Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Film
Downton Abbey: The Grand Finale
„So geht die Welt unter“, sagt Lord Grantham in einer Szene, in der er eine Wohnung in London besichtigt. Was er da für die Apokalypse hält, sieht für heutige Augen eigentlich ganz erträglich aus: extrem hohe Decken, fast ebenso hohe Fenster, ein Kaminzimmer und ein herrschaftliches, lichtdurchflutetes Treppenhaus. Aber es ist eben nur eine Wohnung, die seine Tochter als neuen Londoner Sitz erwerben möchte, die kommt an das Grantham House – dem Privatpalast der Familie – natürlich nicht heran. „Downton Abbey: The Grand Finale”, der dritte und angeblich letzte Teil der Reihe, eignet sich ideal für einen Kinobesuch dieses Wochenende. Der Film beginnt mit einem für die damalige Zeit großen Schock: Lady Mary ist geschieden. In Englands Upper Class von 1930 ist eine Scheidung keine Kleinigkeit. Mary ist plötzlich eine Ausgestoßene und dann verliert sie auch noch das Erbe ihrer Familie aus Amerika an einen Finanzbetrüger. Oh dear! Aber Downton wäre nicht Downton, wenn sich diese Probleme nicht in zwei Kinostunden auflösten.
Serie
Call my Agent Berlin
Stern ist der Name der Berliner Schauspielagentur in dieser Serie, dem deutschen Äquivalent zum französischen „Call my Agent”, und in dieser Agentur wird ebenso hart um Rollen gekämpft wie in Krankenhausserien um das Leben von Patientinnen und Patienten. Oft lassen sich die Stern-Agenten in einer alten Mercedes-S-Klasse vom Chauffeur durch die Straßen Berlins fahren, Partys sind natürlich Arbeitszeit, die Grenze von Arbeit und Privatem ist sowieso längst aufgelöst. Dabei vollbringt es die Serie, witzig, bissig, elegant, ein bisschen selbstironisch und gleichzeitig sehr deutsch und – vor allem: sehr Berlin – zu sein. Staraufgebot inklusive.
Doku
aka Charlie Sheen
Die Doku „aka Charlie Sheen” ist – wie das Leben ihres Namensgebers – voller irrer Geschichten: Sheen ist die wohl größte Skandalnudel, die Hollywood je gesehen hat. Er wurde mehrfach der häuslichen Gewalt beschuldigt, wegen Drogenbesitzes verurteilt, trat im Vollrausch vor die Kamera, beichtete im Fernsehen von seiner HIV-Infektion, überlebte mehrere Überdosen, wurde als bestbezahlter Fernsehschauspieler aller Zeiten aus einer der erfolgreichsten Sitcoms aller Zeiten gefeuert, „Two and Half Men“. All das geschah immer vor den Augen der Öffentlichkeit. Der Netflix-Zweiteiler „aka Charlie Sheen“ von Andrew Renzi liefert gleich mehrere Zeugen für Sheens Exzesse: Freunde aus Kindertagen (einer von ihnen ist Sean Penn), seinen Co-Star aus „Two and a Half Men“, Jon Cryer, den Produzenten Chuck Lorre, die ehemalige Prostituierte und Callgirl-Vermittlerin Heidi Fleiss, gegen die Sheen vor Gericht ausgesagt hat, die Ex-Ehefrauen Denise Richards und Brooke Mueller, zwei seiner fünf Kinder und seinen Drogendealer. Die Doku zeigt, dass es sogar in Hollywood möglich ist, Halt zu finden. Wenn die richtigen Leute im richtigen Moment nicht an Profit denken.
Serie
Boarders – Welcome to St. Gilbert’s
Schülerinnen und Schüler aus der Arbeiterschicht, die zwecks Imageverbesserung ein Stipendium für eine Eliteschule ergattern – dieser längst bekannte Plot nimmt nun vor den Kulissen eines britischen Eliteinternats seinen Verlauf. Der Lebensstil der reichen Schüler in der Serie „Boarders – Welcome to St. Gilbert’s“ ist gekennzeichnet von wilden Partyexzessen, modischen Schuluniformen und Machtkämpfen. Bereits in der Anfangszeit im Internat haben es die fünf Neuen nicht leicht. Sie müssen zurechtkommen zwischen den schulischen Anforderungen, ersten Schwärmereien und gemeinen Mitschülern. Eigentlich ernste Themen wie Mobbing und Rassismus, den die schwarzen Teenager auf ihrer neuen Schule erfahren, werden in der Serie humorvoll behandelt. Und dann möchte die neue Schulleiterin auch noch die Stipendienplätze kürzen.
