Gaza
Von Bildern und Trugbildern

Nur erwähnte diese Mohammeds Vorerkrankung mit keinem Wort, so wie andere Medien, die Mohammed prominent zeigten, darunter auch die BBC. So wurde der 18 Monate alte Junge zum Ausgangspunkt einer Debatte, die seit etwas mehr als einer Woche in den sozialen und klassischen Medien geführt wird.
Der konkrete Vorwurf: Es hätte zumindest erwähnt werden müssen, dass die Kinder nicht nur an Hunger leiden. Die große Frage dahinter: Kann man den Bildern aus Gaza trauen?
Die stellt nicht zuletzt die israelische Regierung, insbesondere das Außenministerium, das auf seinen Accounts Kurzvideos in zahlreichen Sprachen veröffentlichte, in denen es BBC, New York Times und anderen Medien Lügen, Propaganda und „gefährliche Aufhetzung“ vorwirft. Nachdem die SZ vor wenigen Tagen die Geschichte um das Foto des kleinen Mohammed al-Matouq aufgegriffen hatte, behauptete der offizielle X-Account des Staates Israel, die SZ habe gemeinsam mit der Bild Manipulationen aus „Pallywood“ aufgedeckt – eine Kombination der Worte Palästina und Hollywood. Was eine grobe Verzerrung der SZ-Berichterstattung war und ein weiterer Beleg dafür: Parallel zum Krieg im Gazastreifen tobt ein Krieg um die Bilder, um die Deutungshoheit.
Beide Seiten, die israelische wie die palästinensische, nutzen Bilder für ihre Zwecke, als Mittel im Krieg. Beide Seiten nutzen die Debatte um die Echtheit von Bildern, um der jeweils anderen Kriegspartei eine Manipulation der öffentlichen Meinung vorzuwerfen.
Die New York Times erklärt sich in der Korrektur ihrer Titelgeschichte dann so: „Hätte die Redaktion die Information vor der Veröffentlichung gewusst, wäre diese im Artikel inkludiert worden.“ In der SZ ist ein Bild von einem anderen Kind mit derselben Vorerkrankung erschienen, ohne dass diese erwähnt worden war. Auch in der SZ wurde der Fehler sofort transparent korrigiert.
Doch damit ist das Problem in diesem Fall nicht gelöst. Die Zweifel sind da, und hinter ihnen liegt ein reales Problem, vor dem viele Medien stehen: Wie kommt man an vertrauenswürdige Bilder aus dem Gazastreifen?
In der Recherche für diese Geschichte hat die SZ nicht nur mit Fotografen und Bildjournalisten in Agenturen und Redaktionen gesprochen, sondern auch mit Kinderärzten in Gaza und mit dem Fotografen des Bildes von Mohammed al-Matouq.
Jeden Tag erreichen Redaktionen in aller Welt Tausende Bilder aus Gaza.

Sie stammen fast ausschließlich von palästinensischen Fotografen. Ausländische Journalisten haben seit Kriegsbeginn keinen Zugang mehr zum Gazastreifen, da die israelische Regierung ihnen den Zugang verwehrt.
Auch für Reporter ohne Grenzen (RSF) ist es schwer, aktuell die Lage vor Ort einzuschätzen, ihre wichtigste Mitarbeiterin vor Ort hat den Gazastreifen verlassen müssen. „Wir haben das Problem, dass wir einerseits die Leute schützen müssen und sie aber auch vor Ort brauchen“, sagt Christopher Resch, RSF-Sprecher für den Nahen Osten.
In das Kriegsgebiet kommen Journalisten aus dem Ausland aktuell nur mit einer Tour der israelischen Armee. So war auch SZ-Korrespondentin Kristiana Ludwig im Juni im Gazastreifen, aber nur für einige Stunden, in denen sie viele Trümmer, aber keinen einzigen Palästinenser sah.
Wer also Bilder aus dem Gazastreifen veröffentlichen will, muss auf die Arbeit der palästinensischen Fotografen und Kameraleute zurückgreifen, die unter extremen Bedingungen arbeiten.
Viele sind erfahrene Fotografen, die seit Jahren oder Jahrzehnten aus Gaza berichten. Saher Alghorra, dessen Bild für die New York Times die Diskussion ins Rollen brachte, ist einer von ihnen. Er fotografiert seit 2018 für Zuma Press, seit 2021 für die New York Times und wurde für seine Arbeit mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.
Ein anderer ist Khalil Hamra, der seit mehr als zwei Jahrzehnten für die Agentur Associated Press (AP) das Leben und Leiden in seiner Wahlheimat fotografiert (für das SZ-Magazin schon 2007 eine Geschichte über die Surfer von Gaza). 2013 gewann er den Pulitzer-Preis. Die Liste ließe sich lange fortsetzen, zum Beispiel mit den ebenfalls ausgezeichneten Fotografen Mahmoud Issa, dessen Arbeit die Zeit eine sehenswerte Geschichte gewidmet hat, und Omar Al-Qattaa, der viel für die französische Nachrichtenagentur AFP fotografiert.
