Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Film
Ein Kuchen für den Präsidenten
Es ist das Jahr 1991, Lamia lebt im Süden des Irak, die Sanktionen verursachen große Not, Krieg liegt in der Luft, Irak hat das Nachbarland Kuwait überfallen, eine US-geführte Allianz schlug zurück. Und ausgerechnet in dieser deplorablen Gesamtsituation wird Lamia vom Lehrer per Los dazu verdammt, einen Kuchen zu backen zum 50. Geburtstag Saddam Husseins. Der erste Kinofilm des irakischen Regisseurs Hasan Hadi ist gleichzeitig düster und voller Licht, unheimlich wie ein Märchen und hochaktuell, eine bildgewaltige Erzählung über die Flüchtigkeit des Lebens in der Diktatur und über den totalen Zugriff einer Herrschaft, die nicht rechtzeitig aufgehalten wurde.
Doku-Serie
Take That
Die dreiteilige Netflix-Doku „Take That“ schildert die Geschichte der legendären Neunzigerjahre-Boyband, die maximal branchentypisch verläuft: hier der kreative, aber eher uncharismatische Musiker (Barlow), um den herum ein kontrollfreakiger Manager in den Neunzigerjahren eine Boyband zusammenstellt, in der jeder dankbar und konsequent seine Rolle zu spielen hat. Im Film schonen die Band-Mitglieder ihre früheren Ichs nicht, jeder berichtet von Fehlern und Misserfolgen, von Eifersucht und Überforderung. Aber all die Probleme, so wird es nun erzählt, sind gelöst, mit der Kraft der fünf Herzen. Was der unterhaltsame Film schafft: Sosehr man den heutigen Protagonisten misstraut, was die Schnullibulli-Befriedung des jeweiligen Selbsts und des Miteinanders betrifft, sosehr mag man ihren jungen Versionen die Unschuld zugestehen, die das Archivmaterial vermittelt.
Serie
Bridgerton
Wenn sie gut verpackt sind, halten sich gute Geschichten lange und können wieder aufgewärmt werden, in besonders haltbaren Fällen jahrhundertelang. Und so taucht die Geschichte von Aschenputtel nun auch bei „Bridgerton“ wieder auf. Im Zentrum der neuen Staffel stehen das Hausmädchen Sophie und der zweitgeborene Bridgerton-Sohn Benedict. Sophie schleicht sich in einer silbern glitzernden Robe auf einen Maskenball, wo sich auch Benedict vergnügt. Auch diesmal schafft es die Serie, mit perfekt platzierten Wendungen zu unterhalten. Und thematisiert zum ersten Mal die Welt der Dienerschaft.
Serie
Heated Rivalry
Es gibt wohl kaum einen männlicheren Sport als Eishockey. Da wird geschubst, geprügelt, rumgeschrien, Testosteron pur. Was es nicht gibt, sind schwule Spieler. Oder? In „Heated Rivalry“ schon. Die kanadische Serie folgt zwei aufstrebenden Stars der internationalen Eishockeywelt. Dabei verbindet die beiden nicht nur ihre Leidenschaft für Eishockey und der Erfolgsdruck – sondern sehr schnell auch ihr sexuelles Interesse aneinander. „Heated Rivalry“ erfüllt die Sehnsucht nach einer Welt, die doch so viel schöner ist, als die Realität es gerade zuzulassen scheint. Queer joy nennt Showrunner Tierney das, queere Freude: „Die Vorstellung, dass wir existieren dürfen, Sex haben dürfen, lieben dürfen, leben dürfen.“
Zum Lesen
Roman
Schleifen
Die Texte des Schriftstellers Elias Hirschl zeigen, dass er ein beinahe absolutes Gehör dafür hat, wie Menschen in unterschiedlichen Zusammenhängen sprechen. Passend dazu ist in „Schleifen“ die Hauptprotagonistin die Sprache selbst. Die Sekte der „Nonverbalisten“ will sie abschaffen. Medikamente, „Semantostatika“ genannt, wirken nur über den Beipackzettel und schalten einzelne Begriffe und deren zugehörige Empfindungen aus. Die Patienten wissen danach einfach nicht mehr, worauf zum Beispiel das Wort „Schmerz“ Bezug nimmt, und fühlen ihn deshalb auch nicht mehr. Sein aberwitziges Buch, an dem der Autor (mit Unterbrechungen) zehn Jahre lang gearbeitet hat, ist ein Urknall aus Sprachspielereien und Buchstabenvolten.
