Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Pumuckl hüpft auf die Kinoleinwände, Sibylle Berg schreibt von einer anarchischen Zukunft und Tristan Brusch singt über das Leben und dessen Abgründe. Neun Kulturtipps für ein entspanntes Wochenende.

30. Oktober 2025

Zum Sehen

Film

Pumuckl und das große Missverständnis

Im Kino

Gleich kracht es. Ein blauer Traktor rast unkontrolliert durchs Dorf, auf dem Anhänger ein stolzer Maibaum. Unkontrolliert? Na ja, am Lenkrad hält sich krampfhaft der Pumuckl fest, er hat den Trecker mit Maibaum geklaut. Das gibt Ärger, großen Ärger. Man spürt beim Zusehen dieses Kindergefühl, dieses Ziehen im Bauch, weil man etwas angestellt hat. „Pumuckl und das große Missverständnis“ ist ein richtig guter Kinderfilm. Und auch sehr geeignet für Erwachsene.

Dokumentation

Babo – die Haftbefehl-Story

Netflix

Wie’s ihm geht? Gut geht’s ihm, Brudi. Sagt er. „Ich war Therapie“, sagt er auch noch. Und das Problem ist jetzt nur, dass man zweimal hinschauen muss, und dann noch ein drittes Mal, um sicherzugehen, dass er es auch wirklich ist. Der Rapper Haftbefehl hat sich über die Jahre fast umgebracht. Eine erschütternde Netflix-Doku der Regisseure Juan Moreno und Sinan Sevinç zeigt seinen Kollisionskurs. Und vielleicht die Rettung.

Film

Franz K.

Kino

Er leidet, er schreibt, er lacht: Agnieszka Holland zeigt in „Franz K.“, dass sie den Schriftsteller offenbar wirklich verstanden hat. Es ist das große Verdienst der Filmemacherinnen, dass sie Kafka bei all seiner Seltsamkeit als modernen Menschen verständlich macht. Dass sie seine Wunderlichkeit zeigt, ohne sie absurd zu finden. Immer wieder dreht Holland die Lautstärke hoch, um zu zeigen, wie das für Kafka gewesen sein muss, das Leben in der normalen Welt: laut, anstrengend, nervenzehrend.

Zum Lesen

Roman

PNR: La Bella Vita

Sibylle Berg

Man möchte, während man das liest, streiten mit diesem Buch. Man möchte es fragen, wie in dieser selbstgehäkelten Idylle ohne Hierarchie und Arbeitsteilung eigentlich ein Krankenhaus betrieben werden kann, eine Universität oder auch nur ein Windrad. Natürlich ist Sibylle Berg viel zu klug, als dass sie das nicht selbst wüsste. Und in ihrem Text reflektierte. „PNR: La Bella Vita“ heißt das Buch. Es ist ein Bericht aus einer Zukunft, in der Anarchie herrscht.

Roman

Der Jahrestag

Andrea Bajani

Eines wird ziemlich bald klar: Mit dieser Mutter, von der Andrea Bajani erzählt, möchte man nicht tauschen. Sie muss eine derartig traurige, einsame Existenz führen, unter der Fuchtel ihres tyrannischen Ehemanns, dass es mal fassungslos macht beim Lesen, dann spürt man Mitleid, irgendwann auch blanke Wut. Mit „Der Jahrestag“ bricht die Autorin ein Tabu: schlecht über die eigene Familie zu schreiben. Es ist ein berührender Roman, zu Recht mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet.

Roman

Dein Utopia

Bora Chung

Das Leben im Technologiezeitalter ist bislang einigermaßen deprimierend, und wer in der U-Bahn vom Handy hochschaut, könnte gar auf die Idee kommen, der Fortschritt würde uns alle einsamer machen. In dieser Zeit, in der Pessimismus in Mode gekommen ist, nennt Bora Chung ihre neuen Techno-Zukunftserzählungen hoffnungsvoll anachronistisch „Dein Utopia“. Die südkoreanische Autorin erzählt darin von einer nahen Zukunft, in der die Maschinen menschlich werden.

Zum Hören

Pop

West End Girl

Lilly Allen

So ungefähr stellt man es sich wohl vor: Musikerin schleppt sich ins Studio, heult zwei Stunden lang, fängt dann an zu schreiben. Zettel bedecken den Boden. Plötzlich sind da Melodien. Plötzlich macht alles Sinn. Sie tritt ans Mikrofon, fängt an zu singen. Lily Allens neues Album erzählt sehr offenherzig die Geschichte, wie ihre Ehe kaputtging. „West End Girl“ ist eine superschlaue Gemeinheit und musikalisch eine Offenbarung.

Pop

Am Anfang

Tristan Brusch

Tristan Brusch ist der momentan wahrscheinlich spannendste Musiker im deutschsprachigen Raum. Er singt über das Leben und dessen Abgründe, gebettet auf eigenwillig komponierte Musik. Damit erreichte er eine kleine, treue Fanbase. Zum Leben reichte das lange kaum. Nun hat er das grandiose Album „Am Anfang“ veröffentlicht. Es könnte der kommerzielle Durchbruch nach einer fast 20 Jahre andauernden Karriere am Existenzminimum sein.

Podcast

Der Landarzt vom Murgtal

ARD Audiothek

Johanna Fricke erzählt in ihrem zehnteiligen Podcast „Der Landarzt vom Murgtal“, einer Produktion des SWR, eine Geschichte, die zwei Seiten hat. Am Beispiel von Hans-Jörg Schaible lässt sich veranschaulichen, wie wohltuend es für eine Dorfgemeinschaft ist, dass sie einen Arzt hat – nicht nur aus medizinischer Sicht. Zugleich lässt sich an Schaible aber auch vom Ärztemangel erzählen, der im ländlichen Raum noch einmal gravierender ist als in den Städten.

Text: Jonas Bernauer; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Felix Hunger

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