Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Serie
The Pitt
Hyperstress und Flashbacks aus der Pandemie: Die hervorragende Krankenhausserie „The Pitt“ ist endlich in Deutschland zu sehen und zeigt ein heftiges Bild von der Arbeit im Krankenhaus, bei dem echte Ärzte sagen: Ja, so ist es. Das Wartezimmer ist schon frühmorgens brechend voll, die Patienten drängeln und stöhnen, die Krankenwagen rollen mit den ganz ernsten Fällen an. Und auch für Nicht-Ärzte ist „The Pitt“ ein passender Resonanzraum für den Dauerstress des modernen Alltags, in dem ebenfalls ständig alles piept und wir von einer Benachrichtigung zur nächsten eilen.
Film
Extrawurst
Ein Tennisverein in der westdeutschen Provinz zankt sich um einen Grill. Der alte sei verrostet und vermutlich krebserregend, sagt der Vizevorstand beim Vereinstreffen. Also wolle man einen neuen anschaffen, mit noch mehr Grillfläche, für noch mehr Koteletts und Würste. Die Stimmung im Tennisklub heizt sich daraufhin schneller auf als die Holzkohle im Edelstahlgrill, es geht um Demokratie, Migration und Meinungsfreiheit. Nebenbei zanken sie über Atheismus und Vegetarismus, über zickige Frauen, Übergriffe am Netz und Dorfdeppen in Nazivereinen. Bei all dem Streit macht die Komödie „Extrawurst“ überraschend gute Laune.
Film
The Rip
Als Drogencops in Miami planen Lieutenant Dane Dumars (Matt Damon) und Detective Sergeant J. D. Byrne (Ben Affleck) nicht weit voraus. „Leben, um noch einen weiteren Sonnenaufgang zu erleben“, lautet ihr Motto. Ihre Spezialeinheit stellt Drogen sicher oder räumt Geldverstecke aus, riesige Mengen von Scheinen, die sie der zuständigen Behörde übergibt. In dem von Joe Carnahan makellos inszenierten Thriller gerät die Loyalität in ihrem Team ins Wanken, als ein anonymer Tipp zu einer größeren Menge Drogengeld in Cash hereinkommt, 20 Millionen Dollar. Für einen solchen Einsatz, „Rip“ genannt, existiert eigentlich ein klares Protokoll. Doch Dumars, gerade an Byrne vorbei zum Anführer befördert, hält sich zur Verwunderung seines Teams nicht daran.
Film
Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren
Während des Zweiten Weltkriegs war Astrid Lindgrens Karriere als Schriftstellerin noch Jahre entfernt. Sie lebte als Hausfrau und Mutter zweier Kinder mit ihrem Mann in Stockholm. Der mit Spielszenen versehene Dokumentarfilm „Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren“ widmet sich eben dieser Lebensphase. Lindgren schrieb damals ausführlich Tagebücher, die jahrzehntelang in ihrem Schlafzimmer im Wäscheschrank lagen. Sofia Pekkari trägt im Film zentrale Stellen dieser Tagebücher vor. Außerdem kommt in den Dokumentarszenen Lindgrens Tochter Karin zu Wort, die mittlerweile 91 ist. Sie war während dieser Jahre ein kränkliches Kind, das oft im Bett lag. Eines Abends habe sie ihre Mutter gebeten, ihr die Geschichte von Pippi Langstrumpf zu erzählen. Ein Name, den das Kind sich spontan ausgedacht hatte.
Zum Lesen
Jugendroman
The Bitter Side of Sweet
Bis aus einer Kakaoschote Schokolade wird, dauert es Monate. Wie schwerfällig und anstrengend das Pflücken, Trocknen und Fermentieren ist, sieht man den glanzvollen Verpackungen im Supermarkt nicht an. Auch nicht, ob Kinder an dem Prozess beteiligt gewesen sind – es sei denn, man orientiert sich an dem grün-blauen Fair-Trade-Siegel. Nachdem man das Jugendbuch „The Bitter Side of Sweet“ von Tara Sullivan gelesen hat, wird man ganz besonders auf dieses Siegel achten. Der Roman ist eine klassische Geschichte von Ausbeutung und Unterdrückung, Gewalt, Macht und Ohnmacht. Gut gegen Böse spitzt sich hier politisch zu – und berührt besonders, weil die Guten Kinder sind. Ein Buch, das über Selbstverständliches neu nachdenken lässt.