Comic
ICE Out Comics
In nur vier Bildern bringt die Zeichnerin Katharine Woodman-Maynard aus Minneapolis ihre Trauer über die Erschießung Alex Prettis zum Ausdruck. Ihr Minicomic ist einer von Hunderten, mit denen Menschen auf Instagram unter dem Hashtag „iceoutcomics“ gegen die Massenabschiebungen und Gewalt der ICE-Agenten protestieren. Woodman-Maynard hatte die „ICE Out Comics“ Mitte Januar ins Leben gerufen, dazu eine Zeichnung mit gereckten Fäusten, darin Zeichenstifte: „Letʼs work together to geht ICE OUT“. Diese Comics notieren, was keine Handykamera notiert, Beobachtungen jenseits des großen medialen Aufruhrs.
Buch
Marie Luise Kaschnitz
Vor 125 Jahren wurde die Dichterin und Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz geboren. Eine brillante Beobachterin, die das Leben ebenso kritisch wie fragend und kenntnisreich beschrieb, ist heute so gut wie vergessen. Ihr überschaubares Werk aber kann heute als hochmodern gelten. In sachlicher, zugleich kaleidoskopischer Manier die Dinge festhalten, wie sie waren, nicht dem nachträglichen Urteil folgend. Kaschnitz, die das Hitlerregime zutiefst verabscheute, schrieb und hielt in Reflexionen fest, ihre Existenz im Licht des Gewissens prüfend. Ihre Erzählkunst kann für heutige Leser zum Ankerpunkt werden, gerade in Zeiten wie diesen, da jeder sich fragen muss: Was tue ich gegen die Demokratieverletzungen unserer Tage?
Zum Hören
Pop
Trost & Trotz
Indierock würde man wohl zu dem sagen, was diese Gruppe seit 2021 spielt, vom Hauptquartier in Leipzig aus. Man glaubt, die Gitarren sofort wiederzuerkennen, für die jemand mal das Verb „schrammeln“ erfand. Die Trainingsjacken und halb gerauchten Zigaretten, die mittellang frisierte Widerstandsromantik und mangelhafte Körperspannung. Und trotzdem ist „Trost & Trotz“, dieses neue, ganz und gar erstaunliche Debütalbum von Frau Lehmann, zugleich Apotheose und Negation zu all den genannten Punkten. Ein Indierock-Album über die Unmöglichkeit, heute noch Indierock zu spielen. Frei nach Groucho Marx: Ich möchte nicht Teil einer Jugendbewegung sein, die Leute wie mich als Mitglieder aufnehmen würde.
Podcast
Versuchslabor Kinderheim
Das Gelände des Lübecker Kinderheims wirkt auf den ersten Blick friedlich, doch der Schein trügt. An einem schönen Sommertag 1967 beginnt hier die verhängnisvolle Geschichte eines Achtjährigen, die die Autorin und Hostin Ilona Toller dieses Deutschlandfunk-Podcasts aufdeckt. Günter wird als bildungsunfähig eingestuft, kurz darauf in eine Psychiatrie abgeschoben und dort mit Psychopharmaka vollgepumpt. Ohne sein Wissen und ohne Einwilligung. Die Liste an Medikamenten mit kompliziert klingenden Namen, die auch anderen Heimkindern in dieser Zeit verabreicht werden, ist lang. Doch die Heimkinder leiden unter keiner dieser Erkrankungen. Warum werden sie trotzdem mit diesen Medikamenten behandelt? In acht eindrucksvollen Folgen geht der Podcast dieser Frage nach.