Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Leonardo DiCaprio spielt einen abgehalfterten Revolutionär, ein neues Buch reflektiert den Pelicot-Prozess, und Luis Klamroth startet einen Podcast über die Reichsbürgerszene. Neun Kulturtipps für ein spannendes Wochenende.

25. September 2025

Zum Sehen

Serie

Black Rabbit

Netflix

In der Netflix-Serie „Black Rabbit“ spielen Jude Law und Jason Bateman nun das verrückteste Brüder-Paar seit Arnold Schwarzenegger und Danny DeVito in „Twins“. „Black Rabbit“ könnte ein charmanter, wenn auch schlechter Abklatsch von „The Bear“ sein, wäre da nicht Vince, ein notorischer Spieler und früherer Junkie. Der taucht plötzlich auf und schuldet ein paar Gaunern Geld. Was folgt, ist eine Mischung aus „The Bear“, „Ocean’s Eleven“ und „Hangover“. „Black Rabbit“ jedoch als Comedy abzutun, würde viel zu kurz greifen, da die Serie auch ernste Themen – wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Gewalt, Depressionen oder Drogenmissbrauch – verhandelt. Auch filmisch ist „Black Rabbit“ grandios. In einer Folge etwa wird der Ablauf eines Abends aus Sicht jedes Beteiligten geschildert und Zeitsprünge dabei so geschickt eingesetzt, dass man nicht mehr loslassen kann. Die Miniserie ist unterhaltsam, spannend und tieftraurig. Und bei allem geht es um zwei Brüder, die zusammenhalten. Komme, was wolle.

Film

One Battle After Another

Im Kino

Die Revolution ist gefährlich, macht aber auch ziemlich geil. Zu Beginn von „One Battle After Another“ kämpft eine Widerstandsgruppe gegen ein Regime, das die USA in einen Polizeistaat umgebaut hat. Die Revoluzzer befreien Migranten aus riesigen detention camps und zerbomben zentrale Bestandteile der staatlichen Infrastruktur. Ein junges Pärchen ist unter ihnen, und während Bob (Leonardo DiCaprio) seine Sprengsätze zusammenbastelt, fährt sich seine Freundin Perfidia (Teyana Taylor) schon mit der Hand zwischen die Beine vor Erregung. Nach der erfolgreichen Explosion fällt sie über ihn her. Die gemeinsame Tochter, die aus diesen Liebesspielen entsteht, steht im Mittelpunkt eines der irrsten Filme, die das amerikanische Kino in jüngerer Zeit hervorgebracht hat. Als sie schließlich entführt wird, versucht Bob, seine alte Widerstandsgruppe zu Hilfe zu holen, um sie zu retten. Fiktion und Realität bilden in diesem Film fast schon eine Einheit: Radikale Nationalisten treffen alle staatstragenden Entscheidungen, das Militär patrouilliert in den Großstädten, die Einwanderungsbehörde ICE betreibt gnadenlose Razzien. Kommt einem irgendwie bekannt vor.

Film

Miroirs No. 3

Im Kino

Kann man sich ein anderes Leben überstreifen wie ein frisches Kleid? Es sieht ganz leicht aus, so wie Laura, Hauptfigur von „Miroirs No. 3“, das macht, als würde sie in eine neue Welt hineinschlüpfen und sich dann vorm Spiegel drehen, um zu sehen, ob es besser sitzt als ihr eigenes. Schwermütig ist der erste Moment, in dem man sie sieht. Die Pianistin und Studentin am Berliner Konservatorium steht allein an einem Flussufer und schaut einem Stehpaddler nach, als wollte sie mit, wohin auch immer er unterwegs ist. Bei einem gemeinsamen Autounfall verliert Laura ihren herrischen Freund, die Tragödie ist kein Ende, sie ist ein Anfang. Laura will bei der Frau bleiben, die sie gefunden hat, Betty (Barbara Auer) zögert, dann findet sie Gefallen an der Idee. Lauras Anwesenheit setzt bei allen – auch bei Bettys Mann und deren gemeinsamen Sohn – Heilungs- und vor allem Selbstheilungsprozesse in Gang. Der Film ist eine der hoffnungsvollsten und wärmsten Geschichten geworden, die Christian Petzold je erzählt hat. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass er, gerade wenn die Welt in Scherben liegt, einen Film übers Reparieren macht.

