Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Eine schreckliche Tonaufnahme live aus dem Gazakrieg, ein Drama, das ganze Kinosäle zum Heulen bringt, und ein göttlich-teuflischer Roman über den Versuch, poetisch zu leben. Neun Kulturtipps für ein bewegtes Wochenende.

29. Januar 2026

Zum Sehen

Film

Die Stimme von Hind Rajab

Kino

Wie der Film enden wird, ist von Anfang an absehbar: nicht gut, gar nicht gut. Absolut schrecklich. Ein Kind stirbt, und die, die es retten sollen, auch. Das vorwegzunehmen, ist kein Spoiler, denn die Geschichte dieses Films ist der Wirklichkeit entnommen: Die sozialen Medien waren im Januar 2024 voll mit dem Fall des fünfjährigen Mädchens, das im Gazakrieg in einem Autowrack auf Hilfe wartete, die niemals kam. Die reale Tonaufnahme, die dabei entstand, hat Regisseurin Kaouther Ben Hania für ihren bewegenden Spielfilm „Die Stimme von Hind Rajab“ verwendet. Der Film verzerrt keine Fakten. Es ist Krieg, es geschieht. So einfach, so schrecklich ist das.

Film

Hamnet

Kino

Sehr wahrscheinlich würde Chloé Zhao es als Kompliment auffassen, wenn man ihr sagte, sie sei die uncoolste Filmemacherin der Gegenwart. Und so, also als Kompliment, ist es ja auch gemeint. Die chinesische Regisseurin macht Filme, die mit einer Ernsthaftigkeit von Gefühlen erzählen, die selten geworden ist. Ihr neues Drama „Hamnet“ über den Tod von William Shakespeares kleinem Sohn gehört zu den wichtigsten Filmen der Oscar-Saison. Es bringt ganze Kinosäle zum Heulen. Ist das Manipulation oder große Kunst?

Serie

Agatha Christies Seven Dials

Netflix

Bei einer Party auf dem Herrensitz Chimneys, dem Landsitz der Caterhams, trifft eine Gruppe junger Leute aufeinander, zu denen „Bundle“ gehört. Gerry Wade und sie verabreden sich für den kommenden Dienstag, an dem er ihr einen Heiratsantrag machen will. Doch es kommt anders: Am nächsten Morgen findet man Gerry tot im Bett, und auf dem Kamin sieben Wecker. Die junge Lady Eileen „Bundle“ Brent, Tochter des Marquis von Caterham, entwickelt als aufmüpfige, darin unbeirrbare junge Lady kriminalistischen Spürsinn. Wer englische Herrenhäuser, ihre Parks und den gehobenen Unterhaltungston der Upperclass in den vornehmen Salons und Kaminzimmern schätzt, wird den ersten Teil dieser Serie lieben. Und eins wird klar: Die junge Lady Eileen ist eine Detektivin ganz in Agatha Christies Sinn. Man würde ihr gerne wiederbegegnen.

Film

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Kino

Warum will einer Schauspieler werden? Aus Eitelkeit und Geltungssucht? Oder weil er vom Theater „infiziert“ ist? Der zwanzigjährige Joachim will fliehen: vor sich selbst und den Gedanken an seinen toten Bruder. Und er will etwas auch für ihn selbst völlig Unerwartetes, scheinbar Unpassendes tun, deshalb bewirbt er sich an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule. Der Film ist lustig, traurig und charmant wie das gleichnamige Buch von Joachim Meyerhoff, folgt auch in weiten Teilen seiner Vorlage – und bietet einen Bonus: Kunst und Handwerk des Schauspiels, um die es beim Coming-of-Age des jungen Joachim und den Selbstinszenierungen seiner Großeltern geht, sind nicht nur beschrieben, sie sind zu sehen.

Zum Lesen

Roman

Dius

Stefan Hermans

Schönheit und Hässliches im abrupten Wechsel, auch Hässliches als Schönes, die schmerzhafte Freude am Sehen an sich – das ist das Grundmodul dieses sonderbaren, kunst- und schönheitstrunkenen, von Malerei und Musik aller Epochen durchzogenen Buchs. Der göttlich-teuflische Roman „Dius“ erzählt von zwei kunstsinnigen Freunden, die sich mit alter Musik und Malerei aus der Gegenwart zurückziehen. Der belgisch-flämische Autor, Stefan Hertmans, sollte dringend mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Streitschrift

Entscheidet Euch!

