Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Taraneh Alidoosti erklärt in einer Doku, sie werde nie wieder mit Kopftuch vor die Kamera treten, Tezer Özlü erzählt in ihrem Roman von grausamen Psychiatrieerfahrungen, und „Dry Cleaning“ glänzen mit furiosem Sprechgesang. Neun Kulturtipps für ein bewegtes Wochenende.

15. Januar 2026

Zum Sehen

Serie

The Night Manager

Prime Video

Tom Hiddleston wirkt zwar immer überzeugend verzweifelt, zerrissen, auch mal albern. Aber immer sieht er aus, als könnte man ihm jederzeit ein Großunternehmen oder das Weiße Haus oder wenigstens die Nummer 10 der Downing Street anvertrauen. Er ist, wie man im Englischen sagt, „sleek“ – nicht im Sinne von glatt, sondern von geschmeidig, charmant, elegant. So auch als Geheimagent Jonathan Pine auf Verbrecherjagd in der Thriller-Serie „The Night Manager“, deren zweite Staffel jetzt läuft.

Film

Taraneh: A Documentary

BBC

In dem 56-minütigen Film, den Pegah Ahangarani für den persischsprachigen Dienst der BBC gedreht hat, erklärt Alidoosti, sie werde unter keinen Umständen je wieder mit Kopftuch vor die Kamera treten. Seit der Veröffentlichung des Dokumentarfilms überschlagen sich die Lobeshymnen in den sozialen Medien, vor allem auf X und Instagram. Iranische Nutzer heben hervor, welchen Preis Alidoosti für ihren Widerstand zahlt. Beigetragen zum Erfolg der Doku hat aber sicherlich auch die erboste Reaktion der konservativen und reaktionären Staatsmedien. Je mehr sie schäumen und beschimpfen, desto interessanter wird ein Buch, ein Film, ein Autor, eine Schauspielerin generell für die Menge der Menschen, die das System ablehnen.

Film

Silent Friend

Kino

Ein Samen keimt, im Zeitraffer sind die ersten Lebensmomente eines Baumes zu sehen; das nächste Bild zeigt einen menschlichen Säugling. So beginnt „Silent Friend“: mit einer Montage, die Mensch und Pflanze zusammenbringt und Gemeinsamkeiten suggeriert. Kameramann Gergely Pálos hat für diesen Film Pflanzen wie menschliche Darsteller fotografiert, den Ginkgo regelrecht porträtiert. Nahaufnahmen zeigen den zerfurchten Stamm, die Kamera streift durch Äste und Blätter, blickt fast übergriffig intim in ein Blüteninneres. Was denken Bäume? Und was geht in anderen Menschen vor? „Silent Friend“ von Ildikó Enyedi erzählt von Verständigungsproblemen und davon, wie man sie überwindet. Ein Film wie geträumt.

Film

The Housemaid

Kino

Sydney Sweeneys Fans feiern ihre freizügigen Auftritte, andere finden sie sexistisch. So oder so: Die Schauspielerin hat sich ein Image aufgebaut, mit dem sie das Internet zum Glühen bringt – und das perfekt zu ihrer Rolle im fiesen Thriller „The Housemaid“ passt. Der Film erinnert zumindest in der ersten Hälfte an ein Genre, das eigentlich seit den mittleren Neunzigerjahren als ausgestorben galt: den (Erotik-)Thriller mit dubioser Blondine. Aber wenn man sich darauf einlässt, hat man zwei durchaus vergnügliche und fiese Kinostunden vor sich. „The Housemaid“ ist eine Art postfeministische Pulp-Geschichte, und was könnte besser zur Hauptdarstellerin Sydney Sweeney passen?

