Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Auf Manhattans Upper West Side wird wieder gemordet, der erste Mafia-Roman wurde neu aufgelegt und Till Brönner verbindet Jazz und Italo-Pop zu einem seiner besten Alben. Neun Kulturtipps für ein verregnetes Wochenende.

11. September 2025

Zum Sehen

Serie

Only Murders in the Building

Disney Plus

„Only Murders in the Building” hat das Potenzial, sich gleich hinter „Friends” und „Gilmore Girls” einzureihen in die Liste der Serien, die einem ein wohliges Zuhause-Gefühl vermitteln. Die nun laufende fünfte Staffel wird zehn Folgen haben, jede Woche erscheint eine weitere. Die Wohlfühl-Konstanten: Das „Arconia“ selbst, ein Haus, das in der Realität längst zu teuren Coworking-Spaces gentrifiziert worden wäre. Und das Podcast-Trio Mabel (Selena Gomez), Charles (Steve Martin) und Oliver (Martin Short), vereint durch latente Einsamkeit und ihre Liebe zu True Crime und wie gewohnt auf der Suche nach einem Mörder im eigenen Zuhause. Dieses Mal muss Lester, der Portier des „Arconia“ dran glauben, er wird tot im Brunnen des Innenhofs gefunden. Zwar geht die Polizei zuerst von einem Unfall aus, aber ganz so einfach ist es natürlich nicht. Schöpfer Steve Martin hat die Exzentrik seiner Charaktere kleinteilig aufgebaut, mit Vorliebe für mörderische oder leicht verrückte Partner und liebevoll-scherzende Dialoge. Er lässt alte Bekannte wiederkehren und seine eigene Rentner-Figur jugendliche Dinge sagen wie „Ich war ein bisschen delulu“. Hach.

Horrorfilm

Conjuring 4

Im Kino

Ein Dämon hat das Haus der Familie Smurl besetzt, die verstörenden Ereignisse häufen sich. Die Smurls sind wehrlos, noch dazu halten sie die Nachbarn für Spinner, sie können es sich auch nicht leisten, woanders hinzuziehen. Stärker als die vorherigen drei Filme beschwört „Conjuring 4“ amerikanisches Familienleben, Grillfeste und verschiedene Generationen an einem Tisch, an dem auch ein Geistlicher Platz nehmen darf. Pures Americana. Leider ist es vorbei mit dieser Stimmung, sobald eine Frau lockendem Raunen folgt und den Aufstieg in den Speicher beginnt und der hässliche Dämon voll zuschlägt mit Horror-Getöse und Computer-Effekten. Der größte Schrecken aber, das macht auch dieser Horrorfilm spürbar, ist die menschliche Einsamkeit.

Serie

The Paper

ARD Plus, WOW

Eine gute Fernsehserie kann sich manchmal anfühlen wie eine zweite Familie. „The Paper“ ist so eine, mit einem Ensemble aus Figuren, die einem schon in der zweiten Folge vertraut vorkommen. Erzählt wird die Geschichte der fiktiven Lokalzeitung Toledo Truth Teller im Provinzstädtchen Toledo, Ohio. Der jugendfrische neue Chefredakteur Ned Sampson will sie vom Anzeigenblättchen zurück zu ihrer alten Größe führen. Da gibt es keine Helden, nur wackere Kämpfer gegen den Abstieg einer Industrie ins drohende Aus. Weil „The Paper“ von Greg Daniels als Spin-Off der amerikanischen Version von „The Office“ erfunden und geschrieben wurde und das auch noch als eine entfernte Fortsetzung, sind alle Voraussetzungen für eine unterhaltsame Serie gegeben. Die Berührungspunkte von „The Paper” zu „The Office“ sind dabei allerdings marginal. Zum einen werden Sampsons Anstrengungen von eben jenem Kamerateam begleitet, das auch schon in „The Office“ eine fiktionale Doku drehte, was die Serien von den starren Pointen-Gerüsten traditioneller Sitcoms befreit. Und dann ist da Oscar, der Buchhalter, der schon in Scranton die Excel-Tabellen hin- und herschob. Was „The Paper“ und „The Office” aber vor allem vereint, ist der Galgenhumor, mit dem sich da jeweils zwei Branchen weigern, zu verschwinden.

