Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Krimi-Serie
Untamed
Es gibt kaum schönere Orte, um einen Tod zu inszenieren: der Yosemite-Nationalpark in der Sierra Nevada, kalifornischer Osten. Dichte Wälder, hohe Gipfel und steile Felskanten. Bären sind hier keine Seltenheit. Als eine junge Frau mit Kratzwunden, aber auch einer Schussverletzung Bergsteigern von oben in deren Seil fällt, geht das Raten los: Ist sie gestürzt – oder wurde sie umgebracht? Was auf den ersten Blick ein Krimi ist, ist auf den zweiten ein Sittengemälde der USA. Alt-Hippies und Drogendealer, geschiedene Eheleute und Verschwörungssüchtige. Die Serienmacher Mark L. und Elle Smith werfen einen schonungslosen Blick auf Trump-Amerika.
Comedy-Serie
Nighties
Wer schon einmal in einem Hotel oder auch nur in der Gastro gearbeitet hat, der weiß, dass der Mensch eine mitunter sehr spezielle Spezies ist. Spleens und Ticks, Vorlieben und immer auch ein bisschen … na ja, laut halt. Eine Comedy-Serie in einem Hotel im Münchner Bahnhofsviertel spielen zu lassen, ist dementsprechend eine kluge Idee: In „Nighties“ begleitet man die Nachtcrew des Prinzenhofs bei ihren Schichten, die chaotischer nicht sein könnten. Feueralarm, Verdacht auf Bettwanzen, und auf einmal ist da ein Hollywood-Star im Hotel. Die beste Folge ist – wie sollte es anders sein – die Wiesn-Folge.
Biopic
Oxana - mein Leben für die Freiheit
Die französische Regisseurin Charlène Favier hat einer toten Frau ein Biopic gewidmet: Oksana Schatschko. Ukrainerin. Feministin. Und Mitgründerin von Femen, der Protestbewegung, die sich gegen die Doppelmoral ukrainischer Politiker richtete. Genau wie „Pussy Riot“ in Russland nutzte Femen den kalkulierten Tabubruch, um Aufmerksamkeit für ihre Sache zu erzeugen. Das war nicht immer ansehnlich, aber oft genug effektiv. Die Aktionen wurden in der Ukraine wie auch global gehört. An manchen Stellen gerät der Film etwas plakativ – aber war das der Nacktprotest gegen Putin nicht auch?
Zum Lesen
Roman
Das Game
Gewinnen ist einfach, zumindest in der Theorie. Die Hand ist am Auto, und wer die Karosse loslässt, verliert. Wer als Letztes die Hand am Auto hat, darf dieses mit nach Hause nehmen. Das ist „Das Game“ - Dreh- und Angelpunkt des gleichnamigen Romans von Joseph Incardona. Und es geht natürlich um so viel mehr als das Game. Erzählt ist der Text aus der Perspektive des jungen Leo, dessen alleinerziehende, Imbisswagen betreibende Mutter hofft, mit dem Preis den beiden ein besseres Leben zu ermöglichen. So ein Auto lässt sich immerhin zu gutem Geld machen. Doch so einfach ist das nicht. Ein Buch über fragile Existenzen und die Frage, wer eigentlich profitiert, wenn die Gesellschaft sich zu Tode amüsiert.
Kinderbuch
Der Sommer mit Pepper
Dingen einen Namen zu geben, obwohl sie keinen brauchen – gibt es eine kindlichere Eigenschaft? Der Sauerteig ist kein Sauerteig, sondern heißt Herbert. Die Zahnbürste heißt Putzilde. Und Teddybären tragen sowieso alle Namen und haben jedes Geschlecht. Die Zeichnerin und Erzählerin Beatrice Alemagna hat es für ihr neues Kinderbuch genauso gehalten: Dort stürzt ein Mädchen, sie blutet, es bildet sich Schorf. Und dieser Schorf, das ist jetzt halt „Pepper“. Eine Geschichte über Verletzung, den Heilungsprozess und einen langen Sommer.
Sachbuch
Brennende Erde
500 Jahre Welt – beziehungsweise Umweltgeschichte sind viel für ein Buch. Dass „Brennende Erde“ trotzdem so klug und lesenswert ist, Widersprüche aufzeigt und mitunter auch pseudomoderne Gewissheiten umstürzt, liegt an der durchdringenden Klarheit, mit denen der in Kenia geborene Historiker Sunil Amrith die Umstände beschreibt. Amrith forscht inzwischen an der Eliteuni Yale. Vom Silberabbau der spanischen Kolonialherren in Lateinamerika bis hin zum Krieg Maos gegen Chinas Spatzen findet vieles in dem Buch statt, das konsequent aufzeigt: Für die Fortschritte, die die Menschheit machte, zahlte die Natur einen Preis. Ein Fatalist – und das ist beruhigend – ist der Autor trotzdem nicht.
Zum Hören
Hiphop
Jackboys 2
Travis Scott hat ein neues Album herausgebracht, „Jackboys 2“ heißt es. Damit hat der Rapper nicht nur Justin Bieber von Platz eins der Album-Charts gestoßen, sondern gleich auch noch einen Ausblick gegeben auf das, was die Zukunft des Hip-Hops sein könnte. Natürlich gibt es auch auf „Jackboys 2“ aufwühlende, aufregende Songs, bei denen man ziemlich genau hinhören muss. Geht gar nicht anders. Aber wie bei anderen Hip-Hop-Größen gibt es bei den Playbacks eben auch eine Tendenz zur Unauffälligkeit. Travis Scott selbst sagte kürzlich einem Magazin, man höre bei Beats derzeit viel vom Gleichen. Hörenswert ist es allemal, die Frage ist nur: Als Playlist im Hintergrund? Oder eben bewusst?
Indie-Pop
Headlights
Alex G., der mit vollem Namen Alexander Giannascoli heißt, war eine DIY-Ikone der Musikwelt: Die Songs kamen aus dem Kinderzimmer und wurden aufgenommen mit Equipment, das sich in jedem besseren Elektronikgeschäft kaufen ließ. Und jetzt? Hat der 32-Jährige ein neues, sein zehntes Album herausgebracht. Bei einem Major Label. „Headlights“ klingt noch immer nach Melancholie, aber nicht mehr nach Schlafzimmer. Es ist größer, cleaner und, ja, auch schön. Fans von früher dürfte dennoch etwas fehlen.
Hörspiel-Doku
Hacking the Manosphere
Wäre die Metapher nicht so morsch wie jahrtausendealtes Holz, man müsste sagen: Das Kollektiv „Onlinetheater.live“ hat sich in die Online-Manosphere geschlichen wie ein trojanisches Pferd. Die Manosphere, das ist die mitunter offen frauenfeindliche und homophobe Online-Bubble, in der junge Männer erzählt bekommen, wie „ein Mann“ zu sein habe. Antwort: hart, rotzig. Das Kollektiv hat den Spieß umgedreht: Sie haben optisch und handwerklich sehr ähnliche Videos produziert, aber mit gegenteiligen Inhalten: Gefühle zulassen? Toll. Darüber reden? Noch besser. Aus diesem Experiment wurde ein Hörspiel. Vor allem die Reaktionen junger Männer auf das, was sie da angezeigt bekamen, überraschen.