Zum Lesen

Roman

Die kalten Nächte der Kindheit

Tezer Özlü

Die türkische Schriftstellerin Tezer Özlü hat ihren schmalen Roman „Die kalten Nächte der Kindheit“ von August 1978 bis August 1979 geschrieben. Nun hat ihn der deutsche Schriftsteller Deniz Utlu neu übersetzt und mit einem lesenswerten Nachwort versehen. Es ist unverkennbar, dass die Ich-Erzählerin aus der Lebenserfahrung ihrer Autorin schöpft, wenn sie in den beklemmendsten Passagen des Romans von einem Suizidversuch berichtet, von der Psychiatrie, vom Verschwimmen der Außenwelt nach den Elektroschocks und im „Elektroschockkoma“, von den beiläufigen Grausamkeiten mancher Schwestern und Ärzte. Es lohnt sich, die Autorin kennenzulernen. In ihren Texten wird der Schatten eines Lebens greifbar, in dem das Schreiben, das Lesen, die Literatur eine Obsession war, irgendetwas zwischen Rettungsanker und Notwehr.

Sachbuch

Erzählte Welt

Steffen Martus

Das erste Viertel des 21. Jahrhunderts ist nun also Vergangenheit. Ob das mehr ist als ein simpler Fakt der Jahreszahlen, ob aus diesem Zeitraum tatsächlich so etwas wie eine Epoche wird mit einem Ende, womöglich gefolgt von einem Neuanfang, das stellt sich erst später heraus. Was aber lesen, wenn die Welt verrückt spielt? Der Germanist Steffen Martus betrachtet die Vorgeschichte unserer Gegenwart, wie sie sich als „Erzählte Welt“ darstellt – so der Titel: also aus der Sicht der Literatur, und zwar von deutschsprachigen, überwiegend bundesdeutschen Romanen.

Zum Hören

Album

Secret Love

Dry Cleaning

Zugegeben, es kann mit Dry Cleaning etwas mühsam werden. Wenn man wirklich zum Genie dieser Band durchdringen will, muss man ihre Texte verstehen. Denn mitzusingen gibt es bei ihnen nichts. Sängerin Shaw, 37, eine schillernd-unschillernde Königin, frühere Dozentin der Illustrationskunst, hat eine spezielle Manier entwickelt, die Songs zu sprechen. Mehr wie eine Ansagerin, bewegungslos, manchmal rümpfnasig und unterschwellig empört. „It’s a horrorland, destruction“, konstatiert sie im elastisch schrabbelnden „Joy“. Das ist der letzte Song auf „Secret Love“, dem neuen, dritten und bisher besten Album der Band. Sie leitet trotzdem daraus ab: „Don’t give up on being sweet.“ Hör bloß nicht auf, so süß zu sein. Rollenprosalyrik, auf schönste Art.

Musikvideo

Punk Rocky

ASAP Rocky

Es ist besonders tragisch, dass dieses sensationelle Musikvideo des Rappers A$AP Rocky ausgerechnet in der Woche erschienen ist, in der in Minneapolis ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE einer offenbar unschuldigen Frau in den Kopf geschossen hat. Und zwar, weil die Ereignisse wieder einmal grässlich zeigen, wie schnell man selbst maximal groteske Inszenierungen heute als untertrieben empfindet. „Punk Rocky“ ist deshalb so interessant, weil ASAP Rocky hier mit Hingabe den Spagat zu halten versucht, der dem Pop in diesen Zeiten zukommt: schlau zu sein, emotionale Dummheit zu enttarnen, zugleich aber auch Utopien zu formulieren und sich die mitunter dekadent anmutende Subjektposition nie rauben zu lassen.

Hörspiel

Polly – Leben ohne Alkohol

Karen Köhler

Im Alltag funktioniert Polly, ziemlich gut sogar. Aber es kostet sie zunehmend mehr Kraft. Das Ausgehen mit Freundinnen und Kolleginnen, die Partyabende hinterlassen Spuren, die zu beseitigen immer aufwendiger werden. Polly erkennt, dass ihr Alkoholkonsum problematisch ist. Hart an der Grenze zur Sucht, vielleicht bereits darüber hinaus. Sie beschließt, mit dem Trinken aufzuhören. In dem fein beobachteten Hörspiel „Polly – Leben ohne Alkohol“ von Karen Köhler über eine Frau, die mit dem Trinken aufhört, beweist Sandra Hüller erneut, was für eine tolle Schauspielerin sie ist.

Text: Amely Wild; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Felix Hunger, Katharina Wutta

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