Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Film
Song Sung Blue
Man kann es all den Gesangstalenten, goldenen Stimmen oder Castingshow-Crashern da draußen nicht oft genug sagen, deshalb sagt es Mike Sardina gleich noch mal: Beim Nachsingen geht es nie ums Imitieren, sondern ums Interpretieren. Nicht nachahmen also, sondern die eigene Stimme finden. In „Song Sung Blue“ covert ein Paar aus dem Mittleren Westen Neil-Diamond-Songs. Kate Hudson und Hugh Jackman singen hier bewegender als zuletzt die Kollegen aller Musiker-Biopics der vergangenen Jahre.
Serie
Die Jahreszeiten
Im Laufe des Lebens hat die Sehnsucht zwei Richtungen. Wenn man jung ist, sehnt man sich nach dem, was noch kommen wird. Wenn man älter wird, sehnt man sich nach dem, was nicht mehr kommen wird. Für die Figuren aus der Arte-Miniserie „Die Jahreszeiten“ stehen die Chancen auf späte Zufriedenheit langweiligerweise nicht schlecht. Die 15-jährige Pariserin Camille lernt im Jahr 1991 die beiden Surfer Alexandre und Martin kennen. Alle drei Protagonisten haben lange Haare und gute Körper, und schnell interessieren sich alle füreinander. In vier Folgen arbeitet sich die Serie durch verschiedene Schicksalsschläge und Weggabelungen bis ins Jahr 2022. So exerziert sie eine Dreiecksliebesbeziehung durch, mit der ganzen Kitschpower des französischen Fernsehens.
Serie
Ku’damm 77
Fast zehn Jahre ist es her, dass die ZDF-Serie „Ku’damm“ startete. Die Reihe legte wie keine Serie zuvor im deutschen Fernsehen die existenzielle Beziehung zwischen Müttern und Töchtern auf den Seziertisch, und zwar ohne Scheu vor tiefen und blutigen Schnitten. Mutter Schöllack dressierte ihre drei Töchter fies, theatralisch und in zwei Fällen auch erfolgreich zur Aufstiegsehe, was am Ende keinem guttat. Aber all die Männer blieben auffälligerweise fast immer Nebenfiguren in dem Frauenclan, der sich trotz all der gegenseitigen Verletzungen immer wieder am mütterlichen Abendbrottisch zusammenfand. In „Ku’damm 77“ sind die Töchter der Schöllack-Töchter nun fast erwachsen, es geht also in einen neuen Durchgang. Als Soap aus der Mutter-Tochter-Kampfzone ist die Serie aber immer noch herrlich spektakulär.
Zum Lesen
Sachbuch
Baba Issues
„Wenn ich an meinen BABA denke, spüre ich vor allem eine Sehnsucht nach dem, was sein könnte“, schreibt Tessniem Kadiri. In ihrem hinreißenden Buch „Baba Issues“ erzählt die Moderatorin von ihrem Tochterleben zwischen Deutschland und Marokko. Dabei findet sie ganz leichtfüßig zu einer migrationskulturellen, feministischen Perspektive auf die Vater-Tochter-Beziehung. Ihr gelingt es darzustellen, wie sehr die familiäre Kontrolle von Mädchen und Frauen ein Ausdruck gesamtgesellschaftlicher Machtverhältnisse ist. Das ist feministisches Schreiben in Bestform.
Sachbuch
Schreiben in finsteren Zeiten
Auf knapp 1400 Seiten handelt Helmuth Kiesel mit feinem zeithistorischen Gespür die Literaturgeschichte der Nazi-Jahre ab. Seine hermeneutisch sensible Auslegung der Literarisierung von völkischer Mobilisierung und Widerstand, Judenverfolgung, Konzentrationslager, Völkermord, Krieg und Zerstörung gerät ebenso virtuos wie umsichtig in der Berücksichtigung von Grautönen. Er versagt sich den Ton moralischer Empörung und urteilt dennoch ebenso klar wie überzeugend. „Schreiben in finsteren Zeiten“ ist ein Monument.
Roman
Der Hase
César Aira behauptet, sein ganzes Leben lang Kafka gelesen zu haben. Das glaubt man dem argentinischen Nobelpreis-Kandidaten bei der Lektüre seiner Bücher sofort. Wie in Kafkas Texten reiht sich in Airas Werk eine Ungeheuerlichkeit an die nächste, während zwischendurch Alltag stattfindet. Jederzeit kann das Reale ins Fantastische kippen, immer wieder kehrt in die surrealsten Situationen Normalität ein, die just in dieser Konstellation am meisten überrascht. Kurz: Aira lesen ist ein Abenteuer. Das gilt auch für den jüngst im Matthes & Seitz Verlag erschienenen Roman „Der Hase“. Er ist bereits 1991 auf Spanisch erschienen und 1998 ins Englische übersetzt worden. Die Wildheit dieses Textes ist aus der Zeit gefallen. Er bietet der Leserschaft eine Flucht aus der allzu bekannten eigenen Welt an. Dafür verdient der Autor den Literaturnobelpreis.
Zum Hören
Podcast
Die Blender
In „Die Blender“ schicken Gregor Schmalzried und Regisseur Jörg Schlüter ihre Figuren in die perfideste Variante eines Whodunit-Krimis: den Locked-in-Thriller. Ein junger Mann ist tot, von den sieben Menschen, die mit der Leiche in einem Chalet festsitzen, muss jemand den Mord begangen haben. Alle Figuren sind mehr oder weniger sympathisch, und sie sind alle auch glaubwürdig. Mehr und mehr rückt mit der Frage nach dem Täter die nach dem Motiv in den Vordergrund. Gregor Schmalzrieds „Die Blender“ ist ein sehr guter Thriller-Podcast.
Hörspiel
Landnahme
Holzwurm nennen sie ihren Mitschüler Bernhard. Weil sein – einarmiger – Vater Tischler ist. Oder sie beschimpfen ihn gleich als Polacken. Dass Bernhard Haber und sein Vater keine Polen sind, sondern Deutsche, spielt keine Rolle. Denn, das ist Konsens unter den Bewohnern des fiktiven sächsischen Orts Guldenberg: Die Habers kommen nicht aus ihrem Deutschland. Sie sind nach dem Krieg aus Schlesien geflohen und werden nun zwangsweise einquartiert bei einem widerspenstigen Bauern. In seinem Roman „Landnahme“ hat Christoph Hein den Fremdenhass in der DDR seziert. Zwanzig Jahre nach dem Erscheinen inszeniert ein RBB-Hörspiel die Geschichte clever neu.
Hörspiel
Das Orakel spricht
Kann man auch Lebensfreude empfinden, wenn man nicht sein Bestes gibt? Die Ich-Erzählerin in dem Hörspiel-Podcast „Das Orakel spricht“ ist sich sicher: Nein. Und das, obwohl sie diesen ganzen Leuten folgt, die sie unentwegt beraten in Podcasts, auf Youtube, Instagram und Tiktok beim Glücklich- und Erfolgreichsein und die das selbst alles hinkriegen: fit, hübsch und gesund zu sein. Ihr hingegen gelingt das nicht, obwohl sie sich ernsthaft bemüht. Und vor allem, das stresst sie am meisten, „habe ich katastrophal zu wenig Spaß“. Sehr klug, mit viel Witz und auch Selbstironie legt die Hörspiel-Serie Schicht um Schicht frei, wer auf wen Einfluss ausübt, und vor allem wem das nützt. Spoiler: den Ratsuchenden eher nicht.