Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Film
Zoomania 2
Zunächst eine Klarstellung: Fuchs und Hase sagen sich niemals gute Nacht, weder in der Fauna noch in der Stadt Zootopia. In der nur von Tieren bevölkerten Megametropole ist einfach zu viel los, kein Rückzugsort weit und breit. Überall hoppelt, hüpft, trabt und stampft es, da können sich die Polizistin Judy (Kaninchen) und ihr Partner Nick (Rotfuchs) nicht noch um eigene Befindlichkeiten kümmern. Im Disneyfilm „Zoomania 2“ muss das tierische Ermittlerduo aus Teil eins nicht nur berufliche Hürden überwinden. Das führt zur schönsten Liebeserklärung des Kinojahres.
Serie
I am the Greatest
Radikale Filme können wahnsinnig nerven, dieser hier macht überraschend glücklich mit seinem Freestyle zwischen Experimentalfilm-Bedingungslosigkeit, Kostnix-Anmutung und dem ganz, ganz großen Reinkriechen in die Gedanken seiner Heldinnen und Helden. Die Szenen wirken locker und improvisiert, aber die als Voice-over eingesprochenen Gedankenwelten sind schreiberisch psychologische Präzisionsarbeit. Alle Hauptfiguren wollen die Größten sein, die beste Version von sich selbst, dabei geht es eigentlich um die Akzeptanz der eigenen Unvollkommenheit.
Serie
Undercover im Seniorenheim
„Undercover im Seniorenheim“ ist seit zwei Staffeln beste Familienunterhaltung. Ted Danson spielt sehr charmant einen Ermittler in Altersteilzeit. Als selbsternanntes Mastermind schart er seine alten Freunde um sich und tüftelt einen riskanten Plan aus. Die Serie lebt von der rührenden Fantasie der Hauptfigur, eine Art James Bond zu sein, bevor das nächste Missgeschick diesen Eindruck zerstört. Aber auch wenn die Schlagzahl an überraschenden Wendungen zwischenzeitlich an echte Heist-Klassiker wie „Ocean’s Eleven“ erinnert: Am Ende dominieren die leisen Töne und die Gewissheit, dass niemand im Alter allein bleiben muss.
Zum Lesen
Roman
Heimat
Jana ist wieder schwanger. Beim ersten Mal hat ihr die Chefin in der Agentur noch freudig gratuliert. Beim zweiten Mal hat sie die Sache zur Kenntnis genommen und ihr nach der Elternzeit dann die weniger wichtigen Projekte übertragen. Und jetzt ernsthaft ein drittes Kind? Naserümpfen, Kälte. Jana ist von dieser Reaktion so vor den Kopf gestoßen, dass sie kündigt. Hannah Lühmann entblättert in „Heimat“ bemerkenswert vergnüglich, wie eine junge Mutter auf dem Land in den Sog der Tradwives und deren traditioneller Rollenbilder gerät.
Roman
Die Wüste und ihr Samen
Der argentinische Journalist Jorge Barón Biza stammte aus einer großbürgerlichen Familie und musste mitansehen, wie die Ehe seiner Eltern in einer Gewalttat endete. Drei Jahrzehnte später verarbeitete er die entsetzliche Tragödie zu Weltliteratur. Der Schrecken der Ereignisse ist bodenlos, das Grauen kennt kein Ende, und trotzdem bleibt die Sprache gesammelt, gewählt und aufgeräumt, geradezu schön. Biza hinterlässt einen Roman, der eine vollendete Verständnislosigkeit über das Gefüge der Welt in ein elegantes, großes Kunstwerk sublimiert.
Roman
Zeit ihres Lebens
„Zeit ihres Lebens“ ist ein grandioses Buch. Ein Liebesroman, auf geräuschlose Art aufregend, dem das Kunststück gelingt, seine Leser gleichzeitig zu betrüben und zu trösten. Dabei passiert nicht viel, jedenfalls nichts Weltbewegendes. „Zeit ihres Lebens“ erzählt von gewöhnlichen Menschen, die gewöhnliche Dinge tun, zum Beispiel sich betrügen oder drei Paar Socken zu Weihnachten schenken, tut dies aber mit einer so eleganten, geheimnisvollen Sprache, einer so tiefen Kenntnis menschlicher Sehnsüchte und Schwächen. Dirk Gieselmann erzählt von nichts Geringerem als den Erscheinungsformen der Liebe: die Liebe als Glück, die Liebe als Qual, die Liebe als Kompromiss, die Liebe als Vorgeschmack auf den Tod.
Sachbuch
Gegenwart machen – Eine Oral History des Popjournalismus
Der deutsche Popjournalismus ist ein Phänomen mit vielen Gestalten, je nachdem, wen man fragt. Und überhaupt, was soll das eigentlich sein: Popjournalismus? Die Münchner Buchwissenschaftlerin Erika Thomalla hat die überfällige Oral History des gegenwartsverliebten deutschen Popjournalismus zusammengetragen. Das Buch, das daraus entstanden ist, heißt „Gegenwart machen – Eine Oral History des Popjournalismus“ und ist eine eindrucksvoll umfassende Collage von Erinnerungen, um die niemand herumkommen wird, der dereinst wissen möchte, was da eigentlich los war, von den Siebzigern bis zum Ende der Nullerjahre. Ein medienhistorisches Dokument.
Zum Hören
Jazz
Ones and Twos
„Ones & Twos“ ist der Beweis, dass Gerald Clayton nicht nur die Bühne, sondern auch das Studio beherrscht. Es ist ein wilder Ritt durch die Welt der afroamerikanischen Musik – und ein spektakuläres aufnahmetechnisches Experiment. Legt man die erste und die zweite Seite des Vinyls gleichzeitig auf zwei Plattenspieler, kann man sie parallel zueinander abspielen. Das flirrt und schwebt und treibt. Es ist eines dieser Alben, in denen sich die Grenzen zwischen den Welten auflösen und die Musiker in jede nur erdenkliche Richtung abheben können. Es ist ein neues Gespür für eine Gegenwart, in der der Jazz keine Nischen-, sondern eine Hauptrolle spielt in der amerikanischen Kultur.
Podcast
Monos. Die Gefängnisinsel
Die Häftlinge werden nicht in Zellen weggeschlossen, sie leben nicht einmal hinter Mauern. Vielmehr haben sie eine komplette, wenn auch kleine, Insel für sich, das Meer ist von jedem Ort aus zu riechen. Und das Personal Wachmannschaft zu nennen, wäre lächerlich, denn es handelt sich um exakt einen Menschen – René, gespielt von Bjarne Mädel. Im Thriller-Podcast „Monos“ eskaliert ein Sozialexperiment auf einer Gefängnisinsel. Dem WDR ist mit der Hörspiel-Serie ein überzeugender Thriller gelungen. Und das ist trotz der Krimiflut, die es nicht nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sondern auch im Radio gibt, eher eine Seltenheit.