Zum Lesen

Sammelband

Autoritäre Treiber eines Systemwechsels

Campus Verlag

Eine Vorwarnung: Gute Laune macht die Lektüre nicht. Dafür versteht man danach besser, wie die anhaltenden Angriffe auf zentrale Institutionen des demokratischen Rechtsstaats funktionieren und welches Ziel sie verfolgen. Dreizehn Wissenschaftler um den Staatsrechtler Günter Frankenberg und den Soziologen Wilhelm Heitmeyer haben einen Sammelband zur „Destabilisierung von Institutionen durch die AfD“ vorgelegt. Ihre nüchternen Aufsätze sind von bedrückender Aktualität. Als Politikwissenschaftler, Juristen, Journalisten und Soziologen durchleuchten sie „autoritäre Treiber eines Systemwechsels“. Die Versuche ihrer „Delegitimierung und Destabilisierung“, so die gut belegte Kernthese des Sammelbandes, haben schon jetzt an vielen Stellen das gesellschaftliche Klima, Normalitätsstandards und Handlungsspielräume verschoben. Deutlich wird auch, wie sich die gesellschaftliche und politische Polarisierung in den Institutionen fortsetzt.

Jugendroman

Dann kannst du nicht mehr wegsehen

Jana Fuhrmann

Veganes Leben ist nicht nur eine Frage der Entscheidung – sondern auch eine Frage der Moral. Dürfen wir das Wohl und das Leben der Tiere unseren Zwecken unterordnen? Müssen wir Tiere auf die gleiche Weise moralisch berücksichtigen wie Menschen? In „Dann kannst du nicht mehr wegsehen“ beschäftigt sich Jana Fuhrmann mit diesen Fragen. Vor Jellas Panikattacke im Schlachthof steht da diese Kuh und schaut die Protagonistin an: „Das Fell unter ihren Augen ist nass. Ich strecke mich, so weit es geht, ihrem Kopf entgegen und nehme ihn in beide Hände. Die Kuh weint. Große, hilflose Tränen laufen an ihrem Gesicht herunter.“ Die 16-Jährige hat sich angekettet, um zu protestieren, und ist überwältigt vom Gestank von Blut, Exkrementen, Eingeweiden und Angst. Noch im Schlachthof bricht Jella zusammen, in einer psychosomatischen Klinik wird sie Schritt für Schritt wieder zu sich kommen. Im Roman übernimmt nicht die Gesellschaft Verantwortung, sondern Jella zahlt den Preis. 

Roman

Trauben schwarz wie Blut

Livia de Stefani

Nicht nur die Mafia, auch Geschichten über die Mafia schienen lange eine Männerdomäne zu sein. Nur hat den ersten Mafia-Roman überhaupt eine Frau verfasst, Livia de Stefani. Sie war eine reiche sizilianische Landbesitzerin, 1953 schrieb sie ihr Debüt „La vigna di uve nere” und war damit direkt erfolgreich. Neu aufgelegt mit dem überarbeiteten Titel „Trauben schwarz wie Blut“ erscheint er nun im kleinen Verlag Edition Converso. Der Roman erzählt in eindringlicher Sprache von Casimiro Badalamenti, dessen Vater und Bruder ermordet werden. Er verlässt daraufhin seinen Heimatort und nistet sich einen Ort weiter hinter dem Bergkamm bei der Prostituierten Concetta ein. Die Geschichte ist der Urtyp einer Mafia-Familiensaga, de Stefani erzählt sie in einer Sprache und Darstellungsweise, die in ihrer Heimat Sizilien wenig Begeisterung weckte und für eine Frau zur damaligen Zeit ungewöhnlich war. Nüchtern beschreibt sie Badalamentis mafiös-patriachale Härte, lässt seine Gewalt aber nie zum Faszinosum werden. Wie schön, dass ihr Werk nun wiederentdeckt wurde.

