

Es ist 5.30 Uhr an einem kalten Donnerstagmorgen im April. Der Halbmond hängt blass über den Häusern und Straßen. Noch ist es dunkel, die Luft klar und frisch. Das Thermometer im Auto zeigt vier Grad. Benjamin Gillmann steigt ein. „Scheiße bin ich aufgeregt“, sagt er.
6.28 Uhr. Wenn die Musikerin Kristina Paulini ausatmet, bilden sich Atemwolken in der Luft. Es ist still auf dem Gelände des ehemaligen Rollfelds in Neubiberg. Nur in der Ferne rauschen Autos über die durch den Fliegerhorst übertunnelte Autobahn. Die Sonne ist am bedeckten Himmel mittlerweile aufgegangen. Langsam wird es hell.


Die Wohnung der Fotografin Theresa Huber, 28, riecht nach frischer Wandfarbe und Paketband. Erst vor zwei Wochen ist sie von Berlin nach Fürstenfeldbruck gezogen – zurück nach Hause, dahin, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Wohnung ist modern eingerichtet. Im Wohnzimmer steht ein schwarzer runder Esstisch, vor einem großen Fenster ein Metallregal. Darauf eine Box, gefüllt mit Kameraobjektiven und Kabeln. Neben dem Esstisch steht eine große Softbox, am Schreibtisch gegenüber lehnt ein Reflektor.
Auf den hellgrauen großen Fliesen im Wohnzimmer haften an zwei Stellen bereits Paketklebebänder – als Markierung für Theresa Hubers Positionierung während ihrer Shootings. Theresa ist ganz in Schwarz gekleidet. Ihre langen dunkelbraunen Haare fallen weich über ihre Schultern.
Für ihr Konzept „The saddest song“ möchte Theresa Huber eine leise, zurückgezogene Seite der zehn Musikerinnen und Musiker zeigen. „Man kennt es ja von sich selbst. Man hat dieses eine Lied, diese eine Melodie, die was mit dir macht“, sagt sie. „Musikerinnen und Musiker sind ja selbst auch Konsumenten von Musik. Ich wollte einen Backstage-Moment fotografieren und nicht das Inszenierte nach außen.“

Für das Projekt „10 im Quadrat“ entwickelten alle Fotografinnen und Fotografen ein eigenes Konzept, teilweise individuell auf die einzelnen Musikerinnen und Musiker abgestimmt. Innerhalb von zwei Monaten entstanden aus den insgesamt 100 Shootings 100 Bilder, die im Mai an drei Wochenenden im Farbenladen des Feierwerks ausgestellt sind.
Eine Teilnahme am Projekt ist zeitintensiv. Manche Shoots, wie die von der 26-jährigen Fotografin Jessy Romero Walter, nahmen insgesamt fünf Stunden ein – mit nur einem Künstler.
Das sind 50 Stunden allein bei einer Fotografin. Und das mal zehn. Wegen des hohen Zeitaufwands stiegen eine Musikerin und ein Fotograf zu Beginn aus. Für beide wurde Ersatz gefunden und das Projekt lief weiter.
Der Musiker Ruben Zirkel, 24, sitzt im Schneidersitz vor einer bunten Leinwand in Jessy Romero Walters Studio in Schwabing-Freimann. Er trägt einen beigen Strick-Pullunder mit hellblauem Kragen, darunter ein dunkelbraunes Longsleeve. Seine dunkelbraunen Haare fallen im Mittelscheitel. An den Handgelenken trägt er zwei silberne Armbänder, an seinen Händen silberne Ringe.
Die Leinwand hinter ihm zeigt eine bunte Fantasiewelt, gemalt wie eine Kinderzeichnung. Mit Acrylfarbe und Wachsmalkreiden kritzelte Jessy Romero Walter in der Nacht vor dem Shoot einen roten Drachen, der am Himmel fliegt. Darunter läuft ein Fabelwesen über die Wiese. Am Himmel stehen goldene Sterne, Wolken und eine Sonne.
„Ich finde es super spannend, für jede Person einen eigenen Raum zu erschaffen, der zu der Person passt“, sagt Jessy Romero Walter.
Für die Konzepterstellung führte sie mit allen Musikerinnen und Musikern ein Vorgespräch und suchte nach der Essenz, die die Musik der Artists ausmacht. Im Fokus steht die Kunstfigur, das Alter Ego der Musikerinnen und Musiker.

