Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Junge Frau trifft auf fiesen Chef, ein Ehepaar lässt sich lautstark scheiden, und Stalin kritisiert folgenschwer eine Oper. Neun Kulturtipps für ein unterhaltsames Wochenende.

21. August 2025

Zum Sehen

Tragikomödie

Die Rosenschlacht

Im Kino

Britischer Humor verbindet sich mit amerikanischem Komödienhandwerk, Sarkasmus mit Zerstörungsfuror. Ivy und Theo lernen sich in der Küche eines Londoner Luxusrestaurants kennen, wo sie arbeitet und wohin er nach einem katastrophal verlaufenen Business-Lunch flüchtet. Auf seinen Stoßseufzer, dass er sich am liebsten umbringen würde, antwortet sie: „Interessant. Wie würden Sie das machen?“ Zwei Minuten später haben sie Sex in der Kühlkammer. Zehn Jahre nach dem ersten Treffen lebt das verheiratete Paar mit zwei Kindern in Kalifornien. Die Probleme beginnen, als er seinen Job verliert und in der Folge mit den Kindern alleine zu Hause ist, während sie erfolgreich ihr eigenes Restaurant eröffnet. So geht es auch hier wieder einmal um die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, um unterschiedliche Erziehungsmodelle sowie um Frauen, die mehr Erfolg haben als ihre Männer – was im Jahr 2025 immer noch ein Problem zu sein scheint. Und so kämpfen die nun getrennten Eheleute um das Haus. Das Traumhaus, die eigenen vier Wände, der Rückzugsort: Das steht wie nichts anderes für familiäres Glück und Geborgenheit – aber auch für ehelichen Hass und Neid. Daran hat sich in all den Jahren nichts geändert.

Dokuserie

Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser

ARD-Mediathek

Die dreiteilige Doku „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“ erzählt auf bewegende Weise das Leben eines Menschen, der sich immer wieder neu erfunden hat. Es ist die Geschichte von Lana Kaiser, einst berühmt geworden als Daniel Küblböck in der RTL-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). Für Küblböcks Konzerte zahlten einige bis zu 60 Euro Eintritt – nur um den erschütterten Star auszubuhen: „Wie können die Menschen nur so sein? Wie können sie einen 17-Jährigen ausbuhen, der alles gibt, was er hat?“, fragte der sich. Kurz vor einem vermuteten Suizid auf einem Kreuzfahrtschiff 2018 outete sich Lana Kaiser als trans Frau. In diesem Herbst wäre Kaiser 40 Jahre alt geworden. Über dieses wendungsreiche Leben hat der Regisseur und Drehbuchautor Tristan Ferland Milewski für die ARD einen Film geschaffen, der nicht nur Fans ans Herz gehen wird.

Drama

In die Sonne schauen

Im Kino

„In die Sonne schauen“ ist ein Kunstwerk, das weit aus der Menge dessen herausragt, was im Kino für gewöhnlich zu sehen ist. Die noch weitgehend unbekannte Berliner Regisseurin und Drehbuchautorin Mascha Schilinski hat ein sinnliches Mosaik aus Stimmen, Erinnerungen, Bildern geschaffen, um vier junge Frauen, die in verschiedenen Dekaden der vergangenen 100 Jahre auf einem Vierseithof in der Altmark gelebt haben, im Norden des heutigen Sachsen-Anhalt. Die Zeitebenen, die meisterhaft miteinander verbunden sind, haben vor allem eines gemeinsam: das Leid der Frauen. In den 1910er-Jahren, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, wird eine Magd sterilisiert, um sie „sicher zu machen für die Männer“. In den Vierzigern rebelliert eine junge Frau gegen die Enge des Landlebens, bis der Zweite Weltkrieg nicht nur ihre Jugend beendet. In den Achtzigerjahren experimentiert eine Frau mit der Aufmerksamkeit, die ihr Körper erregt, nicht nur bei ihrem Cousin, sondern auch bei dessen Vater. Und ungefähr in der Gegenwart spürt ein Mädchen zum ersten Mal den männlichen Blick, der ihr das fröhliche Herumtoben im Badeanzug verdirbt. Schilinskis Schauplatz ist ein dunkler Ort, an dem es schwerfällt, die Sonne zu finden, und der einen doch verführt mit seiner Düsternis. Ein Film, den man nicht mehr vergisst.

Zum Lesen

Roman

Die Holländerinnen

Dorothee Elmiger

Darf man nur erzählen, was man selbst erlebt hat? Die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger gibt in ihrem für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman “Die Holländerinnen” die Antwort: Nein. Man darf auch erzählen, was andere erlebt haben. In ihrem Selbstversuch mit dem "Echten" in der Kunst geht sie auf die Spuren dessen, was Joseph Conrad und Francis Ford Coppola bereits vor ihr geschaffen haben. Ihre Erzählerin begleitet einen Theatermacher in den Urwald. Er will dort für sein nächstes Projekt den Todesfall zweier holländischer Backpackerinnen rekonstruieren. Elmiger erzählt davon konstant auf Distanz, in Konjunktiv und indirekter Rede. Und arbeitet so mit alten Stoffen, immer Richtung Herz der Finsternis, wo die Figuren entlang der Pfade früherer Eroberer (oder Touristen) ins Unbekannte gehen, wo ein unsägliches Verbrechen lauert.

Sachbuch

Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945.

