Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Serie
Pluribus
Der „Breaking Bad“-Schöpfer Vince Gilligan stellt in „Pluribus“ den Wert des Glücks infrage. Alles beginnt mit einer Botschaft aus dem All: Ein Code entschlüsselt eine Bauanleitung für ein Virus. Und einen Laborunfall später ist die moderne Zivilisation dahin. Die Menschheit existiert als selbstlose, kollektive Intelligenz. Alle können Space Shuttle fliegen und am offenen Herzen operieren. Und alle haben sehr gute Laune, sie räumen lächelnd die Leichen weg. Protagonistin Carol (Rhea Seehorn) hingegen muss sich entscheiden: Ist ihre Traurigkeit, gleichzeitig Ausdruck ihres freien Willens, es wert, um jeden Preis verteidigt zu werden?
Film
Train Dreams
Mitten im Nirgendwo lebt Robert (Joel Edgerton) abseits der Stadt in einer kleinen Hütte. Er war einst Holzfäller, hat sich jedoch früher als seine Kollegen zur Ruhe gesetzt, um nicht wie sie irgendwann von der Wanderarbeit wunderlich oder von einem Baum erschlagen zu werden. Dann verliert Robert Frau und Kind. Die Zeit fließt scheinbar gleichgültig über Momente der Einsamkeit und Trauer genauso wie über Momente der Verbundenheit und Alltäglichkeit. Findet er seinen Platz im Leben?
Film
Die, my love
Ziemlich am Anfang von „Die, My Love“ steht Grace, gespielt von Jennifer Lawrence, auf und durchstreift müde die Zimmer. Sie hat gerade ihren Sohn gestillt, ihre Brüste hängen nackt herum, schwer von Milch. Grace tritt an einen Schreibtisch, auf dem weißes Papier liegt. Vielleicht für den Roman, den sie schreiben will. Oder wollte. Bevor das Kind kam. „Die, My Love“ ist ein origineller, kraftvoller Film, der von einer Mutter mit Wochenbett-Depression erzählt. Graces Verrücktheit, ihre Entrückung, ist auch eine Einsicht in die Absurdität aller menschlichen Dinge, speziell der Erwartungen, die an eine Frau gestellt werden, die gerade neues Leben hervorgebracht hat und deren eigene Existenz nie mehr dieselbe sein wird wie zuvor.
Doku
Love + War – Zwischen Krieg und Familie
Als Kriegsfotografin hat Lynsey Addario viele Krisengebiete auf der Welt bereist. Sie fotografierte die Proteste im Arabischen Frühling, besuchte Frauen in Afghanistan und Mütter im Sudan, die bei der Geburt ihrer Kinder sterben. Die Doku „Love + War – Zwischen Krieg und Familie“ zeigt sie auch privat. Denn die italienischstämmige Amerikanerin hadert nicht nur mit ihrem Job, den sie liebt, der sie aber auch herausfordert. Sondern auch mit ihrer Rolle als zweifache Mutter. Szenen aus dem Krieg wechseln mit Aufnahmen aus ihrem Haus in London. Der Film ist ein berührendes Porträt, in dem der Satz „Mommy muss zur Arbeit“ eine ganz besondere Konnotation bekommt.
Zum Lesen
Lyrik
Tagebuch einer Invasion
Wie aus dem Leben im Ausnahmezustand mit der Zeit eine Identität wird, beschreibt die ukrainisch-amerikanische Lyrikerin Oksana Maksymchuk in ihrem Gedichtband „Tagebuch einer Invasion“. Sie fängt die Intensität eines ganz besonderen „Alltags“ seit dem russischen Überfall auf die Ukraine seit Februar 2022 ein und zeigt, dass lebensverändernde Ereignisse zu höchster Lebendigkeit und Lebensaffirmation, zu höchster Klarheit, auch im lyrischen Ausdruck, führen können. Am Ende hallen vor allem die kräftigen und expliziten Bilder von Tod und Zerstörung nach. Wäre diese Zeugnispoesie nicht so traurig, sie wäre einfach schön.
Roman
La Maison vide
In Frankreich wurde diese Buchsaison vor allem über ein Buch gesprochen: „La Maison vide“ von Laurent Mauvignier. Es erzählt von fünf Generationen seiner eigenen Familie, von zwei Kriegen, von Frankreich im 20. Jahrhundert, vom Patriarchat und der Gewalt, die es auf Frauen ausübte, aber auch auf Männer. Sprachgewaltig zieht der Autor den Leser mit ewig langen Sätzen in den Bann, die fesseln, weil man ihn darin atmen hört. Als Laurent Mauvignier 16 Jahre alt war, nahm sein Vater sich das Leben. „La Maison vide“ ist der Versuch, zu verstehen, warum.
Erzählungsband
Die elfte Stunde
Es geht viel ums Sterben in Salman Rushdies neuem Erzählungsband „Die elfte Stunde“. Das ist zunächst kein Wunder. Im August 2022 hatte ein islamistischer Attentäter mehrmals auf ihn eingestochen, als er im Bundesstaat New York auf einer Bühne saß und eigentlich über verfolgte Künstler sprechen wollte. Ein Wunder ist in diesem Zusammenhang deshalb unbedingt doch der durchweg furchtlose und geradezu heitere Ton, den seine Geschichten jetzt anschlagen. Sie zeigen einen Weltautor im fortgeschrittenen Alter − und bei allerbester Laune.
Zum Hören
Pop
Lux
Große Wichtigtuerei: In maximal verkrampftem Ambiente präsentiert die Plattenfirma das neue Album von Superstar Rosalía in Barcelona. Dabei ist die Musik gar nicht so übel. Ob „Lux“ – dieses Ding aus Wolken, Fluff und Sumpf – den finalen Test besteht, muss sich erst zeigen. Die letzte Vollendung eines Popkunstwerks liegt bekanntlich nicht in flammenden Kritiken, sondern in der schieren Praxis. Dass die jungen Leute bald zu orchestralem Post-Fado und elektrifizierten Arien durch die Straßen gondeln und Partys feiern, ist heute noch schwer vorstellbar. Super wäre es natürlich.
Hörspiel
Ko-ko-ko-ko-kollaps
Das Stottern, heißt es in Helgard Haugs Hörspiel „Ko-ko-ko-ko-kollaps“, sei erst mit der Industrialisierung zum Problem geworden. Weil es erst seitdem den Takt des Akkords gibt. Das Immer-weiter des Kapitalismus, der keine Pause kennt, keine Verzögerung und erst recht keinen Stillstand. „Ko-ko-ko-ko-kollaps“ widersetzt sich dieser Reibungslosigkeit, diesem Funktionieren-Müssen. Was, wenn man die Momente der Stagnation nicht als Fehlfunktionen begreift, sondern als Alternativen? Ein gelungenes Hörspiel, weil die Verzögerung Luft und Zeit verschafft, zum Atmen, zum Denken, zum Regenerieren.