Doch auch diese Fotografen können kaum so neutral sein, wie es das Berufsethos eines Journalisten eigentlich verlangt: Sie berichten davon, wie ihre Heimat zerstört wird, wie ihre Nachbarn nach Luftangriffen vor ihren Augen sterben oder Kinder nah am Hungertod kaum versorgt werden können. Sind die Bilder, die sie dann machen, deshalb weniger echt oder gar propagandistisch?
Das Foto, auf das sich sowohl die Bild-Zeitung als auch das israelische Außenministerium beziehen, stammt aus einer Dokumentation, in der ein freier Fotograf die Arbeit des ebenfalls freien Fotografen Anas Zeyad Fteiah begleitet hat.


Fteiah reagiert auf seinem Instagram-Account auf die Berichterstattung der Bild-Zeitung: Er habe nie eine Szene inszeniert. Unabhängig überprüfen lässt sich die Situation nicht.
Der deutsche Fotojournalist Andy Spyra war schon in vielen Kriegs- und Krisengebieten. Er sagt: „Ich halte es für illegitim, Szenen zu stellen oder einzugreifen, indem man Menschen sagt, was sie zu tun hätten.“ Aber es sei eine feine Linie: Porträtfotografien seien beispielsweise immer ein wenig orchestriert. „Wir versuchen alle, die Bilder zu machen, die den stärksten Eindruck der Szene hinterlassen.“ Wäre er im Gazastreifen, würde er grundsätzlich „in denselben Situationen genau dieselben Bilder machen“ wie die lokalen Kollegen, sagt Spyra. Dass diese dann der Hamas-Propaganda zugutekommen können, darauf habe man keinen Einfluss. „Ich kann ja nicht hingehen und dezidiert schlechte Bilder machen“, sagt er.
Was bleibt, ist allerdings die Frage, welchen Einfluss die Hamas auf die Auswahl der Bilder und Informationen hat, die den Gazastreifen verlassen. „Man kommt im Berufsalltag der journalistischen Arbeit nicht groß an den Hamas-Leuten vorbei“, sagt Resch von Reporter ohne Grenzen über die Berichterstattung aus Gaza. Doch der Einfluss der Hamas schwindet seit Monaten. Der freie Fotograf Ahmed Al-Arini, von dem eines der viel diskutierten Fotos von Mohammed stammt, berichtet, die Situation habe sich geändert. Polizei und Hamas-Regierung seien mittlerweile kaum mehr wahrnehmbar in Gaza-Stadt, wo er wohnt und arbeitet. Aber auch Israels Militär kontrolliert die Freigabe von Informationen und Bildmaterial über militärische Belange.
Die Nichtregierungsorganisation Committee to Protect Journalists schätzt, dass seit dem Angriff der Hamas im Oktober 2023 bis Juli 2025 mindestens 186 Journalistinnen und Journalisten im Gaza-Krieg getötet worden sind. Reporter ohne Grenzen hat einigen von ihnen eine eigene Seite gewidmet, die auch zeigt, wie viele von ihnen Bildjournalisten waren.
Auch deshalb arbeiteten manche Agenturen und Medienhäuser auch mit neuen, unerfahrenen Ortskräften zusammen, deren Eignung als Journalisten fraglich war. Aufsehen erregte der Fall Hassan Eslaiah, der als freier Mitarbeiter für große Medien wie die New York Times und CNN und auch für AP aus Gaza berichtete. Auf einem Foto war zu sehen, wie der inzwischen getötete Hamas-Chef Jahia Sinwar ihm auf die Wange küsste.
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) berichtet, sie erhalte immer wieder Angebote von unbekannten Fotografen aus der Region, lehne diese aber in den allermeisten Fällen ab und arbeite mit vertrauten Fotografen. Doch auch für deren Fotos gilt: „Sie werden nach dem Vier-Augen-Prinzip überprüft von Fotoredakteuren, die seit Jahren im Auslandsdienst mit Bildern aus der Region arbeiten und die Lage in Gaza deshalb sehr gut einschätzen können“, sagt dpa-Bildchefin Nicole Becker.
Über die Agenturen gelangen die Bilder dann in die Redaktionen in aller Welt. Bei Redaktionen mit einem Qualitätsanspruch an die Bildberichterstattung findet auch hier eine Qualitätssicherung statt. Jose Blanco, Bildchef beim Spiegel, berichtet, wie aufwendig die Recherche für ein Bildmotiv war, dass am Ende auf dem Titel gelandet ist:
„Wir haben nicht nur das Bildmotiv untersucht, sondern auch den Hintergrund des Fotografen, etwa ob er in der Vergangenheit Bilder von Hamas-Kämpfern gemacht hat, die propagandistischen Zwecken dienen könnten.“
Diese Genauigkeit ist im Redaktionsalltag selbst bei großen Redaktionen wie dem Spiegel oder der Süddeutschen Zeitung nicht bei jedem Bild möglich, aber jedes Bild wird vor Veröffentlichung überprüft, je nach Platzierung oft von mehreren Bild- und Textredakteuren. Allerdings müssen sich auch Qualitätsmedien auf die Sorgfalt der Bildagenturen verlassen.