Cleo Dietmayr shootete sie im lässigen aber dennoch verspielten Fußball-Look – bevor sie zur Musik kam, wollte Cleo Fußballerin werden.
Wie findet Jessy Romero Walter die künstlerische Identität der Musikerinnen und Musiker? Und wie lässt sie die Alter Egos in ihren Fotos zum Leben erwecken? „Ruben hat auf mich schon sehr cool gewirkt. Niemand, der ein allzu verspieltes Bild nach außen haben will. Deswegen war es mir wichtig, ihn als erwachsene Person darzustellen“, sagt Jessy Romero Walter.
Aber wie passt das mit der Kinderzeichnung zusammen?
Ruben Zirkel drückt in seiner Musik melancholische und nostalgische Gefühle aus. Es geht um Herzschmerz, das Erwachsen werden und die Sehnsucht danach, dass alles noch so ist, wie es früher mal war.
„Ich glaube, wir stecken in unseren Zwanzigern ganz oft in einer Phase, in der man super viel Eigenverantwortung übernehmen muss. Aber man kommt durch Ängste und Gefühle, auf die man manchmal nicht so ganz vorbereitet ist, in eine Schieflage“, sagt Ruben.

Zurück zum Fliegerhorst. Benjamin Gillmann sucht für das Projekt nach dem Grotesken, dem Absurden und Abstrakten. Er wolle „das Verborgene und Verrückte“ aus den Künstlerinnen und Künstlern herauskitzeln. „Ich habe immer so Geistesblitze, mitten in der Nacht, die ganz verrückt sind“, sagt Benjamin. Nachts, wenn er wach im Bett liegt, spinne er Ideen für seine Shootings. Seine Inspiration: die eigene Kreativität und die Künstlerperson der Musikerinnen und Musiker selbst.
So fotografierte er den Musiker Len Zelnitschek, der eingewickelt, wie in einem Kokon, kopfüber an einem Baum im Olympiapark hing. Eine Serie über die Verwandlung von der Raupe zum Schmetterling, über Lens Entwicklung durch schwierige Lebensphasen.
Benjamin fordert die Betrachterinnen und Betrachter seiner Fotos heraus. Er wolle das zeigen, was „die Leute nicht oft sehen und nicht erwarten würden“. So wie an diesem Tag.

Wegen der Kälte stellen sich Härchen an ihren Ober- und Unterarmen auf. Kristina Paulini ist ganz in Weiß gekleidet, schlichtes Top und ein langer weiter Rock. Das Weiß leuchtet in der trüben Umgebung. Wenn sie sich bewegt, erscheinen unter dem Rock schwarze fast kniehohe Stiefel mit silbernen Schnallen an den Seiten. Ihre langen Haare fallen offen in Wellen bis zur Taille über ihre Schultern. Lachsfarbene und pinke Strähnen mischen sich in die hellblonde Grundfarbe.
Kristina Paulinis Gesicht und Oberkörper ist mit hellbrauner Heilerde eingeschmiert, die sie mit Wasser zu einer schlammigen Konsistenz gemischt hat. Mit ihren langen Fingernägeln fährt sie über ihre Arme und hinterlässt Kratzspuren auf ihrer Haut. Die Heilerde gräbt sich unter ihre Nägel und hinterlässt dunkle Schatten.
„Ich wollte schon immer mal einfach eklig sein“, sagt Kristina. Bei Shootings rattern in ihrem Kopf normalerweise Fragen durch den Kopf. Fragen wie: Sehe ich schön aus? Sind meine Augen geschlossen? Wie sieht mein Doppelkinn aus? „Jetzt hat es in meinem Kopf eine Freiheit gegeben, mal ein bisschen Pause zu machen. Weil es nicht schön sein muss. Make-up ist jetzt wurscht. Es verläuft alles, geil, perfekt, noch besser“, sagt sie.
Steht Kristina Paulini als Sängerin ihrer Band Fliegende Haie auf der Bühne, ist sie laut, wütend, fordernd. „Ich will, dass die Leute mir zuhören und mich anschauen“, sagt sie. Durch ihre Musik und Live-Auftritte habe sie erkannt, dass sie sich nicht immer zurücknehmen muss. „Uns Frauen wird ja immer gesagt, pass dich an, sei still und nicht auffällig, sei nicht wütend. Und Wut ist ja auch was Hässliches.“
An diesem Tag auf dem alten Fliegerhorst ist es anders. An diesem Tag muss nichts schön sein.

„Der Song erinnert mich an bestimmte Phasen in meinem Leben, in der ich in einer Beziehung mit einer Person war. Ich vermisse die Person nicht, aber es erinnert mich daran, wie ich mich damals gefühlt habe. Es war eine besondere magische Zeit, die ich hinter mir gelassen habe. Die aber immer noch Teil von mir ist“, sagt Isabella.
Wenn sie spricht, stechen ihre hellgrünen Augen hervor. Ihr Gesicht wird durch einen geraden Pony und ihre schwarzen langen Haare umrahmt. Und die zwei silbernen Piercings auf ihrem Nasenrücken fallen auf.
Theresa Huber steht einen Meter vor ihr und fängt Isabella Löschers Porträt mit ihrer Kamera ein. In der Wohnung ist es still, nur die Heizung rauscht leise im Hintergrund. Theresa geht näher an Isabella heran und fotografiert sie jetzt aus der Hocke. Immer wieder blitzt die Kamera auf.
Isabellas Blick wird unscharf, es wirkt, als schaue sie durch die gegenüberliegende Wand hindurch. Sie atmet tief ein und aus. Sie schluckt. Ihre Augen werden glasig. Die Hände hat sie neben ihrer Wange gefaltet. Dann schließt sie die Augen.
Eine Träne läuft über ihre Wange. Ihr Kopf wiegt sich leicht im Takt der Melodie, die nur sie über die Kopfhörer hört. Wie fühlt es sich an, sich vor der Kamera so verletzlich zu zeigen? Isabella Löscher atmet aus.