Dokumentarfilm

Die Möllner Briefe

Im Kino

1992 verübten Neonazis den ersten rassistischen Mordanschlag im wiedervereinten Deutschland. In Mölln warfen sie Molotowcocktails in ein von türkischen Familien bewohntes Haus. Drei Menschen starben, Yeliz, Ayşe und Bahide Arslan, neun weitere zum Teil schwer verletzt. In den folgenden Tagen demonstrierten viele Menschen gegen Rassismus, es gab Lichterketten – und Kondolenzbriefe an die Angehörigen. Nur haben die die Familien nie erreicht. Die Möllner Stadtverwaltung hat sie archiviert, statt weiterzuleiten. Erst 2019 entdeckte eine Studentin die Briefe im Archiv. Die bewegende Doku „Die Möllner Briefe“ begleitet nun, wie die Familien sie endlich lesen, und auch, wie der Anschlag sie bis heute begleitet. Die nicht weitergeleiteten Briefe zeugen von einer Herz- und Gedankenlosigkeit von Bürokraten, vielleicht auch von strukturellem Rassismus. Auch der heutige Bürgermeister von Mölln will sich im Film nicht für seinen Vorgänger entschuldigen. Dem gegenüber steht die Einfühlsamkeit der Museumsmitarbeiterin, der Yeliz’ Mutter die Erinnerungsstücke ihrer toten Tochter übergibt. Beides ist Deutschland, beides ist in diesem stillen, bewegenden Film zu sehen.

Zum Lesen

Aufzeichnungen

„Ich bin ein Magnet für alle Verrückten“ – Die Einstein-Protokolle. Sein Leben, seine letzte Liebe, sein Vermächtnis.

Peter von Becker

70 Jahre nach dem Tod von Albert Einstein veröffentlicht Heyne nun ein Buch mit Aufzeichnungen aus seinen letzten Lebensjahren. Seine letzte Freundin und Bibliothekarin Johanna Fantova hatte sie während ihrer abendlichen Telefongespräche geführt, zwischen 1953 und 1955. Eigentlich hatte Einstein seinen gesamten Nachlass der Hebräischen Universität in Jerusalem vermacht, die Aufzeichnungen erreichten Israel jedoch nie. Stattdessen fand sie der Bibliothekar der Firestone Library in Princeton, als er 2004 in Pension ging. Der Kulturjournalist Peter von Becker hat daraufhin nachrecherchiert. Es sind nur 62 Schreibmaschinenseiten, auf Deutsch verfasst mit englischsprachigen Fußnoten, aber doch eine Sensation. Die Aufzeichnungen sind in Ich-Form gehalten und geben einen intimen Einblick in das Forscher- und Privatleben von Einstein. Und in seine Gedanken in den letzten Lebensjahren.

Sachbuch

Mit Männern leben – Überlegungen zum Pelicot-Prozess

Manon Garcia

Es hatte etwas nachhaltig Verstörendes, als Frau den Gerichtsprozess gegen Dominique Pelicot und 50 weitere angeklagte Männer zu besuchen, der vor einem Jahr in Avignon stattfand. Immerhin befand man sich dort in einem Saal, in dem so gut wie jeder zweite anwesende Mann ein Vergewaltiger war. Dominique Pelicot hatte seine Ehefrau Gisèle jahrelang ohne deren Wissen mit Medikamenten betäubt, in bewusstlosem Zustand vergewaltigt und von anderen Männern vergewaltigen lassen, die Taten hat er gefilmt. Auch die französische Philosophin Manon Garcia war damals im Gerichtssaal in Avignon. Und schrieb begleitend zum Prozess ein neues Buch: In „Mit Männern leben“ reflektiert sie die beunruhigenden Fragen, die dieser Prozess aufwarf. Man merkt dem Buch die unmittelbare Erschütterung an, die der Prozess in der Autorin ausgelöst hat. Natürlich gebe es Männer, die „echte Frauen lieben und nicht die fantasierte Projektion einer Mutter oder Hure, aber die Geschlechternormen, die Derealisation, die sozialen Netzwerke oder Mainstream-Pornografie-Plattformen zuweilen hervorrufen, behindern immer wieder das Gespräch zwischen den Geschlechtern“. Garcia plädiert deshalb dafür, Männer sollten Frauen zumindest ein wenig lieben. Man wünscht dem Buch insbesondere männliche Leser. Denn viel wird es nicht bringen, wenn es hauptsächlich Frauen sind, die über sexualisierte Gewalt nachdenken.