Zum Lesen
Roman
No Way Home
T.C. Boyle tut seinen deutschen Fans erneut einen Gefallen und veröffentlicht sein neues Buch „No Way Home” zuerst hier, nicht in seiner Heimat USA. In dem Roman erzählt er vom jungen Arzt Terrence, der nach dem Tod seiner Mutter in die Pampa Nevadas fahren muss, um sich um ihr Haus und den Hund Daisy zu kümmern, und der dort auf eine Frau trifft, die wiederum ein Haus sucht. Die sich daraus entwickelnde Beziehung rutscht allerdings sehr schnell ab in eine Dreiecks-Geschichte, es geht um emotionale, physische, materielle Abhängigkeit, um Macht und Machtlosigkeit. Boyle lässt sich in diesem Buch auf ein Spiel mit Autofiktionalität ein, in Form der Figur Jesse, die Boyle nicht ganz unähnlich ist. Und schließlich drängt sich beim Lesen noch ein weiterer Vergleich auf. Wie auch in Thomas Manns Werken existiert in „No Way Home” ein Dualismus: Motive, Gegenstände, Menschen, können in gegensätzlichen Polen gedeutet werden; es geht wie bei Mann häufig um den Kampf zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Rationalem und Emotionalem.
Roman
Hundesohn
Ozan Zakariya Keskinkılıç liefert das überraschendste Debüt des Jahres: In „Hundesohn“ erzählt er in einem wilden Sprachstrom von einem jungen Mann zwischen Türkei und schwulem Berlin. Von den Großeltern im türkischen Adana, der Heimat, dem Rückkehrort im Sommer, einer verheerenden Verliebtheit. Und von Online-Dating, Männern und der besten Freundin in Berlin. Vollständige Zugehörigkeit gibt es an beiden Orten nicht, was sich auch an der Sprache des Buchs zeigt, die immer wieder von türkischen Satzfragmenten durchzogen ist. Statt einer stringenten Handlung bietet der Roman eine Mischung aus Zweizeilern und langen Absätzen, aus Bewusstseinsprotokoll, Tagebuch, Memoire, Prosagedicht. Zentrales Motiv des Buchs bleibt am Ende die Überkreuzung identitärer Konfliktlinien: der migrantischen und der schwulen Existenz.
Zum Hören
Podcast
Central Intelligence
Kim Catrall, vor allem bekannt als Samantha Jones in „Sex and The City”, spielt nun eine weitere selbstbewusste, emanzipierte, wortgewaltige Frau. Im englischsprachigen BBC-Podcast „Central Intelligence” leiht sie Eloise Page ihre Stimme. Die war die erste Agentin der CIA, stiftete in den Fünfzigern amerikanische Wissenschaftler zum spionieren in der Sowjetunion an, leitete als erste Frau einen Auslandsstützpunkt der CIA und wurde Terrorismus-Expertin. Bei allen weltpolitischen Krisen des 20. Jahrhunderts ist Eloise Page dabei. So erzählt der Podcast auch das Debakel der amerikanischen Irak-Politik in den Siebzigern, den heraufziehenden Vietnamkrieg und die Kubakrise, ebenso wie die Geschichte des amerikanischen Geheimdienstes. Der hintergründige Podcast macht dabei klar: Etliche Dinge wären wahrscheinlich anders gelaufen, wäre die CIA in den ersten Jahrzehnten kein reiner Männerclub gewesen.
Podcast
Die Leuten lieben das
Musiker, die über Gott und die Welt und das Tourleben sprechen - das ist seit Jahren ein funktionierendes Konzept in der deutschen Podcastlandschaft. Mit „Die Leute leben das” von Nina Chuba und ihrem Drummer Momme Hitzemann startet nun ein weiteres Beispiel dieser Kategorie. Chuba gehört derzeit zu den erfolgreichsten Musikerinnen des Landes, am 19. September erscheint ihr zweites Album. Mit Hitzemann, nicht nur Kollege, sondern seit Jugendtagen auch ein guter Freund, spricht sie im Podcast über ihr Kennenlernen, das Spielen auf Festivals und Versagensängste als Künstlerin. Die Anekdoten sind dabei klug ausgewählt und folgen einer Dramaturgie. Besonders schön: Momme Hitzemann verkommt neben Nina Chuba nicht zum Sidekick, sondern hat viele eigene Erfahrungen beizutragen.
Podcast
Losing my religion? – Doku über Muslime, die mit dem Glauben ringen
Das aktuelle Radiofeature berichtet zwar nichts bahnbrechend Neues, gibt dafür aber der deutschen Mehrheitsgesellschaft Nachhilfeunterricht. Denn vielschichtige Gedanken über Muslime macht die sich selten. Journalistin Nabila Abdel Aziz zeigt im Feature des BR, produziert für alle Rundfunkanstalten, von verschiedensten Geschichten verschiedenster Muslime in Deutschland. Da ist viel Naheliegendes dabei, doch offenkundig kann nichts davon vorausgesetzt werden. Und alle Geschichten dienen einem höheren Zweck: Sie belegen, wie divers der muslimische Teil Deutschlands ist. Abdel Aziz liefert dazu noch soziologische und religionswissenschaftliche Studien. All das zeigt: Für den Islam gilt in Deutschland dasselbe wie für das Christentum: Die Menschen werden zunehmend weniger religiös, individueller Glaube und reine Lehre weniger deckungsgleich.