SZ-Jubiläum
Ein Glück, seit 80 Jahren
Die Süddeutsche Zeitung hat Geburtstag, es ist ein runder. Am 6. Oktober wird sie 80. Das Jubiläumsfest fand bereits im Sommer statt, die Rede hielt der Bundespräsident. Mit einem Einblick in die Redaktion dankt die SZ nun ihren Leserinnen und Lesern. Sie sind, und das ist eine ganz besondere Freude, so zahlreich wie nie zuvor.
80 Jahre, das ist ein Menschenleben. Bis heute ist die Süddeutsche Zeitung aber vor allem ein Glückskind. Geboren ist es nach dem Zusammenbruch der braunen Schreckensherrschaft, als die Amerikaner in Bayern die erste Lizenz für eine von jeder Zensur freie deutsche Presse vergaben – an diese Zeitung eben. Sie war es, die die demokratischen Stimmen in der bayerischen Zeitungswelt nach zwölf Jahren der Unterdrückung wieder nach außen tragen durfte. Ein Privileg war das, und zugleich eine Bürde.
Viele neue Welten, aber immer dieselben Werte
Die drei Herausgeber wussten um die Verantwortung, die ihnen damals, in einem feierlichen Akt im Münchner Rathaus, übertragen wurde. Im Geleitwort der ersten Ausgabe verpflichteten sie sich auf Wahrhaftigkeit, den Kern allen Tuns in einer Redaktion. Und sie waren zuversichtlich, dass nach den Anfängen, die „auf schmaler Plattform mit geringen Mitteln“ passierten, bald „der allmähliche Aufstieg“ gelingen würde. Das war die Hoffnung, formuliert mit Optimismus.
Die vielen neuen Welten der Zeitung haben aber an ihren Werten nichts geändert. Damals wie heute geht es bei der SZ um dasselbe: um Aufklärung, um Freiheit, um Demokratie.
Sagen Reporter immer noch ohne Angst, was sie beobachten?
Vor 80 Jahren war eine Zeit des Aufbruchs. Im Namen der Herausgeber freute sich Edmund Goldschagg auf ein „freies Schaffen“. Ein bisschen wollte er die Leser der Süddeutschen Zeitung auch „erziehen“, wie er es nannte. Das hatte aber nicht unbedingt etwas mit Besserwisserei oder Belehrung zu tun, wie das manche Menschen den Medien heute unterstellen, nicht immer zu Unrecht. „Nach zwölf Jahren der geistigen Knebelung“, wie Goldschagg schrieb, war die „Erziehung“ als Appell ans Volk zu verstehen: dass es wieder selber zu denken wagt, dass es nicht mehr zulässt, wenn nur andere für einen denken. Es war auch ein Plädoyer für unabhängigen Journalismus, ein Aufruf zur eigenen Meinungsbildung.
Mit der Zeit sind diese Freiheiten in der westlichen Gesellschaft selbstverständlich geworden, banal fast. Aber sind sie das noch?
Sagen Reporterinnen und Reporter noch immer ohne Angst, was sie beobachten, wenn sie dafür angefeindet und bedroht werden, wie das zuletzt Dunja Hayali und Elmar Theveßen vom ZDF erfuhren? Und was bedeutet es für den Journalismus, wenn ausgerechnet im Land of the Free, das an jenem 6. Oktober 1945 die freie Presse zurück nach Bayern brachte, der Präsident kritische Medien einschüchtert und wirtschaftlich unter Druck setzt? Wie lange haben wohl auch große, selbstbewusste Titel wie die New York Times, das Flaggschiff der liberalen Presse, noch die Kraft, sich gegen konstruierte Schadenersatzklagen in Milliardenhöhe zu stemmen?
Wahre und werdende Autokraten bedrängen die Presse
Die Freiheit der Medien ist bedroht, wie sie das in den vergangenen 80 Jahren nie war. Die Presse und die Freiheit der Presse werden bedrängt von wahren und werdenden Autokraten. Denen missfällt die Gewaltenteilung – und ganz besonders eine freie Presse. Die Zeitungen stehen auch wirtschaftlich unter Druck: Die Printauflagen brechen weg, die Einnahmen aus der Werbung gehen zurück. Und sie werden technologisch herausgefordert, immer wieder setzen neue Entwicklungen ein, viele sind revolutionär.
Die Demokratie braucht unerschrockene Redaktionen und deren Recherchen. Was nicht ans Licht kommt, bleibt im Dunkeln.
Donald Trump und seine Freunde von Big Tech sind aber gerade dabei, eine neue Medienwelt zu erschaffen, mit potenziell fatalen Folgen für die politische Willensbildung. In dieser Welt gibt es keinen Unterschied zwischen Journalisten, die auf der Basis überprüfbarer Fakten arbeiten, und Agitatoren, die im Netz ihre eigenen Erzählungen verbreiten, filterlos und ungeprüft.
Tech-Oligarchen halten sich mit Verantwortung nicht auf
Die Oligarchen der Techwelt nutzen ihre eigenen sozialen Netzwerke, um Andersdenkende schrill zu diskreditieren. Mit publizistischer Verantwortung halten sie sich nicht auf. Am liebsten wäre es ihnen wohl, wenn unabhängige Zeitungen, Radio- und Fernsehsender ganz verschwänden und sie die Massen über ihre Algorithmen oder künstliche Intelligenz steuern könnten.
Zugegeben, das klingt finster. Pessimismus ist aber keine Grundhaltung der Süddeutschen Zeitung, die in ihren Reportagen und Glossen immer auch das Heitere im Ernsten sucht. Gerade in Phasen der Verunsicherung erwächst dem Journalismus die Chance, die Leser zu begleiten, ihnen zu helfen, diese bewegte Welt zu verstehen – und ihnen neue Welten zu öffnen.
Der Journalismus wird auch in einer unsicheren Zukunft mit KI-Assistenten und Chatbots einen bedeutenden Platz haben. Wenn er auf Menschen mit Rückgrat und Charakter setzt. Auf Autorinnen und Autoren. Auf deren Neugier, auf deren Originalität, auf deren Feuer für den Beruf. Sie sollen nicht nur aufdecken, berichten, kommentieren – sie sollen es mit ihrem ganz eigenen Blick tun, mit ihrem Stil. Im Idealfall gelingt es ihnen dabei auch noch, unterhaltsam, sicher aber besonders zu sein. Die SZ hatte und hat diese Redakteure und Autorinnen. Und sie hatte immer die Leserinnen und Leser, die zu schätzen wussten, was sie an der SZ haben. Was für ein Glück.