Sachbuch

Was darf Israel? Ein Streit.

Philipp Peyman Engels und Hamed Abdel-Samad

Zwei völlig entgegengesetzte Positionen sind nun verschriftlicht im Buch „Was darf Israel? Ein Streit“. Philipp Peyman Engel, Sohn einer iranischen Jüdin und Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, und Hamed Abdel-Samad, Ex-Muslimbruder und radikaler Islamkritiker verbindet eine jahrelange Freundschaft. Und die stand nie so auf der Probe wie jetzt. Als Abdel-Samad Israel in einem Post vorwarf, es begehe einen Genozid, erhielt er einen empörten Brief von Engel, den Abdel-Samad wiederum beantwortete. Eine Korrespondenz entstand, daraus wurde das gemeinsame Buch. „Was hat dich bloß geritten?“, fragt Engel Abdel-Samad nach dessen Genozid-Post: „Deine Vorwürfe erinnern mich an die elenden antisemitischen Ritualmord- und Brunnenvergifterlegenden.“ Samad kontert: „Du bist entsetzt, weil ich das Wort ,Genozid‘ benutzt habe? Ich sage dir: Ich bin entsetzt, dass dich ein einziges Wort mehr erschüttert als der Tod von 20 000 Kindern.“ Fast alle Ansichten der beiden sind unvereinbar, dennoch halten sie fest am Gespräch. Und beide finden, dass die deutsche Nahost-Politik gescheitert ist. Dass der Krieg enden muss. Und dass es mehr Gespräche wie dieses braucht.

Zum Hören

Podcast

Hateland. Deepstate - Vom Soldaten zum Reichsbürger

ARD-Audiothek

In Podcasts lassen sich investigative Recherchen besonders gut erzählen, weil das Medium immer auch den Rechercheweg selbst miterzählt. Das macht sich auch der neue Podcast „Hateland”, präsentiert von Louis Klamroth, zu eigen. Es soll um den radikalen Teil der deutschen Gesellschaft gehen, in jeder Staffel um einen neuen Komplex. In Staffel 1 „Deepstate - Vom Soldaten zum Reichsbürger“ erzählt der Investigativreporter Martin Kaul von seiner Recherche in der Reichsbürgerszene. Er hat vor allem die Radikalisierung eines Mannes verfolgt, Rüdiger von Pescatore. Der hat sich vom Elite-Soldaten zu einem Mitglied der Gruppe um Heinrich Prinz Reuß entwickelt, hat auf dem Weg dahin einige Waffen aus dem Militär gestohlen, die nie wieder aufgetaucht sind. Man hört im Podcast, wie Kaul mit seinem Hund durch Deutschland fährt, mit Nachbarn von Tatverdächtigen und Zeugen spricht. Aber auch, wie gut seine über Jahre aufgebautes Netzwerk an Quellen ist. Das ist klassische Podcast-Kunst auf hohem Niveau. Umrandet wird diese von zwei Folgen zu Beginn und zum Schluss, in denen Klamroth einführt und am Ende nochmal über die Staffel diskutieren will.

Rock

Saving Grace

Robert Plant

Während die meisten alternden Rockstars versuchen jung und modern zu bleiben oder ihre alten Hits bis zum Tod in Stadien zu spielen, interessiert Robert Plant sich nicht mehr für den großen Ruhm. Der ehemalige Sänger von Led Zeppelin macht weiterhin Musik, allerdings ganz entspannt, einfach was ihm taugt, ohne Millionenpublikum. Gern mit jüngeren Musikern, immer weiter auf der Suche nach musikalischen Nischen, in denen er Neues entdecken kann. Jetzt veröffentlicht er ein neues Album, „Saving Grace“. Er singt darauf gemeinsam mit der Sängerin Suzi Dian. Gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von traditionsbewussten Musikern singen sich die beiden durch eine Playlist persönlicher Lieblingslieder. Das sind ein paar Blues-Klassiker, dazu aber auch Düsterpop von Bands wie Low, die Mischung erscheint nicht sonderlich zwingend. Aufgenommen hat er das Album im Lockdown, in gelegentlichen Sessions im englischen Hinterland. Das Rad erfindet er mit der neuen Platte nicht neu, er singt eben, was er mag oder was ihn schon als jungen Kerl begeistert hat. Und wirkt dabei aber völlig im Frieden mit sich selbst.

Text: Hanna Böcher, Monika Rathmann; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Katharina Wutta

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