Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Joachim Triers grandioser Film „Sentimental Value“, Eli Sharabis Erfahrungen in Gefangenschaft der Hamas und Bibi Blocksbergs neuestes Abenteuer: neun Kulturtipps für ein Adventswochenende.

10. Dezember 2025

Zum Sehen

Film

Sentimental Value

Im Kino

In „Sentimental Value“ geht es um zwei erwachsene Schwestern in Oslo, Nora und Agnes, und um die komplizierte Beziehung zu ihrem Vater, einem berühmten Filmregisseur. Die Eltern haben sich getrennt, als die Mädchen noch klein waren. Jahre später, als die Mutter stirbt, steht der Vater wieder vor der Tür und will einen auf Papa machen. Das klingt, so nüchtern rekapituliert, nach einem dieser schrecklichen Familienaufstellungsfilme. Die Tragikomödie ist aber der perfekte Grund, mal wieder ins Kino zu gehen. Denn mit „Sentimental Value“ erweist sich Joachim Trier endgültig als einer der wichtigsten europäischen Regisseure der Gegenwart.

Serie

The Abandons

Netflix

Ein Kampf der Matriarchinnen im Wilden Westen? Kurt Sutters neue Serie „The Abandons“, die jetzt bei Netflix gestartet ist, ist so eine Art „Yellowstone“-Prequel unter Frauen, angesiedelt im Oregon der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Serie ist spannend, abwechselnd mit klassischem Western-Score und modernem Pop unterlegt, und mit sehr gegenwärtigen Dialogen. Es ist eigentlich eine klassische Western-Serie – unterschiedliche Ethnien, zusammengewürfelte Familien, zweifelhafte Moralvorstellungen und Gier spielen eine große Rolle, doch die Frauen an der Macht verleihen ihr auch einen Hauch von Gegenwart.

Film

Bibi Blocksberg: Das große Hexentreffen

Im Kino

In Neustadt, dem fiktiven Zuhause nicht nur von Benjamin Blümchen, sondern auch von Bibi Blocksberg, findet ein Hexenkongress statt, den Bibis Mutter Barbara Blocksberg organisieren muss. Bibi und ihre Hexenfreundinnen Schubia und Flauipaui sollen als Helferinnen das erste Mal an dieser zauberhaften Großveranstaltung teilnehmen. Dabei geht natürlich alles schief, was schiefgehen kann. Bei jungen Filmliebhabern führt das zu: 89 Minuten stillem Staunen mit offenem Mund. Nicht nur bei der ersten, sondern auch bei der zweiten Vorführung.

Serie

Asbest 2

ARD-Mediathek

Es ist alles da, was einen schönen Gefängnisfilm ausmacht. Die brutale Hackordnung, die grell ausgeleuchteten Duschräume, das origamiartige Falten der Papiere für die Drogenportionen – Freunde gelungener Knast-Thriller kommen im zweiten Teil der ARD-Serie „Asbest“ unbedingt auf ihre Kosten. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Erstaunliche an diesem Knast ist die Durchlässigkeit, die Geschmeidigkeit, mit der sich ganze Gruppen von Insassen zwischen Zellen, Gängen und Hof bewegen. Je länger man Aufsehern und Verurteilten zuschaut, desto unfreier wirken die Beamten, desto selbstbestimmter die Kriminellen.

Zum Lesen

Sachbuch

491 Tage: In den Tunneln der Hamas

Eli Sharabi

Eli Sharabi ist 53 Jahre alt, er war ein Vater, vor dem 7. Oktober 2023. An diesem Tag wurde auch er entführt, Terroristen hatten seine Wohnung gestürmt, in der er sich mit seiner Frau und den beiden Töchtern verschanzt hatte. Die Lektüre seiner inneren Dialoge und Hoffnungen ist nicht einfach. Denn schließlich wissen Leser längst, was Sharabi erst nach seiner Freilassung im vergangenen Frühjahr erfuhr: Das Wiedersehen mit seinen Kindern, an das er sich in den Tunneln der Hamas klammerte, wird nicht stattfinden. Seine Familie ist tot. Das Buch „491 Tage: In den Tunneln der Hamas“ ist der erste Erfahrungsbericht einer Geisel vom 7. Oktober.

Memoir

Book of Lives

Margaret Atwood

Margaret Atwoods Ton ist scharf und pointiert, ihr Verstand messerscharf, und sie hat so viel Humor und Selbstironie wie nicht zu bändigende Locken. Nun hat sie ihre Memoiren geschrieben. „Book of Lives“ heißt das Buch, und es ist viel lebendiger als der Titel. Darin erzählt sie von Männern aus ihrem Leben, von ihren zwei Ehen, ihren viel geliebten und gelesenen Büchern und davon, wie man mit Männern fertigwird, die sich selbst wichtig nehmen.

Autobiografie

Unerwartet – Mein Leben

Howard Carpendale

In seiner Autobiografie „Unerwartet“ schreibt Howard Carpendale mit fast 80 Jahren gegen sein öffentliches Etikett als launiger Schlagersänger an. Sein Wunsch ist es, den Menschen zu erzählen, wer er wirklich ist. Auch in seinen Brüchen und Schattierungen. Ein Teil seines bisherigen Erfolgs liege sicherlich auch darin, dass die Öffentlichkeit bisher nicht so genau wusste, wer er wirklich sei, so Carpendale. Damit soll jetzt Schluss sein. Er macht immer wieder klar: Ihm geht es hier um etwas.

Zum Hören

Hörspiel

Nixe

ARD Audiothek

Einmal, ein einziges Mal, ist Jara körperlich gewalttätig geworden gegen ihre Freundin Tonia. Sie ist darüber sehr erschrocken, hat sich reumütig entschuldigt. Zu dieser Zeit ist die Paarbeziehung der beiden Frauen in Tia Morgens zweiteiligem WDR-Hörspiel „Nixe“ bereits in einem vor allem psychisch gefährlichen Stadium. Aber es gibt daneben eben auch die „krass schönen Phasen“, sagt Jara. Tia Morgen erzählt in ihrem vielschichtigen Hörspiel-Zweiteiler „Nixe“ von psychischer und physischer Geschichte in queeren Beziehungen. Auf eine Weise, die alle etwas angeht.

Podcast

Seelenfänger – Dark Dhamma

Bayerischer Rundfunk

Achtsamkeit, Entspannung, totale Ruhe ... Ohmmm. So stellt man sich Meditationen üblicherweise vor. Eine kostbare Auszeit vom Alltag, echtes Zur-Ruhe-Kommen, die bewusste Beschäftigung mit dem eigenen Geist. In sogenannten Vipassana-Retreats der Organisation Dhamma soll genau das möglich sein. Was aber häufig unerwähnt bleibt: Für einige Teilnehmende enden die intensiven Meditationskurse in schweren psychischen Krisen, in Angstzuständen. Und in seltenen Fällen sogar im Suizid. Dem BR-Podcast „Dark Dhamma“ gelingt eine sensible Aufarbeitung dieses Themas, die den wahren Charakter der Meditationskurse eindrucksvoll offenlegt.

Text: Jonas Bernauer, Amely Wild; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Felix Hunger, Katharina Wutta

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