahrzeuge voll und fuhren los nach Osten, so erzählt er es. Beim Moosacher Sommerfest bat er um Spenden für die Kindergärten im Viertel. An Weihnachten brachte er einmal den Wohnungslosen unter der Wittelsbacher Brücke Gänsebraten. Viele Jahre lang trainierte der Mann junge Fußballer.
Heute hilft er manchmal Freunden, wenn sie ein Formular ausfüllen müssen und nicht genau verstehen, was sie wo eintragen müssen. Mit Formularen kennt er sich mittlerweile aus. Er weiß, wann man hartnäckig bleiben muss. Im Juni hat er Wohngeld beantragt, es kann gut sein, dass er es demnächst bewilligt bekommt. Knapp 300 Euro Unterstützung würde er jeden Monat erhalten. Es würde seine Situation etwas entspannen, zumindest den Ritt auf der Rasierklinge beenden. Der Mann plant, dann als Erstes in den Supermarkt zu gehen und sein Vorratsregal aufzufüllen. Denn er weiß ja, wie schnell Geld weg ist, wie schnell Vorräte zur Neige gehen.