Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Heinz Strunk liefert absurde Kurzgeschichten, in einer iranischen Serie tauschen Beteiligte ihre Identität und eine Frau taucht ab in die Anonymität. Acht Kulturtipps für dieses Wochenende.

13. August 2025

Zum Sehen

Horror

Bring Her Back

Im Kino

„Bring Her Back“ von den australischen Zwillingsbrüdern Danny und Michael Philippou erzählt von einem perversen Experiment. Die Kinder Andy und Piper werden nach dem Tod ihres Vaters bei der Pflegemutter Laura untergebracht. Diese scheint unbekümmert, überschwänglich, aufgekratzt, überdreht. Doch ihr Vorhaben ist ganz und gar nicht so happy-go-lucky wie ihr Charakter zu sein scheint: Mithilfe des mysteriösen Pflegekinds Oliver und eines grimmigen Dämons, der von diesem Besitz ergriffen hat, versucht sie, ihre verstorbene Tochter wieder zurückzubringen. Es ist ihr Impuls, der den Horror auslöst: das schreckliche – und schrecklich verständliche – Verlangen, die Endgültigkeit des Todes aufzuheben, das eigene Kind wieder in den Armen halten zu können.

Serie

The Actor

Arte-Mediathek

Die iranische Serie „The Actor“ funktioniert nicht nach den gängigen amerikanischen oder europäischen Prinzipien von Dramaturgie und Spannungsaufbau. Sie mäandert stärker, lässt sich viel Zeit für Details. Die beiden Schauspieler Ali und Morteza nehmen in der tragikomischen Serie Aufträge einer Detektei an. Gemeinsam täuschen sie Menschen über ihre Identität, um an Informationen zu gelangen, für die die Kunden der Detektei viel Geld bezahlen. Dieses eher unübliche Engagement wird für die beiden nicht nur lukrativer, sondern auch zunehmend gefährlich. Je länger man den Figuren folgt, desto klarer sieht man: Sie spielen eigentlich immer. Aus Vergnügen genauso wie aus Verzweiflung. Indem die Figuren spielen, leben sie.

Dokumentarfilm

Hollywoodgate

Im Kino

Für die Doku „Hollywoodgate“ hat der Berliner Journalist Ibrahim Nash'at die Taliban nach ihrer Machtübernahme 2021 in Afghanistan begleitet, unter stetiger Gefahr. „Wenn seine Absichten schlecht sind, stirbt er bald“, sagt der Taliban über Nash'at. Oft ist nicht klar, was inszeniert ist, Nash'at sollte der Welt ein Bild der Taliban zeigen, das sie vermitteln wollten. Dennoch lassen heimliche Aufnahmen der Straßen die Armut der Bevölkerung, die humanitäre Katastrophe, erahnen. Und auch wenn man grundsätzlich weiß, wie islamistische Fundamentalisten ticken, ist es noch mal ganz anders und häufig regelrecht gespenstisch, sie so unmittelbar zu erleben.

Dramedy

Die Farben der Zeit

Im Kino

In zwei Strängen erzählt „Die Farben der Zeit“ zwei verwobene Geschichten in Paris: In der heutigen Zeit versuchen entfernte Verwandte, das Leben ihrer Vorfahrin Adèle zu rekonstruieren. Ende des 19. Jahrhunderts kommt die junge Adèle nach Paris und sucht ihre Mutter, welche Adèle einst bei der Oma zurückließ, um in Paris ihr Glück zu suchen. Sie findet sie kurz nach ihrer Ankunft und ist schockiert: Die Mutter arbeitet als Prostituierte. Um die beiden Geschichten – die zur Zeit der französischen Belle Époque und die aus den 2020er Jahren – rankt sich ein ganzes Ensemble von Figuren, die sich alle nie weit vom Klischee entfernen. Und doch: Mit der zweiten Hälfte gelingt es dem Film, aus dem Offensichtlichen doch ein warmes, angenehmes Kinogefühl zu zaubern.

