Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

„Wicked: For Good“ löst ein Gefühl der Gemeinschaft im Kino aus, Peter Stamm veröffentlicht neun neue Geschichten und die ARD-Serie „Stabil“ zeigt einfühlsam den Alltag in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Neun Kulturtipps für ein schönes Wochenende.

20. November 2025

Zum Sehen

Film

Wicked: For Good

Kino

Was einen vor einem Jahr mit dem ersten Teil von „Wicked“ innerlich überrollte, hatte zu tun mit Kunst, die Gefühle aufruft, sie aber zugleich operettenhaft entrückt, so wie das guter Kitsch oder eben ein Fantasy-Musical tun. „Wicked: For Good“ führt nun die Handlung fort und konzentriert sich auf Glindas Rolle im autoritären Regime von Oz. Das Musical erzählt von einem anderen, freien Amerika und ist Teil der „Theater Kids“-Kultur an amerikanischen Highschools, die oft von Außenseitern geprägt ist. Damit leuchtet der zweite Teil in eine immer finsterer werdende Gegenwart hinein. „Wicked: For Good“ löst ein Gefühl der Gemeinschaft im Kino aus, nebenbei belebt er auch noch den alten Traum von Amerika neu.

Serie

Stabil

ARD-Mediathek

Erwachsenwerden, das ist Schule, Fußballverein, Freunde treffen, die erste Liebe finden, der erste Herzschmerz. Aber eben nicht nur – und nicht für alle. „Ich war seit fünf Monaten nicht mehr in der Schule. Und du?“, fragt Greta direkt in der ersten Folge von „Stabil“. Ihr Gegenüber Ali erwidert: „Drei.“ Willkommen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die ARD-Dramaserie erzählt klassisches Coming-of-Age, aber eben in der Psychiatrie. Und der Klinikalltag dort wird nicht romantisiert. Die Message ist so banal wie niederschmetternd: Es kann jeden und jede treffen. Und manchmal geht es einfach darum, den Tag zu überleben.

Serie

Ana und Oscar

Arte-Mediathek

Ein Jahr endet, ein neues beginnt: Ana und Oscar begegnen sich an Silvester 2015 in Madrid. Zwei Menschen Anfang dreißig, beide auf der Suche nach Glück, beide ohne klare Vorstellung davon, wohin ihr Leben sie führen soll. Sie verbringen die Neujahrsnacht miteinander, reden, trinken, tanzen, und am Morgen trennen sich ihre Wege wieder. Was ein einfacher One-Night-Stand hätte bleiben können, entwickelt sich in der Arte-Serie zu einer jahrelangen Liebesgeschichte. Die Liebe der beiden Millennials ist widersprüchlich, chaotisch, schön und schmerzhaft. Und damit ziemlich echt.

Doku

Being Eddie

Netflix

Eddie Murphy war ein Wegbereiter für schwarze Schauspieler und Komiker in Hollywood. Und jetzt? Er sitzt vor dem Fernseher und ist von der Streaming-Auswahl überfordert. „Absolut nichts anzuschauen …“, feixt er und lacht, das tut er in diesem Dokumentarfilm über sein Leben praktisch ununterbrochen. „Dabei sind sogar fünf Filme von mir dabei!“ Dann beginnt „Being Eddie“. Man sieht Murphy im Kreise seiner Familie, mit den großteils erwachsenen Kindern, und folgt ihm chronologisch durch seine Karriere. Und man muss sagen: Man kann sich das sehr gut anschauen.

Zum Lesen

Sachbuch

In der Nähe

Simon Strauß

Zwischen Ost und West klafft 35 Jahre nach der Wiedervereinigung ein mentaler Graben, der womöglich wieder tiefer wird. Auch deshalb haben Bücher, die den Wessis den Osten erklären, gerade Konjunktur. Der Historiker und Journalist Simon Strauß spürt im brandenburgischen Prenzlau den Druck, unter dem das Land gerade steht – und findet in „In der Nähe“ ein paar ungeahnte Lösungen.

Autobiografie

Bread of Angels

Patti Smith

Patti Smith weiß genau, was es in letzter Konsequenz bedeutet, wenn man sich eine eigene Biografie schreibt. Und sie nutzt dabei alle Möglichkeiten, alle magischen Potenziale, intertextuellen Kniffe und Gestaltungsfreiheiten, die für eine Schriftstellerin in dieser Form liegen. In „Bread of Angels“ erzählt sie uns sich selbst, abwechselnd als kränkliches Ding mit Proust’scher Kindheit, als Kulturarbeiterin am Lebenslimit, Seherin und große Reisende. Eine der großartigsten Szenen in Patti Smiths insgesamt ziemlich großartigem neuen Buch erzählt davon, wie sich die Heldin mit einer riesigen Schildkröte unterhält. Zu der Zeit ist sie noch relativ jung, fünf oder sechs Jahre alt.

Erzählband

Auf ganz dünnem Eis

Peter Stamm

Was ist echt an der Gegenwart, was ist nur gespielt? Man sollte sich nie sicher sein, erzählt Peter Stamm, der Schweizer Meister des Unausgesprochenen, in den neun neuen Geschichten seines Bandes „Auf ganz dünnem Eis“. Wer Stamms Werk kennt, weiß, dass es sehr wahrscheinlich auch zu neun Momenten kommen wird, in denen die Figuren aufstehen, sich umschauen – und aus ihrem Leben laufen. Wenn auf dem Klappentext steht: „Ich bin ein freier Mensch, ich laufe nicht mehr davon. Ich warte“, weckt das zwar Läuterungsfantasien, aber die Figuren verschwinden auch diesmal. Manchmal ist es nachvollziehbar, manchmal kippen sie einfach aus den Umständen heraus und wissen selbst nicht, warum.

Zum Hören

Klassik

Silenced

Hyeyoon Park

„Immer, wenn ich etwas spiele, brennt etwas in mir, das ausgedrückt werden muss!“ So hat Hyeyoon Park, damals 23 Jahre alt, in einem Interview ihren musikalischen Impetus beschrieben. Da trat sie 2015 mit dem Baltic Sea Youth Philharmonic unter Kristjan Järvi in der Tonhalle Zürich auf und bot Camille Saint-Saëns’ 3. Violinkonzert. Mit ihrem ersten Konzert-Album zeigt die junge Virtuosin nun ihre außergewöhnliche Fähigkeit, mit Neugierde, Herz und Intelligenz Musik zu machen.

Hörspiel

Damaskus danach

ARD Audiothek

Fares hat die Nachricht verschlafen. Erst als ihn sein Freund Raschid durch einen Anruf weckt und atemlos in sein Telefon hineinplappert, weil seine Gedanken gar nicht wissen, welche Richtung sie einschlagen sollen, erfährt Fares, dass der syrische Diktatur Baschar al-Assad gestürzt ist. Ein Jahr liegen diese Ereignisse nun zurück. Mudar Alhaggis Hörspiel „Damaskus danach“ für den NDR erzählt von den Stunden, Tagen und Wochen nach dem Sturz des Diktators, also von den gegenwärtigen Folgen, und zwar aus der Perspektive von Exil-Syrern.

Text: Jonas Bernauer; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Felix Hunger

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