Götz Aly

Es ist die Frage aller Fragen der deutschen Zeitgeschichte: Worin gründete die zerstörerische Dynamik, die die Deutschen nach 1933 einen beispiellosen Vernichtungskrieg und Massenmord begehen ließ? Der Autor Götz Aly widmet sich diesen Fragen in seinem neuen Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“. Auch für Aly waren es nicht allein weltanschaulich geformte Nationalsozialisten und fanatische Anhänger Hitlers, die dessen Regime an der Macht hielten und den Holocaust ermöglichten. Es waren ebenso die Mitläufer, die Deutschen. Plausibel legt der Autor dar, dass das mit Beginn der Hochrüstung 1935/36 immer rascher auf den Staatsbankrott zutreibende Regime den großen Krieg brauchte, um nicht in Schulden unterzugehen. Und dennoch: In Alys Argumentation fehlen einige, relevante Aspekte, seine Thesen untermauert er teilweise nur wenig überzeugend. Denn war die Judenpolitik des NS-Regimes wirklich nur funktionales Kalkül und nicht auch ideologischer Selbstzweck? Eines aber lässt sich bei aller Kritik nicht bestreiten: Götz Aly ist es mit seinem Alterswerk gelungen, in einer vorher nicht gekannten Dichte die soziale Mitmachbereitschaft nachzuzeichnen, die den Holocaust geschehen ließ.

Roman

Die Assistentin

Caroline Wahl

In „Die Assistentin“, Caroline Wahls neuem Roman, trifft ein egomanischer Machtmensch alter Schule auf eine junge Frau aus einer Generation, der das dienende und duldende Konzept von einer Sekretärin vollkommen fremd ist. Besonders empört die Protagonistin Charlotte, die eine Stelle als Assistentin in einem renommierten Münchner Buchverlag anfängt, wie sich ihre Kolleginnen, gerade ältere Frauen, anpassen und gegenseitig ins offene Messer laufen lassen: „Und niemand protestierte.“ Die Vorkommnisse, die Wahl erzählt, sollen keinen Einzelfall darstellen, sondern anschlussfähig sein für viele. Und tatsächlich wirkt der mittelprächtige Machtmissbrauch, von dem sie erzählt, leider ziemlich gewöhnlich. „Nein, er hat mich nicht angefasst oder sexuell belästigt“, sagt Charlotte auf Nachfrage, überlegt dann aber, womit Belästigung eigentlich anfängt und wozu die ununterbrochenen Nachrichten des Chefs auf allen Kanälen gehören, das Lästern über andere Frauen, in das sie sich hineingezogen fühlt, die Missachtung der Grenzen zwischen Arbeit und Privatem. Auf der Metaebene der Selbstreflexion nimmt Charlotte stellvertretend für Wahl mögliche Einwände von Fans, Kritikerinnen und Lektoren vorweg. Die Autorin führt hier deutlich vor: Sie ist eine junge Frau und sie hat alles in der Hand. Das ist ihre Botschaft. Und ihr Triumph.

Zum Hören

Podcast

Vier Töne gegen Stalin

ARD Audiothek

Kunstkritik wird dann gefährlich, wenn sie einschüchtern soll. 1936 erfährt das der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch am eigenen Werk. Seine Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, bereits 200 Mal aufgeführt und äußerst erfolgreich, wird von einem anonymen Autor in der Parteizeitung der KPdSU verrissen. Geschrieben hat den Text vermutlich: Stalin. In Folge wurde Schostakowitsch vom Geheimdienst vorgeladen, ein Verschwörungsvorwurf gegen ihn wurde konstruiert. An diesem Beispiel schildert der vierteilige Podcast „Vier Töne gegen Stalin – Der Fall Schostakowitsch“ des SWR, wie die Sowjetunion künstlerische Freiheit als potenziell systemsprengend einstufte. Und er erzählt nuanciert, wie es Dmitri Schostakowitsch gelungen ist, eine Balance zu finden zwischen künstlerischer Unabhängigkeit und notwendiger Anbiederung an das System.

Podcast

Dark Agent

Deutschlandfunk Audiothek

Unser Handy hört uns ab. So ganz stimmt das natürlich nicht, aber trotzdem: dass Geheimdienste, auch aus westlichen Ländern, gezielt Spyware einsetzen, um Software-Lücken auszunutzen, ist kein Geheimnis. Der investigative Deutschlandfunk-Podcast „Dark Agent“ legt in Gesprächen mit verschiedenen Menschen aus der Tech-Branche nahe: Das geschieht viel öfter und viel hemmungsloser als geahnt. Die Journalisten Shahrzad Golab und Maximilian Brose forschen all dem nach und schildern ihre Erkenntnisse trotz der hohen Komplexität sehr verständlich und nachvollziehbar. Und deuten auch auf die Konsequenzen hin: dass an dieser Stelle bewusst Recht missachtet wird. Und genau das zur Entdemokratisierung von Demokratien beiträgt.

Hörspiel

Kamina

ARD Audiothek

Auf den Spuren der deutschen Kolonialgeschichte erzählt das Hörspiel „Kamina“ von einer ehemaligen Funkstation in Togo. 1911 wurde sie im Auftrag der deutschen Reichsregierung gebaut, 1914 nach Beginn des Ersten Weltkriegs zerstört. Rund 111 Jahre später soll eine Autorin nun ihre Geschichte aufschreiben, denn die Ruinen werden zur Großfunkstelle Nauen (bei Berlin) geliefert. Das klingt etwas verwirrend, ist aber spannende Geschichtsunterhaltung. Trotzdem ist aufmerksames Hören ratsam, denn mehrere Stimmen und Erzählstränge vermischen sich. Eine Erzählerin und die Autorin interagieren miteinander, sie thematisieren so neben den Auswirkungen der Kolonialherrschaft auf die Bevölkerung in Togo auch die Frage nach der Deutungshoheit über koloniale Narrative.

Text: Hanna Böcher, Monika Rathmann; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Katharina Wutta; Digitales Storytelling: Carolin Gasteiger

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