Hermann Vinke

In fünf Bundesländern wird 2026 gewählt, Wahlprognosen gehen von deutlichen Zugewinnen für die AfD aus, für die parlamentarische Demokratie bedeutet das nichts Gutes. Es gibt Gründe, sich Sorgen zu machen um dieses Land. Keine Wahl ohne Entscheidung, das gilt für alltägliche Fragen wie für gesellschaftliches Zusammenleben: „Entscheidet Euch!“, heißt folgerichtig das jüngste Buch des Journalisten und Sachbuchautors Hermann Vinke. Sein Aufruf ist für Menschen ab 16 Jahren gedacht. Für ihn ist klar: Es muss sich jetzt etwas ändern. Für das Wahljahr 2026 fordert Vinke „AfD minus fünf Prozent“ und schließlich ein Verbot der AfD. Was menschengemacht ist, können Menschen ändern. Das ist die Perspektive und die Hoffnung dieses Appells.

Buch

Träume in Europa

Wolfram Lotz

Der Dramatiker Wolfgang Lotz ist auf eine Ecke des Internets gestoßen, in der sich Leute gegenseitig ihre Träume erzählen, um dann gemeinsam darüber zu spekulieren, was sie bedeuten könnten. Diese Foren hat er jetzt fünf Jahre lang nicht mehr verlassen und aus diesem Material sein neues Buch gehoben: „Träume in Europa“. Darin wolle er sich der Idee „Europa“ vom kollektiven Unbewussten her nähern und auf diese Weise eine Gegenerzählung zutage fördern zu dem Europa-Begriff, der in Brüssel und im Nachrichtenalltag Verwendung finde: „Die Würstchen der Wahrheit, die für uns gebraten werden, wollen wir nicht mehr essen.“

Zum Hören

Hörspiel-Podcast

10 Augenblicke

ARD

Inszeniert die ARD jetzt Pornos? Das nun nicht. Aber in der queer-feministischen Hörspielserie „10 Augenblicke“ gibt es ebendiese titelgebenden Szenen, in denen sehr explizit gefummelt, gestöhnt, gevögelt wird. Das Hörspiel spielt an Bord eines ICEs, der abends von Basel nach Hamburg unterwegs ist, allerdings nur bis Elze kommt, wo ihn Schneegestöber und zugefrorene Weichen ausbremsen. Etliche Passagiere, der Lokführer, die Zugchefin und ihr Kollege kommen da aber erst richtig in Fahrt. Der Grat des unverkrampften Beschreibens sexueller Begierden ist grundsätzlich schmal. Die vier Autorinnen überqueren ihn weitgehend schwindelfrei. Sie stürzen nicht ab, rutschen höchstens mal kurz aus, fangen sich aber stets rechtzeitig vor dem Abgrund einer verschwitzten, pornösen Prosa.

Hörspiel

Winterlied

Jochen Langner

Für sein Hörspiel „Winterlied“ begegnet Jochen Langner regelmäßig vier Frauen aus Russland, Belarus und der Ukraine. Ein Miteinander der Frauen ist jedoch nicht möglich. Nicht seitdem Russland die Ukraine überfallen hat und auch von Belarus aus Raketen in Richtung Kiew abgefeuert worden sind. Eine der Frauen, K., ist irgendwann aus dem Hörspielprojekt ausgestiegen. Die anderen verwundert das kaum. Cynthia urteilt: Der Rückzug ins Schweigen sei symptomatisch für Russinnen – erzwungen durch den Staat und seine Überwachung. Lydia hat aufgehört, russischen Menschen irgendetwas zu erzählen: „Denn es ist unmöglich, die Propaganda zu durchbrechen, mit der sie seit Jahren leben.“ Der Eiserne Vorhang hat sich wieder zugezogen; und er trennt nicht wie früher allein den Westen vom Osten, sondern auch innerhalb des europäischen Ostens die Menschen voneinander.

Text: Amely Wild, Luca Viglahn; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Felix Hunger, Katharina Wutta; Digitales Storytelling: Marie Gundlach

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