Soziale Medien

Blond, weiß, Bluejeans

Eine Jeanswerbung spielt mit den „tollen Genen“ der Schauspielerin Sydney Sweeney – und sorgt für eine Rassismusdebatte. Politik machen lässt sich eben immer noch am besten mit dem Körper einer Frau.

1. August 2025 | Lesezeit: 5 Min.

Der steile Aufstieg von Sydney Sweeney beginnt 2019 mit einer Reihe von Nacktbildern in der HBO-Serie „Euphoria“. Gleich in ihrer ersten Szene posiert sie nackt für die Kamera, es werden viele weitere folgen. Was für ein passender Karrierebeginn für die 27-Jährige, deren Körper bis heute ein Politikum ist.

Zunächst das Offensichtliche, es bringt auch nichts, drum herumzureden: Sydney Sweeney ist eine blonde, attraktive Frau mit großen Brüsten. Nicht zum ersten Mal, dass diese Kombination in Hollywood erfolgreich ist. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten werden in der allgemeinen Schwärmerei gern mal unterschlagen, was auch mit Kontroversen wie dieser hier zu tun hat.

In einem aktuellen Werbespot der US-Kleidermarke „American Eagle“ knöpft sich Sydney Sweeney ihre Jeans zu, unter der offenen Jacke trägt sie nichts: „Gene werden von den Eltern an die Nachkommen weitergegeben und bestimmen oft Merkmale wie Haarfarbe, Persönlichkeit und sogar Augenfarbe“, haucht Sweeney und blickt direkt in die Kamera: „Meine Gene sind blau“. Eine Stimme auf dem Off resümiert: „Sydney Sweeney hat tolle Jeans“.

Zunächst das Offensichtliche, es bringt auch nichts, drum herumzureden: Sydney Sweeney ist eine blonde, attraktive Frau mit großen Brüsten. Nicht zum ersten Mal, dass diese Kombination in Hollywood erfolgreich ist. Ihre schauspielerischen Fähigkeiten werden in der allgemeinen Schwärmerei gern mal unterschlagen, was auch mit Kontroversen wie dieser hier zu tun hat.

In einem aktuellen Werbespot der US-Kleidermarke „American Eagle“ knöpft sich Sydney Sweeney ihre Jeans zu, unter der offenen Jacke trägt sie nichts: „Gene werden von den Eltern an die Nachkommen weitergegeben und bestimmen oft Merkmale wie Haarfarbe, Persönlichkeit und sogar Augenfarbe“, haucht Sweeney und blickt direkt in die Kamera: „Meine Gene sind blau“. Eine Stimme auf dem Off resümiert: „Sydney Sweeney hat tolle Jeans“.

„Genes“ und Jeans – schon klar, der Gleichklang im gesprochenen Englisch. Für dieses mittelmäßig clevere Wortspiel gibt es offenbar verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Wieso hat Sweeney „tolle Gene“? Option A: Wegen ihrer supertollen Figur. Option B: Weil sie blond, blauäugig und weiß ist. Soll hier mit dem Märchen der überlegenen weißen Genetik eine Hose verkauft werden? Die Kommentierung eines Influencers, die mehr als 200 000 Mal gelikt wurde: „Das ist buchstäblich Nazi-Propaganda.“

War es Unwissenheit, Faulheit oder pure Absicht? Keine dieser Optionen ist schmeichelhaft

Der vielfach geteilte Vorwurf an die American Eagle-Kampange ist, sie habe einen rassistischen Subtext, sei sogenanntes „Dog Whistling“. Und verbreite eine Botschaft, die – wie eine Hundepfeife, die dem Begriff den Namen gibt – nur für eine bestimmte (rassistische) Zielgruppe hörbar ist.

Die Kampagne fällt in eine Zeit, in der rechte Ideen verfangen; in der US-Präsident Trump regelmäßig von Blutlinien und „bad genes“ spricht, um Minderheiten zu diskriminieren. „American Eagle“-CEO Jay Schottenstein soll Trump im Wahlkampf finanziell unterstützt haben. Und wurde Sweeney 2022 nicht auf einer Familienfeier gesehen, bei der rote Kappen mit dem Slogan „Make Sixty Great Again“ getragen wurden?

Dabei ist vielleicht gar nicht entscheidend, ob „American Eagle“ die Eugenik-Lesart ihres Spots aus Unwissenheit, Faulheit oder purer Absicht zuließ. Keine der genannten Optionen ist besonders schmeichelhaft. Sollte die dritte Option aber zutreffen und der Rassismusvorwurf bereits eingepreist gewesen sein, ging die Spekulation mit der Aufmerksamkeits-Ökonomie auf – der Aktienkurs von „American Eagle“ stieg zuletzt rasant.

Wie heute üblich ist die Kritik aus progressiven Kreisen laut, der Backlash darauf noch lauter. Steven Cheung, Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses, kommentierte auf X: „Cancel Culture läuft Amok“. Schon 85 Fernsehminuten über die Jeans-Kontroverse auf Fox News („Liberals hate hot people!”) zählte die Nonprofit-Organisation „Media Matters“ seit vergangenem Montag. Nur am Rande: Im selben Zeitraum zählten sie ganze drei Minuten Fox News zu Trumps möglicher Nennung in den Jeffrey-Epstein-Akten.

Auch der rechtsextreme Aktivist Martin Sellner freute sich über einen deutschen Schäferhund in einem weiteren Sweeney-Jeans-Spot („Das wird die Linken brechen“), ein anderer rechter Account teilt sein Outfit: „Hab schon Jeans getragen, bevor es cool war“. Die Botschaft klar: Die hysterischen Linken haben Angst vor schönen Blondinen und einer Hosenwerbung.

