Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Serie
Stranger Things
Das Ende ist nah, aber noch nicht ganz da. Netflix zelebriert das Finale von „Stranger Things“ in drei Häppchen, jetzt startet das erste. Die Teens, deren Darsteller größtenteils längst erwachsen und nun wirklich reif für den Abschluss der Sache sind, bereiten sich auf den letzten großen Kampf vor. Was man aber reinen Gewissens schon jetzt festhalten kann: Wer die Sendung bisher mochte, wird sie nicht minder glücklich weiterschauen. Wie sie die zentralen Erlebnisorte jener Zeit – die große Kulturinstitution der amerikanischen Mall etwa – wieder aufleben lässt, ist schon sehr große Nostalgieserienkunst.
Film
Jay Kelly
„Mein Leben“, klagt Jay Kelly, „fühlt sich nicht real an.“ Und: „Alle meine Erinnerungen sind Filme.“ Denn Jay Kelly ist ein Star. Ach was, ein Superstar, eine Ikone des Kinos. Sobald er seine Hochglanzblase aus Luxuswohnsitz, Privatjet und Studiogelände verlässt (was er selten tut), wird er von Fans umzingelt. In der Rolle dieses Strahlemanns spielt George Clooney natürlich nicht einfach nur Jay Kelly, sondern ein bisschen auch sich selbst. Doch nicht nur Clooney glänzt: „Jay Kelly“ ist hervorragend geschrieben, mit flotten Dialogen, die Pointen sitzen.
Serie
Frier und Fünzig – Am Ende meiner Tage
Wie tritt man den Wechseljahren am besten entgegen? Mit Selbstironie. Annette Frier spielt in „Frier und Fünfzig – Am Ende meiner Tage“ eine fiktionalisierte Version ihrer selbst. Sie hat sich die Serie zusammen mit der Autorin Sonja Schönemann ausgedacht, geschrieben ist sie von einem reinen Frauen-Team. Und dass das, was dabei herauskam, jetzt ein wirklich schöner, lustiger, selbstironischer Beitrag zum Thema „Frauen auf dem Weg in die Menopause“ geworden ist, liegt vor allem daran, dass sie so gut den Ton trifft. Nein, es geht nicht die ganze Zeit um körperliche Verfallserscheinungen. Eher ums große Ganze.
Zum Lesen
Roman
Und Federn überall
In ihrem dritten Roman erzählt die iranisch-deutsch-österreichische Autorin Nava Ebrahimi von den Schicksalen eines guten Dutzends Menschen, von denen die meisten einen sogenannten Migrationshintergrund haben, aber alle im übertragenen wie im Wortsinn „displaced persons“ sind. „Und Federn überall“ spielt in einer gigantischen Geflügelfabrik und umkreist die Frage: Wie kann man menschlich bleiben in einer extremen Welt? Besonders die Schlusswendung des hintergründigen und unterhaltsamen Romans hat es in sich.
Roman
Alchemised
Die Autorin Sen Lin Yu auf der Buchmesse treffen zu wollen, ist keine gute Idee. Komplett durchgetaktet sind ihre Tage da, Menschen harren in langen Schlangen aus, um ein Foto mit ihr zu machen und ihr Buch signiert zu bekommen. Mit ihrem düsteren Dark-Fantasy Roman „Alchemised“ über eine Heilerin mit übersinnlichen Fähigkeiten stürmt die amerikanische Autorin an die Spitzen internationaler Bestsellerlisten. Wie macht sie das?
Sachbuch
Klasse – Die Entstehung von Oben bis Unten
Menschen einstufen ist wie sprechen: Wir können es einfach, ganz automatisch. Laut einer amerikanischen Studie reichen uns schon sieben Wörter, damit wir ziemlich genau erraten können, welchen sozioökonomischen Hintergrund eine Person hat. Oft reicht ein Blick auf die Augenpartie. Auf die Zähne. Der Philosoph Hanno Sauer hat mit „Klasse“ einen neuen Bestseller über diese feinen Unterschiede zwischen Oben und Unten geschrieben.
Essaysammlung
Im Augenblick
Der Essay als Form ist Karl Ove Knausgård nicht fern: Beim norwegischen Schriftsteller geht der Roman in den Essay über, und der Essay mäandriert in den Roman. Nun veröffentlicht der Literaturstar eine neue Essaysammlung. In „Im Augenblick“ wühlt sich Knausgård abermals durch die Welt und sein Inneres wie durch ein verstopftes Abflussrohr. Wahrheiten, Ergebnisse, Botschaften sind von ihm dabei nicht zu erwarten. Wahrhaftig will er sein, was ein dauerndes Prüfen voraussetzt und ein distanziertes Nachdenken über sich selbst. Er will unbedingt wissen: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Zum Hören
Pop
Looking Back
Pardon, sie komme etwas später, schreibt Amanda Lear kurz vorher. Und ist doch auf die Minute pünktlich: Jeans, schwarzer Pullover, eine Kette aus goldenen Ringen, dunkelbeiges Sakko. Einer der Gründe, warum sie jetzt hier sitzt, ihr Sandwich in perfekte Quadrate schneidet und den aktuellen Zwischenstand ihrer Persönlichkeit präsentiert: Amanda Lear hat ein neues Musikalbum gemacht. Es heißt „Looking Back“, eine Art Lebensbilanz in Chanson und Lounge-Pop, eine Dialektik über Dasein und Showbusiness. Wie „My Way“ von Frank Sinatra, aber mit französischem Beat. „Und wenn der Vorhang fällt“, singt sie an einer Stelle, „werde ich weiter durch die Dunkelheit strahlen.“
Podcast
Seweryna und die unsichtbaren Nazis
Seweryna liebt Zeltlager, von Kindheit an. Sie fühlt sich dort frei und zugleich geborgen. Mit dem Überfall ihrer Heimat Polen durch die Deutschen 1939 ändert sich das Leben der damals 23-jährigen Soziologie-Studentin allerdings radikal. 1942 gerät sie in die Fänge der Gestapo und wird in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Die Nationalsozialisten wollten Seweryna Szmaglewska zu einem Opfer machen. Ein vierteiliger NDR-Podcast erzählt, wie sich die Hauptzeugin in den Nürnberger Prozessen dieser Rolle verweigert hat. „Seweryna und die unsichtbaren Nazis“ dient als Beleg für den Selbstbehauptungswillen der späteren Schriftstellerin.