Zum Sehen, zum Lesen, zum Hören

Florence Welch ist wieder da, Percival Everett schreibt eine ironische Etüde über das Nichts, und zwei furchtlose Ermittlerinnen sind einer großen Verschwörung auf der Spur. Neun Kulturtipps für ein schönes Wochenende.

6. November 2025

Zum Sehen

Serie

Down Cemetery Road

Apple TV+

Moment, das Foto auf der Website sieht auf einmal ganz anders aus als in der Zeitung. Sarah Trafford guckt noch mal genau hin, aber ja, es wirkt, als habe jemand das Kind aus den Armen des Feuerwehrmanns herausretuschiert. Seltsam. In diesem Moment wird in der Apple-Serie „Down Cemetery Road“ aus einer gelangweilten Kunsthistorikerin eine hochmotivierte Ermittlerin (Ruth Wilson als Sarah Trafford), die bald darauf die Privatdetektivin Zoë Boehm (Emma Thompson) engagiert. Wie diese beiden Frauen aus dem Bauch heraus agieren, furchtlos, impulsiv, aber auch fehlbar, ist herrlich anzusehen. Wäre es nicht so unverhandelbar, dass James Bond männlich bleiben muss: Thompson und Wilson wären als furchtlose Ermittlerinnen zwei exzellente Kandidatinnen.

Film

The Secret Agent

Im Kino

Ein Hai, ein Bein und ein guter Mann in einer korrupten Welt: Es ist ein gefährlicher, ein skurriler Ort, dieses Brasilien der Siebzigerjahre in „The Secret Agent“. Kleber Mendonça Filho erzählt von dem Schicksal eines Mannes, der Unrecht nicht auf sich sitzen lässt, von seiner Suche nach Sicherheit und seinem Versuch zu verstehen, wie es so weit gekommen ist. Vom Wohlstandsgefälle, der Kriminalität, der Korruption, den Menschen. Und von der so einnehmenden Schönheit dieses Landes.

Serie 

Boots

Netflix

Die Netflix-Serie „Boots“, die dem Rekruten Cope durch seine militärische Grundausbildung folgt, zeichnet sich in erster Linie durch Verdammt-gut-Fluchen und Sehr-laut-Schreien aus. Ansonsten geht es um Männlichkeit und darum, wie leicht sie in sich zusammenfallen kann. Um Queerness und Orte, an denen sie ein Tabu oder gar rechtlich verboten ist. Und ganz nebenbei wirkt „Boots“ wie ein Kommentar auf jede Wehrpflichtdebatte.

Zum Lesen

Essay

Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen

Norbert Elias

In seinem Essay „Über die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“ forderte Norbert Elias bereits 1982, das allerletzte Tabu endlich zu brechen: den Tod. Man kann leider nicht wirklich behaupten, dass wir weniger todesprüde sind als damals. Die Scheu vor dem Sterben wird zur Scheu vor den Sterbenden. Sie werden isoliert, bleiben mit ihren Schrecken, Ängsten und Wünschen allein. Warum das so ist, erklären Norbert Elias’ Überlegungen, die der Suhrkamp Verlag mit einem Nachwort des französischen Star-Soziologen Didier Eribon nun neu aufgelegt hat. Der Text ist heute immer noch so lesenswert wie damals. Mindestens.

Roman

Dr. No

Percival Everett

Percival Everett ist nicht nur ein unheimlich produktiver Autor, sondern auch einer, der Ironie und Experimente liebt – davon gibt es nicht mehr viele, seit sich die Postmoderne totgelaufen hat. Mit seinem neuen Roman „Dr. No“ hat er eine ironische Etüde über das Nichts geschrieben.

Jugendbuch

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten

Davide Morosinotto

Was gibt man den Kindern, wenn sie nicht lesen wollen? Man sollte es mit den Büchern von Davide Morosinotto versuchen. Der 45-jährige Italiener ist einer der besten Gegenwartsautoren, die für junge Menschen schreiben. Morosinotto schreibt Abenteuergeschichten, kluge historische Romane für Jugendliche mit einer sehr modernen Sensibilität. Aber vor allem schreibt er Bücher, die nicht langweilig sind. Sein jüngstes heißt „Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten“, ein Detektivroman über eines der interessantesten Rätsel der deutschen Geschichte: den Fall Kaspar Hauser.

Zum Hören

Pop

Everybody Scream

Florence + the Machine

Die Orgel klingt unheilvoll, ein Frauenchor bettet darauf langgezogene „Ahs“, bis ein Schrei das Intro beendet: Florence Welch ist wieder da. „Everybody Scream“, das neue Album von „Florence + the Machine“ erinnert an die großen Werke der psychedelischen Rockmusik wie des Folkrock. Man hört einen Superstar mit einer unglaublichen Stimme, eine Frau, die dem Tod knapp entkommen ist, eine verletzte Liebhaberin, eine Abhängige, eine Hexe, eine Wahnsinnige, besessen von Musik.

Pop

Love Chant

Evan Dando

Der „Lemonheads“-Sänger war in den Neunzigerjahren ein Posterboy des Grunge. Jetzt ist Evan Dando zurück mit neuem Album, einer Autobiografie – und in richtig guter Form. Die Stimme ist um eine Oktave nach unten gerutscht, seine Band hat er mit alten Freunden bestückt, darunter Juliana Hatfield, J. Mascis und Adam Green. Und genauso klingt das: etwas aus der Zeit gefallen, unerwartet angriffslustig, manchmal herzzerreißend – Collegerock für Erwachsene. Warum nicht?

Pop

Berghain

Rosalía

Popstar Rosalía singt plötzlich deutsche Oper und verwandelt Björk in ein Rotkehlchen. Ihre neue Single „Berghain“ ist düster und perfekt überladen. Denn welch schönere Darstellung für Liebesschmerz könnte es geben, als ein Sinfonieorchester, das die Sängerin im Video Schritt für Schritt durch den Tag verfolgt, beim Bügeln, in den Linienbus, und dazu in maximal klagendem d-Moll die Stimmung verdüstert. Wieso sich auf ein Genre festlegen, wenn sie alle zu beherrschen scheint, wieso nur eine Idee, wenn sie doch so viele mehr hat?

Text: Jonas Bernauer; Illustration: Sead Mujić; Editorial Design: Felix Hunger

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.