Sydney Sweeneys Sexualisierung war nicht immer selbstbestimmt, das ist klar

Der Atlantic beschreibt den Wahnsinn der immergleich choreografierten Internetdebatte treffend als einen Kreislauf an „Erklärungen, in Form von Social-Media-Kommentaren, die zum Anlass für die Erklärung eines anderen werden“. Empörung über den Werbespot, Empörung über die Empörung. Unterm Strich bleibt, dass niemand dem anderen zuhört.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sydney Sweeney für eine Werbung kritisiert wird. In einem Spot der Marke Dr. Squatch grüßt Sweeney mit den Worten „Hey, ihr kleinen dreckigen Jungs“ nackt aus in einem Schaumbad. „Seid ihr interessiert an meinem Body… Wash?“. Eine Seife wird verkauft, die angeblich einen Tropfen ihres tatsächlichen Badewassers enthalten soll. Es ist eine dumpfe Erotik, das provokante Hochziehen der Augenbraue, die säuselnde Stimme, es ist eine rein an Männer gerichtete Werbung für ein Männerprodukt.

Das Bedienen des männlichen Blicks, des male gaze, ist ein wiederkehrendes Motiv in Sweeneys Karriere. Es sollte klar sein, wen die „American Eagle“-Kampagne ansprechen will, wenn die Kamera langsam Richtung Dekolleté hinabfilmt und Sweeney zwinkert: „Hey! Meine Augen sind hier oben!“. Eine seltsam altbackene Mischung aus Americana-Ästhetik und dem „netten Mädchen von nebenan“. Wie passt das mit den Zielen einer Schauspielerin zusammen, die mal betonte, dass sie „nicht objektifiziert“ werden will?

Wer hier gleich Doppelmoral schreit, würde das Kind mit Sweeneys Badewasser ausschütten, denn ihre Sexualisierung ist nicht immer selbstbestimmt. In der eingangs erwähnten HBO-Serie „Euphoria“ soll sie sich am Set der zweiten Staffel bei Serienmacher Sam Levinson beschwert haben, dass die ständige Nacktheit ihrer Rolle nichts zur Qualität der Erzählung beitragen würde.

Auch im Thriller „The Voyeurs“ schrieb ihr das Drehbuch lange Sexszenen vor. Als Sweeney im März 2024 „Saturday Night Live“ moderierte, fiel den Gagschreibern nichts Besseres ein, als einen Großteil der Witze über ihre Brüste zu schreiben. Als Reaktion auf ihr tief ausgeschnittenes Kleid bei „SNL“ fragte die kanadische National Post, ob ihre „Doppel-D Brüste das Ende der Woke-Bewegung“ seien. Für rechte Kulturkämpfer eine dankbare Steilvorlage: Der US-Blogger Richard Hanania antwortete: „Wokeness is dead“. Politik lässt sich eben auch heute noch am besten auf einem Frauenkörper austragen.

Ist Sweeney aber nur Symptom einer konservativen Verschiebung, oder aktiv daran beteiligt? Und kann man nun dieser Frau, die von ihrer Branche in die Rolle der schönen Blondine gepresst wird, tatsächlich vorwerfen, daraus kalkuliert Profit zu schlagen? Naiv scheint sie zumindest nicht zu sein: Auf Linkedin berichtete eine „American Eagle“-Marketingchefin in einem inzwischen gelöschten Post aus einem Zoom-Call, in dem Sweeney gefragt wurde, wie weit sie es „mit der Jeanskampagne treiben wolle?“ Und? „Ohne zu zögern grinste Sweeney und sagte: ‚Lass es uns durchziehen, ich bin dabei.‘“

Sich wie Sweeney eine Karriere auf dem männlichen Blick aufzubauen, bringt sicher viel Geld, aber meist keine Würdigung für gegebenenfalls vorhandene Schauspielkunst. Auch Charlize Theron und Margot Robbie begannen ihre Karriere in der Rolle der schönen Blondinen am Bildrand.

Theron veränderte als Reaktion auf die immergleichen Rollenangebote für die Rolle einer Serienmörderin („Monster“) ihr Aussehen bis zur Unkenntlichkeit – und gewann dafür einen Oscar.

Auch Margot Robbies Talent wurde erst applaudiert, nachdem sie in „I, Tonya“ die Eiskunstläuferin Tonya Harding mit entgleisender Mimik am Rande des Nervenzusammenbruchs spielte.

Theron veränderte als Reaktion auf die immergleichen Rollenangebote für die Rolle einer Serienmörderin („Monster“) ihr Aussehen bis zur Unkenntlichkeit – und gewann dafür einen Oscar.

Auch Margot Robbies Talent wurde erst applaudiert, nachdem sie in „I, Tonya“ die Eiskunstläuferin Tonya Harding mit entgleisender Mimik am Rande des Nervenzusammenbruchs spielte.

Bis heute muss man wohl weniger normschöne Rollen spielen, um von Filmkennern und Kritikern ernst genommen zu werden. Auch Sweeney scheint sich nach diesem Ausbruch zu sehnen: Erste Bilder vom Set eines Biopics über die Boxerin Christy Martin zeigen sie ungeschminkt, mit breiten trainierten Schultern in einer schlabbrigen Kapuzenjacke. 

Man kann nur hoffen, dass er ihr gelingt.

Text: Thore Rausch; Digitales Storytelling: Carolin Gasteiger

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