Zum Hören

Jazz

Italia

Till Brönner

Italo-Pop und Jazz, das klingt erstmal nach zwei sehr verschiedenen Enden des musikalischen Spektrums. Trompeter Till Brönner hat nun aber ein brillantes Album veröffentlicht, inspiriert von seiner Kindheit in Italien, mit Interpretationen von Stücken wie „Viva La Felicità”, „Quando” oder „Viva Con Me”. „Das Projekt hatte ich schon mein ganzes Leben lang auf der Liste, es war nur eine Frage, wann die Energie dafür da ist”, sagt Brönner. 14 Stücke sind es jetzt geworden auf „Italia”. Stilistisch erinnert das Album an den Jazz der Siebzigerjahre, mit viel Virtuosität und elektroakustischen Klängen. Den Subtext für das Album liefert die Brücke zwischen Deutschland und Italien in eben diesem Jahrzehnt: die Gastarbeiter. Beide Länder hätten so viel voneinander profitiert, sagt Brönner, auch wenn es in Deutschland nicht immer so präsent sei, wie viel die italienischen Einwanderer beigetragen hätten.

Podcast

Nicht mehr mein Land

ARD Audiothek

Vor zehn Jahren sagte Angela Merkel „Wir schaffen das” - und wurde später viel dafür kritisiert. Im BR-Podcast „Nicht mehr mein Land” geht der Journalist Ali Gutsfeld nun der Frage nach, was genau sich verändert hat. Für die sechs Folgen des Podcasts interviewt Gutsfeld unter anderem einen AfD-Wähler sowie Gloria von Thurn und Taxis, die zu einer strikten Gegnerin von Abtreibung, Verhütung und Migration geworden ist. Die Gespräche gelingen nur, weil Gutsfeld an den richtigen Stellen kritisch einordnet, was seine Gesprächspartner sagen. Außerdem spricht er mit dem Kurden Chia Rabiei, der sich im Juni 2021 einem Angreifer in der Würzburger Altstadt in den Weg stellte. Danach wurde er als Held gefeiert und musste trotzdem jahrelang um die Annahme seines Asylantrags bangen. „Nicht mehr mein Land“ überzeugt vor allem durch die Auseinandersetzung mit Menschen wie Rabiei, die sonst selten zu Wort kommen.

Hörspiel

Zwei Schwestern

ARD-Audiothek

In acht kurzen Folgen erzählt die Thriller-Hörspielserie „Zwei Schwestern” von einer Beziehung, die von zweifelhaften Emotionen getrübt wird. Louise erwacht nach einem Treppensturz im Krankenhaus aus dem Koma, ihre Schwester Ina kümmert sich um sie, obwohl sie eigentlich ein Kontaktverbot hat. Die Geschichten der beiden Frauen passen dabei überhaupt nicht zusammen, eine von beiden muss also entweder lügen oder psychisch schwer krank sein, vielleicht auch eine Mischung daraus. Irgendwann treten zwei Männer ins Bild, Louises Mann und sein Geschäftspartner. Der sich daraufhin entspannende Fußballstrang ist die einzige Schwäche des Hörspiels, nicht nur inhaltlich, sondern auch dramaturgisch. Doch selbst dieses Manko kann dem Thriller in seiner Gänze nichts anhaben: So klug gewählt sind die übrigen Handlungsfäden und Wendungen, so elegant inszeniert ist die Geschichte.

Klassik-CD

Dido & Æneas

Joyce DiDonato, Michael Spyres u.a.

Frauen sind einfach besser, in der Liebe wie in der Politik. Das wusste schon Henry Purcell, der in seiner einzigen, 350 Jahre alten und nur erfreuliche 50 Minuten dauernden Kurzoper „Dido & Æneas“ zudem nicht nur genreuntypisch die Frau zuerst nannte, sondern ihr auch die bessere Musik komponierte als ihrem obrigkeitsgläubigen Helden, den der Komponist mit einer paar Momente abspeiste. In der von Maxim Emelyanychev überwältigend dirigierten Neuaufnahme bei Erato singt die auf Wunder spezialisierte Joyce DiDonato die Herrscherin Dido als eine unbedingt Liebende, die anders als der sie verlassende Æneas und die meisten Männer zuletzt die Macht hintanstellt, sich ganz der Liebe hingibt und folglich in den Tod geht. Zärtlicher und sanfter hat den Tod niemand komponiert als Purcell in diesem legendären Finale „When I`am laid in earth“, mit dem Joyce DiDonato dieses Album der Superlative und der ganz großen Emotionen krönt. Reinhard J. Brembeck

Text: Hanna Böcher, Monika Rathmann; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Katharina Wutta; Digitales Storytelling: Sara Peschke

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