Jugendbuch
Problemwölfe
Wir leben in einer Demokratie. Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigt sich gegenwärtig an vielen Orten und Ereignissen. Umso mehr lohnt es sich zu ergründen, was Demokratie bedeutet und wie demokratiefähig wir sind. Wie sich davon erzählen lässt, macht „Problemwölfe“ beeindruckend vor. Es ist Winter, fünf Jugendliche stehen im Zentrum. Ein Wolf taucht auf und spaltet einen Ort. In kurzen Absätzen und schnellem Wechsel kommen die Protagonisten zu Wort, eine Perspektive kippt in die andere, fiktive O-Töne der Bewohner bringen noch mehr Standpunkte ins Spiel. Da sind die, die den Wolf tolerieren und schützen wollen, da sind die, die das Tier am liebsten abknallen würden. Das könnte sich im Komplizierten verlieren, doch die sorgfältige Komposition trägt.
Sachbuch
Wintern
„Nicht erschrecken, aber ich werde gleich schreien!“ Kari Leibowitz steht im schwarzen Badeanzug auf einem Steg im Norden von Amsterdam. Dass sie gleich schreien wird, liegt daran, dass es Ende November ist, also kalt und: das Wasser noch kälter, etwa neun Grad nämlich. Sie lässt sich an der Metalltreppe hinab und: schreit. Kari Leibowitz ist Amerikanerin, hat in Stanford in Psychologie promoviert und im nordnorwegischen Tromsø geforscht, an der nördlichsten Universität der Welt. Ihre zentrale These ist: Das Leben ist nicht nur im Sommer lebenswert. Wenn man aufhört, den Winter als eine Zeit zu betrachten, die bitte einfach schnell vorübergehen soll, beginnt man, seine Möglichkeiten zu entdecken. Zeit für Ruhe, Gemütlichkeit, aber auch für andere Körpererfahrungen, die bei 25 Grad einfach nicht zu haben sind.
Zum Hören
Hörspiel
Mr. Ars Acustica
Das literarische Hörspiel hat eine lange und ruhmreiche Tradition, die bis heute aus guten Gründen gepflegt wird. Klaus Schöning hat damit dennoch nie etwas anfangen können – und radikal mit ihr gebrochen, vor Jahrzehnten bereits. Der Autor, Regisseur und Dramaturg hat das Hörspiel ganz bewusst aus Literatur- und Theaterzusammenhängen gelöst. Er wollte die Sprache nicht herausheben, wollte sie nicht grundsätzlich über die Musik stellen, über Geräusche, über die Wirkung, die durch die Montage, durch Schnitte, Überblendungen, Überlagerungen, Stereo-Effekte und die Kreation akustischer Räume entsteht. Klaus Schöning, einer der wichtigsten Erneuerer des Hörspiels, ist jetzt gestorben. „Mr. Ars Acustica“ ist eine rauschhafte akustische Montage, die einen durch sein fulminantes Lebenswerk schleudert.
Hörspiel
Houston Houston
Das Science-Fiction-Genre ist, egal ob in der Literatur oder im Film, ein zutiefst männlich geprägtes. In den Geschichten von Autorin Alice B. Sheldon ist das jedoch vollkommen anders. Da brauchen Männer erstaunlich lange, bis sie einsehen, dass sie ein Problem haben. Sodass die Erleuchtung entweder zu spät einsetzt, als dass es noch eine Rettung geben könnte. Oder aber Frauen in der Zwischenzeit ihre Probleme lösen. Sheldon hat ihre Erzählungen unter dem männlichen Pseudonym James Tiptree jr. veröffentlicht. Drei ihrer Geschichten hat der WDR nun als Hörspiel adaptiert. In „Houston Houston“ etwa realisieren die drei Mann Besatzung der Sunshine 1, dass sie 300 Jahre hinter der Zeit leben. Was sie zu der irrsinnigen Annahme verleitet, sie wären jetzt die Könige der Welt. Als größte Gefahr sehen die drei Männer: Frauen.