Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören
Zum Sehen
Film
Wuthering Heights
Catherine ist die Tochter des verarmten Herrn von Wuthering Heights, einem alten Säufer und Spieler, der eines Tages ein Findelkind mit nach Hause bringt. Schon als Heranwachsende merken die beiden, gespielt von Margot Robbie und Jacob Elordi, dass sie wegen des Standesunterschieds zwar nie ein offizielles Paar sein können, aber trotzdem unauflöslich aneinanderhängen. Dass sie sich sehr für (Körper-)Flüssigkeiten interessiert, hat die britische Regisseurin Emerald Fennell schon in ihrem Hit „Saltburn“ demonstriert. Auch dieser Film ist wieder sehr feucht und glitschig. Ein fast schon obszön mit Sinneseindrücken prassendes Überwältigungskino.
Film
No Other Choice
Der Spezialist für Spezialpapier Man-su verliert seinen Job und mit ihm sein Selbstverständnis als respektabler Bürger, als Versorger und als Mann. Darauf hat er den in seinen Augen brillanten Gedanken, dass er mehr Chancen auf einen neuen Job hat, wenn er seine Konkurrenz ausschaltet. Er inseriert in einem Fachmagazin eine Fake-Stellenanzeige, sortiert die Bewerber nach Kompetenz und beginnt, sie einen nach dem anderen umzubringen. Immerhin kann er von Glück reden, dass er in keinem deutschen, französischen oder amerikanischen Film gelandet ist. Nirgends ist der Klassenkampf so treffend und trotzdem unterhaltsam wie im südkoreanischen Kino.
Serie
Unfamiliar
Berlin. Ein früheres Topagentenpaar des BND hat sich eine neue Identität aufgebaut. Aber neben dem Job als Chef eines familiengeführten Restaurants betreibt Simon gemeinsam mit seiner Frau Meret ein Safe House für Menschen in Lebensgefahr. Das sind keine Obdachlosen, denen der strenge Berliner Winter zusetzt, sondern Agenten, die sich verstecken müssen. Es mag ein bewährtes Mittel sein, bürgerliche Lebenswelten als Fassade zu entlarven, aber selten ist das mit so viel tödlicher Energie aufgeladen. Die Serie wirkt dabei, so wie ein packender Agententhriller ja am Ende trotz aller Überdrehtheit immer wirken soll: wie eine irre Realität, bei der wir überzeugt sind, dass es sie vielleicht doch irgendwo genau so geben könnte.
Serie
The Rehearsal
Manche nennen Nathan Fielder einen Komiker, tatsächlich ist er ein Magier. Für seinen letzten Trick machte Fielder einen Flugschein, besorgte sich eine gebrauchte Boeing 747 und engagierte 150 Schauspieler, die einsteigen sollten, wenn er einen Passagierjet fliegt. Ist das echt? Man ist sich nicht mal darüber einig, was das denn überhaupt ist, was Fielder seit über einem Jahrzehnt im US-Fernsehen macht. Dokumentation, Sozialexperiment, Meta-Comedy oder doch Performance-Kunst? Während deutsche Fernsehradikale sich eher früher als später dem Medium beugen, entweder eine streberhafte Late-Night-Show oder eine langweilige Quizshow senden, macht Fielder Fernsehen, das man so noch nie gesehen hat.
Zum Lesen
Roman
Mischka
Was verrät ein Name über den Menschen, der ihn trägt? In den Buchtiteln von Barbara Honigmann sind Vornamen, manchmal chiffriert, nicht selten. Die in Ost-Berlin geborene Autorin hat die DDR 1984 verlassen und ist über Paris nach Straßburg gegangen, erst danach hat sie zu schreiben begonnen. Der Ausreise war eine Ankunft vorausgegangen, die Antwort im von der Elterngeneration verleugneten, beschwiegenen oder bagatellisierten Judentum. Wie die Perspektive der „zweiten Generation“ prägt diese Ankunft auch ihr neues Buch. Im Zentrum des Titelporträts „Mischka“ steht die Entdeckung der „schwarzen Sphäre des kommunistischen Kosmos“, der zweiten Last der Elterngeneration neben Exil und Shoa.
Sachbuch
Jetzt sag doch endlich was - Über das Stottern
Wenn alle Journalisten so gut schreiben könnten, wie sie daherreden können, würden jeden Tag sehr viele fantastische Texte veröffentlicht. Beim Journalisten David Hugendick ist es anders. Der Autor stottert, seit er sprechen kann. In „Jetzt sag doch endlich was – Über das Stottern“ schildert er die Transformation zu einem „Thesaurus Rex“: „Bald ist man mit der Synonymitis infiziert, und irgendwann ist man vielleicht ein kleiner König der Improvisation.” Bei der Lektüre drängt sich zunehmend der Verdacht auf, dass sich Hugendicks Schreiben auch deshalb so wunderbar leicht liest, weil ihm das Sprechen so verdammt schwerfällt.
Roman
Abendlied
Im Roman „Abendlied“ des amerikanischen Schriftstellers Stewart O’Nan geschieht fast nichts, jedenfalls nichts Spektakuläres. Das Alter, als literarischer Gegenstand wenig erschlossen, tritt in diesem Buch in völliger Sachlichkeit hervor. Nichts von wegen „Golden Girls“. Keine Form des physischen oder mentalen Verfalls ist dem Autor fremd, beim Keksebacken kennt er sich ebenso aus wie auf dem Markt für gebrauchte Luxusautos, und seine besondere Aufmerksamkeit gilt den Ausfällen des Gedächtnisses. Er fügt diesen Ereignissen nichts hinzu: Die Verhältnisse sind so, wie sie sind, die Menschen sind alt, aber noch ist ihnen das Leben eine angenehme Gewohnheit.
Zum Hören
Hörspiel
Lise Meitner oder Die Spaltung der Welt
Im Hörspiel von Maike Wetzel geht es zuvorderst um die bemerkenswerte Persönlichkeit der im Jahr 1878 geborenen Lise Meitner. Die spätere Forscherin war bereits 23 Jahre alt, als es Frauen in Wien erlaubt wurde, die Matura zu machen. Fünf Jahre später war sie in Physik promoviert – als zweite Frau überhaupt in Wien. Ein Jahr später ging sie nach Berlin, weil sie mit Max Planck arbeiten wollte. Meitners Lebensgeschichte, die hier dokufiktional erzählt wird, ist aufs Engste verknüpft mit der Frage, welchen Anteil die Naturwissenschaftlerin hat an der Entdeckung der Kernspaltung - und in welchem Maß sie Verantwortung trägt für die Entwicklung der Atombombe.
Pop
My Ghosts Go Ghost
Inmitten von klaustrophobischem Geschrei und brachial kitschigen Synthesizern, die wie Videospielmusik aus einem kommenden Jahrzehnt klingen, verliert sich jedwede musikalische Ordnung. Das Album „My Ghosts Go Ghost“ des experimentellen Hip-Hop-Duos By Storm klingt ein bisschen wie der KI-gestützte Weltuntergang. Darauf trauern sie um ihren verstorbenen Bandkollegen Stepa J. Groggs. Sie versuchen aber auch, irgendwie weiterzumachen. Denn was ist eigentlich die Alternative? Es bleibt ihnen nichts als eine Melodie und der Versuch, Ruhe zu finden in einer brennenden Welt. Versuch, Ruhe zu finden in einer brennenden Welt.