Neben den Bildern von Agenturen stützen sich Medien wie die New York Times und die Süddeutsche Zeitung in ihrer Berichterstattung auch auf Bilder und Videos aus sozialen Netzwerken – allerdings nur auf jenes Material, das die Journalistinnen und Journalisten vorab verifizieren konnten. Sie prüfen: Wer hat ein Foto zuerst verbreitet? In welchem Kontext? Gibt es andere Aufnahmen, die Ähnliches zeigen, aus einer anderen Perspektive? Nicht immer gelingt es, alle Fragen zu beantworten. Wenn Unsicherheiten bleiben, legt die SZ diese offen. Oder das Material wird gar nicht erst verwendet.
Mithilfe von Online-Kartendiensten und Satellitenbildern finden Journalisten zudem heraus, wo genau ein Foto oder Video aufgenommen wurde. Fachleute sprechen vom Geolokalisieren. So zeigte ein Video auf Telegram beispielsweise im März dieses Jahres angeblich, wie israelische Soldaten auf Sanitäter in der Stadt Dschenin im Westjordanland schießen.
Die SZ hat die Straße gefunden, in der das Video aufgenommen wurde, und der israelischen Armee vor der Veröffentlichung Fragen zu den Vorwürfen geschickt. Ihre Antwort ist in den Artikel eingeflossen. Auf ähnliche Weise berichtet die SZ über den Krieg im Sudan und in der Ukraine.
Diese Art der Recherche – also öffentlich verfügbare Informationen und Onlinetools zur Verifikation zu nutzen – wird auch „Open Source Intelligence“ genannt. Sie hilft Journalistinnen und Journalisten, über Kriegs- und Krisengebiete zu berichten. Gerade dann, wenn Reporter selbst nicht an Ort und Stelle sein können, sind die Methoden für eine möglichst objektive Berichterstattung unerlässlich. Oft sieht man diese Arbeit dem fertigen Artikel nicht an. Dort steht dann lediglich: „Die SZ hat die Aufnahmen verifiziert.“
Wann immer es möglich ist, versucht die SZ zudem, die Person zu kontaktieren, die ein Foto oder Video aufgenommen und in den sozialen Medien hochgeladen hat. Nicht nur, um ihre Identität zu überprüfen, sondern weil diese Personen auch wichtige Augenzeugen für das Gezeigte sein können. Auch die Personen, mit denen die SZ aus anderen Gründen für ihre Berichterstattung in Kontakt ist, bittet sie oft darum, Bilder und Videos von ihrer Umgebung aufzunehmen, um ihr einen Einblick zu verschaffen und im besten Fall wiederum das Gesagte zu verifizieren. In Gaza, wo es momentan sehr schwierig ist, Menschen via Telefon oder Messengerdiensten zu erreichen, gerät die Verifikation hier jedoch oft an ihre Grenzen.
Und zur Wahrheit gehört auch: Trotz der zahlreichen Methoden, das Gezeigte zu überprüfen, bleibt ein Restrisiko. Dass nun auch immer mehr KI-generierte Bilder und Videos im Netz kursieren, macht die Unterscheidung zwischen Fake und Fakt nicht einfacher. Umso wichtiger wird eine der Grundregeln des journalistischen Handwerks: sich nie auf nur eine Quelle zu verlassen, sei es eine Person, eine Organisation oder ein Video.
Die SZ verwendet außerdem sowohl für die Recherche als auch für die Visualisierung der Berichterstattung Satellitenbilder des Gebiets, auf denen sich die Zerstörung, die großen Zeltstädte und auch teilweise einzelne Szenen des Krieges erkennen und abgleichen lassen.
Zurück zu Mohammed al-Matouq, dem 18 Monate alten Jungen, dessen Bild nicht nur bei der New York Times, sondern auch bei der BBC zur Debatte beigetragen hat. Das von der BBC verwendete Bild hat Ahmed Al Arini fotografiert, und auch er hatte die Krankheit gegenüber der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu nicht erwähnt. Er kann die Kritik nicht nachvollziehen: „Ich wollte niemanden täuschen, sondern einfach nur das schreckliche Leid abbilden.“ Er habe Bilder des Jungen während der letzten Waffenruhe gesehen, als ausreichend Hilfsgüter in den Gazastreifen kamen.


Sie habe den kleinen Jungen schon mehrfach untersucht, für sie ist klar: Mohammed leide neben seiner Vorerkrankung eindeutig an Unterernährung. Kinder mit Zerebralparese bräuchten besondere Ernährung und wären daher in der aktuellen Situation anfälliger.
In ihrem Krankenhaus in Gaza-Stadt werden auch schwer mangelernährte Kinder ohne Vorerkrankung behandelt. Auch der Leiter der Pädiatrie im Nasser-Krankenhaus in Chan Yunis, Ahmed Alfarra, sagt im Gespräch mit der SZ, dass nur etwa 40 Prozent der unterernährten Kinder an chronischen Vorerkrankungen wie Zerebralparese oder Mukoviszidose leiden. Warum das Foto eines vorerkrankten Kindes so viel Kritik erhalte, könne er nicht verstehen.