Zum Lesen

Roman

Die Passantin

Nina George

Kann man einfach abhauen? In Nina Georges neuem Roman „Die Passantin“ schon. Ihre Protagonistin Jeanne Patou zieht durch, was viele von Care Arbeit geplagten Frauen ab und an denken: Weg von den Kindern, weg vom Mann, weg vom Job. Jeanne bietet sich schließlich die einmalige Chance dazu. Als ihr Flugzeug über den südfranzösischen Alpen abstürzt, wird sie wie alle anderen für tot gehalten. Und geht daraufhin nach Barcelona, verschwindet in der Anonymität. Nach den ersten ganz praktischen Fragen (Wie lebt man ohne Name und Kreditkarte?), beschäftigt sich der Roman vor allem mit weiblicher Wut. Auf die Männer, aber auch auf sich selbst. Denn auch den eigenen weiblichen Hang zur Selbstaufopferung kann Jeanne nicht mehr ertragen.

Kurzgeschichten

Kein Geld Kein Glück Kein Sprit

Heinz Strunk

So viel wie Heinz Strunk veröffentlicht, könnte man meinen, dass das doch nicht alles gut sein kann. Da kann der Leser doch nur enttäuscht werden. Falsch gedacht. Strunks dritte Kurzgeschichtensammlung „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ ist deart gut gelungen, dass sie glatt das ganze Genre wiederbeleben könnte. Ein Mann öffnet während eines Balletts neben seinem Date aus Versehen und für den ganzen Saal gut hörbar ein Porno-Tab auf dem Smartphone. In einer weiteren Geschichte will eine Frau von einer Brücke springen, weil sie unaufhaltsam von einem Schluckauf geplagt wird. Nur geht der dann kurz vor ihrem Sprung plötzlich weg. Solch absurde Szenen beschreibt Strunk zum Schreien komisch. Und das muss wirklich nicht auf Romanlänge geschehen.

Kinderbuch

Das beste Versteck des Sommers (und jede Menge Himbeereis)

Nora Hoch

Nora Hochs Kinderroman „Das beste Versteck des Sommers (und jede Menge Himbeereis)“ erzählt vom Umgang mit der Demenz und von einer Sommerreise nach Italien. Adas Oma vergisst immer mehr. Deshalb will Ada unbedingt nochmal mit ihr nach Italien reisen, da ist ihre Oma aufgewachsen. Und da suchen sie nach dem unübertroffenen Eisrezept aus Omas Kindertagen. Dabei geht bei Weitem nicht alles gut, Ada und ihre Schwester müssen ihre Oma beispielsweise zurück in den Zug holen, als diese falsch aussteigt. So werden die Großen klein und die Kleinen groß, ohne zu beschönigen. Die Zeichnungen von Susanne Fröhlich machen dazu Sommerstimmung und am Ende wartet das heiß ersehnte Eisrezept.

Zum Hören

Hörspiel

Schrödingers Grrrl

DLF-Audiothek

Schrödingers Katze ist nach dem Gedankenexperiment des gleichnamigen Quantenphysikers gleichzeitig lebendig und tot – und als Sprichwort in ein neues Hörspiel von Deutschlandfunk Kultur eingeflossen. In „Schrödingers Grrrl“, basierend auf Malen Hobracks Roman, ist die Protagonistin Mara Wolf nämlich vieles gleichzeitig: Pleite oder nicht, zuversichtlich oder nicht. Und vor allem: Autorin oder nicht? Schließlich ist sie offiziell die Autorin eines autofiktionalen Romans, den eigentlich drei ältere Männer geschrieben haben. Während die Männer sich darüber beklagen mit ihren eigenen Namen auf dem woken Buchmarkt keine Chance mehr zu haben, geht Mara den Deal ein. Und aus Schrödingers Grrrl wird ein Riot Grrrl.

Text: Monika Rathmann, Hanna Böcher; Editorial Design: Katharina Wutta; Redaktion: Carolin Gasteiger; Digitales Storytelling: Carolin Gasteiger

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