Nach dem Shooting sagt Isabella: „Das Weinen hat voll gutgetan. Weil es in einem Umfeld passiert ist, in dem es voll okay war. Man weint ja meistens für sich allein. In dem Moment hat man sich so gesehen gefühlt. Es hat sich so okay angefühlt, dass ich diese Gefühle habe.“
Bevor Theresa Huber das Projekt begann, zweifelte sie manchmal an ihrem Konzept, an ihrer Kompetenz als Fotografin. „Was ist, wenn ich das Gefühl nicht finde?“, fragte Theresa sich. Wenn sie die Traurigkeit, den Schmerz oder die Nostalgie der Musikerinnen und Musiker nicht in ihre Fotos übersetzen kann? Wenn der Betrachter nichts fühlt, wenn er die Bilder anschaut? „Bei den Shoots hat es sich bestätigt, dass es immer da ist“, sagt sie. „Und das ist irgendwie magisch.“

Sie sitzt auf einem grünen mit Samtstoff bezogenen Stuhl in ihrer Wohnung in München-Sendling. Ihre Beine hat sie nah an sich herangezogen.
Inspiration für ihre Kunst ziehe sie aus der Intensität ihrer Gefühle. Und der Verwirrung, die manchmal daraus entsteht. „Mich reißt es oft voll extrem von einem ins andere. Von einem Tag auf den anderen. An manchen Tagen habe ich das Gefühl, ich habe unendliche schöpferische Kraft. Sie sprudelt nur und ich kann Gedanken kaum fassen, weil es so viele sind. Und an manchen Tagen ist es so ‚wow, einfach nichts, komplett leer‘.“
Das Studio, in dem ihr Shooting mit Ruben Zirkel stattfindet, ist groß und hell. In der Mitte des Raumes steht ein langer brauner Holztisch, dahinter öffnet sich eine moderne Küche. Im Hintergrund läuft Musik von Mac Miller. Am Set gegenüber führt Jessy Romero Walter zusammen mit Laurin Hirsch, der ihr assistiert und vor zwei Jahren schon selbst als Fotograf am Projekt „10 im Quadrat“ teilnahm, Lichttests durch.
Dann kommt Ruben dazu. Er posiert im Stehen, im Schneidersitz oder zusammengekauert. Mal stützt er seinen Kopf auf seine Hand und schaut verträumt nach oben, mal geht sein Blick direkt in die Kamera. Jessy und Ruben spielen mit der Szenerie, den Farben, dem Kontrast zwischen Ruben als erwachsener Mann und der Kinderwelt, vor der er sich bewegt. Von der Seite werden Seifenblasen ins Bild gepustet. Ihre Oberfläche schimmert in dünnen irisierenden Farbschichten.
Jessy steht hinter der Kamera, geht in die Hocke, stellt sich auf ein kleines Podest. Dann findet sie den richtigen Ausschnitt, die richtige Pose. Die Seifenblasen fliegen perfekt durchs Bild. „I love this!“, sagt sie.
Innerhalb von zwei Stunden kehrt Ruben Zirkel zurück in seine Kindheit.
Isabella Löscher wird von ihren Emotionen eingeholt, während sie ihren traurigsten Song hört.

7.15 Uhr. Der Himmel ist immer noch trüb, die Kälte zieht sich durch die Kleidung. Die Heilerde klebt mittlerweile verkrustet an Kristinas Körper, ihren Augenbrauen und Wimpern.
Dann rennt sie über die Landebahn. Ihre Haare wehen im Wind, ihre linke Hand umklammert einen Rockzipfel. Benjamin bewegt sich mit, läuft mit der Kamera ein paar Schritte zurück, bevor Kristina an ihm vorbeiläuft und über ihre Schulter zu ihm zurückblickt.

10 im Quadrat, Feierwerk Farbenladen, Hansastraße 31, 81373 München.
Die Vernissage ist am Freitag, 8. Mai, von 19 bis 22 Uhr. Die Ausstellung „10 im Quadrat“ ist an drei Maiwochenenden im Farbenladen vom Feierwerk, Hansastraße 31, zu sehen, samstags von 15 bis 20 Uhr, sonntags von 14 bis 18 Uhr. Finissage ist am Sonntag, 24. Mai. Der Eintritt ist frei.
Die Fotografinnen und Fotografen
Die Musikerinnen und Musiker
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