Marie Marcks zum Hundertsten

Vom Risiko, eine Frau zu sein

Zwischen Wiederbewaffnung und Doppelbelastung: Marie Marcks hat die Kämpfe ihrer Zeit mit Karikaturen ausgefochten. Zu ihrem hundertsten Geburtstag gibt es jetzt eine zweibändige Werkausgabe.

Martina Knoben
24. August 2022 - 3 Min. Lesezeit

Ein Mann sitzt selbstzufrieden hinter einem Schreibtisch, vor ihm eine Frau mit sorgenvollem Blick in Bittstellung. „Soso. Eine Halbtagsstelle wollen Sie. Bei vollen Sozialleistungen, versteht sich. So bequem möcht’ ich’s auch mal haben!“, kommentiert er ihre Bewerbung in einer angemessen fetten Sprechblase. Unter seinem Schreibtisch ist nicht nur seine Hand mit qualmender Zigarette zu sehen, sondern auch ein Junge mit Hund, der sich an den Rockzipfel der Frau klammert. In ihren Rücken krallt sich ebenfalls ein Kind; mit einem Seil an ihrer rechten Wade befestigt ist ein Herd mit dampfendem Kochtopf, auf dem Herd sitzt außerdem ein Mann mit Aktentasche, ihr Ehemann, der sie an ihren langen Haaren wie an einem Zügel hält. Doppelbelastung? Ach was! Das Gewicht der ganzen Welt scheint an dieser Frau zu kleben.

Zart schwarz-weiß gestrichelt und dennoch unmissverständlich hat Marie Marcks die Lastenverteilung zwischen Mann und Frau und die Herrschaftsstrukturen in Wirtschaft und Familie gezeichnet. Das Blatt wurde 1981 veröffentlicht, und man könnte es als politisch überholt abtun, wenn nicht die Pandemie gezeigt hätte, dass, wenn es ernst wird, die alten Rollenbilder schnell wieder greifen. Marie Marcks, 1922 geboren, wusste nur zu gut, was sie da zeichnet. Sie hatte selbst fünf Kinder und nicht immer einen Mann dazu. „Meine Geschichten sind im Kern alle wahr – auch wenn ich sie dann weiterfabuliert habe ...“, hat sie in einem Interview erzählt.

Den hundertsten Geburtstag der großen Karikaturistin, die 2014 in Heidelberg gestorben ist, feiert der Antje-Kunstmann-Verlag mit einer zweibändigen Werkausgabe: 1995 waren erstmals Marie Marcks’ „Autobiografische Aufzeichnungen. Marie, es brennt!“ erschienen, in denen sie mit Buntstiftzeichnungen von ihrem Leben zwischen 1922 und 1968 erzählt; der Band „Karikaturen und Bildergeschichten“ versammelt Arbeiten von ihr aus fünf Jahrzehnten.

Anfang der Sechzigerjahre hatte Marie Marcks begonnen, als politische Karikaturistin zu arbeiten, unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, wo sie von 1965 bis 1988 Stammzeichnerin war, aber sie arbeitete auch für den Spiegel, die Zeit, für Brigitte oder die Titanic. Als Pionierin in einer damals noch von Männern dominierten Zeitungs- und Zeichenwelt brachte Marie Marcks einen anderen, weiblichen Blick auf die Dinge mit: „Wenn es etwa um Kriegsgefahr und Wiederbewaffnung ging, waren die (Kinder) natürlich beim Zeichnen immer in meinem Hinterkopf. Die männlichen Kollegen brachten diese emotionale Komponente sehr viel weniger in ihre Arbeit ein ...“

Marie Marcks wollte mit ihren Bildern die Welt verändern, sie kämpfte für Frauenrechte und gegen Atomwaffen, prangerte autoritäre Erziehungsstile an, kritisierte Umweltverschmutzung, Fremdenhass oder Neonazis. Das war häufig sogar ziemlich lustig. Berühmt ihr Bild eines schwer an der Welt tragenden Mannes, der von einer fröhlichen jungen Frau den Rat bekommt: „Roll doch das Ding, Blödmann!“

Der Witz und die bescheidene Eleganz ihrer Zeichnungen haben ihre Arbeiten populär gemacht. Besonders stark aber sind jene Bilder, die über das politische Tagesgeschäft hinaus zielen. Drei farbige Bilder untereinander erzählen von einem Mutter-Tochter-Verhältnis über Jahrzehnte, vom Schmerz des Älter- und Verlassenwerdens. Ähnlich eindringlich ist ein DGB-Plakat von 1991, in dem sich in 18 Miniaturen ein Frauenleben im Zeitraffer abspielt.

Es beginnt „mit Windel“ und „ohne Last“ im Kinderbettchen und beim Spielen, führt „mit Lust“, „mit Mann“ und „ohne Sorgen“ zur Erfahrung der Altersarmut der verlassenen Ehefrau, die „ohne Zukunft“ und „ohne Geld“ im Rollstuhl „mit Karacho“ einen Abgrund hinunterrollt. Dazu reimt Marie Marcks, scheinbar beschwingt: „Fast nichts verrät der schöne Schein ... vom Risiko, ’ne Frau zu sein.“

Marie Marcks: Die große Marie Marcks. Zweibändige Werkausgabe. Antje Kunstmann Verlag, München 2022. 448 Seiten, 58 Euro.
Marie Marcks: Die große Marie Marcks. Zweibändige Werkausgabe. Antje Kunstmann Verlag, München 2022. 448 Seiten, 58 Euro.
Team
Text Martina Knoben
Digitales Storytelling Stefanie Preuin
Karikaturen Marie Marcks, Antje Kunstmann Verlag